Kolumne Männer! Scharfe Hunde

© Ronny Hartmann/Getty Images
DIE ZEIT Nr. 47/2014

Wer das Bild nicht vor Augen hat – es zeigt einen weich modellierten Herrn in gelben Cordhosen vor einer Tapete in der Patina-Farbe Gold. Der Alte sitzt in der Heiterkeit seiner fortgeschrittenen Tage in einem Ledersessel und lässt unter der Bauchkugel die Knie auseinanderfallen. Das auf dem niedrigen Tisch vor ihm aufgebaute Objekt (Diktiergerät?) ragt länglich in seinen Schritt hinein. Unglückliche Optik. Der Philosoph Peter S., so verkündigt das Magazin, werde auf den folgenden Seiten sprechen – über Habermas, Poona, düt un dat sowie seinen Plan, mit 67 Jahren am liebsten "nur noch erotische Romane zu produzieren". Erotische – was?

Steilvorlage! S. übt ja in seinen Tagebüchern schon Sätze wie: "Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement, er sähe aus wie Heidi Klum", deren posthume Veröffentlichung er bereits vorweggenommen hat, wohl um zu testen, wie so was ankommt, offensichtlich gut, es wird zitiert. Man könnte jetzt interviewmäßig, von Mann zu Mann, in die Konfrontation gehen. Der Interviewer könnte knurren: "Erotische Romane! Haben Sie mit Ihren Büchern genug Erfahrung gesammelt?" Oder, Klassikerfrage an die debütierende Frau, ein kläffendes: "Sie trauen sich das zu?" Nichts da! Außer einem gesäuselten: "Welche Romane taugen als Inspiration für ein solches Vorhaben?"

Männer! Es ist immer schön zu sehen, wie friedlich sie miteinander umgehen, wie behutsam nachfassend, geradezu zärtlich. Darüber nachzusinnen, was das bedeutet, bietet sich täglich Gelegenheit.

Morgens an der Hundewiese, man kommt nicht umhin, dort über Männer nachzudenken. Auf der Wiese sind meist Rüden, wie überhaupt im Park, auf den Straßen, in der S-Bahn und überall im Leben sehr viele Rüden unterwegs sind, vielleicht zu viele Rüden, und das ist kein Spaß, wenn man selber in Begleitung eines Rüden ist.

Rüde hasst Rüde. So die Regel. Da wird nicht zärtlich nachgefasst. Das Verhaltensspektrum reicht von Grollen über Nachsetzen, Draufspringen bis Reinbeißen. Mein kleiner Rüde etwa riecht einen anderen Rüden quer über die Straße, auch wenn der andere Kampfhundformat hat und im speckigen Schlafsack eines Obdachlosen verstaut ist – der fühlt noch unter seiner nassen Daune das leiseste Grummeln von jenseits der Straße, Loshechten und Keilen sind eins. Weshalb Tierärzte so oft die Kastration von Rüden empfehlen.

Kastration ist in der Hundewelt ein Riesenthema, diskutiert wird in den caninen Modi Geifern und Zähnefletschen. Selten aber wird die Frage gestellt, wie es kommt, dass Männer nicht kastriert werden müssen, damit sie am Arm ihrer Frau friedlich spazieren geführt werden können, ohne unterwegs andere Männer anzupöbeln oder anzufallen.

Es ist ein schönes Wunder. Zwei mögliche Modelle der Erklärung bieten sich an. Erstens, sportlich betrachtet: Fußball nimmt der hominiden Rüdenkonkurrenz spielerisch den Stachel. Zweitens, freudianisch: Die menschlichen Junghunde verbünden sich, um den einen Alpharüden zu erledigen, und gut ist. Drittens, historisch: Fällt der Kopf des Königs, können die Jungsporne kooperativ herrschen.

Gendermäßig ist dieses Modell als Patriarchat in die Kritik geraten. Wertneutral betrachtet, führt es dazu, dass Männer, anders als viele Rüden, nicht in einer Gummi-Einzelzelle im Tierheim landen, sondern gemeinsam viel Spaß haben – in ihren Offices, Clubs, Vorstandsetagen et cetera. Man muss die Aggressionshemmung unter Männern als den G-Punkt der Evolution betrachten. Frauen können sich gerne mal die Frage stellen, was es evolutionär bedeutet, dass sie über gemeinsames Adventsbasteln im Kindergarten kaum hinauskommen. Und sollten die Antwort bitte nicht von Männern erwarten.

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