Video: Bootsfahrt Spree

Der Wassermann

ZEITmagazin Nr. 46/2014 — Von

Der Ingenieur Ralf Steeg träumt davon, die Spree so sauber zu bekommen, dass man mitten in Berlin darin schwimmen kann. Dafür kämpft er seit 14 Jahren. Jetzt könnte der Durchbruch kommen.

Wenn Ralf Steeg Ruhe finden will, geht er an den Ort, an dem er die ganze Misere vor Augen hat. Er geht an den Fluss, der hier in Treptow so breit dahinströmt wie nirgendwo sonst in Berlin. Er schaut auf das braune Wasser der Spree, und es ist paradox: Dieser Anblick, der ihn eigentlich aufregen müsste, macht ihm Hoffnung.

Die Spree ist krank, sehr krank.

Etwa dreißigmal im Jahr, wenn ein starker Regen über der deutschen Hauptstadt niedergeht, ergießt sich eine stinkende Brühe von Fäkalien, Ölen, Arzneimitteln und Schwermetallen in den Fluss. Immer wieder treiben Fischkadaver auf der Spree und dem Landwehrkanal. Tagelang pumpt dann das Belüftungsschiff Rudolf Kloos Sauerstoff ins Wasser. Ein einziges Rettungsschiff für den ganzen Fluss, eine verzweifelte Behandlung der Symptome.

Dabei hat Ralf Steeg eine Erfindung gemacht, die der Spree wirklich helfen könnte.

Seit vielen Jahren kämpft er nun schon für den Fluss. Er kämpft gegen Trägheit, Ignoranz und Mutlosigkeit, er kämpft mit technischem Sachverstand, Kreativität und mit einer geradezu manischen Leidenschaft. Sein Kampf führt ihn in die Niederungen der Berliner Politik, ins Dickicht der Behörden und in ferne Länder. Ralf Steeg ist ein Idealist im Kampf mit der Realität.

Es beginnt alles an einem Sommermorgen im Jahr 2000. Steeg liebt diese Tage, an denen die Hitze über der Stadt brütet. Von seiner Wohnung auf dem alten Industriegelände an der Spree sind es nur wenige Meter zum Wasser. Er klettert auf ein Baugerüst, blickt hinüber zu den Kränen am Osthafen, die sich nur noch selten drehen, hinunter auf den Fluss, in dem langsam das Wrack eines Ausflugsschiffes versinkt. Es scheint keinen zu interessieren. Die Stadt hat ihrem Fluss den Rücken zugekehrt, denkt er. Wenn man der Spree das Wasser ablassen würde, es würde keiner merken.

Wilde Ufer, badende Menschen

Ihm kommen Bilder in den Kopf, von einem heißen Sommertag in Bern. Von einer Stadt, die den Tag am Fluss verbringt. Rentner ziehen ihre Bahnen in der Aare, Kinder planschen, Jugendliche lassen sich von der Strömung tragen. In der Mittagszeit tauchen Büroangestellte auf, schlüpfen in ihre Badehosen und springen ins Wasser. Es ist glasklar und so sauber, dass die Menschen davon trinken können.

Oben, auf dem Gerüst, von dem aus er auf die Brühe der Spree hinunterschaut, stellt Steeg sich vor, wie auch durch Berlin ein Fluss mit sauberem Wasser fließt, mit wilden Ufern, mit Stränden, mit badenden Menschen. An diesem Morgen vor 14 Jahren beschließt Ralf Steeg, dass die Spree wieder sauber werden muss.

Ein Jahr lang stürzt er sich in die Recherche, lernt alles über Abwassertechnik, von der Cloaca Maxima in Rom bis zu den Abwassersystemen der Neuzeit. Und er erfährt, dass die Kanalisation aus der Zeit der Industrialisierung längst nicht mehr ausreicht. Bei starkem Regen läuft sie über. Und damit die Fäkalien nicht aus den Gullys quillen, werden sie in die Flüsse geleitet. Nicht nur in Berlin, auch in Moskau, Paris, London und New York. In fast allen Metropolen der Welt sind die großen und stolzen Flüsse, an denen die Städte einmal gegründet wurden, Kloaken.

In Berlin landen im Jahr 5,3 Milliarden Liter Abwasser in der Spree. Und weil sie so langsam fließt, dass ein Tropfen Wasser 14 Tage braucht, um die Stadt zu durchqueren, hält sich auch der Dreck so lange im Fluss.

Wenn ein Rohr leckt, stellt man einen Eimer drunter, war Steegs erster Gedanke. Was er dann entwirft, funktioniert ähnlich wie ein Eimer. An den Überläufen, an denen die Kloake aus der Kanalisation in den Fluss läuft, wird ein Unterwassertank angekoppelt: gewaltige Röhren, am Flussgrund befestigt, die computergesteuert das Abwasser auffangen. Nach dem Regen wird es zurück in die Kanalisation und zum nächsten Klärwerk gepumpt. Außerdem könnte man auf den Tanks Plattformen errichten, die die Stadt vermieten könnte. Steeg träumt von einer Kette von schwimmenden Inseln, von Cafés, Sonnendecks, wilden Gärten. Orten, an denen die Berliner ihren Fluss wiederentdecken könnten.

Am 15. Oktober 2001 legt Steeg sein Diplom an der Berliner Fachhochschule für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung ab. Seine Diplomarbeit hat den Titel Baden in der Spree. Eine Last fällt an diesem Tag von ihm ab. Die Freude treibt ihn aus der Wohnung, runter an den Fluss. Auf der Hoppetosse, dem Restaurantschiff, das unten am Ufer liegt, feiert an diesem Abend die Berliner SPD ihre Wahlkampfparty.

Erst will Steeg umkehren, doch dann denkt er: Was für ein Wink des Schicksals. Er läuft vorbei an den Bodyguards, holt sich ein Bier und geht zielstrebig zu der Ecke, in der der neue Regierende Bürgermeister seine Anekdoten zum Besten gibt. Er heißt Klaus Wowereit.

Steeg spricht einfach drauflos. Über seine Idee mit den Abwasserspeichern, über die saubere Spree. Und Wowereit hört zu. "Da drüben steht der richtige Mann für Sie", sagt er, als Steeg fertig ist. Am Tresen lehnt der Senator für Stadtentwicklung Peter Strieder. "Schönen Gruß von Wowereit", sagt Steeg, "der findet meine Idee gut, ich soll sie Ihnen vorstellen."

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Wahnsinn, denkt er, als er sich an diesem Abend ins Bett legt. Ich habe einen Termin bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in der Tasche: Jetzt geht es los. "Spree 2011" soll das Projekt heißen. Im Jahr 2011 sollen die Berliner wieder in der Spree baden können.

Die große Politik ist auf Steegs Seite: Im Jahr 2000 haben sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verpflichtet, ihre Flüsse, Seen und Meere bis zum Jahr 2015 in einen "guten ökologischen Zustand" zu bringen. Jetzt, kurz vor Ablauf der Frist, ist klar, dass in Deutschland 80 Prozent aller Gewässer dieses Ziel nicht erreichen werden. Auch die Spree nicht.

Die Berliner Wasserbetriebe haben zwar mit unterirdischen Betonbecken und Stauraum in der Kanalisation mehr Platz für Abwasser geschaffen. Aber nach allen Maßnahmen sollen im Jahr 2020 immer noch vier Milliarden Liter Abwasser jährlich im Fluss landen. Dass die Berliner in der Spree wieder baden können, ist kein Ziel der Politik. Dabei wäre das ein enormer Gewinn für die Stadt. Im Ranking der Großstädte mit der besten Lebensqualität belegt Kopenhagen 2014 den ersten Platz. Die Stadt, die das Meer in ihrem Hafen gesäubert hat, sodass man im Zentrum nun wieder schwimmen kann. Zürich, wo sich im Sommer die ganze Stadt an der Limmat und am See zum Baden trifft, kommt auf den zweiten Platz.

"Bis einer verliert oder gewinnt"

Ralf Steeg sitzt in seiner Küche und raucht, weil es ihm hilft, ein paar Minuten lang ruhig dazusitzen. Er ist jetzt 53 Jahre alt. 14 Jahre sind seit jenem Sommermorgen an der Spree vergangen, an dem er den Entschluss fasste, den Fluss zu retten. Von der Spree weht das Kreischen der Möwen herüber und ab und zu ein Schiffstuten. "In Barcelona haben sie Häuser abgerissen, um wieder freien Blick aufs Meer zu haben. In Seoul hat der Bürgermeister die Autobahn gesprengt, mit der sie den Fluss zugebaut hatten. An der Isar in München findet man im Sommer keinen Platz mehr für sein Handtuch. Und in Berlin? Verlängern sie gerade eine Autobahn", sagt Steeg. "Manchmal habe ich das Gefühl, ich stehe nackt auf der Spitze des Mount Everest, es ist eiskalt, und es gibt niemanden, der mir helfen kann. Ich muss alleine da durch, ich muss es mit mir selbst ausmachen. Ich darf nicht aufgeben."

Dieses Gefühl kennt er von früher. Als er als Jugendlicher für seinen Mut mit Gefängnis bezahlt hat.

Wenn Steeg an seine Kindheit denkt, sieht er das Haus mit dem riesigen Obstgarten und dahinter eine unendliche Blumenwiese. Er sieht sich selbst, wie er ganze Tage in den Bäumen sitzt und Kirschen futtert. Doch jenseits des Paradieses fängt die Hölle an. Am Horizont stehen Fabriken mit Schornsteinen, aus denen Tag und Nacht Flammen lodern. Und Tag und Nacht rollen die Kohlenzüge. Lauchhammer, der Ort, an dem Steeg aufwächst, liegt mitten im Braunkohlerevier der Niederlausitz. In einer Gegend, in der die Natur für den Menschen nichts als ein Gebrauchsgegenstand ist.

Mit 14 beginnt Steeg zu rebellieren. An einem Montagmorgen treten alle Jungen und Mädchen in blauen FDJ-Hemden zum Fahnenappell an, Steeg steht im weißen Hemd in der ersten Reihe. Der Direktor beschimpft ihn vor 200 Schülern als Staatsfeind. Mit 16 will Ralf nur noch weg. Er kommt weit, aber nicht weit genug. An der tschechischen Grenze wird er der Staatssicherheit übergeben. Die stellt ihn vor die Wahl: vormilitärische Ausbildung oder Erziehungsanstalt. Der Junge überlegt keine Sekunde.

© Maja Weyermann

Seinen 17. Geburtstag verbringt er im Jugendhaus Frohe Zukunft am Stadtrand von Halle. Ein Gefängnis mit Stacheldraht, bellenden Hunden, bewaffneten Wachposten, mit Schlägen und Demütigungen. Steeg muss mit einer Nagelbürste einen hundert Meter langen Flur putzen. Am Ende reiben die Aufseher die Fläche mit weißen Taschentüchern ab. Wenn sie noch Schmutz finden, muss er wieder von vorne anfangen.

Steeg spricht nicht gern über die Vergangenheit. Was er erlebt hat, hat ihn sehr verletzt, aber auch noch widerspenstiger gemacht. "Ich bin oft undiplomatisch", sagt er. "Aber ich will auch nicht beim diplomatischen Dienst der UN arbeiten. Es gibt Streite, die sollten zu Ende gefochten werden, bis einer verliert oder gewinnt."

Nach zehn Monaten kauft die Bundesrepublik den 17-Jährigen frei. 1979 zieht Steeg in ein besetztes Haus in Berlin-Kreuzberg. Als Erstes legt er dort im heruntergekommenen Hinterhof einen Garten an. Er wird Gärtner, weil Gärtner etwas Schönes und Sinnvolles schaffen. Das Grauen, das er erlebt hat, darf nicht die Oberhand behalten. Dann erteilt ihm die Stadt den Auftrag, andere Höfe in der Nachbarschaft zu retten. Steeg stürzt sich in die Aufgabe, er will jetzt alles über Gärten wissen: Er besucht community gardens in der Bronx und Barockgärten in Italien.

In Berlin macht er die Anwohner zu Gärtnern. Türkische Kinder, Arbeitslose und Rentner verwandeln unter seiner Anleitung verrottete Hinterhoflöcher in kleine Idyllen. Wo vorher Mülltonnen standen, wachsen jetzt Wintergetreide und Tulpen. Die Menschen fangen an, wieder in ihren Höfen zu leben. Urban Gardening nennt man das heute.

Mitte der achtziger Jahre fährt Steeg nach Jamaika. Beim Tauchen in der Karibik, zwischen Korallenriffen und inmitten von Fischschwärmen, überkommt ihn grenzenloses Staunen. Über die Natur, ihre unfassbare Vielfalt und Raffinesse. Doch nur einen Augenblick später erschüttert ihn der Gedanke: Wir sind dabei, das alles zu zerstören. Es ist der Moment, in dem Ralf Steeg seine Mission gefunden hat: das Paradies, das fast überall von Zerstörung bedroht ist, zu retten.

Mit der Spree hat diese Mission ein konkretes Ziel bekommen: "Ich will der beste Konstrukteur von Abwassersystemen werden, ich will dazu beitragen, dass unsere Flüsse, Seen und Meere wieder sauber werden." Deshalb ist er Ingenieur geworden und ein Erfinder, der trotzig an der Utopie einer besseren Welt festhält.

In den ersten Jahren nach seinem Diplom entwirft er Gärten von Villen, später lebt er von seinen Ersparnissen. Immer wieder steht er vor der Frage, wovon er die nächste Miete bezahlen soll, weil er alles, was er hat, in das Projekt steckt. Seinen Kühlschrank verkauft er, Butter und Milch lagern draußen auf dem Brett des Küchenfensters. Eines Abends klingelt es, vor der Tür steht sein bester Freund Micha, mit drei riesigen Pappkartons. Sie sind bis zum Rand gefüllt mit Eisenbahnschienen und -wagen. Michas komplette Modelleisenbahn-Sammlung, das Wertvollste, was er besitzt. Ihr Verkauf rettet Steeg über die nächsten Wochen.

Im Juli 2005 eröffnet er in einer Industriehalle gegenüber von seiner Wohnung seine Ausstellung Spree 2011. Er flattert aufgeregt über das Gelände, der Berliner Mäzen und Kunstsammler Dieter Rosenkranz hat sich angekündigt. Als der damals 79-jährige ehemalige Maschinenbauer und Fabrikant dem Ingenieur die Hand reicht, weiß Steeg, dass sie sich verstehen werden. Weil Rosenkranz, genau wie er, sich in eine Sache stürzt, wenn sie ihm wichtig ist, egal, ob es sich dabei um eine Videoinstallation von Nam June Paik, die Temporäre Kunsthalle, den Campus Rütli oder die Spree handelt. "Zukunft Berlin" hat Rosenkranz seine Stiftung genannt, und Steeg hat eine Vision von dieser Zukunft. Während sie vor den alten Fotos stehen, auf denen sich Berliner in der Spree tummeln, fasst Dieter Rosenkranz den Entschluss, diesem Menschen zu helfen. Am Ende der Führung streckt er Steeg seine Hand hin. Wenn Sie mich mal brauchen, rufen Sie mich an, sagt er.

Zwei Jahre später, es ist wieder Sommer, sitzt Steeg unter den alten Kastanien des Klostergartens von Benediktbeuern mit einer Gruppe von Freunden beim Bier. Er ist nach Bayern gefahren, um den Fluss ein paar Tage lang nicht sehen zu müssen. Das Handy klingelt. Es ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sie bekommen die zwei Millionen für Ihre Anlage, sagt die Frau. Als Steeg auflegt, fühlt er sich seit Jahren zum ersten Mal wieder richtig lebendig. Er läuft rüber zur Anastasiakapelle. Eine Rokokokapelle, von der er weiß, dass sie zum Dank für eine wundersame Rettung gebaut wurde. Drinnen ist es dunkel und kühl, und es riecht nach Weihrauch. Steeg wirft acht Euro in den Opferstock und zündet acht Kerzen an. Acht Kerzen für den Fluss.

Die nächsten Monate erlebt er wie im Rausch. Vier Fachbereiche der Technischen Universität beteiligen sich an dem Projekt. Professoren und Studenten forschen, messen, rechnen. Neun Ingenieurbüros arbeiten an den Plänen für seine Pilotanlage, mit der Steeg endlich beweisen will, dass seine Technik funktioniert.

Im September 2008 ist er zum ersten Mal in Venedig. Wie eine Fata Morgana tauchen am Horizont die auf dem Wasser schwebenden Paläste auf. Er fährt weiter zu den Gardini, dem Ausstellungsgelände, wo an diesem Tag die 11. Architekturbiennale eröffnet wird. In der Eingangshalle des deutschen Pavillons sind zwölf große Schautafeln auf dem Boden angebracht. Updating Germany. Projekte für eine bessere Zukunft hat Mastermind und Architekt Friedrich von Borries den deutschen Beitrag genannt. Auf einer dieser Tafeln sind Steegs schwimmende Inseln zu sehen. Dass er seine Vision in dieser Stadt zeigen darf, in der sich das ganze Leben am Wasser abspielt – besser geht es nicht. Nach der Eröffnungszeremonie fährt Steeg stundenlang den Canale Grande rauf und runter. Jetzt, denkt er, habe ich es wirklich geschafft. Radiosender berichten, Zeitungen schreiben, Fernsehsender senden.

2010 macht Berlin mit "Spree 2011" auf der Expo Shanghai Werbung für sich. "Eine bessere Stadt, ein besseres Leben" lautet das Motto der Leistungsschau. Im deutschen Pavillon ist ein riesiger Monitor mit einem Computerspiel aufgebaut, das für "Spree 2011" wirbt. Ein Mofafahrer rast durch das Labyrinth einer chinesischen Stadt, um Gelder und Genehmigungen aufzutreiben. Dann kann er mithilfe von schwimmenden Abwassercontainern den Gelben Fluss sauber machen. Und sich zur Belohnung auf der Oberfläche der Container eine Badeanstalt bauen. 2011 zeichnet der Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung Steegs Projekt als "besonders zukunftsweisend" aus.

Es ist die Zeit, in der sich Steeg ein BMX-Rad kauft. Er will wie sein Idol, der BMX-Fahrer Danny MacAskill, die Schwerelosigkeit erleben, unüberwindliche Hindernisse mit Leichtigkeit und Eleganz überspringen. Doch es kommt anders.

Zehn Jahre Arbeit für nichts

Steegs Firma, die Luri.watersystems GmbH, hat ihr Büro in einem alten Gewerbehof in Mitte. Das Büro ist ein kühles weißes Raumschiff mit Steegs Schreibtisch als Kommandozentrale. Wie in seiner Wohnung hat er um sich herum eine akribische Ordnung errichtet. Ein Abwehrzauber gegen das Chaos im Kopf, gegen die Angst, es nicht zu schaffen. Vor Steeg auf dem Schreibtisch liegt ein Brief der Behala, der Berliner Hafen- und Lagergesellschaft. "Solange wir Eigentümer sind, wird es keine Anlage am Osthafen geben", steht darin. Das Unternehmen fürchtet, dass seine Grundstücke an Wert verlieren, wenn davor Abwasserbehälter installiert sind. Dabei – da ist Steeg sich sicher – würden all die Musik-, Medien- und Modeleute, die jetzt in den alten Speichern des Osthafens arbeiten, nichts lieber tun, als zwischendurch mal in den Fluss zu hüpfen.

Als Nächstes erhält Steeg ein Fax der Wasserbetriebe, in dem sie ihm mitteilen, dass sie den Bau der Anlage wegen "unkalkulierbarer Risiken" nicht genehmigen. Bis zum 31. Mai 2011 sind es noch zwanzig Tage. Dann müssen beim Bundesministerium für Forschung alle Genehmigungen für den Bau der Pilotanlage vorliegen. Sonst wird das Projekt "Spree 2011" endgültig eingestellt.

Zehn Tage vor Ablauf der Frist, um sechs Uhr morgens, erhalten Abgeordnete aller Parteien eine verzweifelte Mail von Steeg. Wenn die Stadt nichts unternehme, gingen ihr zwei Millionen Euro verloren, steht darin. Zwei Millionen, die Berlin so viel Lebensqualität schenken könnten. Am 26. Mai um 17.43 Uhr springt Steegs Fax an, ein Blatt schiebt sich Zeile für Zeile aus dem Gerät. Die Genehmigung der Wasserbetriebe ist da. Doch ihre Auflagen – Sicherheitszaun, Abluftanlage, Eisengitter et cetera – treiben die Ausgaben in die Höhe. Mit der Summe, die Steeg bewilligt wurde, kann er die Anlage nicht bauen.

Ralf Steeg auf seiner Pilotanlage © Lara Alegre

Zehn Jahre Arbeit für nichts. Steeg denkt, das überlebe ich nicht. Immer hat er sich irgendwie durchgebissen, immer einen neuen Haken geschlagen. Jetzt weiß er zum ersten Mal nicht mehr weiter. Aber plötzlich wird er ganz ruhig. Er setzt sich an den Schreibtisch und spitzt Bleistifte. Dann schreibt er einen Brief an den Mann, den er vor sechs Jahren durch seine Ausstellung geführt hat.

Einen Tag später klingelt das Telefon. Dieter Rosenkranz ist am Apparat. Sie bekommen das Geld, sagt er.

Der 20. April 2012 ist der erste warme Frühlingsabend des Jahres. Auf dem letzten unbebauten Uferfleck des Osthafens, zwischen Coca-Cola-Zentrale und dem Fernsehsender Viva, versammelt sich eine Menschenmenge. Die Stadt hat sich verändert, seit Steeg vor Jahren hier seinen Entschluss fasste. Der Fluss ist längst als lukrativer und hipper Ort entdeckt worden. Aber dreckig ist er immer noch. Doch das soll sich von diesem Tag an ändern. Heute wird mit dem Bau von Steegs Pilotanlage begonnen.

Bis zur letzten Minute hat die Behala versucht, den Bau zu verhindern. Am Ende hat sie zwei Gullys gefunden, für die keine Genehmigung vorlag – und hat Steeg verboten, auf ihrem Grund und Boden zu feiern. Steeg hat die Party aufs Wasser verlegt. Jetzt steht er, eingepfercht zwischen Freunden und Mitstreitern, auf einem Boot. Bauarbeiter werfen die auf einem Floß installierte riesige Stahlramme an. Stück für Stück rüttelt sie einen 26 Meter langen Pfeiler in den Spreeboden, an dem später die Auffangröhren befestigt werden. Mit jedem Stück, den der Pfeiler tiefer in den Flussboden sinkt, fällt ein bisschen Angst von Steeg ab. Die Angst, dass sie ihn doch noch stoppen könnten. Als der letzte Pfeiler versenkt ist, fährt das Schiff los, den Fluss hinunter, in Richtung Zentrum. 250 Menschen sind an Bord. In voller Lautstärke läuft Monkey Man von Amy Winehouse. Immer wieder. Und Ralf Steeg tanzt.

Ein Frühlingstag 2013. Heftiger Regen geht über der Stadt nieder. Steeg rast mit dem Rad über die Elsenbrücke, zum Osthafen hinüber. Das Wasser läuft ihm über Gesicht und Nacken, die Jacke klebt am Körper, er spürt nichts davon. Um 14.40 Uhr rauschen 500.000 Liter Abwasser in die unterirdischen Röhren seiner Pilotanlage. Auf diesen Moment hat Ralf Steeg so lange gewartet. Er steht über die offene Luke gebeugt und sieht die braune Kloake in die Tanks strömen. 500.000 Liter Dreck, die dem Fluss von jetzt an bei jedem Starkregen erspart bleiben werden. Eine weitere Anlage und ein zusätzlicher Filter im Klärwerk, und der Osthafen wäre sauber, sagt Steeg. Fünf Millionen würde die Anlage kosten, schätzt er. Um die Strecke zwischen Osthafen und der Stadtmitte frei von Abwasser zu halten, wären noch einmal zwölf Anlagen nötig.

Zwei Monate später tagt im alten Preußischen Landtag der Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt. Auf der Tagesordnung stehen die drohende Fällung von Bäumen am Landwehrkanal, die Überschwemmungsgefahr in Kleingartenanlagen und die Perspektiven von "Spree 2011". Keiner beachtet den schlaksigen Mann in Turnschuhen, der mit der Technik seiner PowerPoint-Präsentation kämpft. Steeg ist mit dem Rennrad gekommen, in seiner Montur für besondere Anlässe: die Converse-Schuhe, deren Kappen er am Morgen noch geschrubbt hat, bis sie weiß glänzen. Der dunkelblaue Anzug, der Rucksack mit dem Laptop. Endlich leuchtet das Mikro auf. Und Steeg hält seine Rede für den Fluss. Er hat so viel investiert, Zeit, Wissen, Kraft und Geld, jetzt ist die Politik am Zug.

Die Abgeordneten reagieren wohlwollend, aber man müsse erst den Abschlussbericht der Technischen Universität Berlin abwarten, heißt es.

"Sie behandeln mich wie einen Marsmenschen"

Ein paar Monate später ist Steeg endlich einmal raus aus Berlin, weg von den ewigen Diskussionen über Genehmigungen für Gullydeckel. Das Taxi rast über die Ausfallstraße vom Flughafen in Richtung Hanoi-Zentrum. Steeg hängt aus dem Autofenster und fotografiert die Ströme von Mofafahrern, die nie zum Halten kommen. Ein Fluss eben, nicht unser ewiges Stop-and-go, denkt Steeg. Er hat sich einer Wirtschaftsdelegation nach Vietnam angeschlossen, seine Technik wird hier noch dringender gebraucht als zu Hause. Er hat hier Flüsse gesehen, von denen man nicht mehr sagen kann, dass da Abwasser drin ist. Eher ist noch ein bisschen Fluss im Abwasser.

Im Büro von Viet Anh, Professor für Ingenieurtechnik an der Technischen Universität von Hanoi, ist es brütend heiß. Der Putz an der Decke bröckelt, der hellblaue Ventilator kreist. Steeg schwitzt in seinem Anzug, aber er legt das Jackett nicht ab. Auf dem Computerbildschirm läuft eine Slide-Show mit 3-D-Modellen seiner Anlage. Mit reglosem Gesicht blättert der Professor in Steegs Werbeprospekt. Dann streckt er dem Deutschen seine Visitenkarte hin. "Wir machen das", sagt er. "Wir suchen einen See in Hanoi und machen den zusammen sauber."

Abends sitzt Steeg in seinem Hotelzimmer. Durch das geöffnete Fenster ist das Hupen der Fahrzeuge zu hören. Vor ihm auf dem geblümten Bettüberwurf leuchtet der Monitor seines Laptops blau und vertraut in der Anonymität des Zimmers. Steeg beantwortet die 150 Mails aus Deutschland, die im Lauf der letzten Stunden eingetroffen sind. 150 Fragen, Einwände, Probleme. Am Ende, denkt Steeg, geht es mit den vietnamesischen Sozialisten schneller mit meiner Idee voran als in Berlin.

Frühjahr 2014. In der Industrie- und Handelskammer Berlin tagt das Vietnam Investment Forum. Steeg sitzt zwischen den mittelständischen Unternehmern, mit denen er durch Vietnam gereist ist. In seinem Rucksack steckt der Brief der Hanoier Wasserbetriebe, mit dem roten Stern als Stempel: die Genehmigung für eine Anlage in Hanoi. Vorn am Rednerpult hält der Regierende Bürgermeister seine Rede über strategische Partnerschaft. Am Ende wendet er sich dem vietnamesischen Minister für Planungen und Investitionen zu: "Wenn Sie tolle neue Technologie made in Berlin sehen wollen, gehen Sie an den Osthafen!" Wie gut diese Worte tun, aber Steeg weiß nach all den Jahren nicht mehr, ob sie auch etwas bedeuten.

Ein paar Wochen später sitzt Steeg müde in seinem Büro. Die ganze Nacht hat er rauchend auf dem weißen Sofa in seiner Wohnung verbracht. Der jungenhafte Ausdruck, den sein Gesicht sonst trägt, ist von der Nacht gelöscht worden. Steeg hat einen Brief vom Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt erhalten: "Unser Haus sieht keine Veranlassung für eine Übernahme der Pilotanlage im Berliner Osthafen durch die Berliner Wasserbetriebe. Da außerdem eine anteilige Finanzierung durch das Land Berlin nicht möglich ist, erübrigt sich ein Gesprächstermin."

In solchen Momenten hat er das Gefühl, es gehe gegen ihn persönlich. "Ich bin doch genau das, was sie immer wollen. Ich habe eine neue Technologie entwickelt, Gelder in die Stadt geholt, Arbeitsplätze geschaffen. Aber sie behandeln mich wie einen Marsmenschen. Wie einen Fremdkörper, der erst mal abgestoßen wird."

Der grüne Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat sich in die Vorstellung verbissen, Steeg wolle schwimmende Partyzonen in den Fluss pflanzen. Das Betreten der Insel ist verboten, und damit ist auch die Idee gestorben, den Berlinern einen Ort zu schenken, an dem sie ihren Fluss genießen können. Nach einer monatelangen E-Mail-Schlacht darf Steeg eine Infotafel aufstellen, die die Anlage erklärt.

Der Traum vom sauberen Fluss

Jetzt heißt es, seine Inseln würden auf dem Fluss zu viel Platz einnehmen und das Landschaftsbild zerstören. Steeg findet das absurd. Derselbe Bezirk lässt dort ein gesichtsloses Bürohaus neben dem anderen bauen. Hunderte von lärmenden Ausflugsdampfern schippern täglich die Spree rauf und runter. An der Oberbaumbrücke liegen zwei schwimmende Hostels. Da sollten seine Inseln, die er sich als schwimmende Gärten vorstellt, stören?

Fragt man nach bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, heißt es, Ralf Steeg habe es mit seiner Beharrlichkeit geschafft, dass über den Traum vom sauberen Fluss gesprochen werde.

Sandra Prechtel

ist Regisseurin von Dokumentarfilmen. Ihr letzter Film Roland Klick. The Heart is a Hungry Hunter lief 2013 auf der Berlinale. Derzeit arbeitet sie an einem Film über Ralf Steeg.

Mittlerweile macht auch noch ein zweites Projekt von sich reden: "Flussbad Berlin". Die Initiatoren wollen den Spreeabschnitt an der Museumsinsel reinigen und in ein riesiges Schwimmbad verwandeln. Ralf Steeg mag das Projekt, aber ihm geht es um mehr als den Badespaß und ein weiteres architektonisches Aushängeschild für die Stadt. Es geht ihm um den ganzen Fluss, er will, dass überhaupt kein Abwasser mehr den Fluss verdreckt, dass die Natur nicht länger kaputt gemacht wird.

Im Juni 2014 hält der 31-jährige CDU-Abgeordnete Danny Freymark im Abgeordnetenhaus eine Rede für Ralf Steeg und den Fluss. "Ich bin froh, einen Menschen wie Herrn Steeg an unserer Seite zu wissen. Der uns aus eigener Initiative hilft, unsere Probleme zu lösen. Wir müssen uns endlich fragen: Was ist uns ein sauberer Fluss wert?"

Endlich hat Steeg einen politischen Unterstützer gefunden, wie er ihm all die Jahre gefehlt hat. Eigentlich wollte er gar nicht zu der Sitzung gehen, doch Freymark hat ihn überredet. Und Steeg kann nicht glauben, was dann folgt: Abgeordnete aller Parten loben das Projekt "Spree 2011". Und der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz sagt, er habe Steeg all die Jahre gegenüber Bedenkenträgern verteidigt.

In der Sitzungspause steht Steeg zwischen den Abgeordneten Freymark und Buchholz, lacht sein jungenhaftes Lachen und sagt: "Nietzsche hat gesagt, wenn man etwas Neues macht, gibt es drei Phasen. In der ersten Phase sagen alle, man ist verrückt. In der zweiten Phase sagen alle, man braucht das nicht. Und in der dritten Phase sagen alle, wenn ich nicht geholfen hätte, wäre es niemals gekommen." Für Ralf Steeg scheint nach 14 Jahren Kampf um den Fluss langsam die dritte Phase anzubrechen. Nach 14 Jahren, in denen der Wiederaufbau des Stadtschlosses durchgesetzt wurde und Milliarden für den neuen Flughafen bewilligt wurden.

Der Abschlussbericht der Technischen Universität hat der Pilotanlage "RB Bln XII c" einwandfreies Funktionieren bescheinigt. Seit Inbetriebnahme hat sie der Spree zehn Millionen Liter ungeklärtes Abwasser erspart. "Wenn die Politik wirklich will, kann der Fluss in sechs Jahren sauber sein", sagt Steeg.

Im nächsten Jahr wird ein neuer Bürgermeister die Stadt regieren. Der Staatssekretär für Wirtschaft lässt gerade prüfen, ob die Stadt Steegs Anlage doch kauft. Und im neuen Haushaltsbeschluss könnte endlich stehen, dass Berlin genügend Geld für die Säuberung der Spree bereitstellt.

Ein nebliger Herbsttag. Ralf Steeg ist früh aufgestanden und zu seiner Pilotanlage rübergefahren, es ist ganz still, der Fluss gehört ihm an diesem Morgen ganz allein. Steeg liebt die Spree, gerade weil sie so gar nichts Reißerisches, Dramatisches hat. Sein Leben ist aufregend genug.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.