Israel Tenenbom kehrt zurück

Sein Bericht über eine Reise durch Deutschland stieß viele Debatten an. Jetzt fuhr Tuvia Tenenbom, Autor, Theatermann, Provokateur, nach Israel. Von

ZEITmagazin Nr. 50/2014

Ich heiße Tuvia und bin gerade in Israel, einem Land, das ich vor 33 Jahren verlassen habe und in das ich zurückgekehrt bin, um darüber ein Buch zu schreiben: Allein unter Juden. Hat sich dieses Land verändert während all der Jahre?

Zuallererst will ich Ihnen etwas über mich erzählen.

Ich wurde in eine extrem antizionistische, ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft hineingeboren, deren Mitglieder sich Hazon-Ish’niks nennen. Diese Menschen sind davon überzeugt, dass sie Gott am allernächsten stehen und Seine einzig legitimen Stellvertreter auf Erden sind. Kurz: Ich wurde in die Elite der Elite des religiösen Judentums hineingeboren.

Ich komme aus einer langen Linie von Rabbis, und wie meine Vorfahren verbrachte ich jede Sekunde meiner Kindheit damit, die Gesetze Gottes zu studieren. Abgesehen von der Tatsache, dass ich auch im Sommer bei 40 Grad "jüdische Kleidung" tragen musste, wie meine Lehrer es nannten – Wollmäntel, schwere Hüte –, war mein Leben, ganz ehrlich, mehr als perfekt.

An einem winterlich kalten Tag, ich muss so um die 14 Jahre alt gewesen sein, erwachte ich aus einem tiefen Schlaf und wurde von seltsamen Gedanken geplagt. Sah ich mit unserer "jüdischen" schwarzen Kleidung nicht viel eher aus wie ein polnischer Adeliger oder ein Mitglied der österreichischen Bourgeoisie vor ein, zwei Jahrhunderten? Passte die Glorifizierung der "Jungfräulichkeit" in meiner Gemeinschaft nicht eher zu einer islamischen Gesellschaft? Und die Art, wie mich meine Rabbis von allem Sexuellen fernhielten – "Du sollst keine Frauen ansehen" –: Hatte sie ihre Wurzeln nicht eher im Katholizismus als im Judentum?

Wie es sich für einen Stellvertreter Gottes gehörte, konsultierte ich Gott – und kehrte der Ultraorthodoxie den Rücken. Ich wandte mich der modernen Orthodoxie zu, trug nicht mehr die typische ultraorthodoxe schwarze Kluft und wurde nebenbei überzeugter Zionist. Ich ging auch zur israelischen Armee. Als Soldat fühlte ich mich mächtig, es war einfach großartig: Ich fuhr im Panzer durch die Wüste und trug ein Maschinengewehr, wenn ich in die Stadt kam. Eines Tages, als ich durch Jerusalem lief – ich fühlte mich wie der biblische König David –, erspähte ich auf der Dachterrasse eines Hauses eine junge arabische Frau in einem langen weißen Kleid. Sie stand aufrecht und stolz da, sah mir direkt in die Augen und begann zu singen. Die lieblichen arabischen Klänge trafen mich mitten ins Herz. Ich erwiderte den Blick dieser Schönheit mit der Engelsstimme und verliebte mich auf der Stelle in sie. Ihr Gesang, wurde mir plötzlich klar, war viel durchdringender, als meine Kugeln es je sein könnten.

An diesem Tag mutierte ich zu einem Linken, genauer gesagt zu einem extremen Linken, und ich verliebte mich in alle Araber. Jung und naiv, wie ich war, dachte ich, meine neue Liebe käme von ihrem Dach herunter und würfe sich direkt in König Davids, also meine, Arme. Nichts dergleichen geschah. Der König wurde links liegen gelassen.

Ich konnte das nicht verstehen. Wie konnte sie sich nicht in einen sexy Mann wie mich verlieben? Und ja, ich war sexy! Ich war eine Attraktion!

In jenen Jahren kamen junge deutsche Freiwillige in Scharen nach Israel, um zu helfen, weil sie sich schuldig fühlten für das, was ihre Eltern, Onkel und Tanten den Juden angetan hatten. Für sie war ich der sexyste Mann der Welt, da meine Eltern die Nazis nur knapp überlebt hatten und die meisten in meiner Familie durch den Schornstein des ein oder anderen Krematoriums in Rauch aufgegangen waren.

Kein Wunder, dass ich mich sexy fühlte; ginge es Ihnen nicht genauso? Nur für die arabische Schönheit war ich leider nichts Besonderes.

Es dauerte ein wenig, aber schließlich kam ich über die Zurückweisung des arabischen Mädchens – damals hieß es noch "arabisch", nicht "palästinensisch" – hinweg. Und eines Tages gab ich auch mein Gewehr ab. Anstatt eine Waffe zu tragen, beschloss ich, mich der politischen Mitte zu nähern und zu studieren.

Meine Mutter, die glaubte, dass der Besuch einer säkularen Universität das Schlimmste sei, was ein Jude tun könne, hörte nicht auf zu weinen, als ich ihr von meiner Entscheidung erzählte.

Also verließ ich Israel. Denn so war ich zwar nicht aus dem Sinn, aber zumindest aus den Augen unserer Gemeinschaft und bereitete ihr mit meinem Universitätsbesuch keine Schande.

Das war vor 33 Jahren.

Ich ging in die USA, und um meinen Durst nach weltlichem Wissen zu stillen, verbrachte ich die nächsten 15 Jahre an verschiedenen Universitäten und studierte alles, was ich interessant fand.

Vor zwei Jahrzehnten gründete ich das Jewish Theater of New York, wo etwa 20 meiner Stücke aufgeführt wurden. Später begann ich für verschiedene amerikanische und europäische Zeitungen zu schreiben, darunter auch für diese Zeitung. Ende 2012 kam mein Buch Allein unter Deutschen heraus, über eine sechsmonatige Reise in die Psyche der Deutschen. Das Buch, das den schockierenden Antisemitismus im Deutschland von heute dokumentiert, wurde sofort ein Bestseller. Ein Jahr später, was für eine Überraschung, fragte mich mein Lektor bei Suhrkamp, ob ich ein weiteres Buch schreiben wollte: Allein unter Juden. Ich sollte darin dieselbe "Technik" anwenden wie im ersten Buch: reisen für ein halbes Jahr, mir alles genau ansehen, mit allen und jedem reden und dann alles aufschreiben. Ich nahm an und flog im Juli 2013 nach Israel.

Das Israel, das ich dieser Tage sehe, ist nicht das Israel, an das ich mich erinnere. Verschwunden sind zum Beispiel die hübschen deutschen Freiwilligen.

Oder nein, lassen Sie mich genauer sein: Sie sind hier, die jungen Deutschen, aber die meisten sind mit anderem beschäftigt, als sich schuldig zu fühlen. Dieser Tage, sieh an, sind sie sehr damit beschäftigt, den Arabern beizubringen, wie man die Juden bekämpft.

Als junger Mann mochte ich arabische Musik und arabisches Essen. Ich genoss beides, sooft ich wollte, heute geht das nicht mehr

Moment, ich nehme das zurück. Dieser Tage fühlen sich viele deutsche Freiwillige sehr schuldig für das, was ihre Großeltern den Juden angetan haben, und deshalb wollen sie den Arabern in ihrem Kampf gegen die Juden helfen.

Das mag für Sie keinen Sinn ergeben, aber die Deutschen, die sich heute durch dieses Land bewegen, sind viel intellektueller, als es ihre Eltern je waren, und verständlicherweise spielen Sinn und Logik nicht unbedingt eine Rolle in ihren kultivierten Gehirnen.

Ein Beispiel: Ich sitze neben ein paar deutschen Mädchen bei einem antiisraelischen Event der palästinensischen Al-Kuds-Universität in Jerusalem. Sie seien hier, sagen sie, um dem palästinensischen Volk zu helfen.

"Wie kommt es, dass ihr Freiwilligendienst für Palästinenser leistet?", frage ich.

"Vor drei Jahren habe ich Freiwilligendienst für Israel geleistet und mich in das jüdische Volk verliebt."

"Vor drei Jahren hast du dich in das jüdische Volk verliebt, und deshalb hilfst du jetzt den Palästinensern?"

Sie sieht mich verärgert an: "Was willst du damit sagen?"

Sie fragen sich vielleicht, worum es bei dieser Veranstaltung ging. Ich werde es Ihnen sagen: Es war eine Vorführung des Films The Land Speaks Arabic mit einer anschließenden Rede eines Dozenten der Al-Kuds-Universität. Darin wurde uns die Geschichte so erzählt, dass der Staat Israel von einer Bande mordender Juden ins Leben gerufen wurde, die ohne bestimmten Grund in diesen Teil der Welt eingefallen waren und mitten in der Nacht Tausende schlafende Zivilisten abschlachteten.

Diese Mädchen haben sich also freiwillig gemeldet, derartige Geschichten palästinensischen Kindern und ausländischen Touristen zu erzählen. Wie geht das mit der großen Liebe zum israelischen Volk zusammen? Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit damit, das zu begreifen. Lassen wir die Deutschen einmal kurz beiseite und beschäftigen uns mit den Juden.

Die Juden, dämmert mir langsam, haben sich auch verändert. Sehr sogar.

Die Juden von heute, die Enkel derer, die dieses Land aufgebaut haben, unterscheiden sich ziemlich von denen meiner Kindheit. Angefangen bei den Ultraorthodoxen. Es gibt Rabbis, die heute eher wie bronzezeitliche Heiden die merkwürdigsten "Wunder" vollbringen. Sie versprechen ihren Anhängern Luxus-Suiten im Himmel oder sie zu segnen, damit sie attraktiver aussehen – das alles natürlich gegen einen entsprechenden Obolus. Oder nehmen wir die modern-orthodoxen Juden von heute, die zu meiner Überraschung eine nahezu exakte Kopie der Ultraorthodoxen meiner Jugend sind, nur ein bisschen extremer. Zu meiner Zeit, vor über 30 Jahren, gingen junge modern-orthodoxe Männer und Frauen am Sabbat zusammen tanzen. Aber das ist vorbei. Heutzutage dürfen die Jungs die Mädchen gar nicht berühren, geschweige denn mit ihnen tanzen.

Da wollten die Linken in diesem Land nicht hintanstehen. Auch sie haben sich verändert. Die Linken von heute – einige von ihnen leiten NGOs, die mit Abermillionen Dollar und Euro von ausländischen Spendern gefördert werden – verfolgen nur ein Ziel: die jüdische Identität dieses Landes total zu zerstören und seine Juden zu vertreiben. Hier ist ein Beispiel für ein Gespräch mit einem linksgerichteten Künstler.

"Am Ende sollte es hier nur einen einzigen Staat geben, ein Mann, eine Stimme", erklärt er mir.

Ich frage ihn: In so einem Fall – weil die Palästinenser vermutlich bald die Mehrheit hätten – würde der jüdische Staat aufhören zu existieren, richtig?

"Davon träume ich!", sagt er und fügt hinzu: "Für mich ist der Gedanke, eines Tages ohne Palästinenser aufzuwachen, ein Albtraum."

Was würde in diesem Land passieren, wenn seine Juden die Minderheit wären? Nun, wie ein europäischer Menschenrechtler zu mir sagte, besteht die "Möglichkeit", dass die Juden möglicherweise leiden würden ...

Sie wissen, was er mit "leiden" meint, nicht wahr?

Aber die neulinken Juden weigern sich, das zu erkennen. Sie lieben nur die palästinensische Kultur. Sprechen Sie arabisch, frage ich sie. "Nein", ist die Antwort. Haben Sie den Koran oder andere islamische Quellen gelesen? "Nein, noch nicht", höre ich. Es ist verblüffend, dass Menschen ihr Leben der Erhaltung der palästinensischen Identität widmen und noch nicht einmal in Erwägung ziehen, diese Kultur zu studieren.

Neben den Juden gibt es hier natürlich auch Araber. Haben sie sich verändert?

Das haben sie. Oh ja, das haben sie. Das Lachen, das ich vor 33 Jahren in ihren Gesichtern sah, ist völlig verschwunden. Bevor Europa und Amerika Milliarden von Dollar in "Friedensinitiativen" schütteten, vermischten Araber und Juden sich recht gut. Es war hier nicht perfekt, aber auch in New York ist es nicht perfekt. Als junger Mann, erinnere ich mich, fuhr ich nach Ramallah, Nablus, Bethlehem – egal, wohin. Ich mochte arabisches Essen und arabische Musik und genoss beides, sooft ich wollte. Kann ein israelischer Jude heute nach Nablus reisen, nach Gaza, nach Ramallah?

Mit palästinensischen Schulkindern in Burin © Isi Tenenbom

Ich frage einen Passanten, was in den letzten Jahren passiert ist, dass sich so viel verändert hat. "Der Frieden ist ausgebrochen", sagt er, halb lächelnd. Welcher Frieden?, frage ich. "Oslo", kommt die Antwort. Der Versuch, ein Land zwischen zwei Stämmen aufzuteilen, zwischen Arabern und Juden, habe Hass zwischen ihnen gesät, sagt er.

Ist das so? Vielleicht ja, vielleicht nein. Damals war ich ein treuer Unterstützer der Oslo-Abkommen, aber sie wurden geschlossen zu einer Zeit, als ich nicht im Land war.

Heute bin ich im Haus eines der wichtigsten Palästinenserführer, General Dschibril Radschub, den viele Israelis für einen der Moderatesten in der PLO halten. Einer seiner Männer erklärt mir: "Wissen Sie, es wäre sehr gut gewesen, wenn Rommel erfolgreich gewesen wäre." Er spielt auf die Pläne Nazi-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg an, Palästina zu erobern. "Dann hätten wir das ganze Land gehabt, weil kein Jude überlebt hätte."

"In meinen Adern fließt deutsches Blut", sagt ein anderer. "Wir alle, alle Palästinenser, sind deutsch."

Sie kennen mich als "Tobi, den Deutschen", und sie lieben mich dafür. Früher hätte ich "Tuvia" sagen können. Das ist vorbei. Hätte ich mich mit meinem jüdischen Namen vorgestellt, wäre die Wahrscheinlichkeit groß, heute nicht mehr unter den Lebenden zu sein. Nirgendwo in Palästina – oder im "A-Gebiet", wie es im Oslo-Abkommen heißt – findet man auch nur einen Juden. Nur Juden, die entführt oder tot sind. Was für einen Unterschied 33 Jahre machen.

Es vergingen Monate, in denen ich durch die Straßen lief, sieben Tage die Woche, 14 Stunden am Tag, bis ich entdeckte, wer diese extremen Veränderungen den Leuten hier aufzwingt. Ahnen Sie, wer dieser Jemand ist?

Dieser Jemand, aufgepasst, ist im gleichen Zimmer wie Sie. Können Sie ihn finden, mein Freund? Stellen Sie sich einfach vor einen Spiegel, dann sehen Sie ihn.

Ja, Sie sind es. Verzeihung! Wenn Sie in Deutschland leben und Steuern zahlen, dann ist es Ihr Geld, das hier alles durcheinanderbringt.

Wie?

Beginnen wir mit den drei Buchstaben NGO. Und es gibt es noch zwei weitere Buchstaben, mit denen Sie sich vertraut machen sollten: EU. Werden Sie jetzt böse? Bitte nicht!

Damit Sie das leichter verdauen können, will ich Ihnen ein paar Nachrichten überbringen. Es gibt Araber in diesem Teil der Welt, und es gibt Juden, aber diese beiden Völker sind nicht diejenigen, die das Schlamassel hier anrichten. Es gibt noch eine andere Gruppe hier, die Europäer, und die sind so böse, wie sie es immer waren.

Wollen Sie Beispiele?

Bitte. Kommen Sie mit mir nach Jad Vaschem, der Holocaust-Gedenkstätte dieses Landes. Ich begleite eine italienische NGO, Casa per la Pace Milano, die junge Italiener ins Land bringt, mit dem ehrenwerten Ziel, Israel aus erster Hand zu erleben. Die Forschungsreise wird von der Europäischen Kommission gesponsert. Diese NGO bucht sogar einen israelischen Fremdenführer, einen, den die Organisation von früheren Reisen kennt, ein Mann namens Itamar.

"Willkommen in Israel, Palästina", spricht Itamar in sein Mikrofon und sagt uns dann, dass er ein Ex-Jude sei. Wohlgemerkt, bevor ich fortfahre: Es ist mir egal, was diese Person denkt. Die jüdische Geschichte ist voller sich selbst hassender Juden, die alles taten, um von jenen angenommen zu werden, die sie hassen – Itamar gehört in diese Kategorie. Was hieran interessant ist: Er wurde von den Europäern ausgesucht. Offenbar bezahlen sie ihn vor allem dafür, schlecht über andere Juden zu reden.

"Ex-Jude."

Während wir im Museum von Abteilung zu Abteilung laufen, bemüht Itamar Vergleiche zwischen damals und heute, zwischen den Nazis von gestern und den Israelis von heute.

"In Israel werden heute Afrikaner in Konzentrationslager gesteckt", sagt Itamar und spielt dabei auf die sudanesischen und eritreischen Flüchtlinge an, die offenbar in Krematorien in ganz Israel verbrannt werden.

Gut zu wissen, wenn ich das so sagen darf.

Die Tour geht weiter, und wir kommen in eine andere Abteilung, in der der Besucher des Museums eigentlich etwas über die Endphase der Massenvernichtung von Millionen von Juden erfahren sollte – nur hat unser Ex-Jude etwas anderes im Kopf.

Er sagt: "Was Sie hier sehen (in Jad Vaschem), ist alles aus dem Blickwinkel jüdischer Opfer dargestellt, das hier ist ja auch ein jüdisches Museum. Aber was Sie hier sehen, passiert heute auch in Palästina. Was hier in Israel passiert, ist Holocaust. Die israelische Armee tut heute das Gleiche und die amerikanische Armee ebenfalls."

Ich bin froh, muss ich sagen, dass meine Mutter schon tot ist und das nicht hören muss.

Aber wenden wir uns nun den israelischen NGOs zu. Die meisten von ihnen sind linksgerichtet und arbeiten Tag und Nacht daran, zu beweisen, dass Israel ein Aggressor-Staat ist. Eine dieser Nichtregierungsorganisationen ist B’Tselem, eine der mächtigsten ausländisch finanzierten israelischen NGOs, sie ist sehr aktiv in allen Belangen, die Palästinenser betreffen. Zum Beispiel veröffentlicht B’Tselem "Beweise" für Menschenrechtsverletzungen der israelischen Regierung und der israelischen Armee. Wie machen sie das? Sie haben Feldforscher und Rechercheure, elf insgesamt, deren Aufgabe es ist, Hinweisen nachzugehen und diese zu dokumentieren.

Das "heute-journal" begann seinen Bericht über das Massaker in der Synagoge mit der Familie des Attentäters

Es ist Zeit, dass ich sie begleite und zusehe, wie sie arbeiten. Ich treffe mich mit einem der Top-Feldforscher und -Rechercheure, wie mir gesagt wird, und er nimmt mich mit, damit ich mit eigenen Augen sehen kann, welch schreckliche Dinge die Juden den Arabern antun. Als wir den Ort erreichen, wo die bösen Juden sein sollen, treffen wir traurigerweise keinen einzigen an, weder einen guten noch einen bösen. Stattdessen stellt mich der B’Tselem-Rechercheur, ein Mann mit dem Namen Atef, dort einem Araber vor, in der Hoffnung, er werde mir ein paar schreckliche Geschichten über die schrecklichen Juden erzählen.

Ich muss hier innehalten und Sie an meinen Namen erinnern: Tobi. Tobi, der Deutsche.

Manchmal tauche ich übrigens auch unter dem Namen Abu Ali auf, ein Name, den mir Dschibril Radschub gegeben hat. Ich liebe diesen Namen, es ist ein Ehrenname, ein Name, der auch Adolf Hitler verliehen wurde. Aber erfreuen wir uns nicht zu lange an meiner Reinkarnation als Abu Ali und bleiben von nun an beim Namen Tobi. Tobi, der Deutsche; ich.

Und dieser Tobi ist heute bei einer arabischen Familie zu Gast, die Atef ihm vorgestellt hat. Der Kopf der Familie liebt die Deutschen, aber ist auch verärgert über sie. Er beschuldigt mich, dass ich, Tobi, der Deutsche, Geld an die Juden zahle.

Wann habe ich irgendeinem Juden Geld gezahlt?, verlange ich zu wissen.

Na ja, nicht ich persönlich, aber mein Volk, die Deutschen. Wir gestatten den Juden, zu behaupten, dass wir sie getötet haben, und zahlen Wiedergutmachung für etwas, was nie stattgefunden hat.

Es ist eine ziemliche Herausforderung für mich, mein Volk einem Araber zu erklären. Aber ich versuche es. Ich erinnere meinen neuen Freund daran, dass wir, die Deutschen, keine andere Wahl haben, als die Juden zu bezahlen, weil wir sie im Zweiten Weltkrieg getötet haben.

Atef, durch und durch Rechercheur, unterbricht mich: "Das ist eine Lüge. Das glaube ich nicht."

Der Holocaust, wie wir alle wissen, ist eine Erfindung der Juden. Und die Juden von B’Tselem nennen das "Recherche".

Aber wer finanziert die sogenannten Menschenrechtsorganisationen, die hier arbeiten? Einer der Hauptförderer von B’Tselem beispielsweise ist das große deutsche kirchliche Hilfswerk Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst. Es förderte B’Tselem 2012 mit umgerechnet etwa 250 000 Euro, was gut ein Fünftel des Gesamtbudgets von B’Tselem ausmachte, das 2012 bei umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro lag.

In meinem Buch Allein unter Juden bringe ich weitere Beispiele und beschäftige mich eingehender mit den NGOs, die hier operieren. Ich kann Ihnen versichern, dass ich während meines Aufenthalts in diesem Land auf viele NGOs gestoßen bin, die angeblich die Durchsetzung der "Menschenrechte" und den "Frieden" zum Ziel haben. Sie widmen sich in Wahrheit aber der Zerstörung des Staates Israel und der Delegitimierung seiner jüdischen Bürger.

So habe ich neulich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz bei einer Mission begleitet. Auf unserem Weg von Jerusalem nach Dschenin wurde ich durchgehend von einem IKRK-Mitarbeiter über die Menschenrechtsverletzungen des Staates Israel belehrt. Über die Palästinenser fiel kein schlechtes Wort. Weiterhin wurde mir versichert, dass Israel ein krimineller Staat sei, der jeden Tag Verbrechen begehe. Die Anti-Israel-Propaganda hörte damit nicht auf. Es wurde mir schriftlich bestätigt, dass "die staatlichen Vertragsparteien der Genfer Konvention mit Ausnahme Israels unsere Rechtsauffassung teilen". Wenn das wahr ist, dann wären also Assad und Putin zwei vorbildliche Menschenrechtsaktivisten.

Das klingt scharf, ich weiß, aber traurigerweise ist das die Realität, die ich hier erlebte.

NGOs kosten Geld, Millionen und Abermillionen, und jemand muss sie finanzieren. Können Sie sich vorstellen, wer das ist?

Laut einem israelischen Geheimdienstoffizier, mit dem ich sprach, "kommt der Großteil des antiisraelischen europäischen Geldes von den Deutschen". Wir reden hier nicht über Nahrungsmittel oder Kleidung für Bedürftige. Nein. Worüber wir hier reden, sind NGOs, die antisemitische Stereotype verbreiten und Israel mit einem Apartheidstaat vergleichen.

Und wer zahlt dafür?

Sie sind es, verehrter deutsche Leser, der dafür zahlt. Die Hälfte des Budgets von Brot für die Welt von 2013 etwa stammte vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Warum tut Deutschland so etwas?

Fragen Sie mich nicht.

Fragen Sie mich auch nicht nach den deutschen Journalisten, die hier arbeiten. Es gibt ziemlich viele davon, große Talente, wie ich hinzufügen möchte, und es ist erstaunlich, wie die meisten von ihnen operieren. Tagein, tagaus konkurrieren diese deutschen Journalisten – einige von ihnen Juden voller Selbsthass – um die größtmögliche Manipulation der Wahrheit.

Nachdem am 18. November zwei Palästinenser in einer Jerusalemer Synagoge betende Gläubige mit Äxten, Messern und einer Pistole töteten, ein regelrechtes Massaker verübten, das erst beendet wurde, als die herbeigerufene Polizei die Angreifer erschoss, berichteten hochrespektable deutsche Medien folgendermaßen über das Ereignis: Das heute-journal begann seinen Beitrag nicht etwa mit den Opfern, sondern mit der armen, trauernden Familie eines der beiden palästinensischen Attentäter. Und auf Deutschlandradio Kultur wurde dem Hörer mitgeteilt: "Nach den Motiven der Täter fragt [in Israel] niemand."

Vor 33 Jahren kamen Araber und Juden miteinander aus. Nicht sehr gut, nicht perfekt, aber sie kamen ungefähr so gut zurecht wie die Bürger von Belgien heute oder die Kurden und die Türken.

Mit PLO-Politiker Dschibril Radschub © Isi Tenenbom

Als ich hier lebte, vor der ersten Intifada und vor Oslo, besuchte der Araber den Juden und der Jude den Araber. Sie aßen zusammen im selben Restaurant, gingen in den Läden der jeweils anderen einkaufen, und alles, was sie trennte, war eine fünfminütige Fahrt nach Ramallah oder Gaza. Jetzt haben wir NGOs, die sagen, sie seien für den Frieden, aber sie verbreiten in Wahrheit so viel Hass wie menschenmöglich. "Die Investitionen der internationalen Gemeinschaft für die Palästinenser", sagt mir ein israelischer Armeeoffizier, "liegen allein im C-Gebiet bei 600 Millionen Euro." (Das C-Gebiet ist eine Region, die unter voller israelischer Kontrolle ist und in der etwa fünf Prozent der Palästinenser aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen leben.)

Sprechen Sie von dem gesamten Geld, das von 1967 bis heute investiert wurde?

"Nein, aktuelle Investitionen für neue Projekte, die gerade auf dem Tisch liegen."

Und wie viel seit 1967?

"Milliarden."

Haben Sie, deutscher Steuerzahler, das gewusst?

Der Hass, der von den NGOs gesät wird, spielt eine wichtige Rolle bei der Veränderung, die ich unter Arabern und Juden erlebt habe.

Manchmal, wenn ich mir Deutsche anschaue, jung oder alt, die sich mächtig reinsteigern in ihren unerklärlichen Abscheu gegen die Juden, möchte ich weinen, aber ich bewahre die Contenance. Warum? Ich bin Journalist, und meine Aufgabe ist es, zu berichten, nicht, zu verändern. Wenn man die Geschichte zwischen Deutschen und Juden im vergangenen Jahrhundert betrachtet, würde man erwarten, dass die Deutschen anders handeln, aber sie tun es nicht. Warum? Weil sie die Juden immer noch hassen.

Tuvia Tenenbom

ist ein jüdisch-amerikanischer Schriftsteller. Er wurde 1957 in Israel geboren und lebt in New York. Für ZEIT ONLINE schreibt er die Kolumne Fett wie ein Turnschuh. 2012 erschien von ihm das Buch Allein unter Deutschen. Im November 2014 ist sein neues Buch Allein unter Juden erschienen.

Lassen Sie mich geradeheraus sein: Festzustellen, welch enorme Investitionen die Europäer leisten – allen voran die Deutschen – und welch endlose Anstrengungen sie unternehmen, die letztlich nur dazu führen, dass die Juden in Israel geschwächt werden, ist eine sehr beunruhigende Erfahrung. Von den Arabern mit Liebe überschüttet zu werden, nur weil sie denken, ich sei Deutscher, ist beängstigend. Juden zu beobachten, die sich schon wieder nicht trauen, sich gegen die vielen feindseligen Europäer zu wehren, die sich ihnen sogar anschließen, ist schockierend.

Ich bin kurz vor der Abreise und frage mich, wie dieses Land aussehen wird in 33 Jahren. Ich bin nicht sicher, weil ich dann schon lange nicht mehr zu den Vertretern Gottes auf dieser Erde gehören werde, aber meine Vermutung ist: Wenn es nach den Deutschen geht, wird in 33 Jahren kein einziger Jude mehr hier sein.

In Frieden und Liebe

Abu Ali

Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Vor einem guten halben Jahr im, ich glaube, heute-journal:

Nachdem über eine deutsche Familie berichtet wurde, die durch die aus Israel abgeschossenen Raketen ums Leben gekommen war und Palästinenser gezeigt wurden, die sehr ruhig und höflich sprachen, wurde übergeleitet mit den Worten, auch in Israel leide man unter dem Krieg und es seien auch dort schon 27 Soldaten (!) ums Leben gekommen. Gleich drauf wurden schreiende Israelis gezeigt, die sich für härteres Durchgreifen aussprachen; es wird von "Wut und Hass" der Israelis gesprochen.

Das sind die Momente, wo ich auch fürchte, dass bei uns etwas grundlegend schiefläuft.

Klar, es gibt auch keinen Siedlungsbau, keine Vertreibungen, kein Verbrennen von Olivenbäumen, keine schikanösen Checkpoint-Kontrollen, keine völlig ungerechte Verteilung des Wassers, keinen von Es-Soldaten beschriebenen Terror gegen die Zivilbevölkerung, kein Abzapfen des Öls, das wohl zu 2 Dritteln in palästinensischem Grund liegt.
Wirklich völlig unverständlich, dass Palästinenser so ungehalten sind, klar.
Und welch ein "Glück", dass Sie immer auf Deppen stoßen, die Blödsinn über einen nicht vollzogenen Völkermord an Juden schwadronieren und angeblich die Fortsetzung der angeblich ja nicht stattgefundenen Vernichtung wünschen. Sonst würde Ihre Schreibe ja nicht funktionieren.
Sie machen exakt das Spiegelbildliche dessen, was Sie B'Tselem vorwerfen.