Das war meine Rettung "Ich hatte zu viele Verletzte und Sterbende gesehen"

Als Soldat im Irakkrieg stumpfte Phil Klay immer mehr ab. Dann hörte er auf, seine Erinnerungen zu verdrängen.
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 43/2014

ZEITmagazin: Herr Klay, Sie waren als Soldat im Irakkrieg. Was hat Sie dazu bewogen, zum Militär zu gehen?

Phil Klay: Mein Vater war im Peace Corps, meine Mutter ist die Tochter eines Diplomaten, der Staatsdienst gehört also in unserer Familie zur Tradition. Ich habe Geschichte und Kreatives Schreiben studiert und mich während des Studiums entschlossen, zur Army zu gehen, da war ich 21. Nach meiner Ausbildung bei den Marines habe ich im Irak als Presseoffizier gearbeitet. Ich wäre nicht Soldat geworden, wenn die USA nicht im Krieg gewesen wären. Ich wusste, dass dieser Krieg, unabhängig davon, ob es richtig oder falsch war, ihn zu beginnen, danach bewertet werden wird, wie viele Menschenleben er kostet. Ich wollte Verantwortung übernehmen und versuchen, die Dinge im Rahmen meiner Möglichkeiten positiv zu beeinflussen.

ZEITmagazin: 2007 wurden Sie in den Irak geschickt.

Klay: Ich kam in ein Basislager in der Wüste. Es war eigentlich nicht so dramatisch, ich war meistens innerhalb des gesicherten Lagers, einer vollkommen in sich abgeschlossenen Welt. Ab und zu musste ich auf Missionen nach draußen. Damals war die Provinz Anbar mein Einsatzort, wahrscheinlich einer der gefährlichsten Orte der Welt.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich dort gefühlt?

Klay: Ich habe mich auf meinen Job konzentriert. Dass ich mich in einem Kriegsgebiet befand, wurde mir erst so richtig bewusst, als sich in meinem ersten Monat ein Selbstmordattentäter mit einem Lkw in die Luft jagte. Er war in der Stadt Habbaniya in eine Menschenmenge gerast. Marines brachten so viele Verletzte wie möglich in unser Lager, damit sie in unserem Lazarett versorgt würden. Wir trugen die Verletzten in die Notfallchirurgie. Ich erinnere mich, dass ich ganz am Anfang einen kleinen irakischen Jungen mit einer Trage reinbrachte, er war vielleicht zehn Jahre alt. Bomben richten schreckliche Dinge mit einem Körper an. Ich dachte in dem Moment: "Dieses Kindergesicht werde ich niemals vergessen." Aber bald hätte ich den Jungen nicht mehr aus einer Reihe rauspicken können, ich hatte zu viele Verletzte und Sterbende gesehen. Als sich solche Dinge wiederholten, stumpfte ich ab. Das Militär ist eine sehr pragmatische Institution. Wenn deine Gefühle dir bei diesem Job im Wege stehen, musst du sie ignorieren.

ZEITmagazin: Es hat Sie wirklich nichts mehr berührt?

Klay: Ich hatte Angst, gefühllos zu werden. Das wollte ich nicht. Ich erinnere mich an einen Abend, ich telefonierte mit meinen Großtanten, 70 und 80 Jahre alt, unglaublich liebevolle und selbstlose Menschen. Der Mond leuchtete blutrot, es war Mondfinsternis, und seltsamerweise konnten wir zwar gemeinsam diese Mondfinsternis beobachten, aber die beiden waren zugleich so weit weg von all den schrecklichen Dingen, die an dem Ort passierten, an dem ich war. Ich spürte eine Entfremdung von zu Hause und eine tiefe Traurigkeit. Es machte mich nachdenklich – was mussten die Menschen im Irak alles durchleben?

ZEITmagazin: Konnten Sie Ihre Gefühle mit anderen teilen?

Klay: Ich war mit einigen Marines eng befreundet, noch heute rede ich manchmal mit anderen Veteranen. Aber je mehr du über alles nachdenkst, desto komplizierter wird es. Was bedeutet es, als Zivilist in Habbaniya zu leben? Oder einer der Marines zu sein, die die Leichen der Gefallenen herrichten, bevor sie nach Hause transportiert werden? Was haben wir im Irak eigentlich gemacht? Was wird langfristig mit dem Land passieren? Als ich zurück in die USA ging, war ich zuversichtlich, die Gewalt in Anbar hatte abgenommen. Aber Sie sehen ja, was jetzt im Irak los ist.

ZEITmagazin: Hielt Ihre Entfremdung von der Heimat an, als Sie aus dem Irak zurückkehrten?

Klay: Nach den ersten sechs Monaten im Irak hatte ich zwei Wochen frei und habe in New York meine Familie und Freunde besucht. Ich spazierte die Madison Avenue runter, gerade aus dem Krieg gekommen, zwischen all diesen Menschen in ihren teuren Klamotten. Es war verstörend, man spürte überhaupt nicht, dass wir uns im Krieg befanden. Wir leben in einer Demokratie, daher sind die amerikanischen Bürger ja im Grunde der Boss der Soldaten. Wenn der Boss dich aber nicht beachtet, ist das ziemlich übel. Ich war damals frustriert.

ZEITmagazin: Wie hat das Schreiben Ihres Buchs Ihnen geholfen, ins Leben zurückzufinden?

Klay: Schreiben ist die beste Art, darüber nachzudenken, was mir im Irak passiert ist. Ich hatte so viele drängende Erinnerungen und habe mich an den Schreibtisch gesetzt, um sie zu verarbeiten. Literatur bedeutet, sich in jemand anderen hineinzuversetzen, eine andere Perspektive einzunehmen, und so gelangst du zu einem anderen Verständnis. Ich glaube, wir haben, was den Irak angeht, immer noch viel zu verstehen. Das Schreiben ist schon mal ein guter Ausgangspunkt.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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