Raumfahrt Schöner Wohnen im Weltraum

So gut wie in der Sowjetära sah das Innere von Raumschiffen nie wieder aus. Verantwortlich dafür war Galina Balaschowa. Ihre Entwürfe malte die Architektin in Aquarell. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 47/2014

Ein Gespräch mit Galina Balaschowa über ihre Arbeit für das sowjetische Raumfahrtprogramm, den Neid der Amerikaner und die Freude, Vögel zu malen

Galina Balaschowa signiert in der Bonner Kunsthalle mit zittrigen Händen ihre Zeichnungen, die in der Ausstellung "Outer Space" gezeigt werden. Sie ist klein und hat wache Augen. Die Originale ihrer Entwürfe für das russische Weltraumprogramm sind in Russland geblieben. Balaschowa hat nicht gewagt, sie mitzubringen. Der russische Geheimdienst reagiert sehr empfindlich – alles, was mit der Raumfahrt zu tun hat, ist heute wieder geheim.

ZEITmagazin: Frau Balaschowa, Sie haben 26 Jahre lang die Inneneinrichtung sowjetischer Sojus-Raumschiffe, -Raketen und -Raumkapseln und der Raumstation Mir entworfen, Sie waren die sowjetische Weltraumdesignerin. Worauf kommt es an, wenn man fürs All plant?

Ausstellung

Die Arbeiten von Galina Balaschowa, von denen wir hier eine Auswahl zeigen, sind noch bis zum 22. Februar in der Bonner Kunsthalle zu sehen. Gerade ist ein Buch über Balaschowa erschienen: Philipp Meuser, Galina Balaschowa: Architektin des sowjetischen Raumfahrtprogramms (DOM publishers)

Galina Balaschowa: Das Schwierigste ist der Umgang mit der Schwerelosigkeit. Man muss alles befestigen. In der ersten Einrichtung der Sojus stand zum Beispiel ein Sofa. Damit die Kosmonauten darauf sitzen konnten, wurden auf die Couchbezüge und auf die Jerseyanzüge der Kosmonauten Klettstreifen genäht. Die hafteten allerdings so stark, dass die Hosen der Kosmonauten beim Aufstehen hängen blieben. Daraufhin gab es nur noch Gurte, mit denen sie sich anschnallen konnten. Alle anderen Gegenstände versah ich weiterhin mit Klettbefestigungen – Tassen, Teller, Besteck. Das Zweite ist die Orientierung: Im Weltall schwebt alles, und die Räume sind rund. Damit die Kosmonauten sich zurechtfinden, muss man markieren, wo oben und unten ist. Also habe ich die Decken gelb und die Fußböden grün gestaltet. Gelb leuchtet besonders hell, und Grün erinnert an Gras.

ZEITmagazin: Die Kosmonauten blieben im Laufe der Jahre immer länger im Weltall. Haben Sie sich mit den psychologischen Auswirkungen Ihrer Einrichtung auf sie beschäftigt?

Balaschowa: Wir sitzen hier einfach zusammen, dort oben geht das nicht, man schwebt sofort weg. Das sind ganz andere Lebensbedingungen. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich die Räume so einrichten, dass sie harmonisch, menschlich und bequem sind? Sie müssen den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Das ist doch die Aufgabe einer Innenarchitektin, es den Menschen gemütlich zu machen. In der Sojus gab es ein Sofa und einen Klapptisch. Ursprünglich hatte ich auch an Bücher für die Kosmonauten gedacht. Im ersten Sojus-Modell, das wir auf der Erde bauten, standen drei Bücher – ein rotes von Majakowski, ein grünes von Puschkin und ein blaues von Lermontow. Aber nach einer Stunde waren die Bücher weg. Die Arbeiter hatten sie geklaut.

ZEITmagazin: Hatten die Kosmonauten Wünsche an Sie, wenn sie aus dem All zurückkehrten?

Balaschowa: Ja, nach jedem Flug haben sie Berichte geschrieben und Anmerkungen gemacht. Mehrmals baten mich Kosmonauten darum, die Gegenstände in den Schränken besser zu befestigen. Denn beim Öffnen der Schränke flogen die einzelnen Gegenstände in unterschiedliche Richtungen, und es war jedes Mal sehr umständlich, sie einzufangen. Man musste alles mit Gummibändern befestigen oder die Türen der Schränke kleiner machen, das war sehr ärgerlich. Nach den ersten Flügen mit den Sojus-Raketen zur Raumstation Mir ging es auch um die Gestaltung der Toiletten. Die Kosmonauten erzählten, dass sie das Gefühl hätten, auf einem Staubsauger zu sitzen. Richtig lösen konnte ich dieses Problem nicht, ich passte nur das Design des Sitzes an. Den Saugmechanismus konnte ich aber nicht verändern.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, bei einem Zusammentreffen der Amerikaner und Russen 1975 im All, bei der Apollo-Sojus-Mission, seien die amerikanischen Raumfahrer ganz neidisch auf die russischen Kollegen gewesen – wegen ihrer schönen Raumfähre.

Balaschowa: Ja, die waren begeistert. Die Apollo war eher technisch-funktional eingerichtet, sie hatte nicht einmal einen Salon. Wir hatten in der Sojus einen schönen runden Salon. Bei den Amerikanern hat sich wahrscheinlich keine Frau mit der Innenarchitektur beschäftigt. Bei mir hat sich das zufällig ergeben. Ich bin da hineingeschlittert.

ZEITmagazin: Können Sie das genauer erzählen: Wie sind Sie Weltraumdesignerin geworden?

Balaschowa: Mein Mann Juri und ich haben zusammen in Moskau studiert, ich Architektur und er Physik. Nach dem Studium fing er in dem Konstruktionsbüro OKB-1 von Sergej Koroljow, dem sowjetischen Raketenkonstrukteur und Weltraumpionier, als Physiker an; das war nicht weit von Moskau. Über meinen Mann bin auch ich dorthin gelangt. Nachdem 1961 Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum geflogen war, benötigte man Raumschiffe, in denen man auch wohnen konnte. Ich wurde dem Projektleiter als Architektin vorgeschlagen. Und tatsächlich wurde ich 1963 angerufen und zu einer Besprechung in den Betrieb eingeladen, der das neue Raumschiff bauen sollte. Als ich dort ankam, durfte ich allerdings nicht ins Gebäude. Das war ja ein geheimer Betrieb. Also habe ich mich mit dem Projektleiter auf der Treppe unterhalten. Übers Wochenende habe ich dann eine erste Skizze für den Wohnbereich gezeichnet. So hat es angefangen, und ich bin fast 30 Jahre lang geblieben.

ZEITmagazin: Damals herrschte Kalter Krieg, und das Weltraumprogramm der Sowjetunion war streng geheim. Durften Sie über Ihre Arbeit sprechen?

Balaschowa: Nein, es war verboten, mit anderen darüber zu reden. Da mein Mann aber im selben Betrieb arbeitete, haben wir zu Hause geredet. Unser Betrieb war eingezäunt, es gab eine Einlasskontrolle. Drinnen konnten wir uns frei bewegen, man durfte nur keinen Fotoapparat mitnehmen. Ich habe mit meiner Familie draußen gewohnt. Ein Problem waren die Auslandsreisen, dazu brauchte ich eine Genehmigung des Ministeriums. Erst 1990 durfte ich das erste Mal in den Westen fahren, nach Indien. Mit dem KGB hatte ich nie etwas zu tun. Ich wusste, was verboten ist und was nicht.

ZEITmagazin: Der Wettbewerb zwischen der Sowjetunion und den USA in der Raumfahrt war groß, es gab eine riesige Propagandaschlacht. Hat die Politik auf Ihre Arbeit eingewirkt?

Balaschowa: Das habe ich nicht gespürt, dazu war meine Position zu niederrangig. Nur einmal, beim Sojus-Apollo-Projekt, entwarf ich das Logo, das auf alle Anstecknadeln, Briefmarken und andere Dekoartikel gedruckt wurde. Auch im Westen. Da wurde mir verboten, meine Zeichnungen zu signieren. Nach Sergej Koroljow kamen andere Chefkonstrukteure, die versuchten, mich auszunutzen. Einer war mit der Tochter des Referenten von Leonid Breschnew verheiratet. Er erfuhr, dass ich malen kann, und befahl mir, ihm für seine Datscha Motive aus dem Kinderbuch Karlsson vom Dach zu zeichnen. Mehr hat ihn nicht interessiert.

ZEITmagazin: Das klingt, als sei Ihre Arbeit nicht sehr geschätzt worden.

Balaschowa: Das war in der Weltraumfahrt so, weil man sich dort mit Architektur nicht auskannte. Technikern bedeutet die Gestaltung von Räumen nichts. Sie kümmern sich nur ums Funktionale. Das ist eine ganz andere Denkweise. Im Laufe der Jahre bekamen alle Gehaltserhöhungen, nur ich nicht. Später verdiente ich umgerechnet 70 Dollar im Monat. Als ich 1990 in Pension ging, war ich froh. Es reichte mir. Nebenbei hatte ich angefangen, Aquarelle zu malen. Ich zeichnete Porträts, Vögel und Landschaften und verkaufte sie teuer. Das war etwas anderes, als für den Weltraum zu entwerfen, wo ich nur einen Hungerlohn kriegte. Heute lebe ich besser als damals. Erst jetzt habe ich kapiert, dass ich stolz auf meine Arbeit sein kann.

ZEITmagazin: Nun gibt es abermals Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Die Amerikaner wollen wieder ein eigenes Spaceshuttle bauen, um von Russland unabhängig zu sein.

Balaschowa: Sollen sie doch! Bitte schön! Bis jetzt sind sie mit unseren Fähren geflogen. Ihre Raumkapseln und -schiffe habe ich gesehen, die sind im Prinzip ähnlich gemacht wie unsere.

ZEITmagazin: Wollten Sie eigentlich je selbst ins All?

Balaschowa: Nein, daran habe ich nicht ein einziges Mal gedacht. Der Weltraum hat mich nur bei der Arbeit interessiert. Für mich gibt es keinen besseren Beruf als Architektin.

Galina Balaschowa, 82, wurde in Kolomna südlich von Moskau geboren. Sie studierte an der renommierten Moskauer Hochschule für Malerei, Bildhauerei und Architektur, 1955 machte sie dort ihren Abschluss. Als Architektin entwarf sie zunächst Wohnhäuser, von 1963 an war sie dann für das sowjetische Raumfahrtprogramm tätig. Balaschowa lebt heute in der Nähe von Moskau.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Da soll noch einer kommen und behaupten, sowjetische/russische Raumfahrttechnik sei fliegender Schrott! Die Pioniere der Raumfahrt sind alt, falls sie nicht schon längst gestorben sind. Solche letzte Chancen zu Gesprächen gilt es, zu nutzen. Ausgerechnet in diesen Tagen des Kalten Krieg 2.0 hätte ich nicht damit gerechnet. Auch deshalb bin ich Jana Simon und der ZEIT für dieses Interview und die Bilder sehr dankbar.

Dieser redaktionelle Beitrag ist eine Perle.

Die Zeichnungen sind faszinierend, die Dame sympatisch.

Wenn man bedenkt, dass die MIR trotz aller Pannen als
1. Weltraumstation in der Geschichte der Menschheit
ganze 15Jahre den bitteren Bedingungen stand hielt, und
am Ende kontrolliert zum Fall in den Pazifik gebracht wurde,
dann muss das bei einem jeden MINT-affinen Menschen
für Gänsehaut sorgen.

Das Schöne daran ist, dass die Erfahrungen in den Bau der ISS
eingeflossen sind: Chapeau!

Wie haben die Sowjets das mit dem Wodka gemacht?
Wahrscheinlich haben die ihre Raketen mit Spirituosen angetrieben, und ein paar Schluck aus dem Tank genommen ;-)

Im Gegensatz zu dem Amis, hat die kommunistische Führung die Rolle der Raumfahrt richtig erkannt.
Nämlich als Technologie für den Fortbestand der Zivilisation.
z.B. die erste russische Hausfrau im Weltall, etc.
Für die Amis war Raumfahrt nur abgehobenes Prestige, Mondlandung, etc. - und der Steuerzahler war eine Kuh die man melken konnte, durch die Bedrohungen des Kalten Kriegs.