Model Lina Scheynius Jung und schön. Und ganz schön unglücklich

© Lina Scheynius
Mit 16 bekommt Lina Scheynius, ein Dorfmädchen aus Schweden, einen Vertrag bei einer Model-Agentur. Sie denkt, ein Traum gehe in Erfüllung. Aber ein Albtraum beginnt. Von
ZEITmagazin Nr. 44/2014

Ich bin 16 Jahre alt und lebe in einer kleinen Stadt in Schweden, die keiner kennt. Die Schule ist leicht und langweilig. Ich bin nicht beliebt bei den Jungs, und ich finde mich nicht attraktiv. Wobei – das stimmt nicht ganz. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich, dass da irgendetwas ist an meinem Aussehen. Aber ich bin dünn, blass, schüchtern und unbeholfen, und ich habe keine Brüste. Ich sehne mich danach, dass jemand mir sagt, dass ich schön bin.

Wie so viele Mädchen träume ich vom Modeln. Von dem Märchen, ein Vermögen zu machen, durch die Welt zu fliegen, gefeiert zu werden. Einmal sagt eine Klassenkameradin zu mir, ich hätte das Zeug zum Model. Ich tue so, als wäre es mir egal, aber innerlich glühe ich.

Ich schreibe einen Brief, in dem steht, dass ich 16 Jahre alt bin und 175 Zentimeter groß, dass ich 51 Kilo wiege, grüne Augen und rotblondes Haar habe, das ich braun gefärbt habe. Ich stelle eine Kamera auf einen Bücherstapel und versuche zu posieren wie die Models in den Zeitschriften. Ich schicke den Brief und die Fotos an die erste Model-Agentur, die ich im Telefonbuch finde, Avenue Models in Göteborg, und hoffe das Beste.

Eine Woche später klingelt das Telefon. "Hallo, hier spricht Danilo von Avenue Models. Kannst du in die Agentur kommen? Ich möchte dich persönlich kennenlernen." Erschrocken lege ich auf. Was habe ich getan? Und was ist das überhaupt für ein Mann?

Die Wände in Danilos Büro hängen voll mit Titelbildern mit wunderschönen Frauen. Ich sehe nicht aus wie sie, oder? Danilo mustert mich lange, ein Blick, den ich so nicht kenne. Er sagt, ich soll wiederkommen, wenn die Haarfarbe rausgewachsen ist. Dann soll ich den italienischen Agenten kennenlernen, mit dem er zusammenarbeitet. Falls ich ihm gefalle, darf ich nach Italien fahren.

Monatelang wasche ich mir wie besessen die Haare.

Als ich wieder in der Agentur komme, mit rotblondem Haar, werde ich dem Italiener vorgestellt. Er hat stechend blaue Augen und trägt teure Kleider. Er macht Fotos von mir. Porträt, Profil, Ganzkörper. Eine Woche später lädt er mich ein, den Sommer in Mailand zu verbringen. Ich mache einen Luftsprung, als ich die Nachricht höre. Das ist das Aufregendste, was mir je passiert ist. Alle meine Träume und mehr werden plötzlich wahr.

Die Mailänder Agentur zahlt für Flug und Unterbringung. Viel mehr erklärt man mir nicht, und ich stelle auch keine Fragen. Ich habe immer noch nicht vor der Kamera gestanden, und über Geld hat auch noch niemand mit mir gesprochen. Ich werde in die Welt hinausgeschickt, ohne etwas über die Branche zu wissen. Auch meine Eltern bekommen keine Informationen von Danilo. Mein Vater ist Stadtplaner, meine Mutter ist Programmiererin. Sie verstehen meine Entscheidung nicht und machen sich Sorgen. Ich erkläre ihnen, dass ich auf jeden Fall gehen werde. Ich würde es ihnen nie verzeihen, wenn sie sich mir in den Weg stellen.

Ich führe Tagebuch, seit ich ein kleines Mädchen war. Jetzt schreibe ich:

Danilo hat wieder angerufen. In weniger als zwei Wochen fliege ich nach Mailand. Ich bin wahnsinnig nervös. Er sagt, es fahren vier Mädchen von der Agentur. Heißt das, dass ich ausgewählt wurde? Dass sie etwas Besonderes an mir finden? Ich habe das Gefühl, ich habe sehr hohe Erwartungen. Vielleicht kann ich sie nicht erfüllen. Er hat gesagt, ich würde mir vielleicht mit den anderen Mädchen eine Wohnung teilen. Das wäre lustig. Ich hoffe nur, es sind nicht so superselbstbewusste, superschöne oder unfreundliche Models.

Die beiden anderen Mädchen, mit denen ich fliege, sind schön, groß und blond. Ich bin aufgeregt, als wir gemeinsam durch den Flughafen gehen. Ich bilde mir ein, alle sehen uns an und wissen, dass wir Models sind. Ich fühle mich besonders.

Mailand ist heiß, laut, voller Smog. Der Fahrer rast durch das Verkehrschaos, die Leute auf den Straßen sehen aus, als seien sie alle auf dem Weg zu wichtigen Terminen. In der Agentur werden wir mit zahlreichen Wangenküsschen begrüßt. Eine Italienerin bringt uns in eine Art Lagerraum. Sie verlangt, dass ich das Hemd hochziehe und die Hose herunterlasse. Es ist mir unangenehm, und ich versuche, mich zu bedecken. Sie muss mich messen, sagt sie genervt. Hüften, Taille, Brustumfang. Am wichtigsten sind die Hüften, aber das weiß ich noch nicht. Ich weiß auch nicht, dass man den Po ein bisschen einziehen kann, damit er kleiner wirkt. Die zwei wunderschönen Mädchen, mit denen ich hergekommen bin, haben zu breite Hüften. Sie werden nach Schweden zurückgeschickt. Es ist meine erste Lektion, wie launisch diese Welt ist. Ich sehe sie nie wieder.

Die Agentur bringt mich in einer Wohnung mit zwei älteren Models namens Jackie und Tenna unter. Jackie wird meine Mentorin, sie erklärt mir, wie mein neuer Job funktioniert. Sie sagt, die meisten Models hassen Mailand, aber es sei ein guter Ort, um Fotos für das Portfolio zusammenzubekommen. Viele Mädchen fangen wie ich hier an.

Ich bin überwältigt von der Menge der schönen Mädchen, die bei den Castings Schlange stehen. Es sind 100 oder 200, die sich alle für denselben Job bewerben. Wenn man ganz vorne in der Reihe angekommen ist, sitzt da der Auftraggeber hinter einem Tisch. Ich lerne Fotografen, Redakteure und Designer kennen. Sie sind unfreundlich und gelangweilt. Sie mustern mich von oben bis unten, fragen "Wie heißt du?", "Wie alt bist du?" und "Wo kommst du her?", blättern durch mein Portfolio und bedanken sich. Wenn ich Glück habe, soll ich mein Profil zeigen, auf und ab gehen oder ein Outfit anprobieren. Sie sprechen Italienisch miteinander, während ich vor ihnen stehe. Ich verstehe kein Wort, aber einmal hört eines der anderen Mädchen, dass sie sagen, sie sieht aus wie ein Schwein. Ich bin entsetzt, als ich das höre, aber sie winkt einfach nur ab. Ich brauche eine Stunde für den Weg, warte eine Stunde in der Schlange und stehe eine Minute vor dem Kunden, dann muss ich schnell zum nächsten Casting. Ich habe fünf, sechs, sieben Castings am Tag. Niemand hilft mir, die Adressen zu finden. Die Agentur gibt mir nur die Anschrift und sagt, ich soll mir eine U-Bahn-Karte besorgen.

Ich weiß nicht, wie man als Model an einen Job kommt. Hängt es davon ab, ob ich attraktiver und interessanter aussehe als die anderen? Es geht die Idee um, es käme auf die Persönlichkeit an. Geht es dem Kunden darum, wie ich aussehe und wie ich bin? Ich weiß auch nicht, ob ich irgendwas tun kann, um meine Chancen zu erhöhen. Viele Mädchen tragen enge Kleidung und hohe Schuhe, aber wer weiß. Manchmal zieht man wochenlang von Casting zu Casting, ohne einen einzigen Job zu ergattern. Viele Mädchen bekommen nie Arbeit und werden am Ende nach Hause geschickt. Keiner behandelt dich wie eine Prinzessin. Du wirst ja nicht mal wie ein Mensch behandelt. Zwischen den Castings bekomme ich mehr Zuspruch. Männer hupen. Auf der Straße rufen sie mir "bella, bella" hinterher. Einer kommt auf mich zu und fragt mich, ob ich ihn heiraten will. Außerdem sind da diese zwielichtigen Männer, die in der Agentur herumhängen und Small Talk mit mir machen. Sie sind gut gekleidet und attraktiv. Ich habe gehört, dass sie Models in Nachtclubs ausführen und ihnen im VIP-Bereich einen Drink nach dem anderen in die Hand drücken. Jackie sagt, ich soll mich von ihnen fernhalten, und das tue ich auch.

Meine erste Erfahrung vor der Kamera mache ich mit Luca, einem Italiener mittleren Alters. Die Agentur engagiert ihn, um Fotos für mein Portfolio zu machen. Kaum bin ich in seinem Studio, fängt die Verwandlung an. Der Friseur zerrt an meinen Haaren, als sei ich eine Puppe. Die Visagistin trägt eine dicke Puderschicht auf mein Gesicht auf. Die Stylistin zieht mich an, während alle um mich herumstehen und Italienisch reden. Ich bin schüchtern und fühle mich ein bisschen verloren, aber ich freue mich über die Chance, vor der Kamera zu glänzen. Ich versuche, so schön wie möglich auszusehen, während ich an der markierten Stelle stehe und Scheinwerfer mir ins Gesicht strahlen, aber Luca ist nicht zufrieden. Er gibt mir knappe, strenge Anweisungen, die schwer zu befolgen sind. Tu dies, tu das. Ich versuche, mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen, und gebe mir alle Mühe, ihm zu gefallen. Dann bricht er ab, verlangt, dass ich mich setze, starrt mir in die Augen und fragt: "Sprichst du Englisch?" Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich spreche fließend Englisch. Er macht noch ein paar Fotos. Dann gehe ich nach Hause und weine.

© Lina Scheynius

In meinem Tagebuch aus dieser Zeit steht: Ich erinnere mich, wie ich dachte: "Ich will Teil dieser wunderbaren Welt sein." Die Öffentlichkeit hat ein verzerrtes Bild von der Branche. Jackie hat mir gerade gesagt, dass mein unabhängiger Charakter ein Vorteil für mich ist. Aber ich habe das Gefühl, ich muss mich ständig anpassen, nachgeben, Anweisungen befolgen. Es wird kein eigenständiger Gedanke von mir verlangt. Ich habe kein Mitspracherecht. Ich hatte das Gefühl, ich musste vor Luca kriechen. Das ist das, was ich an diesem Job am schlimmsten finde. Du musst immer vor anderen kriechen.

Die anderen Models wirken kaum glücklicher. Meine Mitbewohnerin Jackie ist 25 und hat Angst, dass man ihr das Alter ansieht. Sie sieht sich in einer Zeitschrift und erklärt, bei jungen Mädchen träten die Wangenknochen nicht so scharf hervor wie bei ihr. Die 19-jährige Tenna kämpft mit ihrem Gewicht. Sie hat ein Maßband im Nachttisch, das sie regelmäßig herausholt. Beide nehmen vor Shootings Entwässerungspillen, um dünner auszusehen. Ich bin traurig, als sie Mailand verlassen. Ich bin es nicht gewohnt, dass man Leute kennenlernt, sich ihnen kurz nahe fühlt und sie dann nie wieder sieht.

Meine neue Mitbewohnerin kommt aus Tschechien. Kristyna ist 14 und ganz neu in der Branche, wie ich. Ich schließe sie sofort ins Herz. Sie ist lebendig und lustig und schlau. Abends bleiben wir lange wach und lachen über alles, was wir erlebt haben. Wir klettern aufs Dach, lassen die Beine herunterbaumeln und sehen uns die Stadt bei Nacht an. Wir gehen zu McDonald’s, obwohl wir wissen, dass wir das eigentlich nicht sollen. Wir tanzen auf der Straße im Regen. Wir sind wie zwei Kinder ohne Eltern in einer großen fremden Stadt.

Unser Booker Roberto ruft jeden Abend an und erklärt uns, welche Castings wir am nächsten Tag besuchen sollen. Er ist laut und aufgedreht. Er brüllt: "Lina, du brauchst da nicht hinzugehen. Es geht um Lingerie, und du hast keinen Busen." In Robertos Gegenwart bin ich schüchtern. Ich möchte, dass er mich mag, und bin immer froh, wenn es so wirkt, als tue er es. Aber er vergöttert Kristyna. Ich bin eifersüchtig. Er fährt sie mit seiner Vespa zu Castings. Er geht mit ihr shoppen und kauft ihr kurze Röcke anstelle ihrer weiten Kleider.

Bei einem Casting sagt der Fotograf, ich sei perfekt für sein nächstes Shooting. "Bis bald", sagt er, als ich gehe. Endlich ein Job! Es geht um ein Editorial für eine Zeitschrift, das Shooting soll auf einem Boot stattfinden. Ein paar Tage später warte ich immer noch ungeduldig auf den Anruf, als Kristyna nach Hause kommt. Sie erzählt mir, sie komme gerade von einem Shooting auf einem Boot mit demselben Fotografen. Sie hat den Job statt meiner bekommen. Es tut weh. Ich will mich für sie freuen, weil sie wie eine Schwester für mich ist, aber ich bin neidisch. Das hätte mein Job sein sollen. Ich frage mich, warum sie genommen wurde und nicht ich. Wir sehen uns überhaupt nicht ähnlich. Sie ist größer und hat dunkles Haar, und sie ist so dünn, dass überall die Knochen hervorstehen.

Mein ganzes Leben lang war ich unzufrieden mit meinem Körper, weil ich zu dünn bin. Wenn ich meine Arme jetzt ansehe, komme ich mir dick vor. Ich weiß, ich muss raus aus dieser Branche, wenn ich nicht will, dass es noch schlimmer wird. Ich will nicht mehr zunehmen. Verdammter Roberto. Er hat gesagt, ich dürfe nicht zunehmen. Ich gehöre eindeutig nicht zu den dünnsten Mädchen der Agentur (aber auch nicht zu den dicksten). Ich finde es schrecklich, dass mir solche Gedanken im Kopf herumgehen. Es ist krank, wenn sich ein dünner Mensch dick fühlt. Ist das nicht die Definition einer Essstörung?! Ich sollte mir über so was keine Gedanken machen. Ich bin ein starker Mensch, aber es war so leicht, mir das Gehirn zu waschen. Ich habe es zum großen Teil selbst erledigt.

Bei meinen ersten Malen vor der Kamera lächele ich zu viel. Der Fotograf sagt, ich solle damit aufhören. Ich soll das Kinn heben und den Mund öffnen. Manche sagen ganz direkt: "Schau sexy!", was ungefähr dasselbe bedeutet wie das Kinn heben und den Mund öffnen. Ich bin gerade 17 geworden. Ich hatte noch nie Sex, und ich bin mir nicht sicher, wie man sexy schaut, aber wenigstens bin ich alt genug, dass es legal wäre, Sex zu haben. Kristyna, 14, kommt mit krasseren Fotos nach Hause. Sie sitzt in Unterhose auf dem Boden, die Hand zwischen den gespreizten Beinen, und sieht herausfordernd in die Kamera.

Mein Heimweh wird immer schlimmer. Als der Sommer zu Ende geht, freue ich mich wieder auf die Schule. Zurück in Göteborg, ist Danilo zufrieden. Er findet es toll, dass ich ein Portfolio voller guter Bilder habe und dass ich einen Job für eine Frisuren-Zeitschrift bekommen habe.

"Mein Freund sagt, ich sei ein intelligentes Mädchen, das seine Zeit verschwende." © Lina Scheynius

Es ist komisch, wieder in Schweden zu sein. Ich rede nicht über mein Leben als Model. Ich will die ganze Aufmerksamkeit nicht, weil ich Angst habe, von den Leuten dafür verurteilt zu werden. Aber es ist schwer, es geheim zu halten. Die Leute wollen alles wissen. Ein Junge in meiner Klasse sagt gemeine Dinge über mein Aussehen. Andere kritisieren meinen Job aus politischen Gründen. Warum will ich etwas tun, das so erniedrigend für die Frauen ist? Ich habe keine Argumente und gehe der Diskussion aus dem Weg. Aber die meisten sind einfach nur neugierig. Sie wirken enttäuscht, als ich sage, dass es gar nicht so toll ist. Ich frage mich, ob sie denken, dass mit mir was nicht stimmt und ich mein Glück nicht zu schätzen weiß.

Meine kleine Stadt kommt mir noch kleiner vor. Die Schule ist mir noch unwichtiger als vorher. Mir fehlt es, Mädchen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Selbst die Arbeit fehlt mir ein bisschen, das Gefühl, dass alles möglich ist. Jedes Casting ist wie Lotto spielen: Wenn du gewinnst, wirst du vielleicht reich oder berühmt oder beides. Ich träume davon, auf dem Cover der Vogue zu sein.

Kaum bin ich mit der Schule fertig, sitze ich im Flugzeug, 19 Jahre alt. Die nächsten drei Jahre lebe ich aus dem Koffer. Die längste Zeit, die ich in einer Stadt verbringe, sind ein paar Monate. Als mein Hauptagent vermittelt mich Danilo an Agenturen in den großen Mode-Städten und bekommt einen Prozentsatz meiner Honorare. Bald habe ich Repräsentanten in London, Mailand, New York, Paris und Tokio und reise zwischen diesen Märkten hin und her. Es ist aufregend, aber ich vermisse die Menschen, die mich wirklich kennen und lieben. Es sind die frühen nuller Jahre, und es gibt weder Skype noch iPhones, sodass es schwer ist, Kontakt zu halten. Meine ältesten Freunde und ich entfernen uns voneinander. Ich erlebe so viel, was ich nicht erklären kann, und ich kann nicht für sie da sein, wenn bei ihnen wichtige Dinge passieren. Ich bin einsam und fühle mich von allem abgeschnitten.

Ich lebe in vielen verschiedenen Model-Wohnungen mit vielen verschiedenen Mädchen. Die Wohnungen sind klein, unordentlich und viel zu teuer. Oft gehören sie der Agentur, aber wir müssen trotzdem Miete zahlen. Meistens sind sie überfüllt, wir schlafen in Stockbetten. Ein eigenes Zimmer ist ein seltener Luxus. Manche Mädchen machen mich wahnsinnig. Eine streitet sich jeden Abend am Telefon laut auf Russisch mit ihrem Freund. Eine klaut mir die Hälfte meiner Sachen aus dem Koffer, als sie die Stadt verlässt. In den Küchen gibt es Abführmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Magerjoghurt. An den Wänden kleben Zettel mit Regeln: Keine Jungs. Jeder denkt immer nur an die Arbeit, es ist unmöglich, abends den Kopf frei zu bekommen. In dieser Zeit entstehen einige der wichtigsten Freundschaften meines Lebens. Obwohl wir gegeneinander antreten, gibt es ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Niemand jenseits der Branche versteht, was wir durchmachen, nicht mal die Erwachsenen in der Branche. Wir führen lange Gespräche darüber, wie unglücklich wir sind und dass der Rest der Welt denkt, wir hätten solches Glück. Wir lachen sogar darüber.

Es dauert eine Weile, aber ich gewöhne mich an den Job. Ich gewöhne mich daran, angestarrt zu werden. Ich gewöhne mich daran, herumkommandiert zu werden, dass an mir herumgefummelt und an meinen Haaren gezerrt wird. (Den Stylisten zu bitten, nicht so zu ziehen, funktioniert fast nie und bewirkt oft das Gegenteil.) Ich gewöhne mich an ein Leben voller unerwarteter Wendungen. Einen Monat lang geht alles gut, und ich werde jede Woche für drei Jobs gebucht, im nächsten Monat kommt es mir vor, als will mich nie mehr jemand sehen. In einer Minute sagt man mir, ich soll den Koffer packen und für eine Shampoo-Werbung nach Australien fliegen, zehn Minuten später heißt es, sie hätten jemand anders gefunden. Ich werde für mein Äußeres kritisiert. Meine Waden seien zu dick, meine Hände zu rot. Ich gewöhne mich daran, dass ich Komplimente für mein Haar, meine Lippen und zu meiner Überraschung auch für meine Augenbrauen bekomme. Ich gewöhne mich daran, gesagt zu bekommen, dass ich extrovertierter und lustiger werden muss.

Heute hat mich wirklich verletzt, was ein Fotograf gesagt hat. Er sagte, er suche ein Mädchen für einen Job, das aussieht wie ich, aber ich sei es nicht. Er fragte mich, ob ich jemanden kenne, der wie ich aussieht. Ich frage mich, warum. Was stimmt an mir nicht? Der Job ist schrecklich für das Selbstbewusstsein. Man könnte meinen, es wäre umgekehrt. Ich darf nicht mehr daran denken. Wenigstens fand er mein Aussehen gut. Ich muss positiver denken. Aber ich bin nicht glücklich.

Ich nehme mein Tagebuch überallhin mit. Es ist für mich die beste Methode, mich abzureagieren. Ansonsten träume ich viel vor mich hin. Mir ist aufgefallen, dass ein paar Models während der Jobs lernen. Eigene Interessen zu verfolgen ist zwar gut für einen, aber die meisten von uns tun es nicht. Obwohl ich weiß, dass meine Karriere nicht lange dauern wird, mache ich mir wenig Gedanken über die Zukunft. Wahrscheinlich denke ich, ich kann später immer noch studieren oder es mit Schauspielen versuchen, aber ich schiebe es immer wieder auf. Die Leute halten meinen Job für den besten der Welt, und bis auf meine Eltern fragt keiner, was ich sonst noch aus meinem Leben machen möchte.

Die Shootings wiederholen sich. Die meisten finden im Studio mit den immer gleichen Hintergründen statt. Ich lerne, zu tun, was die Fotografen zufriedenstellt. Ich lerne, was ich mit meinem Gesicht machen soll – den Mund öffnen und mit leerem oder wütendem Blick in die Kamera starren. Sofern ich keine anderen Anweisungen bekomme, wiederhole ich immer wieder diese Posen.

Ich laufe auf Modenschauen. Ich liebe die Aufregung, wenn man vor Publikum auftritt. Ich versuche mein Glück bei den Fashion-Weeks der Mode-Metropolen, zuallererst in New York. Von der Agentur bekomme ich ein Training. Einen Fuß vor den anderen, die Hüfte vor, die Arme locker, den Kopf hoch. Bei den Castings stolpere ich in zu hohen Schuhen über den Laufsteg. Keiner interessiert sich für meinen Gang oder mein Aussehen. Manchmal schaffe ich es nicht mal bis zum Laufsteg, sondern werde gleich an der Tür abgewiesen. Bei Ralph Lauren scheint sich das Blatt zu wenden. Sie nehmen mich beiseite und zücken eine Polaroidkamera. "Wir lieben deine Jeans!", sagen sie und fangen an, Fotos zu machen. Ich trage die geflickte Jeans meines Vaters aus den Siebzigern. In New York lässt mich kein Designer auf den Laufsteg.

"Es ist, als wäre das Modeln ein Liebhaber, der dich nur manchmal will." Selbstporträt, 2002 © Lina Scheynius

Ich verdiene nicht viel Geld. Wenn welches kommt, dann in großen Mengen, wie aus einem Spielautomaten, was einem die Illusion gibt, du könntest jederzeit reich werden. Aber wenn ich es auf die Zeit umrechne, die ich hineinstecke, verdiene ich vielleicht so viel wie eine Rezeptionistin. Die Agenturen behalten zwischen 25 und 50 Prozent meines Honorars, soweit ich die Abrechnungen verstehe. Und sie schießen das Geld für Flüge und Unterbringung und Portfolio nur vor. Abgesehen davon werden viele der Jobs, die ich mache, überhaupt nicht bezahlt, zum Beispiel die für Trendmagazine. Zeitschriften können jedes Mädchen umsonst buchen, mit der Begründung, dass es gut fürs Portfolio ist. Selbst Kate Moss wird nicht dafür bezahlt, wenn sie aufs Cover des i-D Magazine kommt. Je besser dein Portfolio, so die Idee, desto höher deine Chancen, für Werbung gebucht zu werden, wo das Geld ist.

Mir wird klar, dass ich einen großen Fotografen brauche, der mich toll findet und bucht, dann wird sich der Rest von selbst ergeben. Ich habe gehört, Steven Meisel kann ein Mädchen über Nacht zum Star machen. Ein paarmal habe ich das Gefühl, ich komme voran. Einer meiner ersten Jobs in London ist mit Elaine Constantine, über die mein Booker sagt, sie sei die beste neue Fotografin überhaupt. Das sind große Neuigkeiten. Es sind zehn Mädchen am Set, ich bin im Hintergrund, aber das spielt keine Rolle. Mein Booker ruft jeden Kunden in London an und verkündet, er habe ein neues Mädchen in der Stadt, das gerade mit Elaine Constantine gearbeitet hat. Er organisiert ein Treffen mit der britischen Vogue. Er sagt, ich solle Elaines Namen überall erwähnen, was ich tue. Er gibt mir das Gefühl, wichtig zu sein. Die Aufnahmen werden nie veröffentlicht. Der Booker vergisst die Sache wieder, und sein Enthusiasmus für mich lässt nach.

Ich bekomme einen Job mit einem Fotografen, der nur unter dem Namen Rankin bekannt ist. Es ist eine Katastrophe. Der Hair-Stylist will mir den Pony schneiden. Ich erkläre, er müsse bei meinem Agenten anfragen, und hoffe, dass mein Agent Nein sagt. Mein Agent sagt nicht Nein, wieso sollte er zu Rankin Nein sagen? Ich bin keins seiner ganz besonderen Models, es ist besser, es dem Fotografen recht zu machen. Mein neuer Pony bedeckt nicht nur meine Augen, sondern reicht bis zu den Ohren und weiter. In der Zeitschrift sieht man mein Gesicht so gut wie nicht. Der Pony ist der Star. Es dauert ewig, bis er rausgewachsen ist.

Manche Fotografen mögen mich, nicht die großen, aber immerhin. In Paris macht ein Fotograf, den ich hier Jacques nenne, regelmäßig Bilder von mir. Ich liebe unsere Foto-Sessions. Wir machen Bilder in Parks, nur wir beide. Er hat einen Sack Kleider dabei, aus dem wir schlichte Outfits heraussuchen. Er fragt mich nach meiner Meinung. Ich trage kein Make-up. Für mich ist es eine Revolution – raus aus dem Studio, ohne Team. Es geht nur um die Fotografie. Ich bin überwältigt, als ich die Ergebnisse sehe. Es ist egal, dass ich nicht klapperdürr, perfekt geschminkt oder nachbearbeitet bin, in meinen Augen sind die Fotos vollkommen.

Jacques und ich fahren mit dem Zug nach Fontainebleau im Süden von Paris. Er will Nacktbilder machen. Es ist das erste Mal, dass ich splitternackt vor der Kamera stehe. Ich kenne Jacques inzwischen, fühle mich wohl und bin ohne Scham. Ich liege in Meerjungfrauen-Posen auf den Felsen, während er wunderschöne Fotos macht. Es macht Spaß. Auf dem Rückweg durch den Wald stellt sich Jacques vor mich und küsst mich auf den Mund. Ich bin erschrocken und bitte ihn, aufzuhören. Ich weiß, dass er eine Frau und zwei Kinder hat. Wir reden nie wieder ein Wort darüber und tun so, als wäre es nie passiert.

Ein anderer Fotograf hat eine interessante Strategie, mich dazu zu bringen, mich auszuziehen. Wir sind abends im Studio bei ihm im Keller. Er macht ein paar Bilder, dann fragt er, ob ich das Oberteil ausziehen könne. Ich tue es. Ein paar Bilder später fragt er, ob ich die Hose ausziehen könne. Ich folge seinen Anweisungen, bis ich im Stringtanga auf dem Boden liege. Dann will er, dass ich auch den Tanga ausziehe. Ich will nicht, sage ich. Er wirkt überrascht und bittet mich, den Tanga auszuziehen, aber mich so hinzusetzen, dass er meine Vagina nicht sehen kann, was ich versuche. Es fühlt sich merkwürdig an.

Ich kenne viele Geschichten von Männern, die bei Models die Grenze überschreiten. Zum Beispiel wenn mir ein Booker sagt, es erregt ihn, wenn er in der Agenturtoilette meine Maße nimmt, ich nur in Unterwäsche. Oder wenn ein Booker von mir wissen will, ob ich auf Analsex stehe. Oder wenn ein Fotograf meiner Freundin Ida in die Brustwarze zwickt und sagt, sie sollen auf dem Foto hart sein. Dabei bin ich sicher, dass ich die schlimmsten Sachen gar nicht mitbekomme. Ich komme aus Schweden, und Schwedinnen werden mit mehr Respekt behandelt als Mädchen aus ärmeren Ländern.

Ich weiß nicht, wann es passiert ist, aber irgendwann bin ich nicht mehr dünn genug für Haute Couture. Von Anfang an hatte jeder ein Auge auf mein Gewicht. In Japan musste ich einen Vertrag unterschreiben, in dem ich verspreche, nicht mehr als einen Zentimeter um die Hüften zuzunehmen. Ich werde jede Woche gemessen. Jetzt bin ich 19, mein Hüftumfang beträgt 90 Zentimeter, und ich bin nervös. Den Agenturen zufolge sind 93 Zentimeter das Maximum, aber jeder weiß, dass du für Haute Couture unter 90 Zentimeter haben musst.

Ich sehe all die dünnen Models, die mehr Jobs bekommen als ich. Ich denke: Ich will auch so dünn sein. Ich will so dünn sein, dass die Leute denken, ich sei krank. Ich will mich nicht mehr schlecht fühlen, wenn ich mich im Spiegel sehe. Ich will wieder so dünn wie eine Bohnenstange sein. So gehöre ich einfach. Ich bin immer superdünn gewesen. Jetzt bin ich nur noch dünn. Dünn auf gute Art. Manche würden sagen, schön. Ich bin krank. Mit Kristyna zusammenzuleben hat Spuren hinterlassen. Ich will auch so viel arbeiten wie sie. Ich will gesehen werden. Ich bin so durcheinander. Eigentlich will ich mich nur gut fühlen.

Ich schaffe es nicht, länger als eine Woche eine Diät durchzuhalten. Dann stopfe ich mich mit Junkfood voll und hasse mich deswegen. Mein Hintern wird größer. Ich bin eine Versagerin. Die großen Agenturen wollen mich nicht mehr. Mein Londoner Agent schickt mich nach Hamburg, wo der Markt gnädiger ist. Doch als die Agentur meine Hüften misst, sind es 97 Zentimeter, und damit sind auch sie nicht zufrieden. Sie sagen, ich muss daran arbeiten. Ich fühle mich dick. Ich schäme mich dafür, dass ich mich dick fühle. Ich kann mit niemandem außerhalb der Branche darüber reden. Ich weiß, dass sie mich für krank halten würden. Wie könnten sie es auch verstehen? Meine Freunde und meine Familie sagen, ich sehe gesund aus, und in meinen Ohren klingt "gesund aussehen" wie "dick aussehen". Wenn ich abends ins Bett gehe, überschlage ich, was ich am Tag zu mir genommen habe, und entweder ich gratuliere mir, oder ich verdamme mich.

Hungrig. Ich habe nur Reiswaffeln, Hüttenkäse und Wassermelone gegessen. Ich muss abnehmen.

Kein Erwachsener aus der Branche hat je mit mir über gesunde Ernährung gesprochen. Es gab keinen Personal Trainer, keinen Ernährungsexperten. Wir taten das, wovon wir glaubten, es werde etwas bringen. Die Erwachsenen sahen weg oder ermutigten uns sogar. Ich wohnte mit Mädchen zusammen, die heißes Wasser oder Diet Coke in sich reinschütteten, gegen das Hungergefühl. Abführmittel und Entwässerungspillen waren die Regel, genau wie die seltsamsten Diättipps anderer Models, zum Beispiel zwei Wochen lang nur Ananas zu essen. Ein Mädchen, das mir begegnet, ernährt sich von zwei Äpfeln am Tag. Sie ist 16, und ihre Karriere ist vorbei. Mit 13 hatte sie den Zenit erreicht. Jetzt weiß sie nicht, was sie mit sich anfangen soll.

Tagelang trinke ich nur Gemüsesaft und stelle mich alle paar Stunden auf die Waage, aber nichts passiert. Es scheint hoffnungslos. Ich falle in alte Muster zurück und stopfe mich mit Schokolade voll. Zum ersten Mal in meinem Leben stecke ich mir angewidert den Finger in den Hals. Ist mir klar, dass ich krank bin? Ja und nein. Ich würde nicht sagen, dass ich eine Essstörung hatte, aber vielleicht war es so. Es war schwer zu entscheiden, was normal ist und was nicht. Die Tatsache, dass ein Erwachsener von einem dünnen Teenager verlangen konnte, abzunehmen, stellte mein ganzes Weltbild infrage. Ich war in einer neuen Welt, und in dieser Welt war es die Norm, ein bestimmtes Gewicht zu halten. Magersucht und Bulimie sind Wörter, die in der Branche tabu sind. Dünn bleiben um jeden Preis.

Die Booker sind die Gewichtspolizei. Ich erinnere mich an einen Booker in meinem ersten Sommer in Mailand, der eine abfällige Bemerkung machte, als ich in der Agentur ein Eis aß. Einmal finde ich unter meinem Bett in einer Wohnung, die ich mir mit drei Models und einem Booker teile, einen Pizzakarton. Die Mädchen hatten die Pizza hereingeschmuggelt, als ich nicht da war, und jetzt wollten sie nicht mit dem leeren Karton erwischt werden. Einmal gerate ich mit einem Booker in Streit, weil ich mir die Pille verschreiben lassen will. Er sagt, ich würde dick davon. Aber es sind nicht nur die Booker. Der Druck kommt auch von den Kunden in den großen Unternehmen, die wiederum weitergeben, was die Konsumenten angeblich wollen. Am Ende hat keiner die Verantwortung. Ich glaube nicht, dass ich mich je mit Schokolade vollgestopft hätte und danach aufs Klo gerannt wäre, um mich zu übergeben, wenn die Branche nicht wäre. Aber wem sollte ich die Schuld geben? Damals habe ich sie bei mir selbst gesucht.

Ich kann nicht mehr. Ich habe gerade halbherzig versucht, mir nach dem Essen den Finger in den Hals zu stecken. Ich bin zu müde zum Essen. Zu müde, um den Kopf in die Kloschüssel zu stecken. Meine Kehle ist wund an der Stelle, wo mein Finger war, und mein Bauch ist aufgebläht wie ein Luftballon.

Was lässt mich weitermachen? Es ist, als wäre das Modeln ein Liebhaber, der dich nur manchmal will, aber gerade oft genug, um die Hoffnung nicht aufzugeben. Eines Tages wird der Liebhaber mich sehen, wie ich es verdient habe, rede ich mir ein. Ich habe vor so vielen Leuten gestanden und habe so viele Reaktionen auf mich bekommen. Die positiven bewegen mich dazu, weiterzumachen. Die negativen auch, weil ich es den Leuten zeigen will.

Mein Freund, der als Grafikdesigner arbeitet, sagt, ich sei ein intelligentes Mädchen, das seine Zeit verschwendet. Warum soll ich etwas Dummes tun, was mich zudem unglücklich macht? Er meint, ich hätte eine ungesunde Fixierung auf mein Aussehen und könne es nicht lassen, ständig in den Spiegel zu schauen. Wir streiten uns. Ich will keinen Bürojob, wie er einen hat, sage ich zu ihm. Ich bin Model. Ich lasse ihn in London zurück und gehe nach Paris. Mein französischer Booker dort macht mir Komplimente, weil ich abgenommen habe, aber es müssen noch drei Zentimeter weg. Ich kann nicht. Nichts funktioniert. Die Franzosen mögen mich nicht und buchen mich nicht. Bei Castings werde ich unhöflicher behandelt als irgendwo sonst auf der Welt. Ein Teil von mir ist erleichtert – der Teil, der den Job nie gemocht hat und Castings geschwänzt hat und die Branche krank und pervers fand. Doch das kleine Mädchen in mir, das gesehen werden wollte, hat ein gebrochenes Herz.

Ich hole meine eigene Kamera heraus. Ich mache Nacktfotos von mir im Spiegel. Bilder von meinem Bauch, der nicht flach genug ist, und von meinem Busen, der nicht groß genug ist. Ich mache Fotos von mir über dem Klo beim Kotzen und von mir, wenn ich unter all dem Druck heule. So viel Wert ist auf mein Äußeres gelegt worden. Jetzt will auch ich es fotografieren. Ich will wissen, wie ich aus jedem Winkel aussehe, was meine besten Seiten sind, aber vor allem, wo meine Makel liegen. Ich versuche, etwas Echteres einzufangen als die Bilder, an denen ich bisher beteiligt war. Ich versuche, die Hässlichkeit einzufangen und die Schönheit zu zeigen, die darin steckt oder trotzdem da ist.

"Ich hole meine eigene Kamera heraus" – ein Selbstporträt mit ihrem Freund Gerard, 2004 © Lina Scheynius

Ich habe mich für das Fotografieren interessiert, seit mein Vater mir zum zehnten Geburtstag eine Kamera schenkte. Ich hatte Foto-Unterricht in der Schule. Weil Modeln so passiv ist, habe ich alle Zeit der Welt, den Fotografen schweigend bei der Arbeit zuzusehen. Was tun die Leute am Set und warum? Warum machen wir so viele Fotos, die gleich aussehen? Warum leuchten sie mich auf eine bestimmte Art aus? Könnte ich das selbst besser? Ja, ich glaube schon.

Ich versöhne mich mit meinem Freund, kehre nach London zurück und ziehe mit ihm zusammen. Ich esse gesund und zu normalen Zeiten. Ohne mich anzustrengen, verliere ich ironischerweise ein paar der Pfunde, die ich zugelegt hatte. Mein Hüftumfang ist bei knapp über 90 Zentimeter. Ich gehe zu einer kleinen Agentur. Jetzt arbeite ich in dem Teil der Branche, wo die Mädchen sind, die akzeptieren, dass sie es nie nach ganz oben schaffen. Ich arbeite ein paarmal die Woche. Hauptsächlich Frisuren und Lookbooks und kleinere Zeitschriften. Nichts Inspirierendes, aber für die Miete reicht es.

Ich verbringe mehr Zeit mit Leuten außerhalb der Branche. Ich zeichne und lese und besuche Vorlesungen in Geschichte. Manchmal hole ich meine Kamera heraus und mache Fotos von meinem Freund und mir, Zeugnisse unseres Lebens. Ich hänge sie in meinem Schlafzimmer an eine Wand. Eine Freundin sieht sie und sagt, sie seien toll. Ich träume davon, Fotografin zu werden.

Dann kommt mein Vogue-Cover. Die russische Vogue. Mein Booker sagt, Koto Bolofo, der regelmäßig für die Vogue fotografiert, wolle mich kennenlernen. Ein anderer Fotograf hatte einen Stapel Portfolios in Kotos Labor liegen lassen. Koto hat zufällig meines aufgeschlagen. Ein Bild darin hat ihn aufmerksam werden lassen. Ich freue mich wahnsinnig, als ich höre, dass es das Schwarz-Weiß-Foto war, das ich bei mir im Schlafzimmer selbst aufgenommen und in mein Portfolio geschmuggelt habe. Das Shooting findet auf einem Boot in Malta statt. Die Sonne blendet mich, und es fällt mir schwer, die Augen aufzuhalten. Koto wird ungeduldig. Ich bin erleichtert, als er sagt, dass wir fertig sind. Als ich das Ergebnis sehe, weiß ich nicht, ob ich froh oder traurig sein soll. Ja, ich bin glücklich, auf der Vogue zu sein, aber auf dem Foto bin ich mit einem anderen Mädchen zu sehen, und mein Gesicht ist kugelrund, und meine Augen sehen aus wie Schlitze. Es ist das schrecklichste Bild, das ich je von mir gesehen habe.

Der Vogue-Job ist der renommierteste meiner Karriere. Ich habe das Gefühl, ich sollte dem Modeln vielleicht noch eine Chance geben, aber ich kann nicht.

Soll ich mein Leben und mein Glück dafür opfern, gesehen zu werden? Für das Geld? Dafür, zu hören, wie verdammt schön ich bin? Schöner als die Schönen. Ich glaube nicht, dass ich dafür gemacht bin. Aber ich habe Angst. Jetzt oder nie. Ich habe Angst, mich für nie zu entscheiden – und es zu bereuen.

Ich beschließe, dass es mir nicht mehr wichtig genug ist, Topmodel zu werden. Jetzt, da der Ehrgeiz weg ist, vergeht auch der Stress. Ich modele für schnelles Geld. Habe nicht mehr dieses Bedürfnis, gesehen zu werden. Die russische Vogue war die befriedigendste Sache, seit ich angefangen habe. Ich war so glücklich, als ich die Nachricht bekam. Aber das reicht nicht. Es reicht nicht, um meine Sicht auf das Modeln zu ändern. Ich bin nicht mehr 19 und lechze nach Ruhm. Ich will das Leben genießen, Freunde, gutes Essen, die Natur, meinen Freund.

Frühling 2008. Meine Fotos bekommen viel Zuspruch im Internet. Ich werde eingeladen, bei Ausstellungen mitzumachen. Irgendwas passiert, und ich muss mich voll darauf konzentrieren. Ich rufe bei der Agentur an und erkläre, dass ich aufhöre. Sie fragen, ob ich auf ihrer Webseite bleiben möchte. Ich sage, nein danke. Ich bin damit durch. Ich bereue nichts. Ich bin froh, dass ich die Erfahrung gemacht habe, und froh, dass ich diese Geschichte erzählen kann. Doch am allerglücklichsten bin ich darüber, dass es vorbei ist.

Lina Scheynius, 33, verließ Schweden mit 16, um Model zu werden. 2002 begann sie, sich selbst zu fotografieren. Sie arbeitet für Magazine, veröffentlicht Fotobücher und hatte bereits mehrere Ausstellungen. Im Jahr 2012 war sie Fotokolumnistin des ZEITmagazins

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Es bleibt die Ironie an dem Ganzen, dass bis heute zum Teil durchaus engagierte Eltern ihre Kinder zeitweise an diese Branche verlieren.
Und das, obwohl dies beileibe nicht der erste Bericht dieser Art ist.
Sollte die Autorin nun ihr Glück oder ihre Erfüllung in der Photographie gefunden haben, war dieser harte Weg wohl nicht umsonst.
Leider glauben zu viele Junge Menschen, das Leben sei ein Hochglanzmagazin.