Isabelle Huppert Meisterin der Mimik

Die Schauspielerin Isabelle Huppert ist Frankreichs Weltstar – und wurde von der Künstlerin Roni Horn zu einer besonderen Porträtsitzung gebeten.
ZEITmagazin Nr. 51/2014

ZEITmagazin:Madame Huppert, die amerikanische Künstlerin Roni Horn hat von Ihnen eine Porträtserie aufgenommen. Sie sind auf den Bildern unglaublich ausdrucksstark. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Isabelle Huppert: In erster Linie hat Roni Horn sich vorbereitet. Sie hat jeden meiner Filme gesehen. Sie schlug vor, dass ich für jedes Porträt noch mal in eine der Rollen schlüpfe. Sie hat die Filmtitel auf Zettel geschrieben, die sie zusammengeknüllt in einen Hut warf. Und ich habe dann drei Tage lang Zettel aus dem Hut gezogen und mich an die Rollen erinnert. So hat sie aus mir eine ganze Reihe von Ausdrücken rausgeholt.

ZEITmagazin: Viele Fotografen haben Sie porträtiert, Männer wie Frauen: Nan Golding, Richard Avedon, Helmut Newton, Juergen Teller. Was machen die Männer anders als die Frauen?

Huppert: Da gibt es überhaupt keinen Unterschied.

ZEITmagazin: Sie denken, Männer und Frauen sehen die Welt auf die gleiche Weise?

Huppert: Ich mache mir darüber keine Gedanken. Ich kann keinen Unterschied erkennen.

ZEITmagazin: Sie haben gerade für die Galerie Thaddaeus Ropac in Paris eine Ausstellung des amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe kuratiert. Haben Sie Mapplethorpe persönlich gekannt?

Huppert: Nein. Seine Arbeit kannte ich auch nicht besonders gut. Mapplethorpes Galerist Thaddaeus Ropac hat mich gefragt, ob ich Lust hätte auf die Zusammenarbeit, und ich habe Ja gesagt. Seit ein paar Jahren schon lädt Thaddaeus jedes Jahr, anlässlich der Fotografie-Messe Paris Photo, Kreative aus anderen Bereichen als der Kunst ein, einen neuen Blick auf Mapplethorpes Arbeit zu werfen. Der Theaterregisseur Robert Wilson war schon dabei, die Regisseurin Sofia Coppola. Ich kenne natürlich Mapplethorpes erotische Fotografien und die Blumen, aber als ich in sein Archiv durfte, habe ich so viele andere Arbeiten entdeckt, von denen viele anscheinend noch nie gezeigt wurden. Porträts von Kindern und Landschaftsaufnahmen.

ZEITmagazin: Was interessiert Sie an der Kunst?

Huppert: Dass ich zum Betrachter werde.

ZEITmagazin: Man liest ja oft, Sie seien eine intellektuelle Schauspielerin. Das ist ein bisschen gemein Ihren Kolleginnen und Kollegen gegenüber. Sind Ihrer Meinung nach Schauspieler eher einfältig?

Huppert: Ich weiß auch nicht, was die Leute damit sagen wollen, wenn sie mich für intellektuell halten. Vielleicht meinen sie die Auswahl meiner Filme. Oder die Regisseure, mit denen ich zusammenarbeite. Ich habe einige, wenn Sie so wollen, intellektuelle Filme gedreht, ja. Aber das bedeutet nichts. Meine Filme sagen nichts über mich aus. Ich bin sicher, wenn ich nur Kassenknüller drehen würde, dann wäre ich nicht die "Intellektuelle".

ZEITmagazin: Wie sehen Sie sich denn selbst?

Huppert: Ich bin Schauspielerin. Ein Werkzeug des Regisseurs.

ZEITmagazin: Das kann ich mir gar nicht vorstellen. "Die Klavierspielerin" gehört zu den verstörendsten Filmen, die ich je gesehen habe. Er lässt den Betrachter nicht durchatmen, so überzeugend haben Sie die Rolle dieser selbstzerstörerischen Frau gespielt.

Huppert: Ich gehe zum Drehort, und dort folge ich dann den Anweisungen des Regisseurs. Ich habe noch nicht einmal das Buch von Elfriede Jelinek gelesen.

ZEITmagazin: Wieso denn nicht?

Huppert: Michael Haneke hat zu mir gesagt: "Es lohnt sich nicht für dich."

ZEITmagazin: Folgen Sie immer bedingungslos dem Regisseur?

Huppert: Mich interessiert nur die Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Chabrol, Haneke, Bob Wilson, sie sind es, die mich überzeugen. Wie die Rolle, die ich spiele, angenommen wird, liegt doch am Zuschauer.

ZEITmagazin: Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Charakteren, die Sie darstellen, Sie scheinen auf gebrochene Frauenfiguren geradezu festgelegt zu sein. Sie selbst haben mal gesagt: "In den letzten zwölf Monaten habe ich drei Prostituierte gespielt."

Huppert: Ich spiele gerne extreme Charaktere. Überlebende, die Opfer und Rebellin zugleich sein können. Monster mit einem menschlichen Gesicht. Die menschliche Seite ist mir dabei wichtig. Meine Filme geben diesen Frauen eine Stimme. Denn auch wenn sie am Rande unserer Gesellschaft leben, gibt es sie: Frauen, die ein brutales Leben führen. Eine Brutalität, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben.

Isabelle Huppert, 61, ist eine der berühmtesten Schauspielerinnen Frankreichs. Sie hat in ihrer 40-jährigen Karriere in über 70 Filmen mitgespielt. Zu den Regisseuren, mit denen sie zusammengearbeitet hat, zählen Claude Chabrol, Michael Haneke sowie – auf der Bühne – Yasmina Reza und Robert Wilson.

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