Flüchtlinge Am rettenden Ufer

Vor ihnen lag nur noch das Meer: Was aus den syrischen Flüchtlingen unserer Titelgeschichte geworden ist. Von
ZEITmagazin Nr. 50/2014
Unser Titelfoto vom 22. Mai: Amar Obaid nach seinem ersten Fluchtversuch in Alexandria © Stanislav Krupar

Hussan beugt sich aus dem Fenster des Flüchtlingsheims in Säffle, Schweden, und füttert die Möwen. "Schau mal", sagt er zu mir. "Du schaust ja gar nicht", wiederholt er. Er schleudert ein Stück Fladenbrot in die Luft, es steigt auf, torkelt dann und fällt hinunter in den Innenhof, in dem die Kinder somalischer Flüchtlinge Fußball spielen. Da schießt eine große Möwe heran, hackt nach dem Brot, eine andere attackiert sie. Fünf, sechs weitere Möwen erheben sich in die Luft. Auf dem Asphalt vor dem Hauseingang kämpfen sie um das Brot, sie hacken aufeinander ein und schreien, bis eine mit dem Brot davonfliegt. "Was für ein Spektakel!", sagt Hussan. Jeden Morgen, nach dem Aufwachen, genießt er es.

Nach langer Flucht sind die beiden syrischen Brüder Hussan und Alaa endlich wieder freie Männer.

Es ist acht Monate her, dass der Fotograf Stanislav Krupar und ich für das ZEITmagazin die Brüder bei ihrem Versuch begleitet haben, von Ägypten übers Mittelmeer nach Europa zu fliehen. Wir tarnten uns als Flüchtlinge aus dem Kaukasus, lieferten uns Schmugglern in Alexandria aus, die uns wochenlang in konspirativen Wohnungen versteckten. Wir wurden von einer anderen Schmugglergruppe entführt, wieder freigekauft und schließlich auf die Boote gebracht – und vor der Küste Ägyptens von der Polizei verhaftet.

Wir, die Reporter, wurden nach einigen Tagen in Haft abgeschoben, blieben aber mit den meisten der Flüchtlinge, die wir begleitet hatten, in Kontakt. Fast alle wollten es ein weiteres Mal versuchen. So groß ihre Angst war – ihr Wunsch, nach Europa zu kommen, war stärker. Die Brüder Alaa und Hussan haben nur vierzehn Tage nach ihrer Entlassung erneut ein Boot bestiegen. Das haben sie mir in Schweden erzählt.

Diesmal schaffen sie es, auf hohe See zu kommen, ohne festgenommen zu werden. Bald bereuen die Brüder, jemals abgelegt zu haben. Sie verbringen zehn Tage auf wechselnden Schmugglerbooten. Im Zickzack queren sie das Mittelmeer, werden bis vor die Küste Kretas gebracht, wo die Schmuggler Passagiere aussetzen und neue aufnehmen. Ihr Schiff steuert erneut die nordafrikanische Küste vor Libyen an, weil der Schmugglerkapitän noch mehr Geld aus ihnen herauspressen will. Am zehnten Tag, als das Trinkwasser und die Lebensmittelbestände ausgehen, rettet sie schließlich die italienische Marine: 500 Männer, Frauen und Kinder. "Ihr habt so großes Glück gehabt", sagt ein italienischer Offizier nach ihrer Rettung zu Alaa, "dass ihr für den Rest eures Lebens ein Lächeln auf dem Gesicht tragen solltet." Die italienisch-französische Grenze überwinden sie zu Fuß, von dort gelangen sie mit dem Zug nach Schweden.

Ein weiterer Flüchtling, der Syrer Amar Obaid, wird nach seiner Entlassung aus dem ägyptischen Gefängnis in die Türkei abgeschoben. Er will nach Deutschland. Monatelang versucht er von der Türkei aus, nach Europa zu fliehen, vergeblich. Schließlich nimmt er die letzten finanziellen Reserven seiner Familie und kauft sich für 8.000 Euro einen gefälschten Pass und ein Flugticket; damit schafft er es nach Sambia. Eine syrische Schmugglerbande hat die Beamten am Flughafen dort bestochen. Aus dem tiefsten Süden schafft Amar es so in den Norden – nach Frankfurt am Main. Dort lebt er nun in einem Vorort und kämpft darum, dass seine Frau und seine drei Töchter nachkommen dürfen, die immer noch in Kairo sind. Solange sie nicht bei ihm sind, ist er nicht glücklich in Deutschland.

Die Brüder Alaa und Hussan in Schweden sind auch nicht zufrieden mit ihrem neuen Leben. Sie bekommen zwar vom Staat eine Wohnung gestellt und erhalten so viel Geld, dass sie keinen Mangel leiden. Aber sie sind isoliert von der Bevölkerung, sie sprechen kaum ein Wort Schwedisch. In Gedanken sind sie immer noch in Syrien und Ägypten. Im September starb ihr älterer Bruder Mohamad beim Versuch, ihnen übers Mittelmeer zu folgen, als sein Schiff sank. Die Schmuggler hatten es gerammt, weil sich die Passagiere geweigert hatten, in ein kleineres Boot umzusteigen. Vermutlich waren 500 Menschen auf dem Boot, darunter hundert Kinder. Nur eine Handvoll Männer überlebte. Es war die größte Schiffskatastrophe der vergangenen Jahre im Mittelmeer.

Mohamad hatte uns, als ich gemeinsam mit seinen Brüdern in Haft saß, Essen und Kleidung in die Zelle gebracht. Die Socken, die er mir schenkte, liegen noch heute in meinem Kleiderschrank. Im Gefängnis war ich stinkend und ungewaschen, die neuen Kleider machten aus mir wieder einen Menschen. Alaa und Hussan warten darauf, dass Mohamads Leiche vielleicht doch noch gefunden wird und sie Abschied nehmen können. Es wird wohl nicht so intensiv nach ihm und den anderen Opfern gesucht. Sie sind keine westlichen Passagiere einer Boeing, die über dem Indischen Ozean abgestürzt ist. Sie sind Illegale, die Gesetze brachen, um eine bessere Zukunft zu finden, Menschen ohne Papiere, deren Namen niemand kennt.

Die Reportage ist nun als Buch erschienen: "Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa", Suhrkamp Verlag

Kommentare

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Der falsche Weg.

Wenn die westliche Welt weiter Kriege führt und ohnehin unstabile Staaten in einen Pulverfass verwandelt, wird es immer mehr Flüchtlinge geben.

Wenn sich Europa weiterhin abschottet und Flüchtlinge für Illegale erklärt, wird es immer mehr Schmugler geben.

Wir Europäer sollten nicht so egoistisch sein. In die ärmeren Länder schicken wir unser Müll. In den weniger ärmeren Ländern machen wir Urlaub.

Wenn aber die Menschen dort, die uns zuvor gastfreundlich begegneten, Hilfe brauchen, ist uns jeder Flüchtling zu viel.

Dass ihre Armut und (Kriegs-) Wunden auch ein Ergebnis der westlichen Politik ist, ignoriert nicht nur der Pegidasympathisant.

Status und materielle Güter sind nicht das schwarze unter den Fingernägeln wert, wenn man gezwungenermaßen seine comfort zone verlassen musste und die halbe Familie das Meer verschluckt hat.

"Ich habe mehr als ich brauche, aber der Fremde soll nichts bekommen." Ein 2. iPhone scheint wichtiger zu sein.

Angst vor der Kultur der Flüchtlinge zu haben und sie, bevor sie überhaupt das Land betreten, als potentielle (!) Kriminelle abzustempeln, ist falsch, weil voller Vorurteile, weil menschenverachtend.

Nur ein Bruchteil der zig Millionen Flüchtlinge nimmt Deutschland auf, aber schon jetzt ist hier angeblich "das Fass zu voll".

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