Spielzeug Horrorspiele

Wer heute einen Spielzeugladen betritt, den erwartet ein Gruselkabinett aus rosa Ponys und Kampfflugzeugen. Wieso arbeitet die Branche mit Geschlechterklischees, die wir längst hinter uns lassen wollten? Von
ZEITmagazin Nr. 49/2014

Meine Tochter ist zehn Jahre alt. Sie spielt Fußball, isst gern Spaghetti, singt lauthals, erzählt Witze und liest meterweise Abenteuer der Drei ???. Was könnte ihr als Weihnachtsgeschenk gefallen? Ich muss lächeln, wenn ich daran denke, wie sie sich auf meine selbst bestückten 24 Jutesäckchen zum Advent freut, die sie schon seit Babytagen kennt. Also mache ich mich auf die Suche nach dem ultimativen Weihnachtsgeschenk, das am Festtag Begeisterungsstürme auslösen wird. Dieses Jahr beginne ich bei Toys ’R’ Us in Berlin-Steglitz, im Obergeschoss eines Einkaufszentrums. Grelle Farben, schrille Töne, eine Mutter ruft in Richtung Rolltreppe ihrem Kleinkind etwas hinterher, ein kleines Mädchen bremst auf einem Traktor direkt vor meinen Füßen, riesige Plüschpferde, Luftballons. Im Spielwarenladen Toys ’R’ Us wird auf einer Fläche eines Fußballfelds tonnenweise Spielzeug angeboten. Eine unendliche Auswahl – auf den ersten Blick.

Ich stehe vor einer Wand mit Actionhelden. Der Lego-Bestseller Star Wars bietet Fantasy-Flieger, schwarz, glitzernd und gefährlich. Sie heißen Imperial Star Destroyer, Scout Fighter. Außerdem gibt es ein Wesen names Wolverine, zwischen Wolf und Mann, mit Krallenhänden und Maske, kleinem Kopf, vor Kraft strotzendem Körper.

Auch für kleine Mädchen wie meine Tochter hat Toys ’R’ Us etwas im Angebot: Feen, Prinzessinnen, rosarote Pferde, je nach Alterszielgruppe mit oder ohne Einhorn. Einen Adventskalender für die "Girly Party" mit Lipgloss und Bodyglitter. Die schwarz-lila-ekelgrüne Monster-High-Barbie, eine Modepuppe, die noch dünner ist als das Original, in einem von Horrorfilmen inspirierten Outfit. Auch gibt es ein rosa Teeset aus Holz, den Pom-Pom-Baby-Pandabär mit Schleife auf dem Kopf, das "Fütter mich"-Katzenbaby. Einen Globus mit rosa Ozeanen, einen rosa Krankenwagen aus Plastik.

Kämmen, Pflegen, Füttern: Das sind die Tätigkeiten, zu denen Mädchenspielzeug anregt © Christian Hagemann

So viel Auswahl! Und doch bin ich enttäuscht. So groß ist die Auswahl offenbar doch nicht: Kämpfen, Schießen, Konstruieren und Kaputtmachen für die Jungs, hier schult eine neue Männergeneration ihr technisches Verständnis und trainiert ihre Aggression. Für die Mädchen sieht die Zukunft anders aus: Pflegen, Sorgen, Kümmern, Füttern – aber vor allem sollen sie harmlos sein. Ihre Haare kämmen und schön aussehen.

Dabei lief es doch für die Gleichberechtigung der Geschlechter in den letzten Jahren gut: Frauenquote, die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau, Alltagssexismus, diese Themen werden heute heiß diskutiert. Elternzeit gibt Vätern Raum für Veränderung. Die Geschlechterrollen sind beweglicher geworden, als manche es für möglich gehalten haben. Selbst viele in der CSU wollen heute feministisch sein. Doch im Spielzeugladen sind die Geschlechterwelten getrennt wie in einem türkischen Hamam.

Wieso zwängt die Spielwarenindustrie unsere Kinder in Rollen, die wir Erwachsene im breiten Konsens als ungerecht erkannt und überwunden haben? Machen wir Eltern etwas falsch?

Wir sind uns keiner Schuld bewusst. Ich kenne niemanden, der sagen würde: Ich will nicht, dass mein Sohn mit Puppen spielt! Oder: Ich will, dass meine Tochter ihre Haare hüftlang trägt! Bei vielen Eltern ist es so, dass sie hilflos danebenstehen, wenn ihr Kind sich Rollenbilder aus der Mottenkiste zusammensucht. Im Toys ’R’ Us beobachte ich, wie eine Mutter ihrer Tochter den Monster-High-Barbie-Adventskalender mit 24 Monsterüberraschungen aus der Hand reißt. "Die Schminke verträgt deine Haut sowieso nicht", sagt sie. Eine jämmerliche Notlüge. Oder sie hat wirklich Sorge, dass die zarte Kinderhaut die Billigschminke nicht verträgt.

Nach meinem frustrierenden Einkaufsbummel rufe ich eine Genderexpertin an. Sie ist Professorin für Allgemeine Didaktik und Theorie der Schule in Wuppertal und heißt Maria Anna Kreienbaum. Sie ist überzeugt, dass das, womit Kinder spielen, sich auf ihr späteres Leben auswirkt. Sich schön machen und andere häuslich umsorgen: Viel mehr Lernangebote macht die Spielwarenindustrie Mädchen nicht. Aber wenn bestimmte Fähigkeiten spielend nicht erlernt werden, fehlen sie den Frauen später. Oder?

Schon Grundschülerinnen lernen heute, sexy zu sein. Sie bewundern im Kino die Wespentaillen ihrer Lieblings-Disney-Figuren

Eine Eigenschaft allerdings fördert Mädchenspielzeug über die Maßen: die Gefallsucht. Schon Grundschülerinnen lernen heute, sexy zu sein. Sie tragen Nagellack, das erotische Signal einer erwachsenen Frau. Sie bewundern im Kino die Wespentaillen ihrer Lieblings-Disney-Figuren. Die Simba-Puppe Supermodel Glitter Stars trägt ein goldenes Minikleid und High Heels und beherrscht den aufreizenden Hüftschwung. Altersempfehlung: ab 3 Jahre.

"Spielt Ihre Tochter denn viel mit Lego?", fragt Kreienbaum. Ich überlege. Das Zimmer meiner Tochter war nie mit Raumstationen und Pyramiden zugebaut wie das ihrer Cousins. Ein Lego-Fan ist meine Tochter jedenfalls nicht. "Sind Sie selbst Lego-begeistert?", bohrt Kreienbaum weiter. Ich kann mich nicht genau erinnern. Lego gab es. Aber ich mochte es, glaube ich, nicht besonders. Lernen funktioniert durch Echo und Verstärkung, erklärt die Pädagogin. In der Interaktion mit ihren Eltern begreifen Mädchen, was es bedeutet, ein Mädchen zu sein. Aus Studien weiß die Erziehungswissenschaftlerin, dass die Frage, was und womit Kinder spielen, entscheidend von der Bewertung ihrer Eltern abhängt. "Haben Sie Ihrer Tochter das Lego-Spiel so empathisch und begeistert schmackhaft gemacht wie einen Kaufladen oder eine Puppe? Sind die Bausteine gut erreichbar?" Ich denke nach. Der große Playmobil-Zoo steht im Kinderzimmer auf dem Schrank, die grüne Box mit den Lego-Steinen ist fest verschlossen. Kreienbaum meint, jene Eltern müssten scheitern, die nur vordergründig versuchen, ihrer Tochter ein Jungenspielzeug oder ihrem Sohn ein Mädchenspielzeug anzubieten. Wenn in der Haltung des Erwachsenen "das Bemühte durchscheint", funktioniere es nicht mehr. Da fehlen die Gespräche, die sich um das neue Spielzeug ranken, die Geschichten, dass man es als Kind auch so gern gespielt hat.

Ein unangenehmer Verdacht: Sind wir Eltern innerlich selbst niemals bei der Gleichberechtigung der Geschlechter angekommen? Werden wir deshalb von der rosa Flutwelle mitgerissen? Oder sind wir einfach zu bequem?

Meine Eltern hatten eine Haltung zum Thema Spielzeug. Was nicht die Hirnzellen stimulierte, also nur dem dumpfen Zeitvertreib diente, kam nicht ins Haus. Meine Eltern hätten mir nie Spielzeug gekauft, das sie nicht gut fanden. Heute pflegt man in allen Milieus einen eher postautoritären Erziehungsstil: Verbote sind out. Kinder werden wie kleine Erwachsene behandelt, die selbst entscheiden sollen. Sie tragen ab dem zweiten Lebensjahr Skinny-Jeans und Sneakers wie ihre Eltern. Beim Spielzeug soll es heute bitte nicht pädagogisch zugehen. Kindern wird schon genug zugemutet. Babys müssen sich in großen Kita-Gruppen zurechtfinden, Schulkinder sitzen ständig über Hausaufgaben, dann sollen sie beim Spielen ihren Instinkten und ihrer Natur folgen.

Toys ’R’ Us arbeitet an der Grenze zur Legalität

Stellt sich die Frage: Ist es Natur und Instinkt, wenn ein Mädchen einem rosaroten Pferd die Haare föhnt?

Wohl eher ein milliardenschweres Interesse. Auf dem globalen Spielzeugmarkt werden jährlich 84 Milliarden Dollar umgesetzt. Die deutsche Spielwarenindustrie bringt es auf etwa 2,8 Milliarden Euro Umsatz. Das Weihnachtsgeschäft macht fast 30 Prozent des Jahresumsatzes aus. Dieses Jahr hofft der Verband der Spielwarenindustrie wieder auf drei Prozent Zuwachs. Die Branche steht unter Druck. In Deutschland gibt es nur zehn Millionen Kinder. Europäische Hersteller müssen sich bei sinkender Geburtenrate gegen die Konkurrenz durch Computerspiele und Importe aus Asien behaupten. Eine neue Überlebensstrategie ist die Nischenbildung. Angebote werden nach Interessen- und Altersgruppen differenziert, boys und girls , baby , infant , preschool , kids , teens . Je nischiger der Markt sich aufteilt, desto mehr Produkte werden aussortiert und entsorgt. Das Spielzeug bleibt für das Kind nur eine kurze Zeit interessant, also wird mehr nachgekauft. Die Einteilung in Mädchen- und Jungenspielzeug ist also nur ein Nebeneffekt dieser Nischenbildung.

Welche Wachstumschancen stecken noch in dem Markt? Die Zahlen werden von wenigen Marktforschungsinstituten wie eurotoys, NPD Group und Nielsen wie Gold gehandelt und an Unternehmen teuer verkauft. Die Prognosen zum Wachstum des Spielzeugmarkts seien nicht öffentlich, versichert mir der Marktforscher der NPD Group, der mich mobil von einem Londoner Branchentreff zurückruft. Auf meine Nachfrage, wie viel es denn kosten würde, diese Untersuchungen zu kaufen, sagt er: "Diese Zahlen können Sie sich sowieso nicht leisten, sie fangen im vierstelligen Bereich erst an."

Für Werbung hat die Spielwarenbranche im vergangenen Jahr 315 Millionen Euro ausgegeben, nach Angaben des Marktforschers Nielsen. Kinder sind Kunden. Die Generation der Grundschüler verfügt über Taschengeld und den Zuschlag der Großeltern, Tanten, Paten. Pro Kind sind es laut Umfrage des Deutschen Verbands der Spielwarenindustrie 269 Euro jährlich. Die KidsVerbraucheranalyse bezifferte 2013 die Summe fast auf das Doppelte: 504 Euro jährlich für jedes Kind zwischen sechs und dreizehn Jahren.

Im Toys ’R’ Us warten auf Kinder eigene Geschenkkörbe für ihr Geburtstagsfest. Es funktioniert wie ein Hochzeitstisch im Kaufhaus: Das Geburtstagskind füllt seinen Korb nach Herzenslust und lässt dies seine Gäste wissen. Der Korb steht vor dem Geburtstag zwei Wochen lang in den Geschäften. Das Kind kann täglich nachschauen, ob einer der Gäste schon etwas gekauft hat. Bald kennt es den Laden so gut wie sein eigenes Zimmer. Toys ’R’ Us hat einen Weg gefunden, Kinder als Kunden direkt anzusprechen. Eltern können da nicht viel machen – es sei denn, sie ließen ihr Kind nicht mehr in die Nähe dieses Spielwarenladens. Die Toys-’R’-Us-Strategie ist an der Grenze zur Legalität, denn das Gesetz verbietet unmittelbare Kaufappelle an Kinder. Auch ist es verboten, Kinder in der Werbung zu motivieren, ihre Eltern oder Erwachsene zum Kauf zu überreden, so legt es der Staatsvertrag der Bundesländer zum Jugendmedienschutz fest.

Axel Dammler, Kommunikationswissenschaftler, nennt sich auch Kinder- und Jugendforscher. Was er an Minderjährigen erforscht, ist vor allem die Kaufkraft dieser Zielgruppe. Mit seinem Marktforschungsunternehmen iconkids & youth international research berät er seit zwanzig Jahren die Spielwarenindustrie. Seine Kunden sind Ravensburger, Lego, Playmobil, Vautec, Hasbro und Mattel. Er sagt, dass geschlechtsspezifisches Spielzeug den Großteil des Umsatzes ausmache, rund 80 Prozent.

Warum?

Die Industrie gehe auf Nummer sicher, minimiere die finanziellen Risiken. Figuren und Geschichten werden mit bekannten Farbcodes und den Zutaten Einhorn, Blume, Actionheld am Reißbrett konstruiert, und das Geschäft läuft. Die Topseller sind das Ritterschloss, die Feuerwehr und die Polizeistation für Jungen, das Prinzessinnenschloss und der Reiterhof für Mädchen. Eine Neuheit ist die "moderne Luxusvilla" von Playmobils Spielewelt City Life für 119,99 Euro mit Türklingel und Wandtresor für Schmuckstücke, kombinierbar mit Pool und Gästebungalow.

Der Marktforscher ist überzeugt, dass es "das Plüschtier-Gen" bei Mädchen und "das Baller- und Schieß-Gen" bei Jungen gibt. Beide Geschlechter haben, so seine Annahme, eine fundamental unterschiedliche Art zu spielen. Die "archetypischen Spielverhalten", die man "in allen Kulturen und zu allen Zeiten" in Puppen und Spielzeugwaffen wiederfinde, zeigten, dass Mädchen und Jungen nach unterschiedlichem Spielzeug suchten.

In rund 2000 Gruppendiskussionen und Repräsentativbefragungen mit 1000 Kindern sind Daten erhoben worden. Denn wer erfolgreich sein will, so Dammler, muss verstehen, was Kinder wollen. Das ist sein Fazit: "Jungs sind statusgetrieben und wettbewerbsorientiert, Mädchen sind Konsensopfer." Sie spielen lange in einem Status quo, einem Zustand, in dem sich nicht viel verändert: das typische Bauernhofspiel, das Vater-Mutter-Kind-Spiel.

Man könnte auch sagen, Mädchen bevorzugen Spiele, in denen es um Stabilität und die sichere Zukunft geht. Doch Dammler sieht es anders. Mädchen möchten dazugehören, statt sich zu exponieren. Jungs hingegen wollen sich beweisen, "weiterkommen". Diese Bedürfnisse müssten Spiele bedienen.

Dammler berät nicht nur die Spielwarenindustrie, sondern auch Ministerien und die Film- und Fernsehbranche. Er kritisiert die Initiative Girls’ Day, mit der die Bundesregierung Mädchen ermutigen will, technische Berufe zu ergreifen. Es funktioniere nicht, ein Mädchen in eine gewöhnliche Werkstatt zu stellen. Seine These: Erst wenn die rosa sei, würden sich weit mehr Mädchen für Maschinenbau und Ingenieurberufe interessieren.

Gender sells! Das sagt auch der Jungenforscher und Psychologe Tim Rohrmann, Professor in Dresden für Bildung und Entwicklung im Kindesalter. Werbung, die mit Geschlechterthemen spiele, wirke bei Kindern am besten, denn sie seien ansprechbar für einfache Zuordnungen. Auch den Jungen stünden viele Rollen nicht offen, weil sie durch das Mädchenrosa besetzt seien. Das Geschlecht sei ein einfaches Unterscheidungsmerkmal, das Kinder früh beherrschen. Erziehungswissenschaftlerin Kreienbaum sagt sogar: "Kinder erkennen bereits mit einem Jahr, noch bevor sie sprechen können, wer Junge und wer Mädchen ist." Sie brauchen die Farbsignale der Spielwaren nicht, aber sie springen darauf an.

Zum Fürchten: Monster-High-Barbie aus der gleichnamigen Serie © Christian Hagemann

Der Entwicklungspsychologe Rohrmann sagt, Kinder seien im Alter zwischen zweieinhalb und acht Jahren damit beschäftigt, ihre eigene Identität als Mädchen und als Junge zu finden und sich von den anderen abzugrenzen. Die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich sei in diesem Alter ein wichtiges Thema, so Rohrmann, und dies greife die Spielwarenindustrie gezielt auf. "Die Unternehmen wissen genau, wie sie die Kinder kriegen, gerade die Kinder im Einschulalter."

In der Grundschule gibt es einen regelrechten Graben zwischen Jungen und Mädchen. Die Umwelt verstärkt die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und erschwert es den Kindern, Gemeinsamkeiten zu finden. Erst nach und nach sind sie in der Lage, die Eigenschaften ihrer Mitmenschen differenzierter zu sehen. Aber da sitzen die Mädchen vielleicht schon in ihrem Prinzessinnenschloss fest, während aus den Jungs schon kleine Machos geworden sind. Da ist für sie die Message der Marketingstrategen schon Wahrheit geworden: Richtige Mädchen interessieren sich für Mädchensachen, und ein Junge, der sich nicht für Schießgewehre interessiert, mit dem stimmt was nicht.

Wie werden die kleinen Paschas wohl auf das rosa Pony Fred reagieren, das die Initiative Pinkstinks gerade entworfen hat? Fred ist ein pinkfarbenes Stofftier mit Kulleraugen – für Jungen, sagt die Organisation, die so gegen Rollenklischees im Kinderzimmer protestiert. Es entstand, nachdem Stevie Meriel Schmiedel, die Gründerin von Pinkstinks, über einen neunjährigen amerikanischen Jungen gelesen hatte, der von seinen Mitschülern gemobbt und geschlagen wurde, weil er das Mädchenspielzeug My Little Pony mochte.

Es gibt einzelne Versuche von Firmen, dem Mainstream der Rollenklischees etwas zu entgegnen. Die – natürlich – schwedische Firma Leklust erregte Aufsehen mit dem Katalogbild von einem Jungen, der einen rosafarbenen Puppenwagen schob. Auf der gegenüberliegenden Seite fuhr ein blondes Mädchen einen sportlichen gelb-schwarzen Kettcar. Diese Saison sitzt ein Junge an der Nähmaschine, ein Mädchen kickt am Tischfußball.

Die Söhne meiner Schwester bringen als Geschenk zum zehnten Geburtstag meiner Tochter einen Arktis-Helikopter von Lego mit sechszügigem Husky-Hundeschlitten mit. Für die Cousins ist das ein Geschenk der Kategorie "Spitzenklasse", sie haben es selbst ausgesucht. Meine Tochter und ich öffnen den Karton gemeinsam. Die Bauanleitung hat 74 Seiten. Sie erinnert mich an die Montageanleitung einer Ikea-Kommode. Ich merke, auch für mich wird es nicht einfach: Es ist mein erster Helikopter.

Erst nach und nach sind Kinder in der Lage, Menschen differenzierter zu beurteilen als nach groben Kriterien wie Geschlecht

Was passiert, wenn man die Rollen umkehrt? Das Playmobil-Set Summer Fun stellt folgende Szene nach: Ein Hotelzimmer, ein Kellner bringt gekühlten Sekt, das männliche Figürchen trinkt schon mal einen Schluck, die Frau macht sich im Badezimmer schön. Ginge das andersherum? Er föhnt sich, sie trinkt? Spätestens wenn man diese Frage stellt, offenbart sich die ganze Fantasielosigkeit dieses Spiels. Sowieso handelt es sich wahrscheinlich eher um Erwachsenenträume: Urlaub, Hotel, Sekt. Welches Kind interessiert das?

Die Nürnberger Spielwarenmesse ist die weltweit größte Fachmesse, eine Million Produkte werden hier präsentiert. Tony Ramenda fährt noch nicht lange hin. Er ist 29, Schlagzeuger, Logopäde und ein Newcomer in der Spielwarenbranche. Er will mit TicToys, seiner Firma für Spielzeug made im Erzgebirge, etwas verändern. Ramenda hat mit seinem Kompagnon Matthias Meister das Tualoop erfunden, ein Wurf- und Geschicklichkeitsspiel, Alter und Geschlecht der Spielenden sind egal. Mithilfe zweier Stöcke bringt man einen Holzreifen zum Fliegen, der Nächste fängt ihn auf. Zwei bis acht Personen können mitmachen, dank der Schwung- und Gleitbewegungen der Stöcke gibt es zahllose Variationsmöglichkeiten.

"Mit vielen Spielsachen", sagt er, "können die Kinder nur ein kurzes Spielerlebnis haben." Konzentrationsfähigkeit und Kreativität würden da nicht gefördert. Es ist wie Fast Food: Es schmeckt auf gefällige Weise gut, aber die Nährstoffbilanz ist katastrophal. Spielen heiße aber, sagt Ramenda, sich im Augenblick zu verlieren. Viele von uns erinnern sich an die versunkenen Spielnachmittage der Kindheit, die wie im Flug vergingen. Spielen ist das Gegenmittel zur Reizüberflutung – für die Kinder von heute besonders wichtig.

Kinderspielzeug wird in Deutschland so gründlich wie kaum ein Produkt aus einem anderen Bereich auf Sicherheit geprüft. Aber wie will man prüfen, ob ein Spielzeug Kindern die Welt öffnet – oder ob es die Welt verschließt?

Das perfekte Spielzeug gibt es schon längst: Es ist der Ball. Ein Ball lässt sich jonglieren, mit dem Kopf stoßen, mit den Füßen rollen, schieben, schießen. Für Jungs sind Ballspiele selbstverständlich. Mädchen entdecken Ballspiele nur mit etwas Glück für sich. Meine Tochter spielt Fußball, und ich gebe zu, dass ich deshalb stolz auf sie bin. Zusammen mit einer Spielerin aus ihrer Mädchenmannschaft nahm sie kürzlich an einem Fußballcamp teil. Ich stand am Spielfeldrand und sah zu, wie sie ein Tor nach dem anderen schoss. Sie rechnete sich Chancen aus, Torschützenkönigin des Tages zu werden. Ihre Freundin grätschte im Kampf um den Ball den Gegnern zwischen die Beine. So forsch hatte ich die beiden noch nie spielen sehen. Doch bei der Preisverleihung nach dem Spiel lobten die jungen Trainer die Jungen, selbst die Knirpse. "Du bist ein prima Stürmer." – "Im Mittelfeld bist du spitze." – "Du gehörst zu den ganz Großen." Lächelnd nahmen die Eltern ihre prämierten Jungs in Empfang. Dann wurden die beiden Mädchen aufgerufen. "Du bist immer freundlich und lächelst so schön", sagte der Trainer zu meiner Tochter. "Man merkt, dir macht es Spaß, und du hast uns mit deiner guten Laune viel Freude gemacht."

Perplex schaute ich in die Runde. Der entsetzte Blick der anderen Mädchenmutter traf mich. Ist das die genderfreie Erziehung des 21. Jahrhunderts? Vorurteilsfrei und gleichberechtigt? Ist es nicht unsere Aufgabe, diesen süßen, blonden Mädchen das Gefühl zu vermitteln, dass sie stark und unabhängig sind, dass sie rennen, kämpfen und sich durchsetzen können, Teamplayer, aber auch Gewinnerinnen sind?

Auf dem Weg nach Hause witzelte meine Tochter, ihre Enttäuschung überspielend, dass es das Wort "Torschützenkönigin" ja auch gar nicht gebe, nur den "Torschützenkönig".

Ich habe dem Cheftrainer der Fußballschule eine wütende Mail geschickt – und bekam Antwort. Er werde, versprach er, neben den persönlichen und sozialen Fähigkeiten meiner Tochter in Zukunft auch ihre fußballerischen Qualitäten beurteilen. Und die Mädchen und Jungs gleich behandeln. Jetzt habe ich es Schwarz auf Weiß.

Ja, ich möchte meiner Tochter vermitteln, dass sie viele Möglichkeiten hat. Sie soll sich von niemandem auf bestimmte Eigenschaften festlegen lassen müssen. Ich wünsche ihr den Mut, aus dem Quadrat zu springen und keine Angst davor zu haben, alleine dazustehen, wenn sie die gängigen Rollenzuweisungen hinter sich lässt.

Der Arktis-Helikopter ist inzwischen erfolgreich aufgebaut. Die Fußballfreundin meiner Tochter ist zu Besuch gekommen und hat geholfen. Die beiden haben sofort die Figuren ausgetauscht. Jetzt lenkt das Lego-Mädchen den Rettungshubschrauber. Der Lego-Junge steht auf der Eisscholle und wartet auf Hilfe.

Ich habe meiner Tochter zu Weihnachten einen Technikkasten gekauft und für ihre Cousins einen rosa Panda ausgewählt. Querschenken als Gegengift. Vielleicht ist es ein Anfang.

Kommentare

85 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Moin Moin,

Moin Moin,

auch wenn ich der Ansicht bin, dass Jungens andere Spielzeuge wollen als Mädchen, so denke ich doch, dass das Trommelfeuer der Werbung in den Zeiten und Fernseh-Kanälen die die Kinder anschauen, keinen geringen Anteil an der Entwicklung der Kinder hat.
Das Dauer-Rosa für die Mädchen ist schon nicht mehr peinlich sondern geradezu abstoßend, und vice versa für die Jungens.
Nicht alles ist "Geschlechterklischees, die wir längst hinter uns lassen wollten" aber vieles.
CU

Man kann sich dem Horror doch ganz leicht entziehen. Ich habe drei Söhne und zwei Töchter im Schulalter, trotzdem hatten wir hier noch nie eine Barbie oder ähnliche Grässlichkeiten - und meine Kinder haben das auch nie eingefordert. Ich habe noch nie was in so einem Spielzeugpalast gekauft, meine Kinder kennen das gar nicht. Und das ganze Geheimnis - wir haben keinen Fernseher. Die Jungs spielten mit Puppen, die Mädels hämmern und sägen, und keiner hinterfragt, ob das auch paßt.

Über was man sich alles so den Kopf zerbrechen kann. Ja, Mädchenrosa ist eine riesengroße, kaum zu übersehende Fassade. Aber öffnen Sie doch bitte mal die Augen. Gerade im Toys'R'Us gibt es eine riesige Abteilung voll nur mit Gesellschaftsspielen oder Spielgeräte für drausen. Es gibt nun wirklich reichlich geschlechtsneutrale Alternativen. Aber tun Sie Ihrer Tochter einen Gefallen: Lassen Sie sie auch selbst mitbestimmen, Sie hat nämlich im Alter von 10 Jahren schon einen eigenen Geschmack. Das hatten wir alle. Dass das nicht bedeutet, dass man auch alles kaufen sollte, was Kind gern hätte, brauche ich ja hoffentlich nicht erwähnen. Unsere Eltern konnten den Hype um He-Man-Figuren damals auch nicht verstehen. Aber genau dabei sollte man es auch belassen. Diesem Unverständnis die Genderkrone aufzusetzen, ist überflüssig. Das fällt - wie schon angedeutet - unter die Kategorie Kommerz. Aber auch dazu gibt es Alternativen. Und wenn Ihre Tochter zu Weihnachten eine Raumstation möchte, freuen Sie sich. Wenn Sie aber doch eine Puppe möchte, überlegen Sie sich, ob Sie ihr eine Freude machen wollen oder doch lieber weiter ihren persönlichen Genderkonflikt auf ihrem Rücken austragen wollen.