Harald Martenstein Über Neutralität in der Sprache

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ZEITmagazin Nr. 50/2014

Deutschland diskutiert darüber, wie in Zukunft die Professorinnen und Professoren heißen sollen. Gesucht wird eine geschlechtsneutrale Bezeichnung, ein wertschätzendes, gendergerechtes und, ich zitierte die Rapperin Lady Bitch Ray, nicht schwanzdominantes Wort. Eine Berliner Professorenperson, die in der Genderforschung tätig ist, möchte künftig nur noch mit "Professx" angeredet werden.

Ich finde, das Wort lässt sich nicht gut aussprechen. Ich habe es wirklich versucht. Man verrenkt sich fast den Kiefer und muss zum Kieferorthopädx. Wenn wir uns in der Sprache von der Idee verabschieden, dass man die Sprache sprechen können muss, ist das so, als ob man sagt: "Ein Getränk muss man nicht trinken können. Hauptsache, das Getränk ist geschlechtsneutral."

Die Person fühlt sich weder als Mann noch als Frau. Für sie mag das Wort eine prima Lösung sein, sie muss es ja nicht aussprechen. Sie kann einfach sagen: "Ich habe eine Professur. Wie Sie mich anreden sollten, steht auf der Visitenkarte."

Ich glaube, ich habe einen besseren Vorschlag. Er ist ernst gemeint, ich nehme immer alles ernst. Warum nimmt man nicht einfach für alle Geschlechter das Wort "Prosecco"? Erstens, Prosecco lässt sich richtig gut aussprechen. Prosecco für angewandte Theorie, Medizinprosecco, Prosecco honoris causa. Zweitens, durch das "Pro" erinnert auch dieses Wort, genau wie Professx, noch ein bisschen an den alten Titel Professor. Es gibt im Deutschen viele Wörter, die mehrere Bedeutungen haben. Ein Schuppen ist ein Gebäude, aber auch Fische haben Schuppen. Ein blinder Passagier hat entweder keine Fahrkarte gelöst, oder er kann nicht sehen. Auf eine Bank kann man sich setzen oder sein Geld bringen. Es ist also kein Problem, dass es schon ein Getränk mit diesem Namen gibt.

Natürlich wird man zuerst mal, wenn jemand in der Talkshow als "der in Dresden geborene Politik-Prosecco Arnulf Baring" angekündigt wird, an das Getränk denken. Oder wenn es heißt, "die AfD ist eine Prosecco-Partei". Das gibt sich mit der Zeit. Was aber noch viel besser ist – die Assoziation mit dem Getränk passt. Prosecco ist wahrscheinlich das geschlechtsneutralste Alkoholgetränk überhaupt. Frauen, Männer, Sonstiges, fast jeder nimmt hin und wieder gerne einen Prosecco. Schwanzdominant ist Prosecco auf gar keinen Fall. Whisky ist schwanzdominant. Zuerst habe ich zum Beispiel über die Titelbezeichnung "Prosexx" nachgedacht, aber das weckt eben die falschen Assoziationen.

Darüber hinaus schlage ich vor, dass ein neues Wort für "alte Männer" gefunden wird. Die Formulierung "alter Mann" wird immer nur abwertend verwendet, auch in Bezug auf mich. Das verletzt meine Gefühle.

Ich verlange Geriatrical Correctness. Ja, sicher, ich bin in gewisser Weise alt, zurzeit bin ich alt wie ein Baum, und es wird schlimmer. Bald werde ich so alt sein wie die Schildkröten auf Galapagos. Ich bewege mich auch schon ein bisschen so. Manchmal würde ich mich am liebsten zum jungen Mann umoperieren lassen. Ich empfinde mich jedenfalls als jungen Mann und verlange ab sofort, dass man mich so nennt oder eine altersneutrale Formulierung verwendet, meinetwegen "Mumpf" oder "Muxx". Außerdem haben einige alte Männer auch Gutes getan, vor allem Bruce Springsteen und Michael Douglas. Peter Maffay tut viel für Kinder. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an einen alten weißen Mann, der sich, ähnlich wie ich, oft Gedanken über die menschliche Sexualität gemacht hat, nämlich den Wiener Prosecco Sigmund Freud.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Habe eben bei der Professperson mal auf die HP geschaut und finde einiges nicht so recht verständlich. Vor diesem Hintergrunde empfehle ich die Erweiterung der deutschen Sprache um die Schnalzlaute, die in der Kalahari gesprochen werden. Diese könnten an geeigneten Stellen in die Rede eingeflochten werden. Nur mit dem Singen hätte dann noch ein paar Probleme, aber vielleicht will die Person ja auch nicht angesungen werden...

Aber bemerkenswert, wofür man Geld ausgibt :-D