© Hermann und Clärchen Baus

Westlinke und die DDR Die Akte Feik

ZEITmagazin Nr. 52/2014
Als Kommissar Thanner an der Seite von Schimanski wurde Eberhard Feik in den achtziger Jahren zum Fernsehstar. Im wahren Leben gibt es einen ungeklärten Fall: Wie nah kam der Schauspieler der Stasi? Von

In Unter Brüdern, einem der letzten Tatorte mit Schimanski und Thanner, sitzen die beiden in einem BMW und rumpeln über die DDR-Autobahn von Ost-Berlin nach Dresden. Der Krimi spielt in den wilden Monaten zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Die Duisburger Kommissare sind als westdeutsche Kunsthändler getarnt. So versuchen sie einer Stasi-Bande auf die Spur zu kommen, die aus DDR-Staatsbesitz entwendete Kunstwerke verscherbelt. Gerade sind die beiden auf dem Weg zu einem konspirativen Treffen auf einem Rastplatz.

"Irgendwie ist das ein dämliches Gefühl, so durch die Zone zu fahren", sagt Schimanski.

Thanner kaut auf seiner Lippe.

"Ich weiß auch nicht", sagt Schimanski. "Stasi hier, Stasi dort. Jeder Kellner, jede Nutte, jeder Pförtner is ’n Stasi. Und auf einmal sind sie alle gewendet."

"Ha", lacht Thanner kurz auf und streicht sich mit der rechten Hand durchs Haar.

Schimanski: "Also, da muss ich dir wirklich sagen, da ist mir ein anständiger Raubmörder oder ein schießwütiger Bankräuber, der ist mir da einfach lieber. Ist doch was Reelles. Da weißte, woran du bist."

Darauf Thanner, der ständig in den Rückspiegel guckt, leicht genervt: "Sach ma, hast du eigentlich kein anderes Thema?"

Man weiß nicht, was Eberhard Feik gedacht hat, als diese Szene 1990 gedreht wurde. Ob ihm da überhaupt bewusst war, wie nah er selbst im wahren Leben einige Jahre zuvor dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gewesen war. Man kann ihn nicht mehr fragen, er starb 1994 an einem Herzinfarkt. Der stets beflissene, biedere Kriminalbeamte Thanner war nicht Feiks einzige Rolle, aber seine bekannteste. Daneben war er ein angesehener Theaterschauspieler und inszenierte Stücke von Brecht oder Shakespeare. Und er war links, engagierte sich in jungen Jahren bei der DDR-treuen Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Später, in den siebziger und achtziger Jahren – das ergaben Recherchen des ZEITmagazins –, führte die Stasi ihn und seine Frau zeitweise als inoffizielle Mitarbeiter.

Haben die Feiks Menschen bespitzelt und verraten? Diese Frage muss man nach einer langen Spurensuche wohl verneinen. Die Suche führte uns quer durch die Republik, zu alten Weggefährten von Eberhard Feik, immer wieder in die Archive der Stasi-Akten-Behörde und zu Feiks Witwe Anneli Feik-Wagner, die sich nach und nach an Details erinnert. Doch auch wenn die Feiks sich keiner Straftaten schuldig gemacht haben mögen, enthüllen die Recherchen des ZEITmagazins einen deutsch-deutschen Krimi: Sie zeigen, wie das Ministerium für Staatssicherheit seine Agenten im Westen rekrutierte, wie die linke Szene in der alten Bundesrepublik zur DDR stand und wie schwer das Erinnern selbst den unmittelbar Beteiligten fällt. Es ist eine Reise in untergegangene Welten.

Ein heißer Julitag. Am Bahnhof Kirchzarten wartet Anneli Feik-Wagner, 70, eine freundliche Frau in langem Kleid. Mit einem alten Honda fährt sie die Serpentinen hoch nach Hofsgrund, einem Dorf kurz unter dem Freiburger Hausberg Schauinsland. Vor mehr als 30 Jahren ist sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern aus West-Berlin hierhergezogen. Das Grab von Eberhard Feik liegt nur einen Steinwurf entfernt, hinter der kleinen Dorfkirche von Hofsgrund. Ein runder Grabstein mit buddhistischen Zeichen schmückt es. Nach einem ersten Herzinfarkt 1988 hatte sich Feik, wie zuvor schon seine Frau, dem Buddhismus zugewandt.

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"Schalom", grüßt ein Aufkleber an der Wohnungstür. Anneli Feik-Wagner spricht Hebräisch und hat viele Freunde in Israel. Nationalsozialismus und Faschismus waren zeit ihres Lebens ein großes Thema für sie. Geboren wurde sie in einem thüringischen Dorf nahe dem KZ Mittelbau-Dora. Als Mädchen fuhr sie einmal mit dem Fahrrad versehentlich in das damals noch nicht zur Gedenkstätte umgebaute Gelände hinein. Sie stieß auf Räume mit massiven Haken an der Decke, auf Anlagen, die sie für Backöfen hielt. Als Mutter und Tante sie aufklärten, war der Schrecken riesig. "Damals habe ich gedacht: Und die Erwachsenen, die so etwas gemacht haben, die sollen mich erziehen?", sagt Anneli Feik-Wagner. So sei sie ein renitentes Kind geworden.

1966 lernte sie Eberhard Feik kennen. Dessen Vater arbeitete als Ingenieur in einer Chemiefabrik in Köln-Kalk, seine Mutter, eine resolute Westfälin, kümmerte sich um die fünf Kinder. Eberhard hatte begonnen, Germanistik auf Lehramt zu studieren, aber nur pro forma, wie sich sein Bruder Dieter erinnert. Dass Eberhard mit der Schauspielerei begann, "war für unsere Eltern ein Drama". Sie starben 1977 und 1980, noch bevor ihr Sohn ein Fernsehstar wurde. "Seine Mutter hat ihn immer in einem Zigeunerwagen gesehen", sagt Anneli Feik-Wagner und lächelt. Es wirkt ein wenig bitter. Sie hatte bereits eine kleine Tochter, sie rauchte, sie war Schauspielerin – alles nicht besonders vertrauenserweckend für Feiks Eltern. Eberhard und sie waren sich in einem kleinen Kölner Theater begegnet, wo sie abends nach der Schauspielschule erste Rollen spielten.

Die Anfangsjahre als Schauspieler waren tatsächlich nicht leicht. Anneli jobbte nebenher in irgendwelchen Büros an der Schreibmaschine, Eberhard arbeitete in den Theaterferien auf dem Bau und machte in Köln beim sozialistischen Studentenbund mit.

Konfrontiert man Anneli Feik-Wagner mit der Frage, ob sie und ihr Mann später für die DDR-Staatssicherheit tätig waren, lacht sie laut, hebt die Hände, schüttelt den Kopf und sagt: "Das ist absoluter Schwachsinn!"

Doch es gibt diese Karteikarte. Die Registriernummer lautet XV 2518/77, handschriftlich ist sie oben rechts vermerkt. Links daneben steht in Maschinenschrift der Name: "Feik, Eberhard". Eine weitere Karteikarte trägt den Namen seiner Ehefrau. Beide Karten sind Teil der sogenannten Rosenholz-Dateien, einer Sammlung von einst als Sicherheitskopie gefertigten Duplikaten mehrerer Karteien der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), der Auslandsspionage-Abteilung der DDR-Staatssicherheit. In den Wendewirren hat die CIA sie irgendwie erbeutet. Anfang der neunziger Jahre kam zunächst eine kleine Auswahl nach Deutschland zurück. Auf deren Basis eröffneten die Sicherheitsbehörden gut 1500 Ermittlungsverfahren gegen Bundesbürger, die vermutlich noch bis zum Ende der DDR spioniert hatten. Doch die Taten waren schwierig nachzuweisen, es gab nur wenige Verurteilungen.


Seit Anfang der 2000er Jahre liegen die kompletten Rosenholz-Daten zu deutschen Staatsbürgern der Stasi-Unterlagen-Behörde vor. Dort schätzt man die Zahl der Bundesbürger, die in den 40 Jahren der deutschen Teilung für den DDR-Geheimdienst tätig waren, auf rund 12.000. Viele von ihnen sind bis heute nicht öffentlich bekannt. Im Mittelpunkt des Interesses standen seit dem Mauerfall vor allem Politiker. Dabei war die Stasi in anderen Bereichen mindestens genauso aktiv, vor allem in der Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch in der Kultur- und Kunstszene.

© Hermann und Clärchen Baus

Berlin, das Intendantenbüro der Staatsoper. Jürgen Flimm, runde Brille, grauer Bart, bietet dem Gast einen Platz auf einem verschnörkelten Sofa an. Es stammt aus der Präsidentenloge, die nach dem Krieg beim Wiederaufbau des historischen Gebäudes Unter den Linden für Wilhelm Pieck, den ersten Staatschef der DDR, eingerichtet worden war.

Flimm und Feik waren unzertrennlich, seit sie in Köln-Deutz gemeinsam das Gymnasium besuchten. "Wir waren die absolute Flegeltruppe", sagt Flimm, "ein abstruses Trio", zu dem außer ihm und Feik der Fotografenlehrling Hermann Baus gehörte. Zu dritt juxten sie sich durch das katholische Köln der sechziger Jahre. Einmal rannte der Schauspielstudent Feik durch ein Kaufhaus, Baus und Flimm verfolgten ihn treppauf, treppab, hielten irgendwelche Ausweise in die Luft und riefen lauthals: "Halten Sie den Mann! Er hat Gott gelästert!"

"Unbestritten war Eberhard der Chefkomiker", erinnert sich Flimm. "Es gab eine Zeit, in der ich mir nicht vorstellen konnte, ohne ihn zu leben. Wir waren wie ein Ehepaar." Als Feik sich in Anneli verliebte, verkrachten sie sich. Stundenlang hätten er und Baus auf den Freund eingeredet, gefragt, was er denn von "der Tussi" wolle. "Das war natürlich eine Unverschämtheit", sagt Flimm heute.

Als Eberhard Feik 1969 ein erstes Theater-Engagement in Krefeld angeboten bekommt, bricht er das Lehramtsstudium mit Freuden ab. 1971 holt ihn Peter Palitzsch ans Staatstheater Stuttgart. Dort kommt die zweite Tochter der Familie auf die Welt. Feik, jetzt Ende 20, spielt in Hamlet und Amphitryon. Und irgendwann steht die Polizei vor der Tür, verhört ihn. Eine junge Frau, die in der Theaterkantine ein und aus ging, hatte Feik um einen Gefallen gebeten. Sie brauche ein Auto, bekomme bei Mietfirmen aber keins. Ob er helfen könne? – Und Feik, der Gutmütige, sagte nicht Nein. Der Wagen wurde dann von der RAF genutzt. Doch Feik kann die Polizei überzeugen, davon nichts gewusst zu haben.

Eine folgenschwere Begegnung in Berlin

Ende Oktober 1971 kandidiert Feik bei der Stuttgarter Kommunalwahl für die DKP, schafft es aber nicht in den Stadtrat. Der Kontakt zur Partei, erzählt Anneli Feik-Wagner, sei über das Waldheim entstanden, ein Ausflugslokal hoch über dem Stuttgarter Kessel, betrieben von Kommunisten. "Wir waren regelmäßig mit den Kindern da, es gab für wenig Geld viel zu essen." Und es gab beeindruckende Menschen, "alte Kommunisten, die unter Hitler im KZ gesessen hatten und unter Adenauer im Knast". Bald hätten sie dort mitgearbeitet, aber das habe weniger mit Sympathien für die DDR oder den Kommunismus zu tun gehabt als mit dem Faschismus. "Dass damals im Westen überall noch Nazis in Ehren und Funktion saßen, hat uns unheimlich aufgeregt."

1973 geht Eberhard Feik nach Berlin, der große Peter Stein hat ihm einen Platz im Ensemble der Schaubühne am Halleschen Ufer angeboten. Die jüngere Tochter besucht den antiautoritären Kinderladen. Anneli schafft es an die begehrte Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Sie wohnen in der Eisenacher Straße 84, in einer Schöneberger Altbauwohnung mit hohen Decken, Stuck und Holzfußböden. Wenn es eine Demo gegen den Schah und den US-Imperialismus, für Ho Chi Minh und den Weltfrieden gibt, dann zieht die ganze Familie mit.

In dieser Zeit werden die Stasi-Akten der Feiks angelegt. Am 22. April 1977 setzt sich im Ostberliner Bezirk Lichtenberg der Stasi-Hauptmann Horst Otto an seine Schreibmaschine, spannt eine Karteikarte ein und tippt die Daten der Feiks. Horst Otto ist ein Jahrzehnt älter als die Feiks, 1934 geboren in einem Dorf auf der sächsischen Seite des Erzgebirges. Ein Passfoto in seiner Kaderakte zeigt einen unauffälligen jungen Mann mit dunklen Haaren. Otto hatte in Zwickau Buchdrucker gelernt, trat 1956 in die SED ein und besuchte die Drucker-Ingenieurschule in Leipzig, bevor er dort bei der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit anfing. In der Abteilung für Auslandsspionage stieg er bis zum Oberleutnant auf. 1973 wechselte Otto in die Berliner Zentrale und arbeitet nun für die Abteilung XII der HVA. "Im Mittelpunkt des operativen Interesses" , so ist im Handbuch Hauptverwaltung Aufklärung – Aufgaben, Strukturen, Quellen aus der Jahn-Behörde zu lesen, stand "das Beschaffen von Informationen zu Militärpolitik, militärischen Plänen und Ansichten der Nato, zur Politik der Nato gegenüber Osteuropa, den Aktivitäten der Nato zu Sicherung und Ausbau ihrer strategischen Positionen in internationalen Krisenzonen und in anderen bedeutenden Regionen".

Was wollte die Nato-Abteilung des DDR-Auslandsgeheimdienstes von zwei jungen Schauspielern?

So eng sollte man die Frage wohl nicht stellen. "Die Abteilung interessierte sich auch für die innenpolitischen Gegner der Nato, also die Friedensbewegung", sagt der Verfasser des Handbuchs, Helmut Müller-Enbergs, einer der besten Kenner der Stasi-Westarbeit. Außerdem sei es üblich gewesen, dass jene Abteilung einen IM weiterführte, der – vielleicht zufällig – den ersten Kontakt zu ihr hatte, selbst wenn die Person wenig mit dem eigentlichen Aufgabenfeld zu tun hatte. Anfang 1978, also ein paar Monate nach der IM-Registrierung des Ehepaars Feik, wird Horst Otto zum Major befördert.

Vielleicht hilft es, sich die politische Atmosphäre zu vergegenwärtigen, die damals an Feiks Arbeitsplatz, der Schaubühne am Halleschen Ufer, herrschte, um zu verstehen, wie die Feiks an die Stasi geraten konnten. Äußerlich war das Theater eine heruntergekommene Spielstätte in einem abgelegenen Gewerkschaftshaus in Kreuzberg. Vom alten West-Berlin aus gesehen "war das damals kurz vor Warschau", erinnert sich Mitgründer Jürgen Schitthelm. 1970 kam Peter Stein an das Theater und machte es mit seinen Inszenierungen innerhalb weniger Jahre zu einem Ereignis. Stein debütierte in Berlin mit dem Brecht-Stück Die Mutter, das heroisierend die Wandlung einer unpolitischen Proletarierin aus dem vorrevolutionären Russland zur überzeugten Bolschewistin darstellt. Es folgten weitere Aufführungen, die die muffige Mauerstadt aufmischten und die Berliner CDU zum Kochen brachten. Vor ernsten Konsequenzen schützte der künstlerische Erfolg. Die Schauspieler waren Stars oder sollten später welche werden: Edith Clever und Jutta Lampe, Bruno Ganz und Otto Sander. Und mittendrin von 1973 an der etwas jüngere Eberhard Feik.

Dem linken Ideal folgend, versuchte sich die Schaubühne an innerbetrieblicher Demokratie. Die Schauspieler erhielten Einheitsgagen. Tage- und nächtelang debattierte das Ensemble die nächsten Stücke oder die Weltlage oder beides. Man traf sich zu Marx-Seminaren und bereitete Inszenierungen mit gleichermaßen politischem wie akademischem Eifer vor. Um dem bundesdeutschen Proletariat Kultur und Klassenbewusstsein nahezubringen, zog man als Wanderbühne durch Betriebe und nahm schließlich sogar türkischsprachige Stücke ins Programm, um auch Gastarbeiter zu erreichen.

"Es war hart", erinnert sich Ilse Ritter, 70, Freundin und Kollegin Feiks während der Schaubühnen-Zeit. "Jeden Abend Vorstellung, man war frühestens um Mitternacht zu Hause, morgens um zehn rappelte man sich wieder auf zur Probe. Und am einzigen freien Tag gab’s dann noch irgendeine Sitzung. Da wurden Unterschriften gesammelt für Mao in China, und ich hab gedacht, mein Gott, ich kenn den doch gar nicht!" Die Stimmung muss teilweise sehr eigen gewesen sein. "Ich kam morgens ins Haus und habe ›Guten Morgen‹ gesagt, aber kein Mensch grüßte zurück. Es hieß: Diese bürgerliche Scheiße haben wir uns abgewöhnt." Im Ensemble habe damals eine "Grundbegeisterung für Utopien" geherrscht – für alles, nur nicht für die Bundesrepublik. Die DDR, der Ostblock insgesamt, sei ein leuchtendes Vorbild gewesen, ohne dass man sich die Zustände dort genauer angeschaut hätte. "Verstehen kann ich’s, weil das westliche System ja zu wünschen übrig lässt", sagt Ritter. Aber die meisten ihrer Kollegen seien "gläubig und blind" gewesen, hätten Stalins Verbrechen ausgeblendet. Die Politik sei "schon sein Ding gewesen", sagt sie über Eberhard Feik. "In den Sitzungen – und es gab endlos viele Sitzungen – war er sehr eloquent."

Bei einem unserer Treffen mit Anneli Feik-Wagner erinnert sie sich dann, dass es irgendwann in jenen Jahren in einer Universitätsbibliothek in West-Berlin zu einer folgenschweren Begegnung kam. Wann und wo genau, wisse sie nicht mehr. Eberhard Feik recherchiert gerade zu Tschechow für ein Schaubühnen-Stück. In einer Pause steht er am Kaffeeautomaten. Ein etwa gleichaltriger Mann spricht ihn an, sagt, der Kaffee sei ja gut hier. Sie kommen ins Plaudern, der Mann stellt sich als "Klaus" vor. Er sei Doktorand aus dem Osten und dürfe die Westbibliotheken nutzen – eine schräge Legende. Kein normaler DDR-Bürger durfte einfach so in den Westen. "Heute würde ich sagen, Eberhard wurde gezielt angesprochen", sagt Feik-Wagner. Aber damals hätten sie die Geschichte geglaubt, erklärt sie. "Wir waren total naiv." Kontakte mit der Stasi, räumt sie ein, die habe es gegeben. Mehr nicht.

Von jenem Tag an sei "Klaus" immer in der Bibliothek gewesen, wenn Eberhard kam. Irgendwann lernte er Anneli kennen, lud die Familie nach Ost-Berlin ein. "Klaus" ging mit ihnen in den Tierpark und auf den Weihnachtsmarkt. Er besorgte Theaterkarten. Bei ihm zu Hause, sagt Feik-Wagner, seien sie nie gewesen. "Das gehe nicht, hatte er gesagt, weil er zur Untermiete bei einer alten Dame wohne. Wir haben gar nicht darüber nachgedacht, was er wollte." Über Politik habe man nie gesprochen, und "Klaus" habe nie um etwas gebeten. Irgendwann habe er sich von ihnen verabschiedet. "Er sagte, er sei fertig mit seiner Doktorarbeit, müsse zurück nach Halle, wo seine Familie wohne." Danach hätten sie nie mehr etwas von "Klaus" gehört.

Die Stasi-Unterlagen der Feiks legen nahe, dass "Klaus" ein Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit war, im MfS-Jargon "Werber" genannt. Diese Werber waren im "Operationsgebiet" unterwegs, wie die HVA Bundesrepublik und West-Berlin und den Rest der westlichen Welt nannte. Dort identifizierten, kontaktierten und rekrutierten sie Kandidaten, die für eine Zusammenarbeit geeignet schienen. In den Dokumenten zum Ehepaar Feik, die in der Jahn-Behörde archiviert sind, findet sich jedenfalls ein Vermerk zum "Ursprung des Vorgangs": Sie seien durch einen ostdeutschen IM angesprochen worden, der sich "zeitweilig im OP" (Operationsgebiet) aufhielt – das passt zur Bibliotheksbekanntschaft "Klaus".

Ein weiteres Indiz spricht dafür, dass die Feiks auf diese Weise an die Stasi gerieten: Das Datum, für das Führungsoffizier Otto die Werbung der beiden als IM vermerkte, ist auf den Karteikarten handschriftlich ergänzt. Auf diese Art wurde oft der Erstkontakt mit der Stasi notiert. Und bei Eberhard Feik steht ein früheres Datum als bei seiner Frau, der 31. März 1976 – an diesem Tag, es war ein Mittwoch, dürfte es zur Begegnung mit "Klaus" am Kaffeeautomaten gekommen sein. Anneli Feik-Wagner lernte der Werber laut den Akten erst fünf Wochen später kennen.

Sie studiert damals an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb). Auch dort geht es zu jener Zeit politisch hoch her, wie an der Schaubühne und an den Universitäten toben die Fraktionskämpfe der K-Gruppen. An der dffb ist es üblich, dass die Abschlussfilme im großen Plenum vorgeführt und diskutiert werden.

Handwerkliche Dinge waren da nicht so wichtig, erinnert sich Helene Schwarz mit mildem Lächeln. "Die oberste Frage war, ob der Film dem Volke diene." Schwarz ist 87 Jahre alt und arbeitet seit Gründung der Akademie 1966 dort als Sekretärin – aber sie war und ist viel mehr, nämlich Kummerkasten für die Studierenden und lebendes Akademiegedächtnis. Bis heute kommt sie täglich ins Büro.

Sie erinnere sich noch gut an Anneli Feik-Wagner, sagt Schwarz. Intelligent und "sehr politisch" sei sie gewesen, zielstrebig, aber mit den beiden Töchtern natürlich immer unter dem Druck, Studium und Familie unter einen Hut zu bringen. "Eberhard war lieb und geduldig. Er hat gemacht, was sie sagte."

Das Schweigen ist gebrochen heißt Annelis erster großer Film. Er erzählt die Geschichte einer jungen Lehrerin im Iran, die sich der sozialistischen Volksfedadschin-Guerilla anschloss, das Schah-Regime bekämpfte und in den Kellern seines Geheimdienstes bestialisch gefoltert wurde. An der Akademie, sagt Feik-Wagner, sei der Film nicht so gut angekommen. Eines Tages jedoch habe zu Hause das Telefon geklingelt, am anderen Ende Ost-Berlin. Man sei sehr an dem Film interessiert, würde ihn gern in der DDR zeigen. Könne man vielleicht mal ins Gespräch kommen? "Ich war wirklich doof, dass ich das geglaubt habe", sagt sie heute. Soweit es sich rekonstruieren lässt, fand dieser Anruf statt, nachdem die Feiks von "Klaus" angesprochen worden waren – aber einen Zusammenhang ahnten sie damals nicht.

Die Registriernummer der Feiks führt zu einer Karte, auf der unter anderem zwei Decknamen stehen: "Queen" und "Lear"

Anneli Feik-Wagner steigt jedenfalls in die S-Bahn und fährt nach Ost-Berlin. Am Bahnhof wird sie abgeholt, von einem Auto mit Chauffeur. In einem Büro sitzen ihr schließlich Männer gegenüber, die sich als Kulturbeamte vorstellen. Einen wirklich ganz tollen Film habe sie da gemacht, sagen sie, doch es gebe momentan ein paar Probleme, weshalb man ihn nicht gleich ausstrahlen könne. Aber wäre sie eventuell interessiert, im Rahmen des deutsch-deutschen Kulturaustausches Filme zu machen? Gern stelle man die nötigen Mittel zur Verfügung.

"Ich hab gesagt: Ja, warum nicht?" Und, erinnert sich Feik-Wagner, blöd, wie sie gewesen sei, habe sie sogar noch gefragt: "Was stellen Sie sich denn vor?"

Es gebe da in Namibia ein interessantes Thema, ein Atomprojekt, hieß es. Vermutlich meinten die freundlichen Herren die Rössing-Uranmine im einstigen Deutsch-Südwestafrika. Das südafrikanische Apartheidregime hatte damals Namibia besetzt. Gegen die Fremdherrschaft kämpfte, unterstützt von der DDR, die Befreiungsbewegung Swapo. Südafrika ließ in der Mine von 1976 an einen britischen Konzern Uran fördern, auch deutsche Großunternehmen waren beteiligt. In vielen westlichen Ländern gab es in der Folgezeit Protestkampagnen gegen das Projekt. Gut möglich, dass die Stasi diese gern mit dem Dokumentarfilm einer jungen Westberliner Autorin befeuert hätte. Anneli Feik-Wagner sagt, als ihre Partner das Atomprojekt zur Sprache brachten, sei ihr "klar geworden, was die wollten". Aus dem Film sei nie etwas geworden.

Die Recherchen zu dieser Geschichte sind kompliziert, aber das Gefühl, dass da irgendetwas gewesen sein muss, bleibt. Die überlieferten Stasi-Unterlagen passen einfach nicht zu den Erzählungen Feik-Wagners. Sie zeichnen ein anderes Bild davon, wie es nach diesem Gespräch in Ost-Berlin weiterging, allerdings nur in Umrissen. Denn anders als bei vielen ostdeutschen IMs sind die Akten der meisten Westagenten verloren, weil die HVA sich 1989/90 selbst auflösen durfte. Fast detektivisch muss man Hinweise zusammenfügen, die sich manchmal in den Unterlagen anderer MfS-Abteilungen finden oder den Kaderakten der Führungsoffiziere oder in einer Computerdatei mit dem sperrigen Namen "System der Informationsrecherche – Aufklärung", abgekürzt Sira. Dies war so etwas wie das elektronische Posteingangsbuch der Spionageergebnisse. Jedes Dokument, das die HVA erbeutete, wurde darin erfasst. Zwei Tüftlern der Stasi-Behörde gelang es 1998, diese Datenbank aus Magnetbändern herauszulesen, die von der HVA in den Wendewirren versehentlich nicht gelöscht worden waren. Doch in Sira finden sich keine Informationseingänge zur Registriernummer der Feiks. Sie haben also offenkundig keine Berichte geliefert, keine Dokumente beschafft, keine Menschen bespitzelt.

Was dann haben die zwei Karteikarten der Feiks in den Rosenholz-Dateien zu bedeuten?

Sie allein sagen wenig, denn in dieser Personenkartei, im Stasi-Jargon "F 16" genannt, verzeichnete die HVA alle Personen, die für sie irgendwie von Interesse waren: eigene Agenten ebenso wie Zielpersonen, die man ausspionierte, ferner Kuriere, Deckadressengeber und so weiter. Rund 90 Prozent der registrierten Personen waren keine IMs. Bis hierher also hätte es gut sein können, dass die Feiks selbst Opfer der Stasi waren. Auch zu Helmut Kohl oder Wolf Biermann existieren F-16-Karten. Weshalb bestimmte Personen erfasst wurden, lässt sich nur in Zusammenschau mit weiteren Unterlagen rekonstruieren. Zum Beispiel mit der sogenannten Vorgangskartei der HVA. Die Registriernummer der Feiks, XV 2518/77, führt hier zu einer Karte, auf der unter anderem zwei Decknamen stehen: "Queen" sowie "Lear", der Name des Königs aus dem klassischen Shakespeare-Stück. Und es findet sich in den Unterlagen der Vermerk "IM-Vorgang mit Arbeitsakte".

Doch warum die Feiks als IM erfasst wurden, was genau sie taten oder tun sollten, ist auch damit noch nicht geklärt.

Hier helfen die sogenannten Statistikbögen, die sich ebenfalls in den Rosenholz-Dateien finden. Sie enthalten Daten von Personen, die im Kriegs- oder Spannungsfall für die HVA von besonderem Interesse sein sollten. Von diesen Dokumenten gibt es in der Jahn-Behörde nur rund 2.000 Stück, es handelt sich also um einen aus Sicht des MfS exklusiven Personenkreis. Zu den Feiks – also zu "Lear" und zu "Queen" – gibt es solche Statistikbögen. Die wichtigste Zeile darauf ist die dritte von oben: "Kategorie". Bei Anneli Feik-Wagner sind hier drei Buchstaben zu entziffern: "IMA", bei Eberhard Feik steht "Anlaufstelle".

Unter Letzterem verstand die HVA eine Person, die eigene Räumlichkeiten zur Übermittlung von Informationen oder operativen Materialien zwischen der Stasi und ihren inoffiziellen Mitarbeitern zur Verfügung stellte. Anlaufstellen gab es nur relativ wenige, lediglich ein Prozent der West-IM fielen unter diese Kategorie. Sie waren in der Regel Personen mit vielen Kontakten, beispielsweise Ärzte oder Kioskverkäufer.

Das Kürzel "IMA", mit dem Feiks Frau verzeichnet ist, wurde von der Stasi für verschiedene Zwecke verwendet. Auf Statistikbögen bedeutet es: "IM mit besonderen Aufgaben", erklärt Stasi-Forscher Müller-Enbergs. "Diese IMAs gehörten zu den edelsten IMs. Für sie findet man selten Informationseingänge. Sie hatten umgekehrt Informationen zu vermitteln, unters Volk zu bringen. Besonders häufig findet man IMAs in der Kulturszene." Alles deutet also darauf hin, dass Anneli Feik-Wagner, die junge Filmemacherin aus West-Berlin, irgendetwas im Westen lancieren sollte – und ihr Mann Eberhard quasi als Hilfsperson mit registriert war.

Und dann stehen auf den Statistikbögen noch ein paar Worte, die besonders wichtig sind. Unter dem Punkt "Zuverlässigkeit" ist vermerkt: "nicht überprüft" – die niedrigste Stufe. Dies deutet darauf hin, dass die Beziehung nicht sehr lange dauerte – jedenfalls nicht lange genug, um die Feiks als IMs genau einschätzen zu können. Zur Art der Verbindung steht da: "bewußte Ausnutzung" – die Feiks haben demnach gewusst, wer ihnen gegenüberstand. (Es gab auch IMs, die etwa unter der Legende geworben wurden, für einen westlichen Geheimdienst zu arbeiten.) Und da steht: Die Werbung geschah auf "ideologischer Basis".

Bei einem der Gespräche, die das ZEITmagazin mit Anneli Feik-Wagner führt, sitzt zufällig auch Amrei am Tisch, die ältere Tochter, heute Ende 40. Sie sagt etwas, das die Stimmung von damals wohl auf den Punkt bringt und auch eine Art Erklärung für alles sein könnte. "Das Feuer in Sachen Politik ging ja immer eher von dir aus", sagt sie, an ihre Mutter gerichtet. "Ich habe es als Kind so erlebt, dass wir kurz davor sind, dass die bösen Faschisten wiederkommen." Dabei klingt sie nur leicht amüsiert.

Die Mutter: "Aber wir waren doch von faschistischen Ländern umzingelt! Portugal, Chile. Dagegen musste man den Mund aufmachen!" In Vietnam oder Lateinamerika habe die USA "jeden Versuch, auf die Beine zu kommen, sofort niedergemacht". Doch mit der DDR, beharrt Feik-Wagner, habe sie "nie was am Hut gehabt". Die Ausbürgerung von Biermann etwa hätten sie und ihr Mann "ganz klar abgelehnt".

Die Tochter korrigiert sacht: "Unser Bild von der DDR war geschönt, es hat sich erst nach und nach geändert." Sie wisse noch, dass sie als Sechsjährige auf die Frage, was sie werden wolle, geantwortet habe: Revolutionär.

"Sie waren naiv", sagt die Tochter über die mögliche Stasi-Mitarbeit ihrer Eltern. "Dass sie da reingerutscht sind, traue ich ihnen zu." Anneli Feik-Wagner aber versichert immer wieder, gearbeitet hätten sie für die Stasi nie. Eine Weile nach jenem Gespräch in Ost-Berlin über ihren Iran-Film und mögliche weitere Filme sei sie daheim in Schöneberg nochmals angerufen worden. Was denn nun aus dem gemeinsamen Projekt werde, habe man gefragt. Mit der Notlüge, bei ihnen sei kürzlich eine Hausdurchsuchung gewesen, habe sie die Herren abgewimmelt. Endgültig.

Doch laut den Karteikarten des Ehepaars Feik legte Hauptmann Otto im Mai 1977 eine "Arbeitsakte" zum IM-Vorgang der Feiks an. Und dabei blieb es nicht, am 7. September 1981 wurde ein zweiter Band begonnen. "Die IM-Arbeitsakten enthielten üblicherweise Treffberichte, Reisekostenabrechnungen oder ähnliche Unterlagen, die für die Arbeit mit dem inoffiziellen Mitarbeiter relevant waren", sagt der HVA-Experte Müller-Enbergs. "Ein zweiter Band wurde angelegt, wenn der erste voll war."

Wenn Anneli Feik-Wagner also tatsächlich gleich nach der Anwerbung den Kontakt abgebrochen hat, womit füllte Führungsoffizier Otto dann über einen Zeitraum von gut vier Jahren einen ganzen Aktenordner?

Und angesichts der vergebenen IM-Kategorien müsse, sagt Müller-Enbergs, etwas vorgelegen haben, das die HVA als Zusammenarbeit wertete. Etwas, das die Einstufung als "IMA" und "Anlaufstelle" rechtfertigte. Dass Führungsoffiziere Personen fälschlicherweise als IM registriert haben, dadurch vielleicht ihre Erfolgsbilanz aufbessern wollten – ein solcher Fall sei ihm in mehr als zwei Jahrzehnten Forschung über die HVA nicht ein einziges Mal begegnet, sagt Müller-Enbergs. "Stasi-Offiziere waren keine Hochstapler", sagt er. Das Risiko, mit einer Falschregistrierung aufzufliegen, sei viel zu hoch und die drohenden Strafen seien drakonisch gewesen.

Ganz geschlossen wird die Akte nicht

Einmal, im Februar 1978, war Eberhard Feik selbst Ausspähungsobjekt der Stasi. Die Schaubühne reiste damals für ein dreitägiges Gastspiel nach Karl-Marx-Stadt, führte ihre vielfach gefeierten Sommergäste von Gorki auf. Einerseits wollte sich die SED mit der linken Theatertruppe aus dem Westen schmücken, andererseits ließ sie das Ensemble überwachen. Zwei Tage nach Ende der Tour lieferte Mielkes Stellvertreter, der Generalmajor Rudi Mittig, einen vierseitigen Bericht an den obersten SED-Kulturverantwortlichen Kurt Hager. "Es gab keine offenen feindlichen provokatorischen Handlungen", so das Fazit. Gelobt wurde die "progressive realistische Tendenz des Stückes" – also seine Sowjetfreundlichkeit. Mit Stadtrundfahrten und Betriebsbesichtigungen hatte man das Ensemble ("politisch heterogen zusammengesetzt, von Maoisten bis Rechtsliberalen") unterhalten, um ein Bild der DDR "als gastfreundliches Land" zu "formen".

Nur einmal entglitt der Stasi die Kontrolle. Am Abend nach der ersten Aufführung feierten die Westschauspieler an der Bar des Interhotels, in dem sie untergebracht waren – gemeinsam mit ein paar Kollegen der Ostberliner Volksbühne und Günter Gaus, dem Ständigen Vertreter der Bundesrepublik in der DDR. Dies gefiel dem Geheimdienst gar nicht – es sei durch eine "Ungeschicklichkeit des Barpersonals" passiert, so der Stasi-Bericht. "Dieser Vorfall wurde ausgewertet, und die folgenden Tage achtete man darauf, daß der Eigenart des Schaubühnen-Ensembles, bis in den Morgen zusammenzuhocken, durch Räumlichkeiten im Hotel Rechnung getragen wurde."

Im Jahr darauf verließ Feik die Schaubühne – "todunglücklich", wie er selbst einmal sagte. Er sei dort halt nie aus der dritten Reihe herausgekommen, erklärt sein alter Freund Jürgen Flimm. Zuvor hatte Eberhard Feik erste Fernsehrollen gespielt, etwa in Wolfgang Beckers Kinderfilm Die Vorstadtkrokodile. 1978 verkörperte er einen prügelnden Ehemann in der Dokufiction Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen. Diese Low-Budget-Produktion der Westberliner Autorin Cristina Perincioli für das ZDF war ein zentraler Film der bundesdeutschen Frauenbewegung, Feik spielte für eine Minigage mit.

Von 1979 an ist er freier Schauspieler, inszeniert nebenbei Theaterstücke in Karlsruhe und Konstanz. "Er wollte gern Theaterleiter werden", sagt seine Frau, doch daraus wurde nichts. Irgendwann meldet sich der WDR und bietet ihm die Rolle eines neuen Tatort- Kommissars an der Seite von Götz George an. Mitte 1981 wird Duisburg-Ruhrort ausgestrahlt, der erste Krimi der Schimanski-Reihe. Dass die später ein riesiger Erfolg werden wird und Feik ein bekanntes Fernsehgesicht, ahnt niemand.

Im selben Jahr verlassen die Feiks West-Berlin. Anneli Feik-Wagner bricht ihr Studium an der Filmakademie ab. "Sie war traurig, aber rigoros", erinnert sich Helene Schwarz. Sie habe gesagt, für ihre kleine Tochter müsse es sein. Aber auch ihrem Mann war die Großstadt zu viel geworden. "Eberhard sagte mir mal, er hat’s da nicht mehr ausgehalten", erinnert sich sein Bruder Dieter, "die Enge, die fehlende Natur." Von dem einst "urkomischen Kauz" sei am Ende nicht mehr viel übrig gewesen. Die Umgebung dort habe ihn verbogen. "Er wirkte verschlossen, schleppte was mit sich rum."

Bald nach dem Umzug, im Herbst 1981, gibt Führungsoffizier Otto die zwei Bände der IM-Akte der Feiks ins Archiv. Nach ihrem Wegzug, so scheint es, sieht er für den Vorgang keine rechte Perspektive mehr. Doch ganz geschlossen wird die Akte nicht, die IM-Registrierung des Ehepaars besteht fort.

Die Familie zieht ins ruhige Hofsgrund, das sie kurz zuvor bei einem Schwarzwald-Urlaub entdeckt hat. Für ihren Mann sei das Dorf "ein Erholungsraum geworden", erzählt Anneli Feik-Wagner. Er macht bei der Freiwilligen Feuerwehr mit, sie haben Pferde. Eberhard Feik arbeitet weiter als Theaterregisseur und -schauspieler, und die Fernsehrollen werden größer. Im Jahr darauf strahlt die ARD gleich drei Schimanski-Folgen aus. Aber das Geld ist noch immer knapp, zwischen den einzelnen Projekten meldet sich Feik beim Amt arbeitslos.

Auf seine Linksaußen-Jahre in der Schaubühnen-Truppe habe Feik später mit Distanz und Humor geguckt, sagt Götz George

Am 5. September 1983, so verzeichnen es die Stasi-Unterlagen, lässt sich in Ost-Berlin ein HVA-Offizier den archivierten IM-Vorgang noch einmal vorlegen. Egon Rößler ist sein Name, damals 45 Jahre alt, Absolvent der Komsomol-Hochschule Moskau, erst seit ein paar Jahren beim Ministerium für Staatssicherheit. Zu jenem Zeitpunkt ist er Referatsleiter in der Nato-Abteilung, also der Vorgesetzte des Führungsoffiziers Horst Otto. Irgendetwas muss die HVA noch mit dem Ehepaar vorgehabt haben. Und es muss dann auch einiges an Aktivitäten gegeben haben, denn bald ist auch der zweite Ordner der IM-Arbeitsakte voll. Am 24. Juli 1984 legt Major Rößler einen dritten Band an.

Etwa zu jener Zeit – Anneli Feik-Wagner sagt auch hier, sie erinnere sich nicht mehr genau – kam es während eines Besuchs bei ihrer DDR-Verwandtschaft in Thüringen zu einer weiteren Begegnung mit der Stasi. Als sie und ihr Mann von einem Ausflug zurückkehren, sitzen im Wohnzimmer der beklommen dreinschauenden Gastgeber zwei Offizielle. Sie bitten, so Feik-Wagner, um ein Gespräch. Erzählen vom deutsch-deutschen Kulturaustausch, bei dem ja viele Westkünstler mitmachten. "Sie haben Eberhard gefragt, ob er ein Theaterstück in der DDR inszenieren wolle, zum Beispiel in Rostock."

Am dortigen Theater hatte die Stasi, aber das wussten die Feiks natürlich nicht, etliche IMs platziert. Auch der Kulturchef der örtlichen Ostsee-Zeitung arbeitete als IM "Friedhelm" für das MfS. "Rostock war eine regelrechte Drehscheibe für die Rekrutierung von West-IMs aus der Kulturszene", sagt Stasi-Experte Helmut Müller-Enbergs.

Ihr Mann habe prinzipiell zugesagt, erinnert sich Feik-Wagner. "Aber er wollte nur einen Klassiker machen, kein sozialistisches Arbeiterstück." Die Gespräche werden ziemlich konkret, man spricht übers Honorar, das je zur Hälfte in West- und Ostmark ausgezahlt werden soll, und darüber, dass es "eine Bescheinigung geben solle, mit der wir Dinge hätten einkaufen können, die normalerweise nicht aus der DDR ausgeführt werden durften, Kristall zum Beispiel".

Dann aber hätten die Männer sehr direkt gefragt, ob die Feiks bereit wären, gelegentlich jemanden bei sich übernachten zu lassen. Oder einen Briefkasten zur Verfügung zu stellen. Das hätten sie strikt abgelehnt, betont Feik-Wagner. "Ich hab mich total doof gestellt und gesagt: Wissen Sie denn nicht, dass das bei uns verboten ist?" Und als sie wieder daheim in Hofsgrund waren, sagt sie, habe sie beim Landesamt für Verfassungsschutz in Stuttgart angerufen und den Anwerbeversuch gemeldet.

An diesem Punkt, am Ende der Verbindung zwischen den Feiks und der Stasi, decken sich die Schilderungen mit den überlieferten MfS-Unterlagen. Am 6. September 1984, vermutlich nach dem erfolglosen Gespräch in Thüringen, gibt Major Egon Rößler die IM-Arbeitsakten zurück ins Archiv. Doch anders als bei der ersten Archivierung drei Jahre zuvor hat man keinerlei Erwartung mehr, dass sich der Kontakt noch fruchtbar entwickeln ließe. Denn die Stasi-Akten vermerken die Umregistrierung von einer "aktiven" zur "passiven Erfassung". Das heißt: Der IM-Vorgang wird 1984 endgültig geschlossen.

Der baden-württembergische Verfassungsschutz erklärte auf Nachfrage, nichts zu einer Meldung der Feiks sagen zu können. Nach so vielen Jahren seien alle Akten längst vernichtet.

1986 nannte Eberhard Feik in einem Magazininterview die DKP, für die er einst in Stuttgart kandidierte, "eine Partei, deren Art von Sozialismus ich heute nicht mehr teilen kann. Aber das weißt du alles nicht, wenn du jung bist." Zwischenzeitlich sei er, sagte er in jenem Interview, politisch eher resigniert, seine anfängliche Begeisterung für die Grünen sei auch wieder abgekühlt. "Ich habe das Gefühl, die Reinigungskraft dieser Bewegung versickert in den Kanälen Bonns." Von den anderen Parteien erwarte er eh nichts. "Mit dieser angloamerikanischen Arschkriecherei kann ich mich nicht identifizieren. Ich habe das Gefühl, wir werden immer mehr zu einer US-Kolonie. Ich fühle mich oft ohnmächtig, ohne Eingriffsmöglichkeiten."

Götz George und Eberhard Feik alias Schimanki und Thanner 1985 in Duisburg © Hermann und Clärchen Baus

Da war er bereits ein bundesdeutscher Fernsehstar, obwohl es, wie sich Götz George erinnert, nach dem ersten Tatort noch hieß, die Figuren Schimanski und Thanner seien "nicht mehrheitsfähig". Das ungleiche Ermittlerpaar war ja tatsächlich etwas Neues für den deutschen Fernsehkrimi. Bis dahin hatten die TV-Kommissare praktisch kein Privatleben gehabt – nun prügelten und fluchten und grübelten sich da zwei Beamte durch die Filme.

Feik und George wurden Freunde. Sie seien ein sehr ungleiches Paar gewesen, sagt George, auch privat. Er Bauchmensch, Feik Denker. "Eberhard analysierte die Szenen, ich spielte sie einfach. Man merkte bei ihm immer: Er hatte studiert." Gleichzeitig sei der Freund unheimlich offen gewesen: "Er sprach mit jedem und interessierte sich für alles." Wenn auf dem Set neue Autos angeliefert wurden, fachsimpelte er mit den Fahrern. Fragte die Berater von der Polizei aus, welche Waffen sie benutzten.

Wenn Feik etwas machte, erzählen seine Freunde einhellig, dann exzessiv. Bei den Zigaretten mussten es Roth-Händle sein, und gleich drei Packungen pro Tag. Nachdem er mit 43 Jahren, während der Dreharbeiten zu einem Schimanski, seinen ersten Herzinfarkt erlitt, hörte er schlagartig auf – und begann genauso exzessiv Rad zu fahren. "Er kaufte natürlich gleich ein Rennrad", erinnert sich George, "und die dazu passenden Leggins und sah darin ein wenig aus wie ein Alien." Im Oktober 1994 dann der zweite Herzinfarkt, er wollte nur eine kurze Radtour machen, von Hofsgrund hoch auf den Schauinsland, seinen geliebten Berg. Schwitzend angekommen, traf er Freunde, redete noch mit ihnen – fasste sich plötzlich ans Herz, sackte in ihre Arme und war tot.

"Eberhard war ein politischer Mensch", sagt Götz George. In ihren Tatorten haben sie immer auch soziale Fragen thematisiert. Und als 1987 die Schließung der Krupp-Hütte in Duisburg-Rheinhausen drohte, erst die Stahlarbeiter auf die Straße gingen und bald das halbe Ruhrgebiet, sammelten natürlich auch Schimanski und Thanner Geld und schmierten Brötchen.

Auf seine Linksaußen-Jahre in der Schaubühnen-Truppe habe Feik später mit Distanz und Humor geguckt, sagt George. Und wenn Feik doch irgendwann noch mal anfangen wollte zu argumentieren, habe er ihm gesagt: "Ey, denk nach, du stehst auf der Sonnenseite des Lebens!" Als "kleinen, liebenswerten Salonkommunisten" bezeichnet er seinen Freund. "Als er es sich leisten konnte, kaufte er sich gleich einen dicken Wagen mit extragroßen Superfelgen. Und wenn wir essen gingen, dann zum ersten Italiener am Platz, nicht in die Arbeiterkneipe zu Pommes Majo und Currywurst. Aber da holte er wohl etwas nach, was ihm in früheren Jahren verwehrt war."

Dass Feik für die Stasi gearbeitet haben könnte, mag er nicht glauben. "Das wäre ein Charakterzug, den ich mir bei ihm einfach nicht vorstellen kann."

Berlin-Mahlsdorf, eine Eigenheimsiedlung im Nordosten der Stadt. Nur ein paar Schritte sind es bis nach Brandenburg. Mitten im Grünen liegt ein Einfamilienhaus. Hier wohnt Egon Rößler, heute 76. Er, der letzte Stasi-Offizier, der mit der Akte Feik befasst war, lehnt jedes Gespräch ab, freundlich, aber bestimmt. "Die Geschichte ist Vergangenheit, lassen Sie mich in Ruhe." Er habe abgeschlossen damit. "Und Sie wissen doch", sagt er, "MfS-Leute sind verschwiegen."

Auch der andere Stasi-Mann lebt noch: Horst Otto, mittlerweile 80. Er wohnt ebenfalls im Osten Berlins, in einem sanierten Neubaublock aus DDR-Zeiten im Stadtteil Niederschöneweide. Auch er lehnt ein Interview ab: "Ich möchte davon Abstand nehmen", sagt er gestelzt.

In der Schlussszene des Krimis Unter Brüdern feiern Schimanski und Thanner mit ihren Ostberliner Kollegen die Aufklärung des Falls. Die Stasi-Kunsträuber sind gefasst, nun veranstalten die Kommissare ein deutsch-deutsches Besäufnis. Die beiden ostdeutschen Polizisten haben einen Koffer voller realsozialistischer Orden mitgebracht. Schimanski kommt wankend vom Klo, nestelt noch am Gürtel. Einer der Ostkollegen trägt eine imitierte Laudatio vor, schwer lallend, in der Hand ein aufgeschlagenes Telefonbuch. Thanner erhält die DDR-"Verdienstmedaille in Silber und Gold". Handschlag, Bruderkuss. "Vielen Dank", sagt Thanner und lässt sich auf seinen Stuhl fallen.

Exakt diesen Orden erhielten gemäß ihren Kaderkarteikarten auch die beiden HVA-Führungsoffiziere Horst Otto und Egon Rößler 1976 und 1982. Allerdings im wahren Leben.

In eigener Sache, 19.12.2014: Einen Tag bevor dieser Text im gedruckten ZEITmagazin erschien, gab es – wie bei Geschichten mit nachrichtlichem Gehalt üblich – eine Pressemitteilung. Schon alleine diese Pressemitteilung hat eine Wucht entfaltet, die weder mit dem Inhalt der Meldung noch mit der Geschichte vereinbar ist. In Berichten, die sich auf das ZEITmagazin berufen haben, wurde Feik als "Stasi-Plaudertasche" oder "Stasi-Spitzel" bezeichnet. Es wurde außerdem spekuliert, ob er Götz George ausspioniert habe oder Jürgen Flimm. All dies, obwohl es in unserem Text explizit heißt, dass das Ehepaar Feik den Stasi-Unterlagen zufolge keine Informationen nach Ostberlin geliefert hat. Dies hätte auch gar nicht, wie ebenfalls im Text erklärt wird, zu den Rollen als "Anlaufstelle" und "IM mit besonderen Aufgaben" gepasst, die der DDR-Auslandsgeheimdienst HV A ihnen gab.
Der Autor des Textes und die Redaktion sind erschrocken über diese Berichterstattung und bedauern sie. 
Die Redaktion des ZEITmagazins

Kommentare

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Toralf Staud hätte noch Veith von Fürstenberg befragen können. Der lebt schließlich noch und führte beim »Tatruf« (Tatort+Polizeiruf) »Unter Brüdern« Regie — zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Polizeiruf-Miterfinder Helmut Krätzig.

Vielleicht lebt Veith von Fürstenberg aber noch zurückgezogener und untergetauchter als die beiden ehemaligen HVA-Offiziere. Denen kann ich trotz fehlender Sympathie nur beipflichten: Laßt die Geschichte doch auf sich beruhen. Oder können wir eine ähnlich akribisch recherchierte Erzählung erwarten, wenn Helmut Kohl eines Tages jemals gestorben sein sollte? Oder Joachim Gauck? Oder Angela Merkel?

Ich fürchte nicht. Der Eigenprotektionismus der letzten beiden geht sogar soweit, daß die ZEIT sich nicht einmal traut, Kommentare zu veröffentlichen, die das Kürzel aus »I« und »M« auch nur in die Nähe eines der beiden Namen rücken. Was bei Gregor Gysi seltsamerweise ganz anders ist. Oder eben bei Eberhard Feik.

Einmal mehr ein Paradebeispiel von zweierlei Maß und einer ganz besonders eigenen Auslegung deutsch-deutscher Geschichte. Schade. Denn ich dachte eigentlich, daß in der Bundesrepublik gleiches Recht für alle gilt. Aber manche sind eben gleicher. Da wirken die wiedergegebenen Dialoge aus »Unter Brüdern« gleich doppelt zynisch.