Harald Martenstein Über das soziale Geschlecht und neue Herausforderungen für Männer

Herr Schulz soll befördert werden. Endlich. Er hatte sein Leben lang dafür gebuckelt. Wegen der Quote muss nun aber eine Frau seinen Job im Aufsichtsrat kriegen. Von
ZEITmagazin Nr. 47/2014

"Schulz, mein Bester", sagte Direktor Tück, "ich will Sie im Aufsichtsrat. Der alte Müller hört ja übernächstes Jahr auf. Keiner kennt unseren Laden so gut wie Sie. Alle schätzen Sie. Die Vereinigten Stahlwollwerke AG wären ohne Sie nicht das geworden, was sie heute sind, nämlich der Weltmarktführer für Stahlwolle im Premium-Segment."

Schulz nickte. Endlich. Das war längst fällig.

"Es gibt allerdings ein kleines Problem." Direktor Tück räusperte sich. "Ab 2016 müssen 30 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein. Nur bei den großen Unternehmen, erst mal. Aber nicht zuletzt dank Ihres unermüdlichen Einsatzes, mein lieber Schulz, sind wir groß genug, um unter das neue Gesetz zu fallen."

Natürlich, das neue Gesetz. Schulz nickte. Das war’s dann also. Ein Leben für die Vereinigte Stahlwolle, welches ähnlich unvollendet bleiben würde wie die Fußballkarriere von Michael Ballack, der mit Deutschland nie einen Titel gewonnen hat.

"Lassen Sie den Kopf nicht hängen", sagte Direktor Tück. "Ich habe da eine Idee. Ich habe viel gelesen, wissen Sie. Das biologische Geschlecht heißt Sex. Daneben gibt es das soziale Geschlecht, also wie jemand sich verhält oder als was sich jemand empfindet. Das heißt Gender. Ob jemand Mann oder Frau ist oder etwas Drittes, nun, das hängt ganz von gesellschaftlichen Zuschreibungen ab. Die Biologie ist gar nicht so wichtig. Verstehen Sie?"

"Nicht ganz." Schulz war verwirrt.

"Ab morgen, Schulz, sind Sie eine Frau, die im Körper eines Mannes gefangen ist. So bringe ich Sie in den Aufsichtsrat. Die Vereinigte Stahlwolle nimmt jetzt mal eine gesellschaftliche Zuschreibung vor." Direktor Tück lehnte sich triumphierend im Sessel zurück. "Wir sind da in hundertprozentiger Übereinstimmung mit der Geschlechterforschung und der feministischen Theorie. Die Gleichstellungsbeauftragte muss es akzeptieren. Es bleibt ihr gar nichts anderes übrig."

"Herr Direktor – ich bin verheiratet, zum dritten Mal schon. Ich habe vier Kinder."

Der Direktor schmunzelte. "Nun, ganz offensichtlich sind Sie eine Frau im Körper eines Mannes, die sich stark zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt. Da sehe ich kein ernsthaftes Problem."

"Wie müsste ich mich denn in Zukunft verhalten?"

"Sie verhalten sich wie immer. Wer, bitte schön, hat denn zu bestimmen, wie eine moderne Frau sich zu verhalten hat? Sie selber. Nur auf die Frage nach Ihrem Geschlecht antworten Sie ab heute immer ›weiblich‹. Eventuell ändern Sie Ihren Vornamen, und Ihre Personalpapiere. Die Rechtsabteilung checkt gerade, wie wir das machen. Wahrscheinlich müssen Sie einen Psychotest überstehen. Keine Sorge, da werden Sie vorher gecoacht. Sind Sie bei Facebook? Sie müssen noch heute Ihr Gender ändern. Man nennt das: doing gender."

"Ich glaube, da muss ich vorher mit meiner Familie reden."

"Tun Sie das, verehrte Frau Schulz, tun Sie das. Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen, das ist halt für Frauen noch immer nicht ganz einfach. Die Vereinigte Stahlwolle wird Ihnen helfen, wo sie kann."

Tück war zufrieden. Frau Schulz war ehrgeizig, die würde sich die Chance bestimmt nicht entgehen lassen. Und sie war die Beste. Als Unternehmer auf einem umkämpften Markt kam man heutzutage gar nicht darum herum, Gesetze ein bisschen kreativ auszulegen. Die Vereinigte Stahlwolle war jetzt 135 Jahre alt, die hatte schon ganz andere Herausforderungen überstanden.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Sehr gut! Herr Martenstein zeigt mit seiner - noch - fiktiven Kurzgeschichte auf, wie Männer zukünftig dem hegemonialen Staatsfeminismus ein Schnippchen schlagen können. Die Genderideologie, u.a. von weit über 200 staatlich bezahlten Universitätsprofessorinnen vertreten, geht ja davon aus, dass das Geschlecht sozial konstruiert sei. Und was lediglich sozial konstruiert ist, also auch nicht am Äußeren festzumachen ist, kann man(n) ja auch dekonstruieren und es kann letztlich auch nicht kontrolliert werden, welches soziale Geschlecht ein biologischer Mann WIRKLICH hat, weil das nach der Genderideologie nur von seinem Inneren, seinem Selbstbild in Form von Denken und Fühlen abhängt.