Harald Martenstein Argumente für das Einfrieren von Kindern

© Fengel

Harald Martenstein geht das Social Freezing nicht weit genug. Nicht nur die Eizellen, sondern auch die fertigen Kinder sollten eingefroren werden. Das schont die Nerven. Von

ZEITmagazin Nr. 48/2014

Immer wenn ich zum Kühlschrank gehe, was leider viel zu oft der Fall ist, denke ich über Freezing nach. Würde ich, wenn ich eine junge Frau wäre, meine Eier einfrieren lassen? Also, ich hätte keine Bedenken.

Ich finde es ein bisschen albern, wenn Leute in solchen Zusammenhängen das Wort "unnatürlich" verwenden. Was, bitte schön, ist an unserem heutigen Leben denn noch natürlich? Zum Glück sehr wenig. Wenn es nach der Natur ginge, dann würden wir alle mit vierzig Jahren sterben. So war das bei unseren Vorfahren, die dieses total natürliche Leben geführt haben, mit Biofood, reichlich Rohkost, ohne Zigaretten, klimaverträglich und mit viel Bewegung in der frischen Luft.

Natur – der schlimmste Feind des Menschen. Der Natur fallen mehr Menschen zum Opfer als Atomkraftwerksunglücken, Rauschgift, Terror und Flugzeugabstürzen zusammengenommen. Die Natur, diese böse alte Vettel, will nämlich, dass wir alle sterben. Wenn jemand herzkrank ist und einen Stent gesetzt bekommt, war das Weiterleben dieser Person offensichtlich nicht der Wille der Natur. Bleibt mir bloß mit der Natur vom Leib.

Was garantiert demnächst diskutiert wird: das Einfrieren von fertigen Kindern. Früher oder später wird die Debatte auf uns zukommen. Utopisch ist das nicht mehr. Es sind schon jetzt jede Menge Todgeweihte eingefroren, die sich auftauen lassen, sobald es ein Mittel gegen ihre Krankheit gibt. Und wenn man mal ehrlich ist – letztlich lässt sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erst dann perfekt verwirklichen, wenn man auch die fertigen Kinder einfrieren kann.

Du frierst das Kind ein, und vor dem Jahresurlaub im Sommer oder für dein Sabbatjahr wird es dann aufgetaut. Oder auch mal zum langen Wochenende. Du verbringst quality time mit dem Kind, und dann kommt es bis Weihnachten zum Power-Nap wieder in die Truhe. Das Kind wird nicht älter, es hat quality time ohne Ende und bleibt klein und süß. Das Lieblingskuscheltier kommt natürlich in die Tiefkühltruhe mit hinein.

Bis zum Beginn der Schulpflicht ist das kein Problem. Wenn der erste Elternteil am Ende der Karriere sein Rentenalter erreicht, sollte das Kind etwa sechs Jahre alt sein und wird zum Schulbesuch dauerhaft aufgetaut. Bei Beginn der Pubertät würde ich allerdings wieder zu einer längeren Tiefkühlphase raten, hinterher hast du bessere Nerven. Richtig gut wird es, wenn sie ein Schnellkühlverfahren entwickeln, so was wie beim gefriergetrockneten Kaffee, und wenn man Säuglinge über Nacht einfrieren kann, falls man das Geplärre nicht mehr aushält oder wenn man mal ins Kino will. Wenn dann die Geburtenrate nicht steigt, weiß ich auch nicht mehr weiter.

Ich bin kein Zyniker, ich stehe in einer literarischen Tradition. Schon bei Wilhelm Busch wird der Eispeter eingefroren, ein Junge mit ADHS. Beim Auftauen schmilzt er leider, die Wissenschaft war noch nicht so weit. Die Eltern füllen ihn in einen Einmachtopf und stellen ihn, nicht ohne Bedauern, aber doch erleichtert, zwischen die Gurken und den Käse, um sich weiter ihrer Karriere als Landwirte zu widmen. Der große irische Schriftsteller Jonathan Swift, Autor von Gullivers Reisen, hat dagegen vorgeschlagen, dass man die Kinder isst. Kinder gab es damals in Irland reichlich. Erst waren alle empört, ein Shitstorm, aber nach einer Weile dachten die Leute, es hat was. Heute ginge das nicht mehr, weil sehr viele Leute Vegetarier sind. Aber einen Kühlschrank hat wohl jeder.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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18 Kommentare

Ein toller Artikel, vielen Dank! In letzter Zeit hat mich oft geärgert, was über Social Freezing geschrieben wurde, bei diesem konnte ich einfach lachen...Um auf dem Trend zu bleiben, hier noch eine Idee, von jemandem, der sich über das Einfrieren von menschlichem Leben viele Gedanken gemacht hat: Ältere Menschen einfrieren? So bald das Rentenalter erreicht wird, sollten wir alle eingefroren werden, um wieder zu erwachen, wenn die Lebenserwartung auf mindestens zwei hundert Jahre gestiegen ist!
[...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Eigenwerbung. Die Redaktion/mak

deri punkt partei —vor 22 Stunden, 22 Minuten In dem Fall käme eventuell auch das einstweilige Einfrieren von Hr. Martenstein als Lösung in Frage.

Jaaa, das wäre bestimmt lustig und seine Anhänger freezen wir gleich mit ein. Aber irgendwie ist das wie mit dem Atommüll, am Ende kommt er dann doch wieder zum Vorschein und vermiest allen die Laune :)

Besonders toll fand ich aber diesen Satz von Martensteinchen:

"Ich finde es ein bisschen albern, wenn Leute in solchen Zusammenhängen das Wort "unnatürlich" verwenden. Was, bitte schön, ist an unserem heutigen Leben denn noch natürlich?"

Haha, ein Anflug von Reflektion! Wie verhält sich diese Aussage denn zu Ihren reaktionären Ansichten in Bezug auf Geschlecht? Ist das soziale Geschlecht nicht doch eher ein kulturelles Konstrukt, das geringe biologische Unterschiede ins Maßlose übersteigert? Könnte das nicht etwa wahr sein??

Wir warten gespannt auf Martensteinchens weitere Erkenntnisgewinne :)))

Einfrieren ist ein wenig hart, selbst eine Truhe mit Sichtscheibe schneidet die lieben Kleinen doch sehr von Kommunikation und Kontakt ab.
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Wir haben das jahrzehnte lang mit "Eintopfen" gemacht. Einen Kindgerechten hübschen Topf, Blumenerde etwas Zement, das gibt einen netten Zimmerschmuck, im Sommer sogar hübsch im Vorgarten. Besser als Gartenzwerge und die Nachbarn waren gruen vor Neid.
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Ist nur ein wenig Pflegeintensiver als die Truhe.
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Weiss
Sikasuu
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Ps. Leider ist im vorletzten Urlaub die "Gies- und Düngeautomatik" ausgefallen. Wir sind dann auf lebensechte Plastikimitate auch China umgestiegen, gibt es nicht nur für Blumen.
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Die braucht man nur noch abstauben und einmal im Jahr "durch die Waschstrasse" damit Nikotin und Rotweinreste wieder runter gehen.

Na, Herr Martenstein, Sie sind ja beim Freezing in einer echten Vorreiterrolle.
Ich kenne jedenfalls niemanden, der Vorurteile und Ressentiments so dauerhaft frisch halten kann, wie Sie es zu tun vermögen. Das geht doch nur mit einem Ressentimentrefridgerator. Geben Sie Ihre Erkenntnisse und Erfahrungen weiter an die Industrie, ich kann es kaum erwarten, bis die ersten Kolumnisten (temporär) kaltgestellt werden.

Vielleicht könnte man auch humorbefreite Foristen wie DonCojones dauerhaft einfrieren, dazu Politiker, die nur Worthülsen absondern (also nahezu alle) und Feministinnen (da warte ich auf Ihre Vorschläge, Herr Martenstein). Freezen wir, was das Zeug hält: Die Nachwelt muss sich mit dem Klimawandel rumschlagen, da wird sie schon mit den aufgetauten DonCojones, Politiker und Feministinnen fertig werden.

Wieso auf Säugling beschränken? Bitte vorstellen: Man ist ca. 17 wird bald 18 Jahre und will weg. Oft wird über die Mutter gemeckert, aber niemand erwähnt die herrschsüchtigen Väter, welche meinen das man noch immer Dreirad fährt und den Teddy mit ins Bett nimmt.

Das Freezing für Väter, für Lehrer, für Politiker usw..! Über nacht mal wegpacken! Oder für eine ganze Woche? Das wäre wahrer Fortschritt!

(Möchten sie das nicht manchmal auch mit ihrem Chefredakteur machen? Hand aufs Herz, ich kann Gedanken lesen!)

Das geht mir nicht weit genug, habe neulich schon mal vorgeschlagen auch die Rentner einzufrieren. Die Rentenzahlungen natürlich auch. Da bekäme Blüms "die Renten sind sicher" eine ganz neue Bedeutung - Sicher eingefroren, schont die Rentenkassen und ist gut für die Wirtschaft, da wir uns dann auch die Rentenversicherungsbeiträge sparen könnten. Sparte uns Seniorenresidenzen, Arztkosten und Nerven, wenn mal wieder so ein Alter / eine Alte ewig an der Kasse im Supermarkt die Centstücke rauszittert.
Wenn ich es mir genau überlege, könnte man auch alle anderen auch einfrieren. Der Börse würde da nichts ausmachen, das können die Programme auch alleine, Hauptsache ist ja eh, das es der Wirtschaft gut geht. Vielleicht würde sich auch die Klimakatastrophe (ich weiß, das heißt ja jetzt "Klimawandel") noch verhindern lassen. Social Freezing ist eine tolle Sache - wenn es nur richtig gemacht wird.

An sich eine gute Idee, Herr Martenstein. Manchmal, wenn meine zwei Kinder mal wieder um die Wette nerven, denke ich über dieses "Blagen-freezing" nach, bin aber bisher immer am Einspruch meiner Frau gescheitert. Sie meinte, daß wir dann nicht mehr genug Platz in der Kühltruhe für den Weihnachtsbraten und den frischen Grünkohl hätten. Und eine extra Box, ein "BlagenFreezer (TM)", ist zur Zeit finanziell nicht drin. Wenn sich genügend Eltern finden (und das Crowfunding klappt), könnte ich mir die Eröffnung eines "Blagenfreezing-Centers" im Stil der Selfstorage-Lagerhäuser vorstellen. Was halten Sie davon, Herr Martenstein?

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