Enteignung Franz Sedelmayer gegen Russland

Ein bayerischer Unternehmer versucht seit 20 Jahren, Schulden von Russland einzutreiben, es geht um Millionen. Kann er die Supermacht in die Knie zwingen? Von

ZEITmagazin Nr. 47/2014

An dem Morgen, an dem Franz Josef Sedelmayer wieder einmal gegen Russland antritt, stecken in seiner Hosentasche ein Scheck über 130.000 Euro und ein Glückskäfer von seiner Tante. Er steigt in ein Taxi, und er weiß noch nicht, ob er den Kampf gewinnen wird, er ist gespannt. Es ist Mitte September, acht Uhr, die Luft in Stockholm ist kühl, Nebel hängt über den Straßen. Sedelmayer ist auf dem Weg zu einer Versteigerung, es geht um viel Geld, ein Grundstück in russischem Besitz soll zu seinen Gunsten unter den Hammer kommen. Wenn es gut läuft, erhält er eine Million Euro. Einen Teil des Gelds, um das er seit fast 20 Jahren kämpft. Ein Experte, der ihn beraten hat, hat ihn vorgewarnt: "Das werden die längsten fünf Minuten Ihres Lebens."

In Schweden ist Sedelmayer bekannt, die Zeitungen berichten über ihn, vor ein paar Monaten gab er ein Fernsehinterview. "Wenn Sie so nett wären, sich vorzustellen?", bat ihn die Reporterin, als die Kamera lief. Er nickte. "Mein Name ist Franz Sedelmayer, ich komme aus Bayern. 1994 wurde ich vom russischen Präsidenten enteignet und 1996 von meinem Firmengrundstück in Sankt Petersburg vertrieben. Ein Schiedsgericht entschied, dass mir 2,35 Millionen Dollar als Entschädigung zustehen. Seitdem vollstrecke ich gegen die Russische Föderation."

Wäre das Leben des Franz Sedelmayer ein Buch, es wäre Wirtschaftskrimi, Abenteuerroman, Gerichtsreportage, Spionagethriller und Volkstheaterstück zugleich. Unschreibbar. Und eigentlich auch unlebbar. Es ist die Geschichte eines ungleichen Kampfs: ein Kaufmann aus dem oberbayerischen Irschenhausen gegen den größten Flächenstaat der Welt. Franz Sedelmayer gegen Russland.

Alles an Sedelmayer strahlt Selbstbewusstsein aus. Sein Lachen ist laut, sein Bayerisch derb, sein Bauch stattlich, sein Aftershave durchdringend. Aber an seinem 50. Geburtstag im Sommer 2013, ein Jahr vor der Versteigerung in Stockholm, wurde er nachdenklich. Er fragte sich: Wo stehe ich im Leben? Als seine Firma in Russland 1994 enteignet wurde, war gerade sein Sohn geboren worden. Wenn er ihn nun anblickte, sah er einen jungen Mann und dachte: So lange kämpfe ich schon um mein Geld.

Sedelmayer ist nicht der Einzige, der in den neunziger Jahren in Russland enteignet wurde und eine Entschädigung zugesprochen bekam. Aber keiner außer ihm hat es bislang geschafft, russisches Eigentum zu pfänden. Für das Jahr nach seinem 50. Geburtstag sind vier Versteigerungen von russischen Grundstücken zu seinen Gunsten anberaumt. Drei in Köln und dann, als letzte, die Versteigerung in Stockholm. Es muss, sagte sich Sedelmayer, jetzt endlich was passieren, damit die Sache zu Ende geht.

Die Stockholmer Vollstreckungsbehörde ist im ersten Stock einer ehemaligen Schokoladenfabrik untergebracht, das Foyer sieht aus wie ein Ikea-Musterzimmer: dunkle Sofas, glänzende Kissen, grüne Vorhänge und eine Fototapete, Motiv schwedischer Wald. Der Raum füllt sich langsam, noch eine halbe Stunde bis zum Versteigerungsbeginn. Auch Sedelmayers Tante Betti* und sein Sohn Daniel sind da. Sie haben ein anderes Taxi genommen, und sie tun so, als würden sie Sedelmayer nicht kennen. Das gehört zu Sedelmayers Plan.

Um kurz vor neun betreten ein dünner und ein blasser Rechtspfleger den Versteigerungssaal. Der Dünne legt Akten auf den Tisch, der Blasse ein Metallhämmerchen. Auf dem Grundstück, das sie gleich versteigern wollen, steht ein mehrstöckiges Gebäude, in dem früher die russische Handelsmission untergebracht war, heute sind darin Wohnungen. Sedelmayer hat das Grundstück mit einer Forderung von einer Million Euro belastet. Er sitzt kaugummikauend neben seinen beiden schwedischen Anwälten ganz vorn, die Anwälte der Russen sitzen mit etwas Abstand links von ihm. Die Reihen dahinter sind gut gefüllt, obwohl die schwedischen Zeitungen das Haus wiederholt als "unverkäuflich" beschrieben haben.

Der Blasse erklärt etwas auf Schwedisch, die Minuten vergehen. Sedelmayer kaut heftiger. "Wieso fangen die net an?", flüstert er nach einer knappen halben Stunde. Ein paar Reihen hinter ihm sitzen Daniel und Tante Betti, zu Hause warten seine Frau und seine Eltern. "Gangig sans", sagt Sedelmayer. Nervös.

Dann eröffnet der Dünne das Bietverfahren. Die längsten fünf Minuten in Sedelmayers Leben beginnen.

Russland 1991, das gefällt Sedelmayer. Er spürt die Energie der Menschen, etwas zu verändern. Den Aufbruch. Daran will er teilhaben

Franz Sedelmayer ist in Pullach aufgewachsen, wenige Minuten entfernt von den Mauern des BND-Geländes. Er ist ein Kind des Kalten Kriegs. Als der Eiserne Vorhang fällt, ist er 26 Jahre alt und hat sich gerade mit einem kleinen Unternehmen selbstständig gemacht, das Ausrüstung für Anti-Terror-Kommandos liefert: Westen aus ballistischem Nylon, Gasmasken, Abseilgeräte, schusssichere Fahrzeuge. Sedelmayer hört Gerüchte, dass russische Behörden Unterstützung in Sicherheitsfragen suchen. Geschäfte mit den Kommunisten, "na, ob des so ideal ist?" Er ist skeptisch.

Aber seine Neugier ist größer.

1989 mietet er sich in Helsinki ein Auto und rast mit Tempo 140 in Richtung Leningrad. Die Straße ist neu. So neu, dass sie in einem Sandberg endet. Sedelmayer ist auf einer Baustelle unterwegs. Ein Sinnbild für das, was ihn in Russland erwartet: ein Land im Umbruch, in dem er schnell vorankommt. Und am Ende ausgebremst wird.

Russland gefällt Sedelmayer. Er spürt die Energie der Menschen, etwas zu verändern. Den Aufbruch. Daran will er teilhaben. Von privaten Unternehmern vor Ort hält er sich fern, "fast alles Mafiosi", sagt er. 1991 gründet er ein Joint Venture mit der Leningrader Polizei: eine Firma, die russische Polizisten ausstatten und trainieren soll. Zur Hälfte gehört sie ihm, zur Hälfte der Polizei.

Die Polizei hat kein Geld, aber Infrastruktur: Sie bringt ein 20.000 Quadratmeter großes Grundstück in die Firma ein, auf der Kamenny-Insel, in bester Leningrader Lage. Die drei Gebäude auf dem Grundstück, darunter eine märchenhafte Holzvilla aus der Zarenzeit, waren "am Auseinanderfallen", sagt Sedelmayer. Er renoviert alles, Heizung, Fenster, Dach, Wasser- und Elektroleitungen, Kanalisation, baut innen aus, "vom Waschbecken bis zum Büro". Er investiert rund 800.000 Dollar.

Im Oktober 1991 zieht die Firma ein. Im Februar 1992 wird plötzlich ein Gesetz erlassen: Eigentum, das Behörden in Joint Ventures investiert haben, soll der Staat übernehmen. Um zu erfahren, was das für seine Firma bedeutet, trifft sich Sedelmayer mit dem Leiter des Komitees für Außenbeziehungen und der Registrierungsbehörde von Sankt Petersburg, wie die Stadt jetzt wieder heißt, einem schmalen, farblosen Mann. Dieser, so erzählt Sedelmayer, fragt ihn: "Was tust du eigentlich für die Stadt?" Kalt wie ein Fisch sei er gewesen und habe ausgezeichnet Deutsch gesprochen. Sein Name: Wladimir Putin.

Sedelmayer schlägt Putin vor, er könne der Stadt für die Goodwill Games 1994 ein Sondereinsatzkommando stiften. Für seine Firma wird ein neuer Partner bestimmt: das Komitee zur Eigentumsverwaltung der Stadt, das dem Komitee für Staatsbesitz unterstellt ist. Mit anderen Worten: der russische Staat.

Im Wildwestkapitalismus der neunziger Jahre werden viele in Russland reich. Niemand weiß genau, welche Gesetze gerade gelten, alles ist möglich. Das birgt große Risiken, aber ermöglicht auch große Profite. Sedelmayer mischt mit. Er stattet im ganzen Land Polizeibehörden aus, stellt ausländischen Firmenniederlassungen bewaffnetes Wachpersonal und Personenschutz, er beschäftigt 150 Angestellte. Fotos von damals zeigen einen Mann, der das Abenteuer genießt: Sedelmayer mit Fellmütze in Sibirien, Sedelmayer beim Wodkatrinken mit Geschäftspartnern, Sedelmayer verliebt mit seiner Dolmetscherin Vlada. Sie heiraten 1992, zwei Jahre später kommt das erste Kind, Daniel.

Kurz darauf, Ende 1994, hört Sedelmayer, Präsident Boris Jelzin suche auf der Kamenny-Insel ein Grundstück. Seine Nachbarn erzählen, Jelzin und Putin seien bei ihnen gewesen und hätten sich über den Zaun das Firmengrundstück angeschaut. Sorgen macht Sedelmayer sich keine. "Dann kriegen wir halt ein anderes Grundstück", sagt er sich, "der Zar hat viele schöne Töchter."

Am 4. Dezember 1994 entzieht Jelzin mit der Präsidialverordnung 633-RP Sedelmayers Firma das Gelände. Es soll zukünftig, so heißt es in der Verordnung, "für den Empfang ausländischer Staatsgäste des russischen Präsidenten" genutzt werden. Als Ersatz sei ihm, so Sedelmayer, ein Grundstück mit maroden, teilweise ausgebrannten Gebäuden angeboten worden, für das er zahlen sollte. Er lehnt ab, versucht zu verhandeln. Vergeblich.

Im Oktober 1995 versiegeln Gerichtsvollzieher unter Polizeischutz einen Teil der Firmengebäude. Sedelmayer bleibt. Vier Monate lang stehen sich seine Wachleute und die Polizisten gegenüber. "Mexican standoff", sagt er. Als er mit Frau und Sohn im Januar 1996 nach München fliegt, wird das Gelände endgültig beschlagnahmt. Die Sedelmayers kehren nicht mehr nach Russland zurück, auch die Familie seiner Frau zieht nach Deutschland.

Sedelmayer verklagt Russland sofort auf Entschädigung. Für seine Investitionen in die Firma und die Immobilien, das beschlagnahmte Material und die entgangene Nutzung des Grundstücks. Grundlage ist ein Investitionsschutzabkommen zwischen Deutschland und Russland, das als Ort für Schiedsverfahren Stockholm festlegt. 1998 fällt das schwedische Schiedsgericht sein Urteil: Russland schuldet Sedelmayer 2,35 Millionen Dollar und den Anteil an den Verfahrenskosten, verzinst mit zehn Prozent. Sedelmayer ist erleichtert. Jetzt werden die Russen zahlen, glaubt er. Aber sie zahlen nicht.

Als Privatmann Geld von einem Staat einzutreiben, der nicht zahlen will, ist so gut wie aussichtslos. Sedelmayer ist jung, er könnte in Deutschland noch mal ganz neu anfangen, eine neue Firma gründen. Aber er denkt nicht daran aufzugeben.

"Wir Sedelmayers", sagt Franz Sedelmayer, "sind stur." Als er zwölf Jahre alt war, machten die Eltern Sedelmayer mit ihm und seinem Bruder Urlaub in Irland. In Dublin war der Vater einmal nicht sicher, in welche Richtung er fahren musste, er hielt auf einer Kreuzung an und fragte einen Verkehrspolizisten nach dem Weg. "Fuck off!", sagte der. Da stellte der alte Sedelmayer mitten auf der Kreuzung den Motor ab und blockierte den Verkehr. So lange, bis der Polizist ihm nicht nur den Weg beschrieb, sondern sich auch entschuldigt hatte. Eine Geschichte, die der kleine Franz nicht vergaß. Wenn Staatsvertreter mit ihrer Macht drohen, werden die Sedelmayers bockig. Und so legte der russische Staat sich nicht nur mit Franz Sedelmayer junior an. Sondern im Grunde mit seiner ganzen Familie.

Sedelmayer senior besaß in dritter Generation verschiedene Maschinenbaufirmen. Als Sedelmayer den Schiedsspruch bekommt, sind die Firmen verkauft, seine Eltern haben genug Vermögen, um ihn zu unterstützen. Sedelmayers Geschäfte in Russland liefen gut, seine Existenz ist nicht bedroht, das gibt ihm Sicherheit. Er widmet sich jetzt ganz seinem Kampf. Sein Plan: Er will russisches Eigentum in Deutschland pfänden. Es ist seine einzige Möglichkeit, an sein Geld zu kommen. Aber Eigentum eines fremden Staates im Ausland steht meistens unter hoheitlichem Schutz, Botschaften zum Beispiel. Sedelmayer muss sich etwas einfallen lassen. Und ihm fällt einiges ein.

Sedelmayer versucht, sich die Gebühren zu sichern, die die Lufthansa an Russland für Überflugrechte zahlt. Ein Gericht lehnt das ab.

Sedelmayer versucht, die Rückzahlung der deutschen Mehrwertsteuer an die russische Botschaft zu stoppen und sich auszahlen zu lassen. Er scheitert.

Sedelmayer versucht, auf der Hannover Messe, wo sich russische Behörden wie der Zoll und das Industrieministerium mit eigenen Ständen präsentieren, alles zu pfänden, "was nicht niet- und nagelfest war". Vergeblich.

Sedelmayer versucht, die Mieten zu pfänden, die ein Juwelier und eine Modefirma für ihre Ladenlokale im Russischen Haus, einem russischen Kulturzentrum in der Berliner Friedrichstraße, zahlen. Ohne Erfolg.

Sedelmayer versucht, auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin Satelliten- und Raketenmodelle der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos zu beschlagnahmen. Aber der Rechtsanwalt der Messe verweigert ihm und dem Gerichtsvollzieher den Zutritt.

2003, fast zehn Jahre nachdem er enteignet wurde, hat Sedelmayer noch keinen Cent bekommen. Er war mutig, als er sich mit den Russen anlegte. Aber auch naiv. Sedelmayer hat den Glückskäfer von Tante Betti, einen gesunden Menschenverstand und die Unterstützung seiner Familie. Ein Staat wie Russland hat jede Menge Berater, die seine Interessen wahren, unerschöpfliche Mittel und unendlich viel Zeit. Der Machtlose gegen den Mächtigen, Menschen lieben diese Geschichte. Aber wer will schon in der Haut des Unterlegenen stecken, bevor nicht klar ist, ob er gewinnt? Ob der Mut ihn zum Helden macht – oder seine Naivität zum Verlierer?

Sedelmayer will nicht verlieren. Er braucht jetzt etwas, das sichtbar ist, etwas Handfestes. Immobilien. Er macht sich auf die Suche nach Grundstücken in russischem Besitz, die nicht der Immunität unterliegen. Er findet sie: in Köln und in Stockholm. Es sind diese Grundstücke, in die Sedelmayer 2013 an seinem 50. Geburtstag immer noch alle Hoffnung setzt.

Die drei Grundstücke in Köln sind bebaut, auf einem steht ein ehemaliges Gebäude der sowjetischen Botschaft, auf den anderen war die Handelsvertretung untergebracht. Als Sedelmayer im März 2003 Zwangssicherheitshypotheken zu seinen Gunsten einträgt, wirkt das offenbar wie eine Kriegserklärung. Kurz nach der Eintragung der Hypotheken eröffnet die Staatsanwaltschaft in Sankt Petersburg ein Verfahren gegen Sedelmayer wegen Steuerhinterziehung. In München wird er auf Schadensersatz verklagt, er habe sich als Geschäftsführer auf Kosten des russischen Teilhabers bereichert. Mit dem Argument, die möglichen Ansprüche gegen Sedelmayer aus diesen Prozessen aufrechnen zu wollen, versuchen die Russen, die Zwangsvollstreckung der Kölner Grundstücke zu verhindern.

Es vergehen Jahre, in denen der Fall Sedelmayer gegen Russland groteske Züge annimmt. Ausufert. Bei dem Verfahren in München, das Sedelmayer gewinnt, schüttelt der Richter einmal ungläubig den Kopf, als Sedelmayer und die Anwälte der Gegenseite sich über ein Ergebnis aus einem wiederum anderen Prozess streiten. "Ja Herrschaften", fragt er, "wie viele Verfahren hams denn miteinander?" – "Na, so ungefähr 90", antwortet Sedelmayer. Prozesse in Berlin, Köln, München, der Bundesgerichtshof befasst sich mit einem Teil des Falls, Sedelmayer zieht sogar vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Aber dann, mitten in diesem Prozesskrieg, feiert Sedelmayer einen ersten, kleinen Sieg. Es gelingt ihm 2008, einige Monate lang die Mieten eines Gebäudes einzuziehen, rund 450.000 Euro. Bei einem anderen Grundstück lösen die Russen seine Hypotheken ab, er bekommt 180. 000 Euro.

Es ist nur ein kleiner Teil dessen, was ihm zusteht. Aber er ist jetzt der Erste, der jemals gegen Russland erfolgreich vollstreckt hat. Schiedssprüche gegen Russland, die seinem ähnlich sind, gibt es einige. Unter anderem hatte ein Schweizer Unternehmen ein Jahr vor Sedelmayer 50 Millionen Dollar in Stockholm zugesprochen bekommen, aber anschließend erfolglos versucht, im Ausland zu pfänden. Das spektakulärste Urteil fällte ein Schiedsgericht in Den Haag im Juli 2014: Russland soll 50 Milliarden Dollar an ehemalige Aktionäre des russischen Erdölkonzerns Yukos zahlen, da diese durch die Zerschlagung des Konzerns enteignet worden seien. Die Zahlungsfrist läuft Mitte Januar ab. Danach könnten die Aktionäre russisches Eigentum im Ausland pfänden und versteigern. So wie Sedelmayer. Aber er ist nicht nur der Erste, dem das erfolgreich gelang. Er ist bis heute auch der Einzige.

Köln, Anfang Februar 2014. Sedelmayer sitzt mit dem Anwalt Reiner Heyer, einem Versteigerungsexperten, in der Kantine des Kölner Amtsgerichts und trinkt Kaffee. Es ist der Tag der dritten Versteigerung in Köln. Seit dem Schiedsspruch vor 16 Jahren steigt die Summe, die Russland Sedelmayer schuldet, durch Zinsen, Anwalts- und Gerichtskosten täglich an, die Schulden belaufen sich, nach seinen Berechnungen, mittlerweile auf rund fünf Millionen Euro.

Die Russen, glaubt Sedelmayer, wollen verhindern, dass ein unabhängiger Bieter die Grundstücke ersteigert und dann an ihn zahlt. Bei der ersten Versteigerung bot eine russische Firma mit, das "Unternehmen für Vermögensverwaltung im Ausland", das zur Präsidialverwaltung gehört. Dass dieses Unternehmen und die Russische Föderation die gleichen Interessen verfolgen, ist offensichtlich, manchmal werden sie sogar von derselben deutschen Anwältin vertreten. Das Unternehmen bekam den Zuschlag für 600.000 Euro.

Als einige Wochen später der Auszahlungstermin anstand, wies die Anwältin auf ein laufendes Verfahren hin, in dem die Russen den Anspruch Sedelmayers kleinrechnen wollen – mit der Begründung, der Schiedsspruch sei verjährt und nicht mehr vollstreckbar, zumindest seien jedoch die Zinsen nicht zu zahlen. Dies war schon einmal abgewiesen worden, und zwar von demselben Gericht, das jetzt wieder entscheiden musste. Wieso sollte das Gericht diesmal anders urteilen, fragte sich Sedelmayer. Doch die Auszahlung wurde aufgeschoben.

Bei der Versteigerung des zweiten Grundstücks bot ein halbes Dutzend Interessenten mit. Aber jeder, der ein Gebot abgab, wurde von einem Mann angesprochen und vor die Tür gebeten. Ein Bieter erzählt später, was vor der Tür geschah: Der Mann sagte ihm, er solle aufhören, den Preis hochzutreiben – die Russen würden das Gebäude auf jeden Fall ersteigern. Auf der Website der Kanzlei, die das russische Unternehmen vertritt, findet man den Mann schnell: Er ist einer der Anwälte. Auf Nachfrage beruft sich die Kanzlei auf ihre Schweigepflicht und betont, sie habe das Mandat stets im gesetzlichen Rahmen ausgeübt.

Am Ende gab erneut das russische Unternehmen das höchste Gebot ab, 2,1 Millionen Euro. Beim Auszahlungstermin einige Wochen später bekam Sedelmayer aber nur einen Bruchteil, 210.000 Euro – die Sicherheitsleistung, die das russische Unternehmen wie jeder andere Bieter vor der Versteigerung einzahlen musste, um mitsteigern zu dürfen. Mehr war nicht in die Gerichtskasse eingezahlt worden.

Normalerweise dauert ein Zwangsversteigerungsverfahren ein bis zwei Jahre. Sedelmayer hat sechs Jahre darauf gewartet, dass die Grundstücke versteigert werden. Jetzt hat es bei den beiden ersten endlich geklappt, aber an das Geld kommt er nicht ran. Das macht ihn wütend. Immer wenn er glaubt, er habe die letzte Hürde genommen, um die Ziellinie zu überqueren, baut sich wie aus dem Nichts ein neues Hindernis vor ihm auf. Es ist ein frustrierendes Gefühl.

Sedelmayer kennt die Anwälte der Russen seit Jahren. Sitzt er ihnen gegenüber, platzt ihm meistens irgendwann der Kragen

Sedelmayer läuft jetzt durch die Gerichtsflure zum Versteigerungssaal. Seine Schritte sind ausladend, die Spitzen seiner handgemachten finnischen Cowboystiefel leicht nach außen gedreht, Bauch voran. Ein sich groß machender Gang, als habe er keine Angst davor, angegriffen zu werden. Seine Familie nennt ihn liebevoll "T-Rex": kurze Arme, großes Maul.

Im Versteigerungssaal sitzen neben zwei Dutzend Interessenten auch Sedelmayers Vater und Sedelmayers Sohn. Die Sedelmayers heißen alle Franz: Der Sohn Franz Daniel, Sedelmayer selbst Franz Josef, sein Vater, der Senior, Franz Xaver. Der alte Sedelmayer hat seine Arme auf dem mächtigen Bauch verschränkt, die Wangen leuchten rot, in seinen Augen glitzert der Schalk. Er kommt oft mit, um sich anzuschauen, wie sein Sohn sich vor Gericht schlägt. Wenn es langweilig wird, nickt er dabei schon mal ein.

Heute wird es nicht langweilig. Sedelmayer kennt die deutschen Anwälte der Russen seit Jahren. Sitzt er ihnen gegenüber, platzt ihm meistens irgendwann der Kragen. Diesmal ist es so weit, als die Anwältin des russischen Unternehmens das erste Gebot abgibt. Sedelmayers Anwalt macht die Rechtspflegerin darauf aufmerksam, dass das Unternehmen ja bereits in den beiden vorherigen Versteigerungen gezeigt habe, dass es offenbar nicht zahlen wolle. Als die Anwältin versichert, auf jeden Fall zahlen zu wollen, poltert Sedelmayer los. "Reißen Sie’s Maul net so weit auf!", ruft er quer durch den Saal. "Rufen Sie Ihren Mandanten zur Ordnung!", fordert die Anwältin Sedelmayers Anwalt auf. Der zuckt mit den Schultern: "Ich bin doch kein Löwenbändiger." Sedelmayers Vater lächelt zufrieden. Ein Unterhaltungsprogramm, ganz nach seinem Geschmack.

Wieder bekommt das russische Unternehmen am Ende den Zuschlag, bei 3,1 Millionen Euro. Die stehen Sedelmayer jetzt zu. Aber auf die Zusage, zahlen zu wollen, vertraut er längst nicht mehr.

Auf dem Flur fängt ihn eine junge Reporterin des Kölner Express ab. In den Artikeln des Express heißt Sedelmayer nur "der Kreml-Schreck". Im Stakkato diktiert Sedelmayer der Reporterin Sätze in den Block: "Die sitzen auf meinem Geld und zahlen nicht!" – "Wir leben hier in einem Rechtsstaat, ich lasse mich nicht auf diese Weise abspeisen!" – "Jetzt ist Schluss mit lustig!" Er zeigt ihr ein Urteil des Oberlandesgerichts: "Das habe ich heute bekommen. Die haben mich in Russland à la Chodorkowski auf Steuerhinterziehung verklagt. Auf 65 Millionen Euro. Jahrelang haben sie gesagt, sie wollten das aufrechnen. Jetzt haben sie es schriftlich: Selbst wenn ich ihnen diese Fantasiesumme schuldig wäre, sie können diese Steuern in Deutschland nicht eintreiben." Sedelmayer senior steht mit seinen leuchtenden Wangen daneben. "Das Verwirrspiel nimmt kein Ende mehr", sagt er schmunzelnd.

Hätte Franz Sedelmayer damals, als er vor Gericht zog, geahnt, wie viel Zeit, Geld und Kraft ihn dieser Streit kosten würde, er hätte es wohl nicht versucht. Doch wenn man mittendrin steckt, sagt er, "dann macht man’s halt". Es klingt einfach. Aber das war es nicht. Im ersten Jahr fragte er sich oft, ob er Fehler gemacht hatte, ob er hätte merken müssen, dass es in Russland nicht gut für ihn ausgehen würde. Er bekam ein blutiges Magengeschwür, der Arzt sagte ihm: Wenn Sie so weitermachen, sind Sie bald tot. Sedelmayer schaffte etwas, was ihm vielleicht das Leben rettete: Er nahm seinen eigenen Fall nicht mehr persönlich. Er begriff, dass es den Russen nicht um ihn ging. Sondern darum, dass er keine Nachahmer findet.

Als Sedelmayers Anwalt in Moskau verhandelte, durfte er nicht allein auf die Toilette gehen – er kam sich vor wie in einem Spionagethriller

Die meisten anderen Menschen hätten in diesem ungleichen Kampf längst den Verstand verloren oder den Mut, zumindest die Geduld. Aber Sedelmayer hat, und das ist vielleicht sein größtes Glück, das richtige Gemüt, um nicht zu verzweifeln. Er hat nicht die Aussichtslosigkeit des großen Ganzen im Blick, sondern die Machbarkeit des nächsten Schritts. Er kann, trotz aller Rückschläge, seinem Kampf komische Seiten abgewinnen. Er besitzt eine gesunde Portion Selbstironie, lässt sich von seinem Sohn und seiner 13-jährigen Tochter foppen und findet es witzig, wenn seine russische Frau ihm jedes Jahr am 9. Mai einen Zettel schreibt: "Hitler kaputt!" Er liebt gutes Essen und die Zigarre danach. Er ist, und das ist erstaunlich, ein lebensfroher Mensch.

Und da ist noch etwas. "Der Herr Sedelmayer", sagt Wolfgang Heinicke, "ist furchtlos." Heinicke ist Sedelmayers Rechtsanwalt. Eigentlich ist er auf Baurecht spezialisiert, aber da Sedelmayer niemanden in Deutschland fand, der sich mit Vollstreckungen gegen einen fremden Staat auskannte, hat Heinicke Sedelmayers Kampf von Anfang an begleitet. Nur bei den Versteigerungen selbst vertritt Sedelmayer ein Experte. Sedelmayer und Heinicke waren junge Männer, als sie loszogen, Sedelmayers Geld einzutreiben. Mittlerweile durchziehen Sedelmayers militärischen Bürstenschnitt graue Strähnen, Heinickes Haar ist fast weiß.

Heinicke gehört nicht zu den lauten Vertretern seiner Zunft. Doch wenn es um Sedelmayer geht, findet er deutliche Worte: "Für die Russen sind das doch Peanuts! Aber sie wollen an Herrn Sedelmayers Beispiel offenbar klarmachen, dass andere Gläubiger ein solches Verfahren gar nicht erst anfangen sollen. Damit ist das deutsch-russische Investitionsschutzabkommen das Papier nicht wert, auf dem es steht. Wir sind beim Außenministerium vorstellig geworden, beim Bundeskanzleramt. Aber der deutsche Staat wollte sich offensichtlich aus dem Vorgang heraushalten. Da fragt man sich schon, warum er das Abkommen überhaupt geschlossen hat. Das ist eine regelrechte Falle für Investoren: Der Staat schafft eine Scheinsicherheit, die er nicht umsetzt."

Wenn man Heinicke nach dem skurrilsten Erlebnis in der Zeit fragt, muss er nicht überlegen. 2003, direkt nachdem Sedelmayer seine Hypotheken eingetragen hatte, boten die Russen einen Vergleich an: Zehn Millionen Dollar, Sedelmayer müsse zum Unterzeichnen allerdings nach Moskau kommen. Heinicke riet ihm ab, nach Russland zu fliegen. Zu gefährlich. Er flog selbst. Mit seiner Frau traf er eine Absprache wie aus einem Spionagethriller: Falls er sie anrufen und sich nach seinem Onkel erkundigen sollte, solle sie sofort die deutsche Botschaft in Moskau verständigen.

Die Verhandlungen fanden in einem schwer bewachten Gebäude statt, auf den Tischen standen Telefone ohne Tastatur, Heinicke durfte nicht unbegleitet auf die Toilette gehen. Sedelmayer habe sich rechtswidrig verhalten, behaupteten die Russen, "es ging richtig zur Sache", sagt Heinicke. Von einem Vergleich war keine Rede mehr. Erst zwei Stunden bevor sein Flieger startete, erfuhr er, was die Russen wollten: Er sollte ein Papier unterschreiben, dass Sedelmayer auf alle seine Ansprüche verzichtete. Heinicke setzte durch, das Papier umformulieren zu dürfen, sodass Sedelmayer der Vereinbarung zustimmen müsse – mit dem Hintergedanken, dass dieser das natürlich nie tun würde. Am Ende wurde Heinicke mit Blaulicht und Sirenen zum Flughafen gefahren. Es blieben nur noch wenige Minuten bis zum Abflug, aber sein Begleiter rauschte mit ihm durch alle Sicherheitskontrollen, einfach indem er seinen Ausweis zeigte. Als das Flugzeug abhob, atmete Heinicke tief durch und dachte: Schön, dass wir nach Westen fliegen und nicht nach Osten.

Das letzte der vier Grundstücke, die zu Sedelmayers Gunsten versteigert werden, ist jenes in Stockholm. Am Abend vor der Versteigerung sitzt Sedelmayer mit Tante Betti und seinem Sohn Daniel in einer mexikanischen Taco-Bar in der Nähe ihres Hotels, vor ihm steht eine pinkfarbene Erdbeermargarita. Sedelmayer erklärt den Schlachtplan für morgen. "Wichtigster Punkt: Wir kennen uns nicht." Beide nicken. Sie sollen mitbieten, als wären sie unbeteiligte Dritte, um – falls niemand sonst mitmacht – gemeinsam mit Sedelmayer den Preis so hoch zu bringen, dass die Rechtspfleger das Gebot annehmen.

Sedelmayer hätte nichts dagegen, das Haus zu ersteigern. Dann hätte er zwar selbst einen Teil seiner eigenen Forderung bezahlt, aber dafür ein Grundstück in guter Lage erhalten. Besser als nichts. Sein Schwager hat ihm die 130 000 Euro für die Sicherheitsleistung geliehen, Sedelmayer trägt den Scheck immer bei sich. "Ich fange mit einer Million an, dann ihr 1,5, ich zwei und so weiter. Unser Ziel sind mindestens 5,5 Millionen Kronen, das sind ungefähr 70 Prozent des Verkehrswerts, das müssten die Rechtspfleger akzeptieren." – "Also wenn nix los ist, hören wir bei 5,5 Millionen auf?", fragt Tante Betti. "Genau." Sedelmayers Sohn hat die schwedischen Zahlen gelernt, auf einem Blatt Papier hat er den Bietrhythmus notiert. "Wir fahren getrennt zur Versteigerung: Mein Taxi kommt um Schlag acht, eures etwas später. Dann kommen wir zu verschiedenen Zeiten an, das fällt nicht so auf." Alle nicken. Sedelmayer blickt zufrieden in die Runde. "Guat! Des war’s scho. Prima!"

In Schweden hat Sedelmayers Fall für Unruhe gesorgt. Als feststand, dass das Haus versteigert werden durfte, bestellte das russische Außenministerium den Vertreter des schwedischen Botschafters ein. Der schwedische Außenminister wies die Rechtspfleger in einem Brief darauf hin, dass die Russen versichert hätten, das Gebäude werde zu diplomatischen Zwecken genutzt. Schweden müsse die Immunität respektieren. Ihm wurde daraufhin vorgeworfen, er habe Druck ausüben wollen, um die Versteigerung zu stoppen.

Die Versteigerung am nächsten Tag ist bereits der dritte Versuch. Bei der ersten Versteigerung 2012 war der Verkehrswert des Hauses auf 6,8 Millionen Euro geschätzt worden, viel zu hoch. Sedelmayer vermutet, dass der hohe Wert Bieter abschrecken sollte. Es bot dann tatsächlich bei der Versteigerung niemand außer ihm selbst. Aber den Rechtspflegern war der Abstand zwischen dem Verkehrswert und Sedelmayers Gebot zu groß. Sie lehnten es ab.

Sedelmayer forderte für die zweite Versteigerung ein neues Gutachten. Das bewertete das Haus plötzlich nur noch mit 1,1 Millionen Euro. "Da kann mir doch keiner sagen, dass das vorher mit rechten Dingen zugegangen ist!", sagt Sedelmayer. Ein Bieter ersteigerte es, zog aber vor dem Zahlungstermin zurück. Er hatte nicht genug Geld.

In Köln hat Sedelmayer mittlerweile zumindest die 600.000 Euro aus der ersten Versteigerung erhalten. Aber auf den Rest des Geldes wartet er immer noch. In den vergangenen Wochen wirkte er manchmal resigniert. So, als könne auch ihm irgendwann die Kraft ausgehen.

An diesem Abend in Stockholm merkt man ihm das nicht an. Sedelmayer kommt in Fahrt. Er erzählt, wie die Russen jahrelang vergeblich den Schiedsspruch in Schweden anfochten, wie er auf mysteriöse Weise verschwundene Akten aufspürte, einen Ministerialrat im Kanzleramt zusammenfaltete – und von einem Richter, der aussah wie Käpt’n Iglo. Seine Margarita ist längst geschmolzen. Tante Betti raucht still vor sich hin, sie versteht kein Englisch. Daniel hat seinen Laptop rausgeholt und arbeitet für die Uni. Er kennt die Geschichten seines Vaters. Mit Freunden redet Sedelmayer kaum noch über seinen Fall. Er will niemandem auf die Nerven gehen. Denn wenn es zu sehr hineingeht in das juristische Dickicht, kann es passieren, dass man nicht mehr erkennt, welchen Schachzug der Russen er gerade anprangern will. Oft muss er dann alles noch mal erklären. Sedelmayer sagt, selbst sein Anwalt Heinicke blicke, bei allem Respekt, nicht immer ganz durch. Heinicke sagt über Sedelmayer dasselbe.

Am nächsten Morgen um halb zehn kommt das erste Gebot. "200.000!", ruft einer. Ein anderer erhöht auf eine Million. "Zwei!", sagt Sedelmayer. 2,5 Millionen, drei Millionen, Daniel hebt die Hand. "3,5 Millionen", sagt er. Als ein Dunkelhaariger aus der Mitte sechs Millionen bietet, wird Sedelmayer ruhiger. Egal, wie es weitergeht, die Summe ist so hoch, dass die Rechtspfleger das Höchstgebot zulassen müssten. Es läuft. Schließlich bietet ein bärtiger Mann zwölf Millionen. "Zwölf Millionen zum Ersten. Zwölf Millionen zum Zweiten." Pause. "Zwölf Millionen", der Blasse greift zum Hämmerchen, "zum Dritten!" Das Hämmerchen saust auf die Tischplatte, ein kurzer Knall. Dann Stille. Sedelmayer sagt: "It’s sold."

Zwölf Millionen Kronen, rund 1,3 Millionen Euro. Der Bärtige trägt eine schwarz-grüne Trainingsjacke, Jeans, Turnschuhe, in der Hand eine Flasche Cola light. "Schaut aus wie der Hausmeister", murmelt Sedelmayer. Er habe für die Firma Power and Resources Science Energy AB geboten, sagt der Bärtige. Es klingt wie ein Fantasiename.

Draußen zündet sich Sedelmayer einen Zigarillo an und läuft um die nächste Häuserecke, wo er mit Daniel und Tante Betti verabredet ist. Sedelmayer verteilt Gummibärchen. "Na, wenn des keine russische Firma ist", sagt er, "Power and Resources Science bla bla – klingt wie früher, nur dass damals noch immer SOV davorstand." Sein Vater ruft an, Sedelmayer berichtet, "sagst der Mami Bescheid, ja? Oakidoaki, pfüati, servus, ciao!" Später meldet sich sein schwedischer Anwalt. Er hat herausgefunden, dass die Firma Power and Resources Science Energy AB gerade erst gegründet worden ist und bislang keine Geschäftsaktivitäten verzeichnet. Für Sedelmayer ist klar: Eine Strohfirma, die Russen haben das Haus wieder selbst ersteigert. Der Zahlungstermin ist für Mitte Oktober angesetzt. Ob er dann sein Geld bekommt? "Schau mer mal", sagt er.

Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Vielleicht, weil gegen den Direktor des russischen Unternehmens, das die Kölner Grundstücke ersteigert hat, in Russland Presseberichten zufolge wegen Amtsmissbrauchs ermittelt wird. Vielleicht, weil es für Russland gerade wichtigere Kämpfe gibt als den gegen einen Kaufmann aus Irschenhausen. Jedenfalls werden zwei Wochen später aus der dritten Kölner Versteigerung 2,1 Millionen Euro an Sedelmayer ausgezahlt. Das Grundstück aus der zweiten Versteigerung will ein Investor von den Russen kaufen und das Geld bis Mitte Dezember an Sedelmayer überweisen.

Sedelmayer ist zuversichtlich, als er im Oktober zum Auszahlungstermin nach Stockholm fährt. Dort läuft alles glatt. Er bekommt nur 400.000 Euro, weil ein Teil seiner Forderung schon in Köln bezahlt worden ist. Es scheint, als würde sich ihm diesmal keine Hürde mehr in den Weg stellen, als könnten ihm die vier Versteigerungen bald rund fünf Millionen Euro gebracht haben. Dann wäre alles bezahlt, bis auf ein paar Zinsforderungen. "Doch die", sagt Sedelmayer, "sind nicht mehr kriegsentscheidend." Es sieht gut aus für ihn, so gut wie noch nie. Aber noch ist er wachsam. Das Gefühl, fast gewonnen zu haben, kennt er zu gut. Bis nicht der letzte Cent auf seinem Konto ist, traut er ihm nicht.

"Was wirst du bloß mit deiner Zeit anfangen, wenn alles vorbei ist?", neckt ihn seine Frau oft. Sedelmayer sitzt jetzt im Aufsichtsrat eines amerikanischen Unternehmens, das in den neunziger Jahren in Moskau einen Country Club betrieben hatte und ähnlich wie Sedelmayer enteignet wurde. Die Inhaber haben einen Schiedsspruch aus Stockholm, der ihnen mehr als 20 Millionen Dollar zuspricht.

Der Kampf Sedelmayer gegen Russland geht weiter. Doch es ist nicht mehr so klar, wer der Stärkere ist.

* Name von der Redaktion geändert

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

5 Kommentare

Klar, das klingt (bzw. wurde aus der alleinigen Sicht Sedelmayers so geschrieben) als ob TTIP die Lösung der Probleme sei.

"When in Rome, do as the Romans do" Nicht wie die Bavarians.
Russland ist nicht gerade für berechenbare Politik und stabile Investitionssicherheit bekannt.
Ob die vielen reichen Russen ihr Geld mit langfristigen Anlagen erreicht haben?
Unternehmerrisiko. Man sollte das Umfeld in das man investiert genau kennen, so wie das Risiko wem man vertraut und wem nicht. Dann muss die Rendite eben etwas höher sein. Tausende russische Cayenne-Fahrer können nicht irren.

Aber seinem Geld 20 Jahre hinterher zu prozessieren, das schaffen nur Deutsche...

Ich wuerde das mal mit dem Artilel 'Viel Geld auf Kosten der Steuerzahler' vergleichen. Hier ist ploetzlich der Klaeger der Gute und der Staat der Boese, dort ist es umgekehrt. Solche Schiedsgerichte funktionieren immer als Recht des Staerkeren, das hat mit Gerechtigkeit eher wenig zu tun. Wenn Russland etwas zahlen soll, sagen sie einfach nein, wenn es um ein kleineres Land wie Rumaenien geht, findet sich jemand, der da genug Druck macht, das die dann zahlen. Wenn man sich als Geschaeftsmann von einem Staat falsch behandelt sieht, kann man vor dessen Gerichten klagen. In manchen Laendern wird das eher wenig bringen, aber das ist halt das Risiko das man als Geschaeftsmann eingeht, es war ja wohl nicht ueberraschend, dass das Recht in Russland in den 90ern nicht so funktioniert wie in Deutschland.

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