Bucket List Das Leben ist keine To-do-Liste

Warum verbreiten so viele Bücher den Irrglauben, Glück lasse sich Punkt für Punkt erarbeiten? Von
ZEITmagazin Nr. 47/2014

DIE LISTE DER 25 BÜCHER ÜBER LISTEN

(die man nicht alle lesen muss, um glücklich zu werden)

66 ½ Dinge, die eine Frau im Leben machen sollte
101 Dinge, die man getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist
88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht
100 Dinge, die man tun sollte, bevor man 18 wird
100 Dinge, die man einmal im Leben getan haben sollte
Pimp your Life: 99 Dinge, die du unbedingt mal tun solltest
Das Handbuch für Oma & Opa – 100 Dinge, die ihr mit euren Enkelkindern unternehmen solltet
Opa für Anfänger: 96 Dinge, die ein echter Opa können muss!
50 Dinge, für die Ihr Kind Ihnen einmal dankbar sein wird
100 Dinge, die Sie einmal im Leben gegessen haben sollten
Mutter & Tochter: 100 Dinge, die ihr gemeinsam unternehmen solltet
100 Dinge, die MANN einmal im Leben getan haben sollte
5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen
50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Welt zu retten, und wie Sie dabei Geld sparen
101 Dinge, die du unbedingt getan haben solltest, bevor du 5 Jahre alt bist
Vater & Sohn: 100 Dinge, die ihr gemeinsam unternehmen solltet
50 Dinge, die Mann bis 50 unbedingt tun muss ... oder aus Frauensicht besser nicht
Die ultimativen 101 Dinge für alle, die nicht alt und langweilig werden wollen
101 Dinge, die du getan haben solltest, bevor du alt und langweilig bist
99 Dinge, die Sie unbedingt mal mit Ihren Kindern tun sollten
Fantastisch: 1.000 alltägliche Dinge, die uns glücklich machen
100 Dinge, die das Leben leichter machen
40 Jahre: 100 Dinge, die MANN vor der nächsten Null unbedingt tun oder lassen sollte
101 Dinge, die du tun solltest, um ein Superheld zu werden (oder ein Superbösewicht)
99 Dinge, die Sie unbedingt mal tun sollten, um Ihr Leben zu bereichern

Alle Bücher dieser Liste geben vor, für ein erfülltes Leben brauche der Leser nur die vorgeschlagene Liste abzuarbeiten. Das Genre der To-do-Listen-Literatur bildet nach, was viele privat und freiwillig machen: Sie schreiben sich To-do-Listen, nicht nur für die Steuererklärung, den Zahnarztbesuch und die Rückgabe ausgeliehener Bücher, sondern auch für die schöneren Dinge, die es hoffentlich zu erleben gilt, demnächst, irgendwann. Im Englischen hat das Ganze sogar einen Namen, die bucket list, so hieß mal ein Film: die Liste der Dinge, die man sich vor seinem Tod zu erleben vornimmt.

Ein Paar im Bekanntenkreis hat in der Küche einen Zettel aufgehängt, auf dem Orte stehen, die die beiden in der eigenen Stadt unbedingt bald besuchen wollen. Ein Freund führt, weniger öffentlich, nämlich in seinem Telefon, eine Liste jener Frauen, mit denen ein Date anzupeilen er sich vorstellen könnte. Ich selbst führe eine Liste von Städten, die ich mal besuchen möchte, und eine weitere für Filme, die ich sehen möchte. In meinem Telefon sind zwölf Listen gespeichert, die ersten beiden heißen "To do" und "To do today". Wenn ich auf der Listenliste weiter nach unten scrolle, erscheinen Listen, von denen ich vergessen hatte, dass ich sie führe. Manchmal streiche ich auch Dinge daraus, meistens aber füge ich nur neue hinzu.

Die private bucket list der Australierin Kaileigh Fryer wurde im Sommer öffentlich, nachdem Fryer mit 19 Jahren bei einem Unfall gestorben war. Ihre Liste enthielt 49 Vorsätze, von "Spanisch lernen" (auf Platz 1) über "auf ein Blind Date gehen" (Platz 23) bis "eine Show im Moulin Rouge sehen" (Platz 49). Im Internet fanden sich nun jede Menge Leute, die Fryer zwar nicht kannten, aber bereit waren, die Liste für sie abzuarbeiten. Wer die Liste las und schon etwas älter war als 19 und darum den ein oder anderen Punkt schon hinter sich hatte, dachte sich: Das Schlimmste am frühen Tod ist es nicht, nie auf einer Safari gewesen zu sein. Und: Womöglich ist das Leben doch keine To-do-Liste.

Meine Film- und Städtelisten sind natürlich auch nicht weiser, und besonders irre ist mein heimlicher Glaube, es ginge mir besser, wenn ich endlich den Snowboarder-Dokumentarfilm The Crash Reel gesehen habe.

Ebenso gruselig, wie ich es fände, einmal Dinge zu tun für ein Kind, nur damit es mir später dafür dankbar ist (siehe Buchtitel), fände ich es auch, würde ich von der Straßenbahn zermalmt, mein Telefon aber nicht, und irgendwie gelangte dieses zu einem Pfarrer, der errechnet: "147 von 202 Punkten. Es war ein zu 72,8 Prozent erfülltes Leben." Ich schreibe mir das sofort ins Handy: To-do-Listen mit einem Passwort versehen.

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich finde diese Listen eigentlich ganz schön. Nicht, dass ich eine erstellt habe und diese nun bis zu meinem Lebensende 'abarbeiten' will, aber sie liefern viel Inspiration für Dinge, in die man sich in Zukunft freuen kann.
Wenn mir mein eigenes Leben wieder trist vorkommt, erinnere ich mich oft an meine persönlichen Highlights, die ich bereits erlebt habe, was mir sehr viel mehr gibt, als etwas abzuhaken.
Ansonsten stimmt es schon, dass diese Listen 'Statussymbol-Charakter' haben, um andere, insbesondere in sozialen Netzwerken, zu beeindrucken. To-Do-Listen sind IN und sind geprägt von der ewig abenteuerhungrigen, jungen Generation.

Was kommt nach dem was man alles gemacht hat. Die Machbarkeit ist nur die Karotte ins Leere. Das was nicht machbar ist zählt. Wir sind wie Lemminge die auf den Abgrund zu laufen. Das Dasein ist auch das Nicht Dasein und die Unmachbarkeit, so wie die Materie die Antimaterie hat. Zum TO DO gehört die andere Seite. Das Nirvana, das MU, ein paar Machbarkeitsvolksverführer können der finalen Weisheit nichts entgegensetzen, was länger hält.
Eric Burden (Animals): “I am thinking about all the good times have been vasted, having good times”.
Es gab einmal das Land des Lächelns, dort war die Regel und Pflicht jeden Tag einmal an den Tod zu denken und das war es was sie zum Lächeln gebracht hatte.... Machbarkeit wurde mit Nichtbeachtung gestraft, wir sind einfach nur dumm, dumm gemacht.