Deutschlandkarte Provinzverspottung

Nichts macht dem Kleinstädter mehr Spaß als über das Dorf zu spotten. In ganz Deutschland nutzt man dafür eigene regionale Begriffe. Nur Kaff und Kuhkaff sind national.
ZEITmagazin Nr. 47/2014

So gerne, wie Kleinkinder, kaum dem Säuglingsalter entwachsen, spöttisch über Babys sprechen, spricht der Kleinstädter spöttisch über Dörfer, die noch etwas weiter ab vom Schuss sind als das eigene Städtchen. Kaff oder Kuhkaff wird in ganz Deutschland verstanden, wobei andere, regionale Varianten genauso gebräuchlich sind. Diese Begriffe, von denen die häufigsten Pusemuckel, Hintertupfingen und Kleinkleckersdorf sind, klingen spöttisch und liebevoll zugleich, was das Verhältnis des Städters zum Dorf ganz gut umschreibt: Wohnen will er da nicht, süß findet er’s schon. Anders als Hintertupfingen und Kleinkleckersdorf ist Pusemuckel keine Erfindung, sondern ein Ort, den es tatsächlich gibt, in Polen. Nach einem polnischen Dorf wird also im recht fernen deutschen Westen die tiefe Provinz benannt. Vielleicht, weil man sich lieber über das Unbekannte lustig macht? Womöglich hat ein Zuwanderer das Wort dort eingeführt, sei es aus Heimweh oder als Spott über die Heimat.

Quelle: Atlas für Alltagssprache

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"Quetschemombach" - der

"Quetschemombach" - der Begriff stammt aber aus dem Goldenen Mainz zur Napoleonischen Zeit. Mombach ist die aus dem Karneval bekannte Ortschaft ursprünglich vor den Toren - und "quetsche" gewiß eine Verbalhornung (wie in Hamburg zur Franzosentid: Quiddje) aus der Frage des französischen Wachtpostens nach einem Pass. Übrigens sehr merkwürdig, daß ausgerechnet "Posemuckel" (Dorf mit polnischer Bevölkerung in Westpreßen) es in den Westen und Nordwesten geschafft hat. Das kann wiederum nur im 19. Jh. gewesen sein, als Rheinland, Westfalen, später auch Niedersachsen als "Beutepreußen" grundsätzlich von preußischen Beamten reglementiert wurden, die ihre Verachtung für die kleinen Orte auf dem Platten Lande mit einem "Kaff" östlich der Oder bezeichneten. "Tupfing" und "Kleckersdorf" hingegen lassen noch ihre (ironisch umschriebene) "Herkunft" von dem alten Wort "Flecken" (für ein nicht umzäuntes Dorf) erkennen. Daß "Kaff" früher einmal reichsweit galt, hing natürlich mit dem Jiddischen bzw. Rotwelschen "gaw" (für kleines Dorf) zusammen - das fahrende Volk kam eben überall hin und hinterließ seine sprachlichen Eigenheiten.

Nein, ich denke, Sie liegen da etwas falsch. Als das arme Brandenburg zu diesen reichen Ländereien im Westen kam, hatten die selbstverständlich dort Beamte/Vertreter des Kurfürsten/Monarchen hingeschickt, um dort den Rahm abzuschöpfen. Der wohl berühmteste Vertreter dieser Zunft war der Freiherr von Stein. Diese Leute kann man natürlich nicht mit der Völkerwanderung beim Bonn/Berlin-Umzug vergleichen. Es ist durchaus möglich, dass solch ein Beamter diesen Begriff dort im Umlauf gebracht hat, zumal die beiden Dörfer auch von Berlin recht weit weg sind. Mit dem richtigen Auditorium verbreitet sich das auch recht schnell, zumal Reisen ja auch eine wichtige Tätigkeit dieser Beamten war.

Die Alternative, dass ein Bewohner dieser Dörfer diesen Begriff im Rahmen der "Völkerwanderung" bei der industriellen Revolution im Umlauf gebracht hat, halte ich für sehr unwahrscheinlich: Die Dörfer sind wirklich von der Einwohnerzahl gesehen, sehr klein und ohne Dedeutung und Bezug für die Arbeitskollegen.