Das war meine Rettung "Religion ist so wichtig wie das Erwachen aus einem Albtraum"

Die Krebs-Diagnose war für den Schriftsteller Navid Kermani ein Schock, aber die Ärzte in seiner Familie blieben cool. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 53/2014

ZEITmagazin: Herr Kermani, Sie sind in Deutschland geboren, haben aber schon als Kind regelmäßig den Iran, die Heimat Ihrer Eltern, besucht. An welche Gerüche erinnern Sie sich?

Navid Kermani: Rosenwasser, Safran und vor allem an den Duft von weißem Reis. Meine Großeltern waren Großgrundbesitzer und hatten Bedienstete, bei denen das Essen den ganzen Tag in der Küche vor sich hin brutzelte. Dieser Geruch und das Aroma frischer Kräuter füllten den gesamten Innenhof, und wir Kinder haben draußen dem Klappern der Töpfe und der Stimme meiner Großmutter zugehört, die dazwischenrief. Mit meinen Sommerferien in Isfahan verbinde ich ein tiefes Wohlgefühl und Liebe.

ZEITmagazin: Sind Sie ein emotionaler Mensch?

Kermani: Ich verlege die Emotionen aufs Schreiben, persönlich bin ich eher protestantisch arbeitsam. Meine drei Brüder und ich sind alle irgendwie störrisch und wortkarg und bringen damit unsere Frauen zur Weißglut. Mit meinem ältesten Bruder bin ich mal nach Südfrankreich gefahren, da war ich vielleicht 15 Jahre alt. Bis Nizza hat er ein einziges Mal mit mir gesprochen und gefragt: Willst du ein Snickers? Und ich habe nur gesagt: Nö. Also, ich hoffe schon, dass ich ein mitfühlender Mensch bin, aber ich bin sparsam mit meinen Emotionen. Wenn man zu freigiebig ist, fehlen sie an der richtigen Stelle, etwa bei Geburt oder Tod.

ZEITmagazin: Sie haben im Kindergarten Deutsch gelernt. In welcher Sprache drücken Sie Ihre Gefühle aus?

Kermani: Die ersten Worte, die mir als Kleinkind ins Ohr geflüstert wurden, waren persisch. Ich weiß noch, wie mich meine Eltern umsorgt haben, als ich einmal krank war. Da lag ich im Bett, über mir ein blauer Stoffhimmel, und ich stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Vater und Mutter beugten sich über mich, liebkosten und trösteten mich und nahmen mich in den Arm. Dieses "Dschim", den Klang der weichen, beinah gesungenen Vokale und Kosewörter, werde ich nie vergessen. Und das habe ich, ohne nachzudenken, auch an meine Töchter weitergegeben. Gleich nach der Geburt habe ich sie auf den Arm genommen und ihnen dschudsche, Küken, ins Ohr geflüstert. So hat mich meine Mutter auch immer genannt. Diese Urzärtlichkeit ist für mich eine quasireligiöse Erfahrung.

ZEITmagazin: Was bedeutet Ihnen Religion?

Kermani: Sie ist so wichtig wie das Erwachen aus einem Albtraum. Kennen Sie dieses völlige Ausgeliefertsein? Ich träume, wie mein Bruder das Fenster öffnet, auf den Sims klettert, um zu springen, ich renne hin, um ihn noch am Bein festzuhalten, und greife ins Leere. Dann überkommt mich dieses Gefühl, verantwortlich zu sein, weil ich mich nicht gekümmert habe, und dann wache ich auf. Es dauert ein bisschen, bis ich kapiere, dass alles nur ein Traum war, der Schrecken sitzt tief in den Gliedern. Aber das Aufwachen, dieses Ankommen in der Wirklichkeit, ist die Erlösung. Und das ist auch das eigentlich Religiöse, die Erkenntnis, dass dieses Leben nur ein Traum ist.

ZEITmagazin: Das Aufwachen in der Realität ist also Ihre Rettung?

Kermani: Ja, genau. Eigentlich ist alle Hoffnung, die wir Menschen seit jeher mit Religion verbinden, das Aufwachendürfen nach dieser Welt. Die Propheten sehen das ganz ähnlich: Wenn wir leben, schlafen wir – und wenn wir sterben, wachen wir auf. Das ist doch ein großartiger Trost.

ZEITmagazin: Beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit mit dem Tod, weil Sie ihm selbst nahe waren? Sie sind vor ein paar Jahren an Krebs erkrankt.

Kermani: Die Diagnose war ein Schock, aber keine Todeserfahrung. Ich habe mich dem Schicksal ergeben, aber ich habe auch viele Ärzte in der Familie, die cool blieben. Die Heilungschancen standen gut, und ich habe viel trainiert, damit ich topfit in die Chemotherapie gehen konnte. Tod und Sterben sind Bereiche des Übergangs, genauso wie die Sexualität. Wenn sich zwei Körper vereinigen, verliert das eigene Ich seine Grenzen, löst sich im anderen Körper auf. Das sind Erfahrungen, die sich in Religiosität oder Poesie ausdrücken wie bei Hölderlin, der schließlich närrisch geworden ist. Aber solche Grenzerfahrungen sind nicht so weit entfernt. Ich selbst habe einmal bei einem sufischen Atemritual mit anderen laut hyperventiliert, bis ich in Ohnmacht fiel. Als ich aufwachte, lag ich auf dem Boden, zwei Leute kümmerten sich um mich und gaben mir Zuckerwasser. Das war eine sehr schöne Erfahrung, und die Sehnsucht nach dieser kleinen Ekstase treibt mich weiter an. Die Gefahr ist allerdings, nach der Verzückung süchtig zu werden oder wie Hölderlin innerlich zu verbrennen.

Navid Kermani, 47, wurde in Siegen geboren. Der promovierte Orientalist arbeitet als freier Schriftsteller und berichtet immer wieder auch als Journalist aus Kriegsgebieten. Im Mai hielt er eine viel gelobte Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Kermani lebt in Köln

Die Fotografin Herlinde Koelbl gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Lieber Herr Kermani,

Lieber Herr Kermani,
ich danke ihnen für dieses schöne, poetische Interview.
Da ich selbst eine Krebserkrankung habe und religiös bin, kann ich gut nachvollziehen, was sie schreiben. Ihre Beschreibung über das Erwachen als religiöses Gefühl gefällt mir sehr.

"Peace, peace! he is not dead, he does not sleep/He has awakened from the dream of life…" (Percey Shelley)