Harald Martenstein Über Sinn und Sinnlosigkeit des Kinderkriegens

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ZEITmagazin Nr. 45/2014

Warum haben Leute Kinder? Ich kann es nicht begreifen. In den ersten Monaten schlafen die Kinder meistens, außer nachts. Im Wachzustand schreien sie und verrichten emsig ihre Notdurft. Dann kommt die Phase, in der sie Bücher aus den Regalen ziehen, Seiten aus den Büchern herausreißen und sich im Supermarkt schreiend auf den Boden werfen. Bald schon stellen sie sinnlose Forderungen, sie wollen zum Beispiel nur noch Schuhe einer bestimmten Marke tragen, natürlich einer teuren Marke. In der Pubertät machen sie den Eltern meistens Vorwürfe, was sie nicht daran hindert, weiterhin sinnlose Forderungen zu stellen. Dann ist man alt. An Weihnachten rufen die Kinder an. Der Sinn des Kinderkriegens besteht darin, dass, wenn man alt ist, an Weihnachten jemand anruft. Dies könnte man auch billiger haben. Für das Geld, welches ein Kind im Laufe der Kindheit kostet, könnte man sich an Weihnachten auch von Mario Adorf oder von Susan Sarandon anrufen lassen. Dann würde die Stimme des Anrufers auch nicht so gelangweilt klingen, sondern echt interessiert. Adorf ist ein fantastischer Schauspieler.

Eltern sind Heilige. Sie tun Gutes, ohne dass sie dafür etwas zurückbekommen. Nein, stimmt nicht. Der Heilige, der Gutes tut, ist davon überzeugt, dass er zur Belohnung in den Himmel kommt und zur Rechten des Herrn sitzt. Eltern kommen zur Belohnung ins Altenheim und sitzen zur Rechten von Uschi Schmitz, 96, die ihnen jeden Tag, tausend Mal, erzählt, was sie bei den Sexpartys des Pariser Mai 1968 erlebt hat. Wenn man die 120.000 Euro, die ein Kind bis zum 18. Geburtstag im Durchschnitt kostet, stattdessen der Welthungerhilfe spendet, dann sagen alle: "Unglaublich, er hat der Welthungerhilfe 120.000 Euro gespendet, das kann er sich eigentlich doch gar nicht leisten. Ein toller Typ. Ein Philanthrop." Gibt man aber die 120.000 Euro für das Kind aus, sagen die Leute: "Also, seine Erziehungsmethoden finde ich schon fragwürdig."

Sicher, man liebt das Kind. Das ist ja das Fatale. Deswegen lässt man sich alles gefallen. Es ist eine ganz besondere Liebe. Eine Partnerin, die sich im Supermarkt schreiend auf den Boden wirft und erst zu schreien aufhört, wenn man ihr einen Lolli kauft, würde man doch sehr wahrscheinlich verlassen. Nicht sofort, beim ersten Mal denkt man vielleicht noch, wow, das ist aber ein ganz wilder Feger. Aber beim dritten oder vierten Mal hätte man die Nase voll davon. Die Partnerin würde man vielleicht auch schon verlassen, wenn sie einem beim gemeinsamen Essen immer wieder schleimigen Brei aufs Hemd spuckt oder wenn sie beim Autofahren zwanzig Mal die gleiche CD hören will und jedes Mal zu weinen anfängt, wenn man mal was anderes hören möchte. Da würde man sagen, Schatzilein, tut mir leid, zwanzig Mal Julio Iglesias, das passt so nicht in meine Lebensplanung.

Früher haben die Eltern ihre Erfahrungen weitergegeben. Der alte Herrgottschnitzer zeigte dem jungen Herrgottschnitzer, wie man Herrgotte schnitzt, das war sicher super für den alten Herrgottschnitzer. Heute läuft es andersherum. Du weißt vielleicht, wie man das iPhone 6 einrichtet, aber das nützt nichts. In 20 Jahren musst du dir von deinem Kind zeigen lassen, wie das iPhone 15 funktioniert. Das Kind wird über dich lachen, weil du dich ungeschickt anstellst. Dann wirfst du dich vielleicht auf den Boden, oder du weinst, oder du spuckst dem großen Kind schleimigen Brei aufs Hemd, das große Kind wird dann aufstehen und sagen: "Jetzt ist er endgültig senil." Vor einigen Monaten bin ich zum zweiten Mal Vater geworden.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Zum Glück sind wir ja in einem freien Land nach der Erfindung der Empfängnisverhütung, so dass jeder selbst entscheiden kann, ob er Kinder will oder nicht.

Gut, mal abgesehen vom sozialen Druck. Dieser wird seit neuestem übrigens nicht mehr nur vom direkten sozialen Umfeld ausgeübt, sondern auch von der öffentlichen Meinung. Die ZEIT zum Beispiel scheint es sich zum strategischen Ziel gesetzt zu haben, uns alle davon zu überzeugen, dass Kinderkriegen was Tolles ist.

Ist es vielleicht auch - für viele von uns. Andere können nicht oder wollen nicht. Und auch das ist okay so in einem freien Land.