Ronald Pofalla Der Mann, den sie Ronny nannten

Ronald Pofalla war einer der mächtigsten Männer der deutschen Politik. Jetzt wechselt er zur Bahn. Unser Reporter hat versucht, mit ihm zu sprechen. Von
ZEITmagazin Nr. 51/2014

Wann Ronald Pofalla beschlossen hat, sich in Luft aufzulösen, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Fest steht, dass es ihn nach wie vor gibt. Fest steht aber auch, dass er schon damit begonnen hat, sein Verschwinden zu organisieren, lange bevor ich ihn zum ersten Mal erreichen will. "Schicken Sie ihm eine E-Mail", hat die Sekretärin des CDU-Bundestagsabgeordneten Pofalla am Telefon zu mir gesagt. "Lieber Herr Pofalla", so beginnt meine E-Mail vom 24. September dieses Jahres, "ich würde gern ein Porträt über Sie schreiben, noch bevor Sie die Politik verlassen. Ich würde Sie gern einmal persönlich treffen, in Berlin, in Nordrhein-Westfalen, wo immer Sie mögen." Danach passiert eine Woche lang nichts. Ich rufe die Sekretärin erneut an und erkundige mich, ob Pofalla seine E-Mails liest. Ja, das tue er, sagt sie. An meine E-Mail werde sie ihn erinnern. Danach passiert wieder nichts.

Ich rufe im Büro des Bundestagswahlkreises 112 an, in Kleve am Niederrhein. Das ist der Wahlkreis, der den Kanzleramtsminister Ronald Pofalla im September 2013 in den Bundestag schickte. Pofalla bekam 50,9 Prozent der Stimmen. Also wollte sich jeder zweite Wähler im Kreis Kleve durch Pofalla vertreten lassen. Sechs Mal in Folge wurde er gewählt, zwanzig Jahre lang.

Ich frage Verena Rothbrust, die Frau im Wahlkreisbüro, nach Pofallas nächster Bürgersprechstunde, ich bin ja auch ein Bürger. Aber Verena Rothbrust sagt, sie wisse nichts von einer Bürgersprechstunde, es habe schon lange keine mehr stattgefunden. Ob so etwas überhaupt noch angeboten werde, wisse nur er.

Dann ruft mich sein Büroleiter an. Pofalla werde "nichts mehr machen". Gemeint ist: Er werde nichts mehr mit Journalisten machen, keine Interviews, nichts. Er stehe nicht zur Verfügung. Vielleicht werde sich Pofalla "aus seinem neuen Job heraus mal melden". Vielleicht.

Am 1. Januar wechselt Pofalla zur Bahn. Dort wird er Generalbevollmächtigter, zuständig für Beziehungen zur Politik. Pofallas Gehalt wird auf schätzungsweise 600.000 Euro im Jahr steigen. Bis dahin bleibt er Mitglied des Bundestages. Von anderen Abgeordneten erfahre ich, dass er im Plenum meist ganz hinten Platz nimmt, in Sitzungen noch anwesend ist, sich aber nicht mehr beteiligt. Er ist jetzt ein Politiker, der keine Politik mehr macht. Politik ist seine Übergangslösung auf dem Weg zur Bahn.

Ich schaue im Zeitungsarchiv und im Internet nach, Pofalla hat im Jahr 2014 tatsächlich keine Interviews gegeben. Bei Spiegel Online stoße ich auf einen Bericht, in dem von Günther Bergmann die Rede ist, einem nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten der CDU. Bergmann, Chef einer PR-Agentur, und der Rechtsanwalt Pofalla kennen sich seit einer Ewigkeit. Im Januar erklärte Bergmann: Die Stimmung in der Partei gegen Pofalla sei "katastrophal", "ich habe Hunderte Zuschriften und Anrufe bekommen, darunter auch solche, die Wut, Enttäuschung und Empörung transportieren". Auf Facebook postete Bergmann, die Partei sei "ganz wuschig".

Mehrere Skandale bündelten sich in einer Person. Es war etwas durchgesickert. Pofalla, der sich im Kanzleramt auch um die Bahn gekümmert hatte, wollte sich ihr als Lobbyist zur Verfügung stellen. Kurz zuvor hatte er sich wieder mit einem Bundestagsmandat ausstatten lassen, das nun wertlos wurde. Vom Jahr 2015 an hat der Kreis Kleve keinen direkt gewählten Abgeordneten mehr im Bundestag. Pofalla hätte seine Parteikollegen über die Neuigkeiten informieren können, aber er schwieg.

Im Gewölbekeller eines Restaurants in Kalkar hatte sich im vergangenen Dezember der Vorstand der Kreispartei versammelt, Pofallas Tafelrunde. Die letzte Sitzung des Jahres, auch Pofalla ließ sich blicken. Er hielt eine kurze Rede, verschwand, und anschließend meldete die Online-Ausgabe der Rheinischen Post, dass Pofalla Bahn-Manager werden wolle. Seine Gefolgsleute in der CDU waren wütend und versuchten, ihn zu erreichen. Sie forderten ihn auf, zur nächsten Sitzung zu erscheinen, aber er sagte ab. Auch zur übernächsten Sitzung kam er nicht, Pofalla erklärte sich einfach nicht. Wochenlang ließ er sich nicht mehr am Niederrhein blicken. Er tauchte einfach ab, und Günther Bergmann wurde zu einem Wortführer der Entrüsteten.

Ich erreiche Bergmann telefonisch nicht, schreibe ihm eine E-Mail. Keine Antwort, eine Woche lang geht das so. Ich rufe Bergmanns Büro im Düsseldorfer Landtag mehrmals an, er ist nicht zu sprechen. Dann meldet er sich und sagt, dass er ungern über Pofalla Auskunft gebe, in der Partei dürfe nichts mehr aufgewirbelt werden. Pofallas Wechsel in die Wirtschaft sei ohnehin nicht zu beanstanden. "In Amerika passiert so was oft. Die Amerikaner sind da viel weiter." Er habe den Aufstand der Basis gegen Pofalla nie angeführt, sagt Bergmann, sondern bloß moderiert. Schließlich willigt er ein, er werde sich mit mir treffen. Ich soll ihm mögliche Termine nennen. Ich schlage ihm in einer E-Mail vier Termine vor. Acht Tage lang keine Antwort. Schließlich ruft er zurück und sagt, er werde sich nicht mit mir treffen, die Lage sei zu heikel. Ein Klever Anzeigenblatt habe über Pofalla geschrieben: "Nach der Wahl ist vor der Bahn". Das habe die Partei wieder aufgewühlt. Beruhigen müsse sie sich.

Ronald Pofalla war ein Lehrmeister der sedierenden Politik. Im Wahlkampf des Jahres 2009, als er noch Generalsekretär der CDU war, lief er aufgeregt herum und erzählte von seiner neuesten Taktik, der asymmetrischen Demobilisierung. Das ist ein Wort aus der amerikanischen Politik, und es bedeutet: Einlullen. Ermüden. Einschläfern. Dem Gegner die Kraft rauben, indem man ihm die Angriffspunkte nimmt. Keine Konflikte, deswegen auch keine auffälligen Inhalte, sondern ein dahinplätscherndes Weiter-so. Wäre Pofalla Mathematiker geworden, hätte er sich ganz sicher mit Zahlenreihen beschäftigt, die bei null enden.

Die Gleichung ging auf, die SPD stürzte bei der Wahl vor fünf Jahren ab, und Merkel regierte weiter. Pofalla blieb loyal gegenüber der Kanzlerin, sie konnte sich auf ihn verlassen. Er ordnete sich ihr vollkommen unter. Ich finde während meiner Recherche niemanden, der Pofalla für einen echten Freund hält, aber alle sagen: Merkel muss ihm zutiefst dankbar sein.

Ich verabrede mich mit Ulrich Francken, der in Weeze Bürgermeister ist. Weeze ist ein kleiner Ort am Niederrhein, in dem Pofalla aufwuchs. Noch immer lebt Pofalla in dem Haus seiner Eltern, wenn er gelegentlich in Weeze ist. Aber Francken hat ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen. Früher gingen beide auf dieselbe Hauptschule. Ronald Pofalla wurde von einigen Kindern "Ronny" genannt, der Spitzname verlor sich später. "Ich bin nur Bürgermeister in Weeze", sagt Francken, "er hat es in die Bundespolitik geschafft. Das ist vielleicht der Unterschied. Er musste für seine Sache richtig arbeiten. Er war extrem fleißig. Er wollte was erreichen."

Francken behält für sich, was viele andere Weggefährten erzählen, die unerkannt bleiben möchten. Ronny setzte alle Mittel ein, um es nach oben zu schaffen. Ergeben war Pofalla gegenüber Vorgesetzten, aber er teilte nach unten aus. In der Geschäftsstelle der CDU war man froh, als er ging. Er arbeitete unglaublich viel, bis in die Nacht. Er rieb sich auf. "Pofalla hatte das Geschäft voll im Griff", sagt ein ranghoher CDU-Funktionär aus Nordrhein-Westfalen.

Pofalla musste sich unbeliebt machen, weil er die Interessen der Kanzlerin durchzusetzen hatte, aber er ging weit darüber hinaus. Seine Wutanfälle hat jeder zu spüren bekommen, der mit ihm öfter zu tun hatte. Staatssekretäre schwänzten Konferenzen mit Pofalla, weil sie sein autoritäres Gehabe nicht mehr ertragen wollten.

Bekannt ist, dass er seinen Parteikollegen Wolfgang Bosbach im Jahr 2011 anfuhr: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!" Weniger bekannt ist, dass ihm solche Beleidigungen ständig unterliefen, seit 30 Jahren. "Wer den Kopf rausstreckte, wurde rasiert", sagt einer, der den Kopf rausstreckte.

Pofalla war immer bestens informiert, hat sich bei jedem Thema in die Details gefressen, am Niederrhein war er eine Instanz. Er hat die Kanzlerin zu einem Besuch nach Kleve geholt, der Flughafen in Weeze war auch sein Projekt, mit einer neuen Bahnstrecke im Rheinland hat er sich über Jahre beschäftigt. In der Bundespolitik blieb er ein Manager des Machterhalts, aber die Menschen am Niederrhein haben von seinem Durchsetzungsvermögen profitiert.

Ich besuche Christoph Andreas, einen Ratsherrn der CDU, der in der Kleinstadt Straelen lebt, nicht weit von Pofallas Heimat. Andreas leitet das Versuchszentrum Gartenbau. Er trägt eine grüne Latzhose. "Kommen Sie mal mit", sagt er und öffnet die Terrassentür. Von Demobilisierung in der Politik verstehe er nichts, aber von der Natur. In eine Schale hat er Lithops gesetzt, extrem robuste Pflanzen, die es schaffen, ohne Regen auszukommen. "Die sind unscheinbar wie Steine, leben aber trotzdem."

Andreas schrieb eine E-Mail an Pofalla. Der Schlüsselsatz lautete: "Du hast Deine Wähler betrogen." Pofalla hat ihm nie geantwortet. Andreas meint: "Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen, aber sein Abgang ist jämmerlich." Er kennt Pofalla seit einem Vierteljahrhundert, doch er weiß nicht mehr, wie sie sich kennenlernten. So geht es den meisten von Pofallas Wegbegleitern. Irgendwie war er immer schon da. Pofalla tauchte nicht plötzlich auf, er war ein Teil des Systems. Er wurde so verwechselbar wie die lebenden Steine.

Ich erfahre, dass Ronald Pofalla Gäste aus der Heimat erwartet: Er hat die CDU-Fraktion aus Kleve nach Berlin eingeladen. Ich bitte die Fraktionsvorsitzende darum, mich mitzunehmen. Sie macht ihre Antwort von Pofalla abhängig. "Nein", sagt sein Büroleiter.

Kurz nachdem die Besucher vom Niederrhein Pofallas Büro in Berlin verlassen haben, brummt mein Handy. Auf dem Display steht: "Anonym ruft an". Der Anrufer sagt: "Pofalla." Die Stimme ist mir vertraut. Das ist er. Pofalla sagt, er wolle mir demnächst erklären, warum er keine Interviews gebe, außerdem wolle er meine Hartnäckigkeit belohnen. Er bietet mir mehrere Termine an. Er sagt dann noch: "Aber keine Zitate."

11. November, Berlin. Jakob-Kaiser-Haus, Büro des Abgeordneten Pofalla. Er ist sehr höflich, arbeitet beim Sprechen viel mit den Händen. Über das, was er sagt, darf ich nichts veröffentlichen. Ich darf aber erwähnen, dass es ein sonniger Herbsttag ist. Davon merkt Pofalla allerdings nichts, weil er die Lamellen an seinem Fenster heruntergelassen hat. So sitzt er vor mir wie ein rätselhafter Insasse in einer Zelle. Er hat den Raum abgedunkelt und das Licht angeschaltet. Er schaut mich neugierig an. Welche Menschen ich während meiner Recherche besucht habe, ist ihm schon berichtet worden, aber er belässt es bei Andeutungen.

Das Bemerkenswerte an Ronald Pofalla ist, dass er aus allem ein Geheimnis machen kann. Als er nach der Wahl 2013 kein Ministerium bekam, konnte man denken, er sei von Merkel übergangen worden. Aber das stimmte nicht. Er hatte vor, kürzerzutreten, weil er eine Familie gründen will. Es gibt eine junge Freundin in seinem Leben, eine Rechtsanwältin. Und er ist 55. Das könnte seine letzte Chance sein, Vater zu werden. Seine beiden geschiedenen Ehen, mit anderen Rechtsanwältinnen, blieben kinderlos. Jetzt also ein Neubeginn. So weit konnte man der Geschichte folgen.

Dann aber stellte sich heraus, dass er zur Bahn wechseln will. Da geriet die Logik durcheinander, weil es nun möglich schien, dass er den Familienwunsch bloß vorgeschoben hatte, um die Diskussion über ihn zu beenden. Das brisante Motiv, den Job bei der Bahn, konnte er im Thema Familie verpacken und sich dadurch vor Nachfragen schützen. Möglicherweise traute er sich aber auch nicht, zu erklären, dass man bei der Bahn mehr Zeit für die Familie hat als im Kanzleramt, weil man dann hätte denken können, er wolle im neuen Job eine ruhige Kugel schieben. Ronald Pofalla, so viel muss man wissen, ist ein Architekt verschachtelter Argumentationen, in denen sich asymmetrische Wahrheiten verhaken, die am Ende niemand mehr entwirren kann, nicht einmal er selbst. Das ist ein Nachteil, den er für einen Vorteil hält.

Schlank ist er geworden. Zwölf Kilo hat er abgenommen, vier- bis fünfmal in der Woche geht er laufen. Am Ende des Gesprächs, nach einer Stunde, gibt er mir zwei Handynummern. Eine exklusive Geschichte. Jeder Reporter braucht eine exklusive Story, das weiß er, deswegen die Handynummern. Sie sollen zu einem Ronald Pofalla führen, den man noch nicht kennt.

Ich wähle die Telefonnummern und mache Termine aus. Die eine Handynummer führt mich zu einer Hochhaussiedlung in Berlin-Marzahn, wo ich den Leiter einer Initiative für Straßenkinder treffe. Mir wird berichtet, dass sich kein Politiker so sehr für diese benachteiligten Kinder einsetze wie Ronald Pofalla. Mehrmals in der Woche rufe er an und erkundige sich. Mehr als eine Million Euro seien für einen Erweiterungsbau in wenigen Monaten zusammengekommen, undenkbar ohne Pofalla. Er hat Stiftungen angerufen, Kardinäle, Politiker, Unternehmer. Hunderte Stunden hat er investiert.

Die andere Handynummer führt mich zum Kassierer eines kleinen Fußballvereins in der Stadt Lünen im Ruhrgebiet. Der Kassierer ist begeistert von Pofalla, der Geldgeber für ein neues Spielfeld auftreibt. Pofalla sei unglaublich hilfsbereit.

Ich frage mich: Für wie blöd hält Pofalla Journalisten? Ich hätte ihm mehr Raffinesse zugetraut. Klar ist, dass er wahnsinnig viel Zeit hat. Ich frage mich allerdings auch, ob er etwas beweisen will, das er nicht formulieren kann. Will er von einer weichen, gefühlvollen Seite berichten, die ihm in der Politik niemand abgekauft hätte? Will er verpasstes Leben nachholen?

Die Hochschule Rhein-Waal in Kleve hat Journalisten zu einem Tag des Abschieds eingeladen. Verabschiedet wird der Förderer Pofalla. Ich habe nachgefragt, ob Pofalla der Fotografin des ZEITmagazins für ein paar Minuten zur Verfügung stehen könne. Nein, antwortete Pofallas Büroleiter, zu wenig Zeit.

Früher kam Pofalla zu solchen Veranstaltungen in einer Traube von Parteifunktionären, jetzt ist er allein. Ein Mann mit gebräuntem Gesicht läuft mit hängenden Mundwinkeln durch den Nieselregen. Drei schreibende Journalisten aus der Region warten auf ihn in einem Konferenzraum, drei Fotografen, einer vom Radio. Die Präsidentin der Hochschule lobt Pofalla, der Landrat auch, und Pofalla fixiert schweigend seine Unterlagen auf dem Tisch, manchmal starrt er ins Leere. Die Politik der Bundeskanzlerin, so viel steht fest, hat er ungleich besser vermarktet als sich selbst.

Dann laufen sie gemeinsam über den Campus. In einer Klimakammer lässt sich Pofalla einen Kautschukbaum erklären. Zum Schluss sitzen sie wieder alle im Konferenzraum, und Pofalla sagt: "Ich möchte noch was zu mir sagen." Der Reporter vom WDR fragt: "Darf ich das aufnehmen?" – "Das kann ich nicht verhindern", erwidert Pofalla, "aber die Tonqualität ist hier nicht gut." – "Darf ich denn mein Mikrofon vor Sie hinstellen?" – "Das finde ich nun nicht so gut", antwortet Pofalla.

Danach spricht er über "neue Herausforderungen" bei der Bahn. Das klingt hohl und kraftlos. Sein Büro hat ihm eine Liste geschrieben, was er alles unterstützt hat, den kurdischen Widerstand im Nordirak, den Denkmalschutz, das Lebensversicherungsreformgesetz.

"Werden Sie sich noch von Ihren Wählern verabschieden?", fragt ein Journalist.

"Ja", antwortet Pofalla, aber er sagt nicht, wie.

"Sind Sie mit sich im Reinen?"

"Alle Missverständnisse wurden geklärt."

"Haben Sie sich schon Ihr neues Büro bei der Bahn angesehen?"

"Dazu äußere ich mich nicht."

Der Landrat will schon zum Buffet bitten, da fragt ein Reporter noch: "Ist es Ihnen schwergefallen zu gehen, Herr Pofalla? Ist es Ihnen denn gar nicht schwergefallen?"

Pofalla holt zu einer komplizierten Antwort aus, in der beides steckt: ja und nein. Danach löffelt er seine Suppe und checkt dabei E-Mails auf seinem Smartphone.

Das ist der Punkt, an dem man aufschreien möchte: Mensch, Pofalla, sag Ja, oder sag Nein.

Warum kannst du das nicht, nach 35 Jahren Politik? Warum kannst du an einem symbolischen Tag deines Lebens nicht das kleinste Bekenntnis abgeben, für all die Menschen, die dich gewählt haben? Der Landrat nennt diesen Abschied "einen Moment zum Innehalten", und es fällt ihm schwer, seine Rührung zu unterdrücken. Aber Pofalla, du kommst über die taktische Formel von der "persönlichen Entscheidung" nicht hinaus. Pofalla, warum sagst du nicht, dass eine junge Frau dein Leben durcheinanderwirbelt und dass du es genießt? Warum sagst du nicht, dass du auch ihr zuliebe handelst? 55 Jahre, Pofalla, das ist doch ein Alter, in dem man sich selbst und anderen nichts mehr vormachen kann. Warum erzählst du nicht die Geschichte vom freiwilligen Machtverzicht? Es könnte eine wundervolle Geschichte sein, über Sehnsucht und Selbstüberwindung. Warum nicht?

An einem Freitagabend Ende November gibt er in einem Hotel in Krefeld sein letztes Amt in der Partei auf, den Vorsitz der CDU Niederrhein. Im Lokalradio lief gerade die Meldung, dass die Bundesregierung ein Gesetz vorbereite, das Ministern verbieten soll, nahtlos in die Wirtschaft zu wechseln, eine Lex Pofalla. Davon hat er nichts mitbekommen, er hat wieder viel telefoniert. Er hat beschwichtigt und besänftigt, auf Schultern geklopft und Küsschen verteilt. Pofalla war wieder so, wie man ihn kannte, er arrangierte die Verhältnisse. Heute darf bei ihm nichts schiefgehen. Zum Ehrenvorsitzenden sollen sie ihn wählen. Als die Ankündigung in den Niederrhein Nachrichten erschien, beschwerten sich mehrere Leser. Ehre, fragten sie, Ehre für Pofalla?

Er hält eine kurze Rede. Einmal bricht ihm die Stimme, aber er fängt sich sofort. Die Wahl zum Ehrenvorsitzenden läuft glatt durch, ohne Gegenstimme. Anschließend erheben sich die Delegierten und applaudieren. Standing Ovations für Ronald Pofalla. Den ganzen Abend achtet er darauf, dass kein Fotograf ihn allein aufnimmt, immer nur einvernehmlich in einer Gruppe.

Und schwupp, dann ist er weg.

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Ich habe Pofalla eigentlich immer für einen farb- und charakter-losen Machtbroker gehalten. Als "Anschleimer" für die Bahn ist er gut aufgehoben.
Aber gerade diese Konstellation sollte uns auch zu denken geben ob Lobbyismus am Souverän, dem Volk, vorbei geduldet werden sollte.
Privatabsprachen mit Mitarbeitern gelten im Geschäftleben als vollzogene Korruption. Abgeordnete sind ja im Endeffekt nichts anderes als Verwaltungsmitarbeiter.