Kraftwerk Neues von morgen

Kraftwerk sind ein Produkt der Bundesrepublik. Sie wollten niemanden kopieren, deshalb blieb ihnen nur der Blick nach vorn. Von
ZEITmagazin Nr. 53/2014

In Deutschland hatten sie es anfangs nicht leicht, daran erinnern sie sich bis heute. Als vor vierzig Jahren Autobahn erschien, ihr erster Hit, wurden sie von einem Rundfunkmoderator angeblafft: Die Musik sei ja ganz schön, aber es seien gar keine Unfälle drauf, dabei würden auf der Autobahn ständig Unfälle passieren, das dürfe man doch nicht verschweigen! Ralf Hütter, einer der Köpfe von Kraftwerk, hat damals mit dem leisen Humor, der ihre Sprache bis heute ausmacht, geantwortet: "Unfälle versuchen wir ja gerade zu vermeiden, sowohl beim Autofahren als auch in der Musik."

Im Ausland hatten sie es leichter, von Anfang an. Autobahn war als erste deutschsprachige Single in die Top 25 der Billboard-Charts gestiegen, sie hatten in fünfzig amerikanischen Städten gespielt. Die Amerikaner liebten die unverwechselbare Mischung aus elektronischen Klängen, der ihnen fremden deutschen Sprache und dem Humor, der sich auch in den bewusst naiv formulierten Texten ausdrückt. Und in einer Nacht im Jahr 1977, auf der Tanzfläche eines illegalen Clubs in New York, erlebten Kraftwerk ganz direkt, dass sie die Popmusik verändert hatten. Mitarbeiter ihrer amerikanischen Plattenfirma hatten sie eingeladen: Kommt mit, wir gehen heute Nacht tanzen in illegalen Afterhours-Clubs. Kraftwerk hatten keine Ahnung, was Afterhours-Clubs waren, aber es klang aufregend, also gingen sie mit.

Ein unbekannter, junger DJ namens Afrika Bambaataa legte auf, es war ein wilder Mix, ein Sound, den die deutschen Musiker nicht kannten, aber mochten. Kraftwerk tanzten bereits in der Menge, als Afrika Bambaataa plötzlich ihren Song Trans Europa Express spielte. Kraftwerk tanzten jetzt zu Kraftwerk, und sie tanzten und tanzten, bis sie sich wunderten: Moment mal, unser Lied ist doch nur ein paar Minuten lang, aber Bambaataa spielt es seit einer halben Ewigkeit. Was ist da los?

Dann erst bemerkten die Musiker, dass er zwei Plattenspieler hatte – so etwas hatten sie noch nicht gesehen. Bambaataa hatte mehrere Platten von ihnen, die er hin und her mischte, nach Trans Europa Express auch ihre Produktion Metall auf Metall.

Was Kraftwerk in dieser Nacht erlebten, konnten sie noch nicht einordnen. Aus mehreren Aufnahmen einen Mix ohne Unterbrechung machen: Das war vollkommen neu. Und die Musik, die sie an diesem Abend hörten, hatte noch nicht einmal einen Namen: Erst zwei Jahre später sollte die erste Hip-Hop-Platte erscheinen. Und es sollte weitere Jahre dauern, bis Afrika Bambaataa, der DJ jener Nacht, 1982 sein epochales Stück Planet Rock veröffentlichte, das weitgehend auf Kraftwerks Trans Europa Express und Nummern basierte.

Bambaataa hatte Kraftwerk nicht gefragt, ob er das überhaupt durfte, man einigte sich später über Anwälte, aber was wichtiger war: Planet Rock war eine Art Urknall moderner DJ-Musik. Fast alles, was in folgenden Jahrzehnten an neuen Genres der Popmusik entstand, Hip-Hop, Electro, Miami Bass, House, Techno, Dubstep, im Grunde die ganze elektronisch produzierte Musik, die wir heute hören, ist von Kraftwerk geprägt. Giorgio Moroder hörte Kraftwerk in der Zeit, als er Donna Summer produzierte, David Bowies Berliner Jahre waren von ihrer Musik beeinflusst, er benannte sogar einen Song auf seinem Heroes- Album nach dem Kraftwerk-Gründer Florian Schneider. Depeche Mode, New Order, Aphex Twin, Pharrell Williams, Jay-Z, selbst Rockbands wie Coldplay: Sie sind alle ein bisschen Kraftwerk. Und bei Daft Punk ist es nicht nur die Musik: Natürlich sind die Masken, hinter denen sie ihre Gesichter verstecken, inspiriert von den berühmten Robotern, hinter denen sich Kraftwerk verstecken.

Der New Yorker Musiker Moby hat den Einfluss so beschrieben: "Kraftwerk ist für zeitgenössische elektronische Musik das, was die Beatles und die Rolling Stones für die zeitgenössische Rockmusik waren."

Fast vier Jahrzehnte nach jener New Yorker Nacht bereitet sich Ralf Hütter in Düsseldorf auf eine Konzertreihe vor, die seit 6. Januar in der Berliner Neuen Nationalgalerie stattfindet. Kraftwerk treten an acht Abenden hintereinander auf und inszenieren ein Spektakel in 3-D, akustisch und visuell. An jedem Abend steht ein anderes Album im Mittelpunkt: Autobahn von 1974, Radio-Aktivität (1975), Trans Europa Express (1977), Die Mensch-Maschine (1978), Computerwelt (1981), Techno Pop (1986), The Mix (1991) und Tour de France (2003). Seit ihrer Gründung 1970 wechselte die Besetzung öfter, aber die Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider waren von Anfang an die Masterminds. Nachdem Schneider vor fünf Jahren Kraftwerk verlassen hat, er wollte nicht mehr auf Tourneen gehen, ist Hütter der alleinige Chef.

Gemeinsam mit Mitarbeitern hat Hütter 3-D-Filmaufnahmen, die während der Konzerte zu sehen sind, in 3-D-Standbilder verwandelt und damit eine Ausgabe des ZEITmagazins gestaltet. Zu den Bildern, die auch eine Reise durch die Geschichte von Kraftwerk sind, hat er Songzitate gestellt: "Wir funktionieren automatik / jetzt wollen wir tanzen mekanik", "Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn / die Fahrbahn ist ein graues Band / weiße Streifen, grüner Rand" und "Jetzt schalten wir das Radio an / aus dem Lautsprecher klingt es dann".

Ralf Hütter, 68 Jahre alt, lebt zurückgezogen in Düsseldorf, er tritt nie außerhalb der Konzerte auf, gibt selten Interviews, und zurzeit will er öffentlich gar nicht reden. "Unsere Sprache ist die Musik", und die damit verbundenen lebenden Bilder und Filme sind es auch.

Hütter wird nie auf der Straße angesprochen, er schätzt die Anonymität, die ihn nicht nur schützt, sondern ihn vor allem nicht vom ganz normalen Alltag einer deutschen Großstadt abschneidet, der für die Künstler als Inspirationsquelle immer wichtig war. Als sie in den siebziger Jahren das Konzept entwickelten, nicht mehr selbst aufzutreten, und Roboter bauen ließen, die ihnen nachempfunden waren, konnten sie nicht ahnen, wie sehr das ihr Leben im digitalen Zeitalter schützen würde. Aber sie hatten aus der Ferne beobachtet, wie der übergewichtige und medikamentenabhängige Elvis Presley 1977 unter dem Druck, der Öffentlichkeit zu gefallen, zu Tode gekommen war. Ein Schock. So wollten sie nicht enden.

Kraftwerk haben überlebt, trotz aller Komplikationen, etwa dem Abschied verschiedener Mitglieder. Ihre Themen und Texte sind bis heute so modern, dass man sich verwundert die Augen reibt, wenn man sie jetzt liest. "Am Heimcomputer sitz ich hier / und programmier die Zukunft mir", dieses Zitat stellt Hütter in dieser Ausgabe auf die Doppelseite Computerwelt. Und man fragt sich: Sind diese Zeilen wirklich von 1981? Es ist unsere digitale Gegenwart im Jahr 2014, die hier beschrieben wird, die Welt von Facebook und Twitter, Google und Apple, von Smartphones und Apps. Und wer muss bei der englischen Version Computerworld nicht sofort an Edward Snowden denken: "FBI, Scotland Yard / CIA and KGB / Control the Data Memory."

Dabei dachten Kraftwerk damals eigentlich, sie seien mit dem Thema zu spät dran. Computer waren schon eine Weile Thema in der öffentlichen Diskussion, auch durch die Rasterfahndung, mit der das Bundeskriminalamt nach RAF-Terroristen suchte, besonders intensiv in Kraftwerks Heimatstadt Düsseldorf. Andererseits hatten sie selbst noch keine Computer, als sie Computerwelt konzipierten – die waren für Privatpersonen noch zu teuer. Die Musiker kannten Rechner nur von Zeitschriftenfotos und fantasierten in ihren Songs darüber, wie unser Alltag wohl aussehen könnte, wenn wir uns alle einen Computer würden leisten können. Wie heißt es in Computerliebe, ebenfalls von 1981: "Ich bin allein, mal wieder ganz allein / Starr auf den Fernsehschirm, starr auf den Fernsehschirm / Hab heut Nacht nichts zu tun, heut Nacht nichts zu tun / Ich brauch ein Rendez-vous, ich brauch ein Rendez-vous. / Ich wähl die Nummer, ich wähl die Nummer / Rufe Bildschirmtext, rufe Bildschirmtext." Man ersetze Fernsehschirm durch iPhone und BTX (das Kürzel für Bildschirmtext) durch Internet und hat den Soundtrack einer Generation, die damals noch gar nicht geboren war und heute ihre Dates mit der App Tinder organisiert.

Wie kommt es, dass Kraftwerk musikalisch und thematisch bis heute so modern wirken? Darüber hat Ralf Hütter bereits 1979 in einem Gespräch mit der Zeitschrift Sounds nachgedacht. "Aus diesen ganzen Trümmern der Nachkriegszeit neu zu beginnen", so beschreibt er die Arbeit in den ersten Jahren. "Wir standen vor dem Nichts. Das war riesiger Schock, aber auch eine große Chance." Hütter erklärt das so: Durch die damals noch so genannte jüngere deutsche Geschichte mit dem Nationalsozialismus war ihnen der Bezug auf die eigene Identität, der Blick zurück, versperrt, im Gegensatz etwa zu ihren amerikanischen oder britischen Kollegen.

Kraftwerk sind ein Produkt der Bundesrepublik. Sie hatten das Gefühl: Es bleibt uns nur der Blick nach vorn, wenn wir nicht andere kopieren wollen. Sie wollten ihren eigenen Klang erfinden, ließen sich deshalb Instrumente von befreundeten Ingenieuren bauen. Den Begriff der Industrial Folk Music haben sie deshalb immer gemocht. Auf die klassische Musik, mit der Hütter und Schneider zu Hause aufgewachsen waren, wollten sie nicht aufbauen, die ewigen Klavierstunden hatte Ralf Hütter nicht nur in guter Erinnerung, außerdem war das für sie 19. Jahrhundert. Schneider, der anfangs noch Flöte auf der Bühne spielte, ließ sie bald weg. Kraftwerk wollten von der Gegenwart in die Zukunft, sie wussten nur nicht, woran sie sich orientieren sollten. "Im 20. Jahrhundert", hat Hütter dem britischen Musikjournalisten Jon Savage einmal erzählt, "hatten wir nichts. Wir hatten keine Vaterfiguren." Also wurden sie selbst welche. Und was für welche.

Im Mai 1997 war ich für die Süddeutsche Zeitung auf die Felder von Luton in England gefahren, um über das Musikfestival Tribal Gathering zu berichten. Über 40 000 Besucher waren angereist, das Festival fand in acht Zelten statt, die nebeneinander aufgebaut waren. Daft Punk und The Orbital traten auf, DJs wie Jeff Mills und Carl Cox waren da, aber alle warteten nur auf einen Auftritt. Während in den meisten Zelten die Party am Nachmittag begann, herrschte in einem Zelt absolute Ruhe. Das Zelt hieß Trans Europa, und es war allein den Headlinern des Festivals vorbehalten, Kraftwerk.

Um acht Uhr abends sicherten sich die ersten Besucher ihre Plätze im Trans Europa, um neun Uhr war das Zelt voll, obwohl immer noch keine Musik lief. Nebenan passierte etwas Unglaubliches: Die Musik im Zelt der Detroit-Techno-Szene ging plötzlich aus, das Zelt wurde geschlossen. Die DJ-Stars aus Detroit, unter ihnen Juan Atkins und Carl Craig, wollten Kraftwerk selbst erleben, ihre musikalischen Vaterfiguren. Und als dann die typische computerverzerrte Stimme auf Deutsch und ganz langsam sagte: "Heute Abend aus Deutschland, die Mensch-Maschine: Kraftwerk", brach ein Jubel aus, als hätte England gerade die Weltmeisterschaft gewonnen.

Ralf Hütter selbst erinnert sich vor allem an die Kälte, die damals herrschte. Bei den Proben trugen die Musiker Thermokleidung und Winterhandschuhe, so kühl war es, wenige Grad über null. Und weil die Plastik- und Metallknöpfe ihrer Instrumente auch nicht wirklich wärmten und weil Kraftwerk während ihrer Auftritte, wie Hütter das mit leichter Ironie gerne beschreibt, auch "nicht wild durch die Gegend springen und keine Gymnastik wie bei einem Rockkonzert machen", wurde es auf der Bühne kälter und kälter. Nur innerlich wurde den Musikern wärmer und wärmer: denn dort unten in der Menge verneigte sich tanzend die nächste Generation vor ihren Helden.

Heute, vierzig Jahre nach der Veröffentlichung von Autobahn, nach so vielen weiteren Songs wie Das Model, Taschenrechner, Musique Nonstop oder Radioaktivität, das sie später in Stop Radioaktivität um- benannt haben, gelten Kraftwerk längst als Gesamtkunstwerk. Sie treten in den wichtigsten Museen der Welt auf wie dem New Yorker MoMa und der Londoner Tate Modern, Künstler wie Thomas Demand und Andreas Gursky, Designer wie Peter Saville und Neville Brody nennen sie als entscheidende Inspirationsquelle.

Und wann hören wir wieder etwas Neues von ihnen? Darauf gibt Ralf Hütter seit Langem immer dieselbe Antwort, kurz und knapp und wie immer mit leisem Humor. Die Antwort besteht nur aus einem Wort: "Bald."

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