Das war meine Rettung "Nach seiner Aussage war es ganz still im Saal"

Gerhard Wiese war Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess. Er musste einen Weg finden, den Schrecken zu ertragen.
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 47/2014

ZEITmagazin: Herr Wiese, Sie waren im ersten Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 in Frankfurt einer von vier Staatsanwälten. Wie viel wussten Sie vorher über das Konzentrationslager?

Gerhard Wiese: Das erste Mal von den KZ-Verbrechen gehört hatte ich in russischer Gefangenschaft in Fürstenwalde. Da wurden im Sommer 1945 Zeitungen mit Bildern aus den Konzentrationslagern an eine Tafel geheftet. Ich habe gedacht, das ist unmöglich, so was kann gar nicht passieren. Ich hatte große Zweifel. Durch die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse wurde mir dann bewusst, was geschehen war.

ZEITmagazin: In Frankfurt standen 20 Mitglieder der Lagermannschaft vor Gericht. Wie schwierig waren die Ermittlungen?

Wiese: Als ich zum Team der Staatsanwälte stieß, waren die Ermittlungen abgeschlossen. Die Kollegen haben mir erzählt, dass sie auf den Polizeidienststellen nicht gerade auf helle Begeisterung gestoßen waren, wenn sie mit ihren Wünschen nach Zeugenvernehmung kamen. Ein Kollege musste gegen das Polizeibataillon 306 in Hamburg ermitteln, er wurde dauernd gefragt, warum das denn jetzt nötig sei, die Beamten seien doch längst wieder im Dienst.

ZEITmagazin: Am Ende gab es sechsmal lebenslänglich, drei Freisprüche und elf Haftstrafen.

Wiese: Wir hatten für alle lebenslänglich gefordert, weil wir Auschwitz als ein Werk gesehen haben, das zur Vernichtung von Menschen bestimmt war und bei dem jeder, egal, in welcher Funktion, zu den Morden beigetragen hat. Das Gericht ist dem nicht gefolgt, sondern hat für jeden einzelnen Angeklagten die Schuld geprüft. Der Zahnarzt Willy Schatz zum Beispiel hatte beteuert, beim Dienst an der Rampe habe er sich immer an die Seite gedrückt und nichts gemacht. Er wurde freigesprochen. Da kann ich mich noch heute kaum zurückhalten. Es zieht einem die Pantoffeln aus, wenn man Sachen hört wie: Er musste Dienst machen, weil kein anderer Offizier da war. Robert Mulka, der Adjutant des Lagerkommandanten, betonte immer wieder, er habe nichts gewusst, so etwas hätte er als deutscher Offizier niemals gemacht. Da hat ihm mein Kollege Kügler eins übergebraten: Offizier? Sie waren ein widerlicher Verbrecher! Mulka hatte unter anderem die Fahrbefehle für den Lkw unterschrieben, mit dem das Zyklon B geholt wurde. Macht man das nur so nebenbei?

ZEITmagazin: Wie haben Sie die SS-Täter erlebt? Als Sadisten?

Wiese: Es war eine Ansammlung biederer Männer, man merkte ihnen nicht an, was sie getan hatten. Nur der ehemalige Rapportführer Oswald Kaduk war ein durch und durch brutaler Charakter. Er hat Häftlinge totgeschlagen und totgetreten. Er bekam lebenslänglich. Vor dem Prozess arbeitete er als Krankenpfleger. Er war sehr beliebt, sein Spitzname war Papa Kaduk.

ZEITmagazin: Was hat Sie besonders aufgewühlt?

Wiese: Wenn die ehemaligen Häftlinge aussagten. Am bedrückendsten war die Aussage von Dr. Berner, einem Arzt, der mit Frau und Kindern deportiert worden war. Raus aus dem Zug, Männer nach rechts, Frauen und Kinder nach links. Plötzlich sah er einen SS-Offizier, den er kannte, den Lagerapotheker Dr. Capesius. Er fragte ihn, ob er dafür sorgen könne, dass seine Familie zusammenbleibe, seine Zwillinge und die ältere Tochter. Capesius horchte beim Wort Zwillinge auf und brachte sie zu Josef Mengele, der an Zwillingen grausame Experimente durchführte. Der hatte aber kein Interesse, weil sie zweieiig waren. Sie wurden gleich in die Gaskammer geschickt. Dr. Berner zeigte Fotos von seiner ermordeten Familie. Nach seiner Aussage war es ganz still im Saal.

ZEITmagazin: Nun läuft ein Spielfilm in den Kinos, der die Ermittlungen zum Prozess nacherzählt. Im Film zerbricht das Privatleben des Staatsanwalts, weil die Grausamkeiten ihn nicht loslassen. Wie war das bei Ihnen?

Wiese: Eher wie bei einem Arzt: Wenn der sich mit seinen Patienten identifiziert, geht er kaputt. Sie als Psychologe können das sicher nachvollziehen. Ich habe zu Hause grundsätzlich nicht über die Arbeit gesprochen. Als Staatsanwalt wird man täglich mit schrecklichen Dingen konfrontiert, in diesem Fall mit einer ganz bestimmten Menschensorte, SS-Leuten, die in Auschwitz grausam gewütet haben. Ich glaube, ich bin bei meinem Gang aus dem Gerichtssaal und auf dem langen Heimweg einfach wieder ins Leben hineingestoßen worden. Dann kommt man nach Hause, Frau und Tochter begrüßen einen, und man ist froh. Diese Normalität war mein Gerüst. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Gerhard Wiese, 86, war 33 Jahre lang Staatsanwalt, zuletzt als stellvertretender Leiter der Staatsanwaltschaft in Frankfurt. Der Film "Im Labyrinth des Schweigens", der jetzt im Kino zu sehen ist, erzählt von den Widerständen bei den Ermittlungen zum Auschwitz-Prozess

Der Psychologe Louis Lewitan gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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