Stilkolumne Rotkäppchen-Mode

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 45/2014

Lassen wir an dieser Stelle mal – Überraschung! – Ernst Jünger sprechen: "Rot ist unser irdischer Lebensstoff, wir sind ganz und gar ausgekleidet mit ihm. Die rote Farbe ist uns daher so nah, dass zwischen ihr und uns kein Raum zur Überlegung besteht. Sie ist die Farbe der reinen Gegenwart; unter ihrem Zeichen verständigen wir uns auf sprachlose Art." Ernst Jünger findet weiterhin, Rot sei die Farbe von "Lebenskraft, Herrschaft und Gewalt, der Liebe und der Macht". Demnach wäre es absoluter Wahnsinn, etwas zu tragen, das nicht rot ist.

Gewalt! Liebe! Macht! Rot ist die Farbe der ganz großen Themen. Und es ist die Farbe, die nicht nur unsere Gefühle dominiert, sondern die in diesem Moment auch die Mode bestimmt: In den aktuellen Herbstkollektionen sehen wir rot gefütterte Lammfell-Mäntel bei Prada und rot eingefärbten Pelz bei Dolce & Gabbana. Dort wurde als Motiv der aktuellen Kollektion tatsächlich das Märchen vom Rotkäppchen zitiert. Auch auf den Schauen für die kommende Frühjahrs- und Sommermode sah man dunkelrote Kleider bei Valentino, feuerrote Kleider bei Miu Miu, rote Anzüge bei Louis Vuitton. Und bei Comme des Garçons kommt gleich die komplette Kollektion in Rot daher.

Als Farbe wirkt Rot auf Menschen besonders intensiv. So fand man bei Tests heraus, dass eine Person im roten Pullover als attraktiver wahrgenommen wird als jemand in einem andersfarbigen Pulli. Warum das so ist, darüber gibt es verschiedene Theorien. Rot ist natürlich die Farbe des Blutes – wo man geballtes Rot sieht, kommt Alarmstimmung auf. Rot ist aber auch die Farbe vieler Früchte. Es könnte ein evolutionärer Vorteil des Menschen gewesen sein, schnell zu erkennen, wo in den Bäumen Äpfel zu finden sind.

Das alles sind starke Argumente für Rot als Farbe des Sommers. Man wird aber stets abwägen müssen, wie viel Rot man eigentlich selbst verträgt beziehungsweise ab wann man damit zu einer Gestalt wird, die der Umwelt entweder Angst macht oder sich ihr als etwas Essbares empfiehlt. Nicht immer ist es klug, an die grundlegenden Instinkte des Menschen zu appellieren. Es kann passieren, dass eine starke Farbe stärker ist als man selbst.

Von Ernst Jünger ist nicht überliefert, dass er einmal in der Öffentlichkeit einen roten Pullover getragen hätte. Er wird schon gewusst haben, warum.

Foto: Etuikleid aus der "Baldessari artwork edition" von Saint Laurent by Hedi Slimane

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Der Zusammenhang von Rot und Schönheit drückt sich besonders in der russischen Sprache aus: Das Adjektiv „красный“ (krasny) bedeutete ursprünglich sowohl „rot“ als auch „schön“. Wie der Autor aber richtig feststellte, kann alles Schöne, wenn es in zu hoher Konzentration auftritt und ihm nichts Kontrastierendes entgegensteht, zur Überdosis führen.