© Bildersommer / photocase.de

Entschleunigung Die Welt ist mir zu viel

ZEITmagazin Nr. 1/2015

Und ich selbst bin mir genug. Warum viele Menschen sich heute vor allem für Stressabbau und Handarbeit interessieren – statt für die drängenden Fragen der Gegenwart. Von

Es ist wahr, das Jahr 2014 war kein leichtes. Kein rosiges, kein kuscheliges. Es war ein tosendes, Angst machendes, in Teilen der Welt ein grausames Jahr. Kriege umzingeln Europa. In Israel und Palästina, im Osten der Ukraine, im Irak und in Syrien, an der Grenze zur Türkei, wenige Flugstunden von Berlin, wurde gekämpft. Hunderte junge Deutsche verließen ihre Heimat, um mit den Truppen des "Islamischen Staates" im Mittleren Osten Gräueltaten zu begehen. 6.000 Kilometer südwestlich davon tötete das Ebola-Virus Tausende Afrikaner und versetzte Millionen Menschen auf der Welt in Schrecken.

Wer wollte in einem Jahr wie diesem nicht ab und zu die Augen verschließen, sich die Ohren zuhalten, die Sinne in Watte packen und der Welt entfliehen? Wir wissen aber, dass alles Verdrängen nichts hilft. Dass wir am Ende doch zurückkehren müssen in die raue, graue, banale, brutale Nachrichten-Wirklichkeit. Oder etwa nicht?

Diese Geschichte beginnt im Sommer 2014 in Berlin-Mitte. Die Auguststraße ist eine Hipster-Meile, Galerien-Gelände, Flanierstrecke der Avantgarde. Im Ladenlokal Book Couture bügelt eine Frau handgenähte Bucheinbände. Beim Feinspitz gibt es rund geflochtene Lederleinen aus New York und anderes Feines für Hund und Mensch. Und so ist das do you read me?! auch kein Zeitschriftenkiosk, sondern eine kuratierte Boutique für Magazine und Lektüre der Gegenwart. Wer hier eintritt, steht unter gut aussehenden Menschen, die in Magazinen blättern oder sich in einem edlen Periodikum festgelesen haben. Die Zeitschriften, die ich – in einer feinen Jutetasche – nach Hause trage, sind auf dickem Papier gedruckt, matt in der Farbgebung, erdig im Look. Sie heißen: Oak, die Eiche, Cereal, das Getreide, Escape, die Flucht, und Weekender – Das Magazin für Einblicke und Ausflüge. Und sie haben alle dieselbe Botschaft: Sie predigen das einfache, das gebremste Leben. Loben die vergessene Kunst des Papierschnitts, das meditative Zeichnen von Schmetterlingsflügeln, die Makrofotografie von Kakteenblättern. Erzählen Aussteigergeschichten im Dutzend, wie die von einem Paar, das seine Großstadtwohnung verlässt, um in einer Hütte in der Mojave-Wüste, Kalifornien, unter schlichten Bedingungen zu leben.

In keinem der Magazine findet sich auch nur ein Spurenelement dessen, was gemeinhin für einen elementaren Teil der Gesellschaft gehalten wird: Politik und Wirtschaft. Auch Konflikte oder Armut tauchen nicht auf, erst recht keine Kriege. Nichts Schwieriges, nichts Unbehagliches, kein Dreck. Die Verkäuferin – hübsch wie ihre Kunden – sagt, fast jede Woche kämen jetzt neue Hefte wie diese auf den Markt, europaweit. In Polen, in Skandinavien, in Großbritannien oder den Niederlanden: Look und Themen seien überall die gleichen. In den Händen, sagt sie, hielte ich einen "Megatrend". Ich zweifle.

Das war im Sommer 2014. Im Herbst zweifle ich nicht mehr. Jetzt muss ich nicht mehr nach Berlin-Mitte fahren. Andere Verlage haben ähnliche Weltflucht-Magazine für die Masse auf den Markt geworfen. Sie füllen nun sogar die Regale in profanen Kiosken, am Bahnhof, am Flughafen. "Da, wo auch die Gala verkauft wird", freut sich eine junge Heftkäuferin – sie ist Design-Studentin mit der Mission, Wildkräuter wieder populär zu machen. Während 2014 die Auflagen der Tageszeitungen weiter sanken und auch Spiegel, stern, Focus und die ZEIT um Leser kämpften, wussten die Macher der Wohlfühlzeitschriften nicht, wohin mit ihrem Glück.

FlowDas Magazin für Achtsamkeit, Positive Psychologe und Selbstgemachtes aus dem Verlag Gruner + Jahr hat gerade die Auflage auf 220.000 Hefte erhöht. My Harmony – Das Magazin für gute Ideen und schöne Gedanken erscheint jetzt mit 100.000 Exemplaren. Und auch die Emotion Slow – Motto: Mehr Zeit fürs Wesentliche – die der relativ kleine Emotion Verlag herausgibt, hob gerade die Auflage zur zweiten Ausgabe auf 60.000 Hefte. Sinja Schütte, Chefredakteurin von Flow, sagt: "Als uns die Hefte derart aus der Hand gerissen wurden, war ganz schnell klar, dass da etwas Großes brodelt, dass sich da draußen wirklich etwas tut, dass es ein Trend ist, der weit über die Flow hinausgeht." Sie meint: Der Verkaufserfolg der Magazine sei bloß die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche verberge sich weit mehr: ein neuer Zeitgeist.

Tatsächlich neu? Wer sich in die Magazine vertieft, fühlt sich zurückversetzt – in ein Mädchenzimmer aus früheren Zeiten. Alles wirkt sanft und lieblich, viel Handgezeichnetes, kleine Bildchen, Drucke von Blättern und Wolken. Dazwischen Sätze, die aus einem Teenagertagebuch stammen könnten und Seite um Seite Wohlfühlmomente heraufbeschwören: "Man bückt sich nebenbei nach Kastanien und fühlt, wie sie den Händen schmeicheln. Man sammelt Herbstmomente, wenn man Kastanien sammelt." (My Harmony) "Wenn das Feuer im Ofen knistert und wir spüren, wie die Wärme in Wellen auf uns ausstrahlt. Wenn die Pferde auf der Wiese zufrieden schnauben." (Emotion Slow) "Seit ich mir die Zeit nehme, wirklich hinzusehen, fühlen sich so viele Momente, Beziehungen und Dinge anders an. Bedeutungsvoller. Schöner. Entspannter." (Flow)

Gibt es wirklich eine solche neue Jugendbewegung – raus aus der Welt, ins kuschelige Heim?

Verwundert trenne ich kleine Beigaben heraus: ein Ausmalbuch für Erwachsene, darin "zarte Blumen, ein Fink oder gestempelte Sinnsprüche", Postkarten mit Fotos von Luftballons, Papierdrachen und Teetassen, ein Set aus Mach-dir-keine-Sorgen-Karten für den Nachttisch. Eine heile, warme, ängstliche, ganz und gar apolitische Haltung kommt mir da entgegen. Gibt es wirklich eine solche neue Jugendbewegung – raus aus der Welt, ins kuschelige Heim?

"Eindeutig", bestätigt Klaus Hurrelmann. Er ist Soziologe und seit zwölf Jahren Autor der Deutschen Jugendstudie. "Die Sehnsucht nach einem Rückzugsort, nach Halt, ist ein Charakteristikum der jüngeren Generation. Die jungen Menschen sind einerseits hypermodern, flexibel und leistungsbereit. Gleichzeitig hat eine Mehrheit dieser Generation den tiefen Wunsch nach Erdung." Der Bausparvertrag, sagt Hurrelmann, sei unter Jüngeren wieder extrem beliebt. "Wenn wir nach dem Grund fragen, hören wir: Ich möchte später ein Häuschen mit Garten, eine Familie, einen kleinen Hund. Alles sehr biedere Sehnsüchte."

Das Psychologenteam des Forschungsinstituts Rheingold aus Köln hat kürzlich in 100 zweistündigen Interviews junge Erwachsene nach ihren Wünschen und Überzeugungen befragt. Das Ergebnis: "Angesichts einer als zerrissen und brüchig erlebten Lebenswirklichkeit sehnt sich die Jugend nach Stabilität. Sicherheit und Kontrolle findet sie in der Flucht in eine abgesteckte, verlässliche Biedermeier-Welt." Ob Schrebergarten, Schrankwand oder Beamtenlaufbahn: "All das, was die Jugendlichen der siebziger Jahre noch aufbrachte, was ihnen Symbol einer bornierten, betonierten Welt war, wirkt in den Augen der Jungen heute begehrenswert." Das sagt der Studienleiter Stephan Grünewald. "Das Lebensgefühl, mit dem die Jüngeren aufgewachsen sind, ist ein ganz anderes: Früher wirkte die Welt vernagelt, heute ist sie instabil."

Nicht nur die Jugend, auch die Älteren zwischen 40 und 60 Jahren fühlen sich bedrängt von den globalen Schrecken. Die Zeitschrift Landlust – sozusagen das Zentralorgan der Eskapisten – hat in den vergangenen fünf Jahren an Auflage zugelegt wie kein Blatt sonst. Im dritten Quartal 2014 verkauften sich pro Ausgabe 1.011.802 Hefte. Im Vergleich zu 2009 ist das ein Plus von 87,3 Prozent. Auch in Landlust dreht sich alles um Garten, Küche und Natur. Die Sprache ist freundlich, Konflikte gibt es nicht.

Man habe es, sagt die Soziologin Cornelia Koppetsch, Autorin des Buches Die Wiederkehr der Konformität, seit einigen Jahren mit einem "neuen Mentalitätstypus" zu tun, dem sich immer mehr Menschen öffneten. Und sie ist überzeugt: "Bei den Wertvorstellungen findet ein Rückzug aus dem öffentlichen Leben statt. Die Mentalitäten des neuen Jahrhunderts weisen mehr Ähnlichkeiten mit der Moral der fünfziger und sechziger Jahre auf als mit der postmodernen Vielfalt der achtziger Jahre."

Ein neuer Zeitgeist also? In soziologischen Studien greifbar, von Zeitschriftenmachern identifiziert, noch namenlos, noch gesichtslos, beschrieben als "Mentalitätstypus", als generationelles Charakteristikum, als Massenflucht in den Biedermeier. Das fasst den Trend. Hinter den Zahlen aber verbirgt sich, was eigentlich zählt: das Leben vieler Einzelner, die auf erstaunliche Art ähnlich denken.

Es sind Menschen wie Amber Riedl. Sie ist ein zartes Wesen in hauchdünner Seidenbluse, die langen braunen Haare fallen glatt. Amber ist 33. Sie hat in Kanada Politikwissenschaften studiert. In ihrem ersten Job – bei Transparency International – wagte sie sich vor in die Untiefen unserer beschädigten Welt und half, Korruption aufzudecken. Heute macht Amber Riedl etwas anderes: Sie bietet Näh-, Strick- und Häkelkurse im Internet an. Und, als smartes Extra für ihre jungen Kundinnen: Pappboxen, in denen alles bereitliegt, was man braucht, um sich spontan Pulswärmer zu stricken, ein Sommerkleid zu nähen oder ein Stoff-Meerschweinchen zu basteln, das Flow begeistert abdruckte.

Ich hatte nach mehreren Jobs in Werbeagenturen als Kommunikationsplanerin einen Burn-out. Ich musste aufhören zu arbeiten. Die Therapeutin riet mir, etwas mit den Händen zu machen. Anonym

Jede Zeitschrift auf meinem Stapel singt das Loblied der Handarbeit: stricken, nähen, häkeln, backen, kochen genau wie gärtnern und einkochen, reparieren und schmücken. Die Handarbeitsbranche ist im vergangenen Jahr um 13 Prozent gewachsen und machte einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro. Laut einer GfK-Umfrage steigt der Anteil der jüngeren Handarbeiterinnen – zurzeit liegt er bei fast einem Drittel. Amber Riedls Firma hat ein Jahr nach der Gründung bereits 14 Mitarbeiter eingestellt und eine Million Euro Kapital eingesammelt. Noch zahlen die Investoren ihr Gehalt. 2016 soll sich die Firma selber tragen. 280.000 Nutzerinnen präsentieren auf der Internetseite des Unternehmens ihre schönsten selbst gestrickten Schals und feinsten Torten. Die meisten sind zwischen 25 und 45 – stehen also mitten im Leben.

"Viele unserer Kundinnen suchen die Handarbeit als Beruhigungsfaktor, um sich für einen Augenblick aus der Welt zurückzuziehen", sagt Amber Riedl. "Sie haben das Gefühl: Mir fliegt alles um die Ohren. Ich kann so wenig bewirken. Wenn ich aber ein Nähprojekt habe, dann weiß ich, es hat einen Anfang und ein Ende. Ich weiß, wo ich stehe und wann ich fertig bin."

Sie zeigt mir Leserbriefe: "Ich hatte nach mehreren Jobs in Werbeagenturen als Kommunikationsplanerin einen Burn-out. Ich musste aufhören zu arbeiten. Die Therapeutin riet mir, etwas mit den Händen zu machen. Ich buk Brot, kochte Marmelade, spielte ein Instrument und fing dann wieder an zu nähen."

Oder: "Nach außen hin immer hilfsbereit, gut gelaunt und mit einem Scherz auf den Lippen, ist hinter der Fassade bei mir doch ziemlich vieles, was vor sich hin brodelt, mich beschäftigt, mir Sorgen macht. Ich genieße die Ruhe, die das Spinnen am Spinnrad mir gibt."

Die Handarbeit – ein Pflaster für die Wunden, die die Arbeitswelt schlägt? Vielleicht ist es auch der unbewusste Wunsch, sich verloren gegangene Kompetenzen anzueignen, um in einer ganz anderen Gesellschaft der Zukunft bestehen zu können, in der die Industrialisierung zusammengebrochen sein könnte.

Vor allem das Berufsleben der Jungen sei komplizierter und unsicherer als das ihrer Eltern, konstatiert der Soziologe Hurrelmann. Die jüngere Generation habe es heute schwerer, sich zu etablieren. Egal, ob zu Beginn der Ausbildung, im Studium, beim Einstieg in den Beruf oder wenn sie Eltern werden, bei jedem Übergang müssten junge Menschen erhebliche Kräfte mobilisieren, um die Chance auf eine Karriere zu wahren. "Wir hören in den Studien oft: ›Wenn ich keine Grenzen ziehe, bin ich mit 40 kaputt‹ ", sagt Hurrelmann. Daher der Rückzug, die Sehnsucht nach der Höhle als Reaktion auf eine Arbeitswelt, die ständig antreibt, einfordert, abverlangt.

In einem gelben Backsteinhaus in Berlin-Friedrichshain: Sarina Hassine, 37, Brille, blonde Locken, schließt die Augen. Sie kniet im Fersensitz, die Füße stecken in Hüttensocken. Die Flammen dreier roter Kerzen leuchten hinter ihr in den Fenstern. Draußen fahren Autos auf einen Supermarktparkplatz, im Parterre ist gerade Abholzeit in einem Kindergarten. Doch die Welt hinter den Scheiben soll hier niemanden interessieren.

"Mindfulness" ist neben der Handarbeit das andere große Thema der Zeitschriften.

Sarina Hassine atmet ein, reckt den Kopf und sagt: "Lassssss", sie atmet aus, ihr Körper sackt zu Boden, sie sagt: "Loooos." Drei Frauen sitzen vor ihr auf Schafswollmatten und atmen im Takt. Eine halbe Stunde lang sind sie still, versuchen an nichts zu denken als den Strom der Luft, der sie durchfließt. Sarina Hassine ist Achtsamkeitstrainerin. "Mindfulness" ist neben der Handarbeit das andere große Thema der Zeitschriften. Sie ermuntern die Leserinnen, dankbar zu sein für Glücksmomente, bewusst zu atmen und, wenn der Alltag zu wild wird, zu einer Tasse Tee.

In den USA ist Mindfulness eine große Sache. Google gilt als Vorreiter, bietet den Mitarbeitern seit Langem ein Programm an, in dem sie im Innern nach Antworten suchen können. Search Insight Yourself heißt der Achtsamkeitskurs der Firma. Die Mindfulness-Programme verbreiten sich auch außerhalb des Silicon Valley: Goldman Sachs, Nike oder die Supermarktkette Target lehren ihre Mitarbeiter, innezuhalten, Luft zu holen. Das Marine Corps der U. S. Army will Soldaten auf diesem Wege beibringen, die Welt für Momente zu vergessen.

Jetzt ist die Achtsamkeitswelle auch bei uns angekommen. Die Nachfrage nach Kursen ist enorm. Seit Kurzem unterrichtet Hassine auch Grundschulkinder. In ihr Acht-Wochen-Programm "Mindfulness-Based Stress Reduction" kämen vor allem junge Frauen, Ende 20, Anfang 30. Zuerst schreiben sie auf Zettel, warum sie hier sind: "Ich suche Klärung und Orientierung." – "Ich hoffe, Strukturen und Menschen weniger ausgeliefert zu sein." – "Ich brauche klare Gedanken, weniger innere Unruhe." Über Generationen kämpften die Jungen dafür, frei zu sein. Heute scheinen sie der zahllosen Optionen müde. Überdrüssig einer Welt, in der alles geht und alles sie treibt.

"Der Lärm des Alltags lenkt uns vom Wesentlichen ab", sagt Sarina Hassine. "Was kann ich noch machen? Wen kann ich noch treffen? Zu allem und jedem gibt es Alternativen. Da wächst das Bedürfnis, eine eigene Stimme zu finden, die sagt: Das ist es, was du wirklich möchtest, und das ist es, was du brauchst." So war es auch bei ihr selbst. Sarina Hassine hat Literaturwissenschaften studiert und war Regieassistentin beim Film. "Da gibt es viel Druck! Wenn man keine Grenzen setzt, ruft dein Regisseur auch nachts um zwei an."

"Mich haben viele Sachen traurig gemacht", erinnert sie sich. "Zum Beispiel hab ich die Zeitung aufgeschlagen oder den Fernseher angestellt und gedacht: Ogottogottogott, was ist hier bloß los?" Sarina Hassine dachte zunächst daran, auf politischem Wege zu ändern, was sie bedrückte, bei Amnesty International oder bei Greenpeace. Dann entschied sie sich anders und suchte die Lösung in sich selbst. "Ich habe begriffen, dass ich draußen nur etwas erreichen kann, wenn ich mich vorher mit mir selber beschäftige", sagt sie, "wenn ich einen klaren Geist habe und weiß, wie ich mit meinen Ängsten umgehe, meinen Körper nicht erschöpfe." Sie ist überzeugt, so am Ende mehr zu bewegen. "Wenn der Einzelne sich verändert, ist schon viel getan. Es ist wie ein Tropfen, der eine Welle auslöst, die dann immer größer wird. Ich glaube, so meinen Beitrag zu leisten."

Ein Meinungsforschungsinstitut, das im Auftrag der Bundesregierung 500 Studenten befragte, befand, diese seien "unpolitischer" als die Generationen vor ihnen. Der Studentensurvey der Uni Konstanz bilanzierte: Das Interesse am öffentlichen Leben habe stark abgenommen. Der Soziologe Klaus Hurrelmann sagt, diese Generation fühle sich "in keiner Weise verpflichtet, öffentliche Aufgaben zu übernehmen und das Gemeinwesen mitzugestalten". "Sie geht auch deutlich seltener wählen. Sie meidet Parteien und Gewerkschaften, eigentlich alle politischen und öffentlichen Organisationen, auch Jugendorganisationen von Verbänden und Vereinen." Dabei, ergänzt Hurrelmann, seien die Jungen keinesfalls unengagiert oder desinteressiert, aber eben in erster Linie fokussiert auf das eigene Umfeld, auf Familie und Freunde.

Der Befund ist klar – bloß um die Interpretation zanken sich die Soziologen. Ist der Rückzug der Jungen eine Flucht aus der Verantwortung? Oder ist es ihr Weg, die Mängel der Welt zu beheben? Ist es tatsächlich ein neuer Biedermeier oder im Gegenteil der Beginn einer gesellschaftsverändernden Bewegung?

In den viel beschworenen siebziger und achtziger Jahren sah politisches Engagement in Deutschland ganz anders aus. Es war Nachkriegszeit im weiteren Sinne, es herrschten parteiübergreifende Dispute über deutsche Belange: die Ostpolitik, den Nato-Doppelbeschluss oder die Kernkraft. Heute sind die Bedrohungen weltumspannend und nicht mehr überschaubar: Islamismus, Menschen auf der Flucht, NSA-Lauschaffären, diffuse Netzempörungen, Klimawandel. Bei globalen Themen spielen derart viele Player mit, dass der Einzelne untergeht. Im Osten erhebt sich das gewaltige China, Russland baut sich vor Europa auf. Der US-Geheimdienst NSA hockt wie ein Krake auf der Welt. Was soll Frau X oder Herr Y hier noch erreichen? Wie sollen sie sich wehren? Wo sich engagieren?

Allenfalls das Ärgernis vor der Haustür mobilisiert die Menschen – siehe das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

Ein zittriges "Pong" hallt durch einen Saal mitten in Berlin. Die Slow Living Conference, die erste deutsche Konferenz für "Entschleunigung, Einfachheit und Nachhaltigkeit", wird mit sanftem Schlag auf die Klangschale eröffnet. Um mich herum: ein junges Großstadtpublikum, in der Mehrzahl weiblich, viele von ihnen – das höre ich in der Pause – Leserinnen der Zeitschriften Flow und Emotion Slow (Letztere liegt auf jedem Tisch aus). Vorne steht Ragnar Willer, bärtig, Konsumsoziologe. "Slow Living ist in den USA schick und trendy", sagt er ins Publikum. "Und wir wollen diesen Trend nach Deutschland holen." Er lächelt. "Fühlen Sie sich entschleunigt!" Er bemüht ein schönes Bild: "Wir strampeln auf rutschenden Abhängen." Bleiben Verlangsamung und Rückbesinnung als einzig gesunde Reaktion. "Wir fragen nach der Seele, nach der Essenz der Dinge", sagt Willer. "Was früher glänzte, ist heute matt. Still sein. Stillstehen. Stillsitzen ist Luxus".

Hier lerne ich nun, wie man im Geiste des Slow Living die Welt verändert: Ein junger Mann führt eine App vor, die stundenweise das Smartphone blockiert, um der permanenten Erreichbarkeit zu entfliehen. Ein anderer erklärt, wie er sich beigebracht hat, Holzbrillen mit der Hand zu fertigen. Wir müssen alle wieder lernen, Dinge selber zu machen, höre ich. Ein Zwillingspaar stellt seine Modekollektion vor, gefertigt aus nachwachsenden und veganen Materialien. Der Weg, um die Natur und Mensch ausbeutende Modeindustrie zu umgehen, erfahre ich.

Ich frage nach dem Preis der Brille: 800 Euro. Und die nachhaltige Hose? 300 Euro. In der Pause trete ich – meinen Wildkräutersnack noch in der Hand – auf die Straße. Und stehe in der Realität des Berliner Kiezes: Eine großflächig tätowierte Frau schiebt einen Buggy vorbei. Eine Alte mit blauädrigen, angeschwollenen Beinen schlurft über den Bürgersteig. Ein Mann hält sich an seiner Sternburg-Bierflasche fest und brüllt in sein Handy.

Ist das der Weg, etwas Neues zu schaffen? Handgemachte Brillen? Vegane Hosen? Die mehr kosten, als die Menschen draußen vor dem Kongresszentrum im Monat zum Leben haben? Ist das "Slow"- und "Mindful"-Programm nichts als ein elitäres Projekt? Ich denke an einen Freund, der manchmal böse zischt: "Fuckin’ First World problems." Sarina Hassine, die Achtsamkeitstrainerin, sagt dazu: "Natürlich ist es das Privileg einer Luxusgeneration. Die Kriegsgeneration, auch die Nachkriegsgeneration, hatte mit existenziellen Nöten zu kämpfen. Es war nicht die Zeit, sich derart mit sich selbst zu beschäftigen. Aber ich finde es toll und so wertvoll, dass wir diesen Luxus haben. So können wir vielleicht Verhaltensweisen, die uns schaden, tatsächlich ändern."

"Es gibt eine Sehnsucht danach, Urbedürfnisse ernst zu nehmen, danach, mit sich selber klarzukommen"

Besuchen wir Laura Roschewitz, 27, halblanges blondes Haar, eine Art Nachwuchs-Entschleunigungsforscherin. Für ihre Abschlussarbeit im Fach Wirtschaftpsychologie hat sie 600 Menschen befragt, ob sie unter Zeitnot litten. 80 Prozent sagten: "Ja", die Hälfte der Befragten wollte das eigene Leben dringend verlangsamen. "Viele Leute merken durchaus, dass etwas nicht stimmt", sagt Laura Roschewitz. "Es gibt eine Sehnsucht danach, Urbedürfnisse ernst zu nehmen, danach, mit sich selber klarzukommen." Einen Monat später lädt sie mich in Hamburg-Volksdorf in ihren alten VW-Bus und fährt über immer einsamer werdende Straßen in den Wald, an den Rand eines Moores, in ihr neues Zuhause. 16 Siedlungshäuser stehen hier, jedes birgt vier Wohneinheiten. In den dreißiger Jahren errichtet, waren die Häuser von Beginn an für Selbstversorger konzipiert: Die Wohnungen sind eng, aber es gibt einen großen Nutzgarten mit Hühner- und Kaninchenställen.

Im Sommer hat Laura Roschewitz den Mietvertrag unterschrieben: "49 Quadratmeter, 530 Euro warm." Dafür bekommt sie in St. Georg, dem angesagten Hamburger Viertel, ein Zimmer. Ihr Leben spielt sich jetzt weit weg von all den Bars ab, die mal ihr Lebensmittelpunkt waren. Die meisten ihrer Nachbarn sind Rentner. Eine alte Dame, die seit 44 Jahren hier wohnt, wunderte sich: "Mein Gott, Mädchen, was willst du hier draußen?"

Gute Frage: Was will sie?

"Ich will mich hier niederlassen, endlich ankommen", sagt Laura. Seit Wochen renoviert sie ihr verwohntes Hausviertel. Sie hat den Teppich rausgerissen. Die rauchgelben Wände geweißelt. Dem verwilderten Garten die ersten Gemüsebeete aufoktroyiert. Im Frühling will sie ein kleines Gewächshaus errichten, Tomaten, Paprika und Zucchini anzubauen. Sie überlegt, im alten Stall wieder Hühner zu halten. Den Herbst über hat sie schon eingekocht. Für den Winter.

Das Leben in der Selbstversorger-Siedlung ist ihr finaler Schritt aus der Gesellschaft, Laura Roschewitz hat in jeder Hinsicht reduziert: Sie arbeitet 20 Stunden in der Woche in einer Schule, muss deshalb mit 1.100 Euro im Monat auskommen. Sie hat ihr Smartphone abgeschafft. Sie geht nicht shoppen. Sie schläft viel. Und wenn sie Urlaub macht, fliegt sie nicht mehr nach Marokko oder Portugal wie früher, sie fährt zum Camping an die Ostsee.

Ihr Rückzug war Notwehr. Ihr übervolles Leben hatte sie krank gemacht. Laura Roschewitz ist gelernte Industriekauffrau und arbeitete im Controlling, von 2010 an studierte sie, die Karriere fest im Blick, Wirtschaftspsychologie an einer Privatuniversität. Um das Studium bezahlen zu können, jobbte sie zwei Tage pro Woche in ihrer alten Firma – alles in allem ein sportliches Pensum. Aber es war okay. Dann trennte sie sich nach acht gemeinsamen Jahren von ihrem Freund. Und weil das Alleinsein ihr Angst machte, rannte sie wie von Sinnen von Party zu Party: feierte, trank, traf Leute. "Ich hatte Spaß", sagt sie. Bis ihr innerer Motor verreckte. "Mir wurde plötzlich extrem schwindelig, wie im Karussell. Ich konnte nichts mehr entscheiden. Ich war erschöpft und wollte nur noch schlafen."

Laura ging zum Arzt und hoffte auf Tabletten. "Aber dann hab ich verstanden, dass ich nicht einfach zu jemandem gehen kann, der mich heil macht." Sechs Monate verkroch sie sich, zog zurück zu ihrer Mutter, wurde wieder Kind. "Ich habe mich zu dieser Zeit oft gefragt: Was machen wir hier eigentlich?", sagt sie. "Wie Ameisen sausen wir von A nach B, um Arbeit, Kinder, Konsum zu timen, wir sind auf Trab, um bloß nicht zur Ruhe zu kommen, sind ständig entertaint. Wenn man sich das von außen anschaut, erscheint es absurd." Das moderne Leben kommt ihr vor wie eine gigantische Beschäftigungsmaßnahme, die die dröhnende Leere im Inneren der einzelnen Individuen überbrüllen soll. Unsere Welt sei krank, findet Laura, und sie weiß, dass inzwischen viele denken wie sie. "Die Klamotten, die wir tragen, die Autos, die wir fahren, die Dinge, die wir essen, die Berufe, die wir erschaffen haben, Berufe, in denen man 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet und dann kein normales Leben mehr meistert. Weshalb man die Wäsche in die Wäscherei bringt, das Essen nur noch to go holt, die Wohnung von der Putzfrau sauber machen lässt." Wer diese Welt verändern will, findet Laura, muss sich zwangsläufig von ihr entfernen.

Hat sie nicht recht? Was ihre geistigen und zeitlichen Rückzugsräume angeht, gleichen gerade junge Leute oft jenen kongolesischen Berggorillas, deren Lebensraum sich immer mehr auf einen Stehplatz reduziert. Immer erreichbar, immer im Dienst. Die Sonntage kaum mehr Tage der Ruhe, gerade vor Weihnachten herrscht Ausverkauf rund um die Uhr. Den Buß- und Bettag, den klassischen Tag der inneren Einkehr, hat die evangelische Kirche 1994 zur Finanzierung der Pflegeversicherung an die Arbeitgeber verschenkt. Wohin soll der Ruhebedürftige sich heute flüchten vor den um sich greifenden Händen des Marktes?

Weil es so voll ist im Pub in Central London, muss Rob Orchard schreien: "Wir können nicht alle aufs Land ziehen und Hühner halten. Es fehlen dann die Leute, die handeln." Er blickt sich um. "In London hast du mit einem normalen Beruf keine Chance, in der Stadt zu leben. Alles ist überfüllt, laut, schmutzig. Du bist in einem ständigen Wettrennen." Er nimmt einen großen Schluck Bier. "Aber ich hau nicht ab. Ich will die Sache zum Guten wenden."

Rob Orchard, 34, runde Brille und igeliges rotblondes Haar, ist Erfinder, Geschäftsführer und Chefredakteur der Zeitschrift Delayed Gratification. Sein Magazin (ebenfalls auf festem Papier gedruckt, auf dem Cover eine Ai-Weiwei-Grafik) war das einzige Heft, das mir die Verkäuferin des Hipster-Ladens do you read me?! empfahl, obwohl es Themen aus Politik und Wirtschaft behandelt. Der Grund: Die Texte erscheinen mit einer Verzögerung von drei Monaten. Es ist eine schicke Zeitschrift, feine Infografiken, lange Geschichten: Mir wird die Krise in der Ukraine erklärt und die Lage der Minenarbeiter in der türkischen Unglücksstadt Soma geschildert. Ich erfahre vom Wettlauf der Wissenschaftler und Geschäftemacher um die erste bemannte Mars-Mission und welche Kinofilme lohnenswert gewesen wären. Aber ich muss bis zur Märzausgabe warten, wenn ich wissen will, was im Dezember geschieht. Das ist der komplette Rückzug aus der Gegenwart. Das Eingeständnis, dass wir die Realität nicht beeinflussen und es deshalb okay ist, wenn wir sie – im warmen Sessel, eine Tasse warmen Tee neben uns – zwölf Wochen später konsumieren wie einen Hollywoodfilm, der bestimmt gut ausgeht.

"Was kann besser sein als das?", widerspricht Rob Orchard. "Wenn du auf deinem Handy rund um die Uhr Nachrichten bekommst wie: Ebola tötet uns alle! Der IS ist die Seuche in Syrien und im Irak! Wenn du also in diesem ganzen Bullshit feststeckst, dann ist es doch besser, wenn dir drei Monate später jemand sagt: Hey, das und das war gar nicht so wichtig. Die Dinge, die sich als wirklich wichtig herausgestellt haben, waren andere."

Seine Zeitschrift, sagt Orchard, stehe an der Spitze einer Bewegung, die er als Slow Journalism bezeichnet. So wie Slow Food eine Reaktion auf Fast Food sei, sei auch seine selbst verordnete Verlangsamung eine Art Gegenwehr angesichts einer Nachrichten-Industrie, die immer hektischer, immer überhitzter geworden sei und rund um die Uhr mit hochgekochten Skandalen und aufgeblasenen Gerüchten um die Aufmerksamkeit der Menschen kämpfe.

"Werd Gärtner oder Gitarrenlehrer, dann machst du was Sinnvolles und kriegst dein Leben wieder unter Kontrolle." Rob Orchard

Rob Orchard hatte selbst mal so einen Job, bei einem Onlinemagazin. Um drei Uhr morgens trat er im Büro an, um für die Morgenstrecke eine Seite über die fünf besten Toaster der Welt zu schreiben. "Der Mann, der die Anzeigen einwarb, hatte mir allerdings eine Notiz hinterlassen, welcher Toaster am Ende der Testsieger werden soll", sagt Orchard und lacht, wie oft an diesem Abend, laut und ein bisschen dreckig. "Da saß ich dann und dachte: Wofür hast du eigentlich das Studium in Oxford gemacht? Weswegen wolltest du noch mal Journalist werden?" Rob Orchard erzählt, er habe Fluchtgedanken gehegt und sich gesagt: "Werd Gärtner oder Gitarrenlehrer, dann machst du was Sinnvolles und kriegst dein Leben wieder unter Kontrolle." Dann beschloss er, sich nicht einzukapseln, sondern sich allem Störenden entgegenzustellen.

Seit sie 20 waren, pflegten Orchard und seine Freunde ein gemeinsames Word-Dokument: theperfectmagazine.doc. Als sie 30 wurden, beschlossen sie: Die Zeit ist reif. Sie kratzten das Startkapital zusammen, 9.000 britische Pfund, und gründeten Delayed Gratification. Drei Jahre lang hat sich Rob Orchard als Chefredakteur kein Gehalt zahlen können. Er jobbte nach Feierabend und am Wochenende, um sich die Arbeit am Magazin leisten zu können. "Finanziell gesehen war das keine gute Entscheidung. Aber es war der richtige Entschluss. Ich bin Idealist. Ich mache dieses Heft, weil ich glaube, dass es wichtig ist, und weil es mir Vergnügen bereitet."

Seit vergangenem Sommer verdient Rob Orchard genug, um von seinem verlangsamten Magazin zu leben. Gerade hat er eine erste Redakteurin eingestellt. Delayed Gratification hat 5000 Abonnenten, verkauft 2.000 Hefte am Kiosk, insgesamt ist das ein Dreißigstel der deutschen Auflage von Flow. Die meisten aus Robs angepeilter Zielgruppe wünschen sich wahrscheinlich keinen Slow Journalism, sondern eher no journalism.

"Und wie liest du die Zeitung?" hieß ein Text in der dritten Ausgabe von Flow. Darin beklagt die Autorin, dass sie nach der Lektüre von Artikeln, die von Geschehnissen außerhalb des Flow- Kosmos handelten, stets "gedämpfter Stimmung" sei. "Amokläufe, Erdbeben und der Dow-Jones-Index auf Talfahrt. Egal welche Zeitung man aufschlägt, sofort sind wir mit beängstigenden, brutalen oder traurigen Nachrichten konfrontiert", beschwert sie sich. "Auch wenn wir eigentlich fröhlich und entspannt mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch sitzen." Ja, und auch über Kämpfe, Kriege und Seuchen, über Tote vor Lampedusa und in Kobani wird ständig berichtet, ließe sich die Klage erweitern.

Die Flow-Autorin rät, die negativen Seiten des Lebens zu übertünchen und in einem Heftchen glückliche Momente zu notieren, zum Beispiel: "Ich hatte ein schönes Gespräch mit meiner Freundin; meine Tochter hat eine Zwei in Erdkunde; ich bin froh, dass ich gesund bin."

Wer solche Artikel liest, kann plötzlich genug kriegen von all den Anleitungen zur Weltflucht. Die Sehnsucht nach Meditation in allen Ehren – es ist zynisch, den Opfern von Gewalt vorzuhalten, sie mögen doch aufhören, uns mit ihrem Sterben zu belästigen? Ist es nicht wie bei Kindern, die die Augen zudrücken und hoffen, die Schrecken mögen verschwinden? Wer auf diesem Globus jenseits der Landesgrenzen von Lummerland/Deutschland kann sich eine solche Realitätsverweigerung erlauben? Und was nützt jenen Menschen, deren Länder gerade implodieren, sich auflösen oder von der Landkarte getilgt werden, eine Zwei in Erdkunde?

Es wird nicht funktionieren. Das Bedrohliche wird seinen Weg auch in das Leben der Abgeschotteten finden: Die Verzweifelten kommen mit Booten übers Meer, die Panzer formieren sich im Osten, der Wasserspiegel steigt auch an der Nordseeküste. Und wer sich weigert hinzusehen, könnte dereinst selbst zu denen gehören, die in Lumpen auf der Flucht sind.

© ZEITmagazin

Edgar Allan Poe erzählt in seiner Novelle Die Maske des Roten Todes von der Vergeblichkeit des Eskapismus: Sie handelt vom Prinzen Prospero, der glaubt, dem Roten Tod – einer Pest, die im Lande wütet – entkommen zu können. Gemeinsam mit Gleichgesinnten zieht er sich in eine Abtei zurück. Umschlossen von Mauern, geschützt von eisernen Toren, versorgt mit Leckereien und Luxusartikeln. "Die Welt da draußen mochte für sich selbst sorgen", heißt es. Doch eines Nachts, als die Bewohner einen rauschenden Maskenball feiern, schleicht eine Gestalt durch die Gänge, niemand kennt sie, niemand weiß, wie sie hereingekommen ist. Sie trägt das Kostüm einer Pestleiche. Die Gesellschaft ist schockiert. Die Gestalt lässt sich nicht ergreifen, nicht töten: Es ist die Pest selbst – weder Mauern noch Tore konnten sie abhalten.

Es gibt also kein Entkommen. Vielleicht sollten daher die Abgeschotteten es lieber mit Martin Luther halten, der sich sein Leben lang am Abgrund wähnte, die Apokalypse vor Augen, und trotzdem nicht aufhörte, zu kämpfen, sich aufzuregen, einzugreifen. Niemals ließ er der Resignation Raum. "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge", soll er gesagt haben, "würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." Und damit meinte der Reformator sicher nicht die Gartenarbeit auf der eigenen Scholle.

Dieser Artikel stammt aus dem ZEITmagazin, die aktuelle Ausgabe können Sie am Kiosk oder online erwerben.

52 Kommentare

Dieser Artikel ist interessant, doch mangelhaft in der Schlussfolgerung. Natürlich entspricht diese der persönlichen Meinung der Autorin und ist folglich als solche zu respektieren. An dieser Stelle möchte ich jedoch eine andere Möglichkeit des Denkens anregen. Entschleunigung ist im weitesten Sinne nichts anderes als eine Rückkehr zu den Wurzeln. Nur wird diese in einer von der Werbung manipulierten Welt in der Regel gerne mit hipperen Bezeichnungen belegt, wenn es denn dem Konsum förderlich ist. Entschleunigung ist nicht unbedingt ein Luxus - es sei denn, es wird als Luxus-Hobby ausgeübt (à la ich jette am Wochenende in die Provence und besuche einen exklusiven Yoga-Kurs). Derlei Wege der Entschleunigung sind nichts weiter als ein Wolf im Schafspelz: Konsumsucht gut versteckt. Doch eine gute Entschleunigung lässt den Menschen heraustreten aus einer Welt, die von Konsum, Werbung und Co. und somit von der Wirtschaft regiert wird. Man hört auf, die ausbeuterische Textilindustrie zu unterstützen, in dem man Second Hand einkauft, Altes flickt und Neues selber näht. Hat man ein Stück Land, so versucht man, Tomaten selber zu ziehen, damit man die Ausbeutung von Natur und Mensch in Spanien nicht weiter fördert. Man nimmt stets einen Baumwollbeutel mit zum Einkauf und versucht auch sonst Plastik einzusparen. Diese wahre Art der Entschleunigung ist die individuelle Bemühung, diesen Planeten ein bißchen besser zu machen - nach bewusstem Vor-Augen-Halten! der Probleme unserer Zeit.

Wann waren denn die rosigen, kuscheligen Jahre? Der denkende! Mensch ist immer den Widrigkeiten seines Zeitalters ausgesetzt. und leidet unter den unsäglichen Mainstreams der heutigen Zeit. Aber die alten Häuptlinge haben sich längst verabschiedet und genießen ihre Staats-knete auf dem Sofa. Nur, junge Menschen sind naturgemäß auf dem Pfad der Selbstfindung und Orientierung. Ich erinnere an die Zeiten des Konsumerismus in den 80er Jahren, als es schick war mit einem alten VW-Käfer in die Stadt zu fahren und Understatement zu betreiben. Manche in den USA haben sogar ihre gesamten Kunstwerke bei einer Party verbrannt um zu zeigen, wie befreit sie von dem ganzen bürgerlichen Kram sind. Dieses weniger ist mehr, eigentlich ein alter Hut.

Individualpsychologisch kann man das ja zum Teil ja nachvollziehen und liebe Menschen möchte man angesichts solcher Bedrückungen in den Arm nehmen. Zieht man den Zoom allerdings etwas höher, dann kommt mir ob der kollektiven Larmoyanz das kalte Grausen. Denn es ist nicht nur apolitisch, sondern Nährboden für einfache Lösungen ganz anderer Art. Die Welt ist also krank? Wann war sie je gesund, wann war sie je gesünder als heute? Nüchtern betrachtet stellt sich dir Frage, auf welchen Referenzpunkt sich die ganze Klage, des immer schneller, immer komplexer, immer gefährlicher eigentlich verweisen soll: Das freie Bauernleben im Hochmittelalter, die Libertinage der Revolutionen, die Scholle im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, die fetten 50er? Diese Frage endet im infiniten Regress - und am Ende muss man diesen Wunschort wohl ins Nirvana transzendieren. Wirklich nachvollziehbar finde ich nur das Gefühl der Ohnmacht. Sie spiegelt sich in der Not der vielen Flüchtlinge, Verfolgten, Abgehängten, während wir Ego-Bürger unsere Befindlichkeiten pflegen. Man möchte helfen, weiß aber nicht wie. Jeder Aktionismus verpufft und für den langen, Weg, den steilen Anstieg, das dicke Brett fühlen wir uns zu matt. Vielleicht sollte man nicht nur Marmelade einkochen und Topflappen klöppeln, sondern sich nen Job in der Fischfabrik, bei der Spargelernte oder in der Altenpflege suchen - das therapiert wahrscheinlich am nachhaltigsten, erzeugt es doch das Gefühl von "Be thankful for what you got."

Enttäuschend finde ich das Fazit der Autorin! Es kann doch etwas nicht stimmen, wenn man mit 30 schon als körperliches und seelisches Wrack aus dem Berufsleben aussteigen muss? Was ist falsch am ‚neuen Egoismus’, wenn man nicht immer und für jeden 'available' sein mag?
Im Laufe eines Berufslebens gelangt man eben an den Punkt, wo man es einfach nicht mehr erträgt, sich für sinnlose Jobs auszupowern, damit Manager Geld aus Unternehmen ziehen können.
Es liegt auf der Hand, dass man sich dann überlegt, was einem wirklich wichtig ist. Man besinnt sich darauf, dass man nur das eine Leben hat. Oft genug hat man für den Beruf Familie und Freizeit hintenangestellt und ist dabei selbst auf der Strecke geblieben.
Zudem ist das Leben nicht frei von eigenen Schicksalsschlägen, denen man eben nicht entkommt. Die Aufforderung im Artikel, das Leid der Welt – evt. dosiert aber zumindest regelmäßig - auf seine Schultern zu laden, kann ich nicht verstehen.
Mir gefällt mein Leben in der "Provinz" mit eigenem Garten. In diesem geschützten Raum tanke ich auf und beim Graben zwischen Ringelblumen und Salat kann ich ungestört Gedanken denken und entschleunigen. hier gilt meine Zeitrechnung.
Als Teilzeit-Eskapistin fühle ich mich in unserem "Mini-Lummerland" auf jeden Fall wohler, als oft im Rest der Welt. Vielleicht versuche ich es - motiviert durch den Artikel - mal als Vollzeit-Entkommerin.

Schafe blicken auf.

Schafe blicken auf.

Heute nicht mehr. Heute blicken Schafe auf die Blümchen am Wegesrand und auf die eigene Scholle. Selbstversorger dank eigener Wolle für Strickpullis und Bommelmützen.

Und wenn der böse Wolf kommt, versteckt sich ein Schaf in der Standuhr. Die anderen sechs haben Pech gehabt.

Ein Schaf für Europa und die Erste Welt. Sechs Schafe für Afrika und die Dritte. Kommt das so hin, mit dem Proporz?

Danke, Frau Friedrichs. Gute Glosse, wenngleich etwas sehr entschleunigt.

Da ich Ihre Kommentare schätze, möchte ich was zu bedenken geben zu diesem: Für mich schließen sich Engagement und Nachdenken, aktiv werden und entschleunigen nicht aus. Nicht, dass ich das immer alles perfekt unter einen Hut bekäme. Aber ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich aktiv und auch politisch aktiv sein könnte ohne meine kleinen Rückzugsorte und - zeiten. Für mich ist zentral: Jede/r sollte etwas zum Funktionieren von Gesellschaft beitragen. Zu seinem Ruhe- und Rückzugsbedürfnis, zum Bedürfnis nach Schönem, Unterhaltsamen, Kunst-vollen sollte man m.W. stehen - und es als notwendig, als auch politisch begreifen und gegen Konsumsucht verteidigen (Fällt mir nicht immer leicht, die Grenze zu ziehen)! So lässt sich leben, ohne dass daraus purer Egotrip wird.

Erstaunlich finde ich die Übereinkunft in vielen Kommentaren: Was ist daran schlimm, sich zurückzuziehen?
Was ist daran schlimm, sich mit seinen Interessen und Fähigkeiten zu beschäftigen und die Welt in dieser Zeit ein wenig von seinen sonstigen beanspruchenden Bedürfnissen (Ressourcenverbrauch, Ausbeutung, Verschmutzung) zu verschonen?
Im eigenen Umfeld dafür zu sorgen, dass Dinge in andere Richtungen laufen, als bisher für gut befunden, das ist doch mal ein Anfang - weil was beeinflusst unsere gesellschaftliche Entwicklung (ob nun vor oder zurück) denn mehr als das tägliche Denken, Entscheiden und Handeln?

Aus meiner Sicht macht es sich die Autorin etwas zu leicht - um nicht zu sagen, ihr Argument verfehlt im Grunde den Zweck. Denn vieles von dem was im Artikel beschrieben wird, erscheint mir keineswegs als Weltflucht; vielmehr trifft doch das Gegenteil zu. Eine ganze Reihe der im Artikel mit Argwohn betrachteten Tätigkeiten sind Formen menschlicher Arbeit, die m. E. von dem Wunsch und Wille eines direkteren Zugangs zur Welt in einem tendenziell fortschreitend von immateriellen Dingen und Handlungen geprägten Alltag zeugen. Sie sind in diesem Sinne sehr weltlich, denn von Interaktion mit der Welt geprägt. Sicherlich kann und sollte man dort, wo diese Dinge von cleveren Marketingstrategen zum next-big-thing erklärt werden und somit vermeintlich alternative Lebensweisen den noch herrschenden ökonomischen Logiken, Verwertungsinteressen, Marktmechanismen usw. unterworfen werden, Kritik üben. Die Trennlinie zwischen (beflissentlich tweetenden?) engagierten Bürgern, die im Wunschdenken der Autorin offenbar unablässig kritische Fragen - wenn nicht sogar gleich die Systemfrage - stellen, und jenen die sich durch Kenntnis über Handwerk, Reparatur- und Selbstversorgungsstrategien dem endlosen kreditkartenbefeuerten Zyklus von entfremdeter Produktion und Konsumtion teils mehr teils weniger zu entziehen vermögen, erscheint mir einfach zu bequem konstruiert...

Oha, ich bin LandLust-Abonnentin und, noch schlimmer, backe selbst - sogar mein Brot - und trage nur selbstgestrickte Mützen! Gott sei Dank haben Sie mir nun die Augen geöffnet, Frau Friedrichs, jetzt weiß ich endlich, was ich bin: eine Eskapistin!

Hätten das mal die Mitdemonstrant*innen auf der Kölner Pegida-Gegendemo gewusst! Die hätten meine Heuchelei sofort erkannt und mich vom Platz gejagt! Oder die neu angekommenen Flüchtlinge, die hätten mir die warmen Wintersachen - u.a. selbst gestrickte Socken und Stulpen - berechtigterweise um die Ohren gehauen. Da friert mensch doch lieber, als solchen Eskapismus zu unterstützen! Oder mein Mentee, ein iranischer Flüchtling, den ich bei seinem Schulabschluss und der Ausbildungsplatzsuche unterstütze, der würde mir ja sofort jeglichen Kontakt verweigern. Na, und meine Professor*innen erst! Die würden mir ja sofort Plagiate unterstellen, denn mal ehrlich: wer kann schon Landlust lesen und stricken UND sich gleichzeitig kritisch mit Gesellschaft, Politik, mt Geschichte und globalen Verhältnissen auseinandersetzen? Und darüber Hausarbeiten schreiben, Referate halten oder gar auch noch selbst politisch aktiv werden und versuchen, Menschen in schwierigen Lebensumständen zur Seite zu stehen, soweit es möglich ist?

Allein schon die Vorstellung ist völlig absurd. Als ob mensch noch fähig wäre, irgendetwas anderes zu tun, als Landlust zu lesen und zu stricken. Gott sei Dank haben Sie meine Lebenslüge aufgedeckt!

Wollte mich eben lobend aeussern über den facettenreichen und interessanten Artikel, leider bekam ich beim Senden einen Fehler! Vielleicht, weil ich am Rande auf ihre Anmerkung, die russischen Panzer stünden gegen Europa antworten wollte mit der Frage: Was macht ein Privatmann und Milliardär Soros wohl seit Jahrzehnten mit angestellten ehemaligen CIA-Mitarbeitern und von ihm finanzierten subversiven NGOs in Krisenlaendern wie der Ukraine? Hat er vielleicht geholfen die Krise herbeizuführen? Leute wie diese machen Europa nicht gerade sicherer.
Ein Rezept gegen die von den Eliten und ihren teils korrupten Hilfsbrigaden (Politik und Leitmedien) global entzündeten Hetze nach immer schnellerem Geld koennte wirklich eine kollektive Enthaltsamkeit sein. Nur es ist leider so, dass der Ausstieg auch Geld kostet - und wenn es nur die Kommune und der Energieversorger sind, die Steuern und Gebühren einheben. solange es noch öffentliche Daseinsvorsorge gibt, nach, aber, wenn alles privatisiert wird, enden wir als Sklaven bei einem neuen Landjunker. Und da unsere BRD-Regierung plant, Autobahnen zumindest teilzuprivatisieren, muss das Auto auch wegfallen. Schleichend reissen sich die Eliten das Staatsvermoegen, den Boden und alle Ressourcen für die Grundversorgung unter den Nagel. Es wird nicht leicht mit dem Ausstieg in der BRD (51. Bundesstaat der USA). Dann schon lieber ein friedliches Land suchen, wie z.B. die Mongolei.

In den 80-Jahren habe ich mich in der Friedensbewegung engagiert, bin in Menschenketten gestanden und habe Flugblätter verteilt. Ich bin ganz und gar nicht unpolitisch, aber ich habe schon immer gestrickt, Kräuter gesammelt, Marmelade gekocht und meinen Garten bestellt, weil mich das geistig und seelisch gesund hält. Ich brauche diese Tätigkeiten, um handlungsfähig zu bleiben. Einen gesunden Gegentrend zu der wahnsinnigen Beschleunigung, die unser Leben erfährt als Weltflucht abzukanzeln, empfinde ich als merkwürdig engstirnige Betrachtungsweise.

Das ist einer der bescheuertsten Artikel, die ich seit langem gelesen habe. Der groesste Biedermeier hier scheint mir die Autorin zu sein. Ich habe selbst lange mit Exil -Tibetern gelebt. Obwohl man ihnen ihr Land genommen hat und die Umstände dort alles andere als rosig sind - und zwar in diesem Fall direkt vor der eigenen Haustür - sind die meisten sehr gut darin im Moment zu leben und komischerweise daher auch viel ausgeglichener als wir. Dort wird auch noch gestrickt und gehäkelt und das Waschen im Eimer hat wirklich etwas meditatives und wird einfach in den Alltag mit eingeplant... und jetzt kommt das wohl für die Autorin so erstaunliche: die Leute sind doch alle sehr politisch interessiert und engagiert. Es werden Demos veranstaltet und auch sonst jede Menge politische Kundgebungen und jeder ist sich der Situation vollends bewusst. So: würden die Tibeter jetzt nicht so sehr ihr meditatives Verhalten üben und praktizieren, würde es sicherlich in Tibet weitaus mehr Horrorgeschichten als es eh schon gibt geben. Das sind meine persönlichen Erfahrungen und ich habe keine Ahnung warum dies nicht für Deutschland gelten kann. Vielleicht sollte die Autorin einfach mal selbst ein paar Dinge ausprobieren bevor sie über diese urteilt.

In den 70er Jahren prophezeiten amerikanische Ökonomen, dass wir im Jahr 2000 nur noch 4 Stunden am Tag arbeiten müssten, ohne Einbußen zu haben, wenn die Produktivität weiter steige wie bisher. Nun, die Produktivität ist gestiegen, aber wir arbeiten weiterhin 8 Stunden und mehr. Dieses Wirtschaftssystem wird uns keine Freizeit schenken – die müssen wir uns schon selber nehmen. Scheinbar begreifen das immer mehr Menschen.

Was soll an einem Rückzug aus dieser oftmals irren Welt schlimm sein? Die meisten Menschen sind des Tempos überdrüssig, sie wissen, dass das Leben wie es einem eingetrichtert wird, nicht wirklich gut ist. Muss man den Monatsabschluss in zwei Tagen fertig haben, muss man immer erreichbar sein, muss man der S- Bahn hinter her rennen, obwohl die nächste in 5 Minuten kommt? Nein, muss man nicht! Die Nachfrage nach den beschriebenen Magazinen ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. Der wahre Luxus ist es, Zeit zu haben. Wir sollten uns diesen Luxus gönnen!

Ich arbeite für einen amerikanischen Konzern und kann die ewige Schallplatte von Zielerreichung, Success Factors, Townhall meetings etc. pp. nicht mehr hören. Ich geniesse es, wenn ich am Abend die Katze streicheln und regelmässig mit dem Rad dem Irrsinn entfliehen kann! Das Brot backen wir mittlerweile selbst, TK-Kost gibt es nicht und Fleisch gibt es selten und dann nur vom Biohof, ich kaufe bei fast allen Dingen Qualität zu einem höheren Preis weil sie preiswert ist und die Dinge jahrelang halten. Unser Weg dem Irrsinn aus dem Weg zu gehen.

Vielen Dank Julia Friedrichs für diesen Artikel, der meine Sicht der Dinge sehr gut beschreibt. Funktionierst Du noch, oder lebst Du schon? Seit zwölf Jahren funktioniere ich nicht mehr. Ich lebe luxiurös, was mein Zeitkontingent betrifft, prekär, wenn es um Konsum geht. Ich bin nicht viel glücklicher als zu jener Zeit, da ich noch im Hamsterrad strampelte. Aber ich bin auch nicht unglücklicher. Die Lebensverhältnisse in unserer Ausbeutungsgesellschaft grätschen immer wieder ins private Glück, doch der Keim der neuen Gesellschaft, sprießt schon in der alten. Die Menschen. die sich der schreienden Ungerechtigkeit verweigern, bauen an einer neuen Wohlfühlgesellschaft. Wohlfühlgesellschaft wurde im neoliberalen Sprachgebrauch zum Schimpfwort. Nun leben wir in der damals angestrebten Gesellschaft, in der sich noch nicht einmal die Protagonisten wohlfühlen. Im übrigen schottet sich auch die politische und wirdschaftliche"Elite ab. Die einen in Absurdistan, die anderen in gated Communities. Ihren Abschlusssatz werte ich als Reflex, den eigenen Lebensstil nicht in Frage stellen zu müssen. Aber der Samen des Zweifels ist bereits gekeimt. Auf diesem Weg wünsche ich Ihnen viele Wohlfühlmomente, Stunden, Tage und Wochen.
Herzlich So oder so.

Ob das nun eine Fortentwicklung sei muss nun jeder für sich entscheiden.

Die Frauen meiner Elterngeneration fanden es ganz dolle opportun und extrem fortschrittlich ihre sabbernden, furzenden, schreienden Kreaturen, pardon (Fast)Kinder (eher Neugeborene), um den Bauch geschwungen in den Vorlesungsraum zu schleppen und hernach erstmal während der Vorlesung einen ordentlichen Pulli zu stricken! Den dann auch jeder Betroffene tragen musste (Kind, bedauernswerter Samenspender).

Die Mode mag sich ändern, der weibliche Drang zum Idyll ganz sicher nicht!

Nicht allein Zeitschriften wie FLOW und My HARMONY bedienen Sehnsüchte, MANAGER MAGAZIN, CAPITAL und viele, viele andere Magazine tuen dies ebneso. Nur handelt es sich um andere Sehnsüchte. Tatsächlich mangelt es den meisten Zeitgenossen an Achtsamkeit, sonst würden sie sich nicht so sehr manipulieren lassen.

Handarbeiten, Kochen und Backen als Weltflucht?

Ich stimme der Autorin zum Teil zu. Es ist doch so, dass Teilen meiner Generation, Anfang dreißig, erfolgreich im Beruf, merkt, dass etwas fehlt im Leben. Viele von uns haben Elternteile, die wegen der Anforderungen, die gerade beruflich an sie gestellt wurden, bereits krank wurden. Herzinfarkte, Schlaganfälle etc. Und wir sind doch auch die Generation, die sieht, dass die Anstrengungen der Eltern auch nicht ausgereicht haben um die Welt besser zu machen. Und wir sollen doch auch unsere Eltern versorgen, Karriere machen, selber Kinder produzieren und nebenbei erfolgreich sein. Ich finde es absolut legitim, wenn man rechtzeitig beginnt sich einen Ausgleich zu suchen, damit die Last, die auf einem bürdet, nicht zu schwer ist.

Und ja, ich stricke. Und ich erhalte seltsamerweise durch mein Hobby wesentlich mehr Befriedigung, als durch meine berufliche Tätigkeit.
Aber ich muss auch zugeben, bei mir wurde die Saat für Handarbeiten und selber machen bereits in meinem Elternhaus gelegt, da mein Vater schon immer der Meinung war, wenn die Zeiten schlechter werden, sollte man in der Lage sein wenigstens Kartoffeln selbst anzubauen.

Liebe Frau Friedrichs,

Liebe Frau Friedrichs,
leider vermisse ich im Interview mit dem emeritierten Prof. Kocka einen Hinweis auf die Rückzugstrategien und das Nischendasein der Menschen in der DDR, (wir existieren nach wie vor nicht).
Wir haben uns damals, Anfang der 80er bewußt für Dorf und altes Haus entschieden, damit wir keine Zeit mehr für die rote Sülze haben.
Heute bin ich wieder genauso weit. Rückzug ins Private, in den Garten, um Politik, Diskussionen, schmutzigen Straßen und Konsumterror zu entfliehen, auch um die Arbeit abzustreifen, wenigstens bis Morgen.

Ich schlage vor, Sie überdenken und entwickeln Ihren journalistischen Anspruch weiter. Dazu ist sicher kein Ressortwechsel zu "Haus und Garten" nötig. Womöglich leben wir in einer Welt, in der es mehr Fragen als Antworten gibt. Schwer auszuhalten, ich weiß. Der von Ihnen beobachtete Trend, scheint mir eine Absage an einen hysterischen und gleichgeschalteten Journalismus zu sein, der mit zu vielen Ausrufezeichen arbeitet und überall turns und Weltveränderung sieht, auf die dann bitte auch umgehend (über)reagiert werden muss. Ich wünsche mir differenzierte und analytisch zurückhaltende Berichterstattung, sowie Journalisten, die der Welt Fragen hinzufügen, bereits gestellte ausformulieren, neu denken und sich (und mich) nicht permanent mit unbefriedigenden Antworten überfordern. Bei der Handarbeit kann man übrigens ganz wunderbar und in aller Ruhe nachdenken ..

Wer sich ernsthaft auf die Suche nach Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit begibt, wird bei alternativen, nachhaltigen, dezentralisierten, lokalen, autonomen, entkommerzialisierten Lebens- und Gesellschaftskonzepten fündig.
Diese Konzepte verbindet das Ziel einer minimalen Abhängigkeit vom industriell-bürokratischen Komplex, bei gleichzeitiger maximaler lokaler Vernetzung mit Klein-Produzenten, Dienstleistern und Verbrauchern.
Wer diese Konzepte für naiven Eskapismus hält, hat die großen Fragen unserer Zeit nicht verstanden.

Der Berlin-Mitte-Hipster-Fraktion eine Realitätsflucht zu unterstellen ist doppelt falsch, weil es hier lediglich um Befriedigung des urbanen Trend-Diktats geht, wobei die Trend-Diktatur ihre Macht aus den erwähnten Hochglanz-Magazinen zieht.
Diese Magazine als Beleg für Wirklichkeitsflucht und Heile-Welt-Sehnsucht heranzuziehen ist absurd.
Solche Magazine reiten doch lediglich die Konsumwelle; sie leben doch von Marketing, von Anzeigen-Kunden, von künstlich gehypten Produkttrends.
All das sind Dinge, vor denen Menschen, die ein Leben führen wollen, dass Teil der Antwort auf die Fragen unserer Zeit sein soll, flüchten.

Der Artikel hätte sich (gerne auch kritisch) mit echten alternativen Make-your-own-Lebenskonzepten auseinandersetzen können.
Stattdessen gibt es Irrelevantes über Magazine in einem Magazin.

Wie so häufig bei Artikeln, die sich enttäuschend oberflächlich mit äußerst tiefgründigen gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigen, fällt mir nur ein Adjektiv ein: verzeihlich.

"Wer sich weigert hinzusehen,

"Wer sich weigert hinzusehen, könnte dereinst selbst zu denen gehören, die in Lumpen auf der Flucht sind. "

Der zentrale Punkt ist der Autorin entgangen. Es gibt zwei Möglichkeiten:

1.) Rückzug als Flucht
Das bedeutet dass man sich nicht nur dem Dunklen im Außen verweigert, sondern auch dem Dunklen im Inneren. Sehr treffend dargestellt anhand der Edgar Allen Poe - Geschichte des hedonistischen Prinzen.

2.) Rückzug als Weg
Das bedeutet dass innerlich alles willkommen geheissen wird.
Die einzige Aussage im Artikel stammt von der Frau die sich für Rückzug statt für Menschenrechtsarbeit entschied: "Wenn der Einzelne sich verändert, ist schon viel getan. Ich glaube, so meinen Beitrag zu leisten."

Vielleicht leistet diese Frau sogar wesentlich mehr als der Aktivist. Im Unterschied zu ihm hat sie nämlich die Muße, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen, während der er immer nur an deren Symptomen herumdoktort.

Dabei scheint selbst letzteres bei den Interviewten nicht der Fall zu sein - sie scheinen alle im Rat-Race gefangen gewesen zu sein. Was nutzt es da der Welt, wenn sie sich zusätzlich den Schlagzeilen aussetzen?

Selbst wenn der Zurückgezogene seine Schatten *nicht* anschaut: Ich bin davon überzeugt dass es für die Welt immer noch besser ist, wenn jemand in kerzenbeschienener Selbstzufriedenheit Topflappen häkelt, als wenn die gleiche Person in einem Zustand der zwischen Angst, Burnout, und Verpflichtungsgefühlen versucht auf politischer Ebene zu wirken.

Das sind aber nicht die zwei einzigen Alternativen. Es ist nämlich genau garnichts gewonnen, wenn man irgendwelche individuellen, innerlichen Symptome entdeckt hat. (genausowenig wie natürlich nichts gewonnen wird, wenn diese nicht gefunden werden) Es geht doch darum die Symptome dann in Aktion zu setzen und aus seinen Strickloch rauszukriechen um eben die Welt zu verändern. Und das funktioniert nur in der Politik. Handarbeit, davon abgesehen, dass sie die Menschen in Bangladesch arbeitslos macht, ist so ziemlich das unpolitischste was es gibt, solange es nicht von konkreter politischer Aktion in Partei, Gewerkschaft und Gesellschaft gefolgt wird. Es braucht unbedingt beides. Nur die Ideen liegen in uns, die Lösungen liegen immer in der Gesellschaft.

@11780f67: "Handarbeit (...)

@11780f67: "Handarbeit (...) ist so ziemlich das unpolitischste was es gibt..."

Mir hat mal jemand gesagt, er findet, dass unpolitisch zu sein eines der politischsten Statements überhaupt ist. Lässt natürlich viel Raum für Interpretation, hat mich dennoch seit dem als Idee nie verlassen.

"Es geht doch darum die Symptome dann in Aktion zu setzen und aus seinen Strickloch rauszukriechen um eben die Welt zu verändern."

Wer legt fest, dass es darum geht? Dass man die Welt verändern muss?

@japanbash Ich weiß nicht wer dir das gesagt hat, aber es ist mMn Blödsinn und unmöglich. Dein Einfluss in die Gesellschaft ist deine Politik, wenn er darin besteht alles durchgehen zu lassen was andere mit der Macht anstellen, die in diesem Land nunmal von politischen Menschen verteilt wird (Demokratie).
Die Welt und das Menschsein legen fest, dass die Welt verändert werden muss. "Polizei verhandelt mit Attentätern über Freilassung von Geiseln" "Boko Haram zerstört mehrere Orte bei Großangriff" "Le Pen ruft zum Krieg gegen Fundamentalismus auf" "UN halten Einsatz von Chlorgas für erwiesen". Dagegen hilft nicht Handarbeit allein, dagegen hilft nur zivilgesellschaftlich, parteipolitisch oder gewerkschaftlich aktiv zu werden.

Zwischen dem Drang nach Entschleunigung in einer beschleunigten Welt und dem Rückzug ins Private, im Artikel mit einer gänzlichen Abwendung von allem Öffentlichen verbunden, besteht ein Unterschied. Das Gefühl, dass "es" genug ist, ist ein Gefühl vieler Menschen. Die materielle Beschränkung auf das Nötige (im Sinne einer Befriedigung der Bedürfnisse, nicht aber der Begierden) erscheint mir sinnvoll und richtig. Aus einer solchen Perspektive muss das Streben nach dem Mehr geradezu grotesk erscheinen. Das ist in meinen Augen aber etwas anderes, als es sich in seinem biedermeierlichen Zuhause gemütlich zu machen. ;-)

Liebe Frau Friedrichs,

Liebe Frau Friedrichs,

ich habe den Artikel schon in der Printausgabe gelesen und finde die Schlussfolgerung etwas kurz. Grundsätzlich beschreiben sie den augenblicklichen Lifestyle recht gut, allerdings kann ich den impilzierten Vorwurf des Augenverschliessens nicht teilen.

Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass wir in der freien Welt leben und jeder selbst betimmen darf, mit welchen Themen er/sie sich beschäftigen will oder eben ausblenden will.
Den Rückzug ins Private als Realitätsverweigerung hinzustellen, halte ich für anmaßend, da genau dieser scheinbare Rückzug ins Private für einige genau die politische Aussage tragen soll, die sie vermissen.
Eine Mütze selbst zu stricken hat zwangsläufig zur Folge, dass eine Mütze weniger im Einzelhandel gekauft werden muss, mit allen Folgen.
Das Gemüse im Garten anzubauen hat zur Folge, dass das Wasser im Binnenland von Spanien gespart werden kann, anstatt es unter die verseuchten Planen in Südspanien zu pumpen.

Das ist gelebte Politik und keineswegs Eskapismus. Es kommt etwas spießig daher, aber was heisst das schon?

Und wenn die Hose 300€ kostet. Das ist näher am wahren Preis als die Jeans für 9,99€ bei KIK. Wer zahlt da den Preis?

Es ist also eine Auseinandersetzung mit der Realität zu der teuren Hose zu greifen, auch wenn man keine 3 Stück im Monat kauft, sondern nur eine alle 6 Monate.

Das geht bei vielen nicht mit allen Produkten, aber das liegt an den zum Teil sehr prekären Einnahmesituationen. Auch das ist eine real aufgezwungene Auseinanderseutzung mit der Realität.

Meine Auseinandersetzung geht in die Richtung, weniger neu zu kaufen, stattdessen Dinge gebraucht zu beschaffen. Insgesamt aber weniger zu konsumieren. Sehr real und sehr befreiend.

Im Zeitmagazin wird über eine handgenähte Hose gelästert, die 300 Euro kostet (weil diese "mehr kostet, als die Menschen draußen zum Leben haben")? Haben Sie schon mal einen Blick auf die Werbeanzeigen für hochpreisige Luxusartikel im gleichen Heft geworfen ? Da lachen ja meine (unpolitischen) Hühner!
Auch in der Zeit erscheinen des Öfteren Artikel über schlechte Arbeitsbedingungen von Näherinnen oder Probleme der intensiven Landwirtschaft. Das SIND nämlich einige der drängenden Fragen der Gegenwart. Der Handarbeits-und Gartentrend kommt auch daher, dass Leute statt die Mütze beim Discounter zu kaufen, sich lieber selbst eine stricken oder ein Teil ihres Gemüses selbst anbauen, um zu wissen, wo die Sachen herkommen. Das IST ein politisches Statement, nämlich für ungiftige, fair produzierte Produkte. Und gerade wer sich das nicht leisten kann (s.o.), für den ist selber machen eine Alternative. Übrigens: Gärtnern und Stricken haben die Spießbürger der Nachkriegszeit mit den Ökos der 80er bzw. den Hippies der 60er netterweise gemeinsam.
Die Bedingungen heutzutage sind völlig anders als in den 50er/ 60er Jahren (Bildung, Gleichberechtigung, Internet usw.), den jungen Leuten die gleiche Moral zu unterstellen wie damals, ist absurd. Die Konformität findet auf einer anderen Ebene statt, sicher nicht in den Köpfen der Leute, die freiwillig oder unfreiwillig ein bisschen ärmer, dafür aber kreativer und selbstbestimmter leben (siehe Artikel) und in ernsthafter und verantwortungsvoller Weise über ihr Leben UND die Probleme in der Welt nachdenken!

Ich habe bis heute kein Smartphone, muß mir wohl aber demnächst eins zulegen.
Und was sind schon die drängenden Fragen der Gegenwart. In 100 Jahren kräht kein Hahn mehr danach.
Geschichte wiederholt sich. Allein der technologische Fortschritt läßt uns nicht mehr in Höhlen wohnen. Ansonsten ist es wie vor 5000 Jahren.

An den meisten Kommentaren kann ich mich anschließen. Hinzufügen möchte ich, dass in politischen Zeitungen / Zeitschriften in der Regel keine Handarbeitstipps o.ä. gegeben werden. Der Artikel von Frau Friedrichs empfinde ich ziemlich polemisierend. Wenn Menschen so in einer Ecke gedrängt werden, kann die Lust auf Politik und Gesellschaft ziemlich unlustig machen. Das wäre in der Tat schade.

Die ZEIT ist irgendwann auch ausgelesen, und die Kindermützen für die Hilfstransporte sind fertiggestrickt. Selbstmachen ist eine Kompetenz, die nicht notwendig auf Cocooning verweist, sondern etwas mit Autonomie, Selbstwirksamkeit, Kreativität, Ressourcenschonung, Wertschätzung zu tun hat. Dawanda und Etsy zeigen, dass insbesondere Frauen mit Handarbeiten eine neue Form des Broterwerbs etabliert haben. Klar, muss man nicht ernstnehmen. Das fällt uns bei klassischen Autoritäten leichter, wenn Wolfgang Heckl die "Kultur der Reparatur" lobt und Harald Lesch dann den Wolfgang Heckl, oder wenn eine Leibniz Graduate School "Selbermachen" als informelles Wissen und subversive Praktik versteht.
Keine Politik, keine Wirtschaft, nichts Schwieriges? Vielleicht ist das eine frohe Botschaft dieser Magazine: politisches und wirtschaftliches Handeln sind gar nicht schwierig. Es geht darum, mit selbstgemalten Schmetterlingsflügeln die Luft um uns herum zum Schwingen zu bringen.

Also ich interessiere mich für Handarbeit, weil ich mich für Politik und den aktuellen Zustand der Welt interessiere. Von diesem schieflaufenden System will ich lieber so weit es geht unabhängig sein. Da stell ich mir mein Zeug lieber selbst her, als es von Kindern in Bangladesh herstellen zu lassen. Und wer weiß, wie lange die Vollversorgung aus den Geschäften so funktioniert, wenn man sich die Politik so ansieht. Dieser Artikel ist doch verleumderisch. Wer sagt denn, dass auf sich selbst besinnen und entschleunigen, die Augen verschließen bedeutet? Im Gegenteil, in einer Krise ist es das beste und wichtigste, was man machen kann. Hauptsache immer bei sich bleiben oder falls nötig erst mal zu sich finden, damit man sich bloß nicht manipulieren oder sonstwie in die Irre leiten lässt.

Recht haben die Leute.

Recht haben die Leute.

Wer sich mit Handarbeiten beschäftigt, richtet dabei zumindest keinen Schaden an.

Was man vom durchschnittlichen Online-Journalisten per se nicht unbedingt behaupten kann (Anwesende ausgeschlossen).

Wir müssen nicht unbedingt wissen, ob jemandem in China ein Dachziegel auf den Kopf fällt.

Um es mal etwas zuzuspitzen(?): Du glaubst also , dass du als Mensch keine Verpflichtung gegenüber Menschen hast, denen es schlechter geht als dir (Chinesen). Dann glaubst du weiter, dass, wenn man in Deutschland ein ruhiges Leben führt und nicht gerade bis zum burn-out bei der Deutschen Bank die Rente von irgendwem verzockt, man auch niemandem schadet. Das wäre so wenn Deutschland autark wäre. Ist es nicht. Du auch nicht.
Man hat eine Pflicht als Mensch und als Wähler. Keine davon wird wahrgenommen wenn man sich mit Handarbeiten beschäftigt (denn: "Stricken trotz Dachziegel").

@11780f67: Na, dann werden sie doch mal konkret: Wie wird man der seiner Verantwortung gerecht?
Was tun sie aktiv, um die Lage zu verbessern?
Verantwortung hat jeder, das ist eine Binsenweisheit, die die meisten Beiträge hier nicht negieren. Die Frage ist aber, was genau zu tun (oder zu lassen) ist, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Stricken halte ich persönlich für ein gutes Beispiel, da es eine Alternative bietet, zu den billigen Produkten in den Ramschläden zu greifen, die irgendwo auf der Welt unter recht zweifelhaften Bedingungen produziertb wurden.

Das ist global denken, lokal handeln in Reinkultur. Toll!

Nun ihre Vorschläge bitte...

Das Eine schließt vor allen Dingen das andere nicht aus. Ich habe, auch weil die Ärzte mich als austherapiert ansehen, nach irgendeinem Weg gesucht, meine Depressionen in Schach zu halten, ohne dauerhaft Medikamente, die mich zum Vegetieren bringen, zu nehmen. Gerade auch das früh antrainierte "ich bin ein Versager" bekam ich einfach nicht weg. Ich habe jetzt, da ich auf einem Bauernhof lebe, die Versorgung der Enten übernommen und freue mich z.B. über jedes von ihnen gelegte Ei, ich bereite selbst Apfelessig zu etc. Es hat für mich auch etwas Meditatives, z.B. lange Zeit über dem Herd zu stehen und die Marmelade zu rühren, dabei ein wenig vor mich hin zu summen oder zu singen, den Geruch zu genießen usw. Unpolitisch werde ich dadurch nicht, ich schreibe weiter Artiel und Kommentare _und_ sehe z.B. das "mehr selbst machen" durchaus auch als politisches Statement gegen das "es lässt sich ja alles kaufen, also arbeite halt mehr um es dir leisten zu können" usw. Aber deswegen mache ich das nicht, ich mache es weil es für mich eine sehr beruhigende und aufbauende Wirkung zugleich hat - wenn ich die selbst zubereitete Marmelade in mein hübsch dekoriertes Schälchen gebe, dann ist das eben etwas, was ich geschafft habe, was mich auch noch erfreut und nicht nur "Sinnvolles" ist.

Schade finde ich, dass es bei vielen nur entweder/oder gibt. Entweder der politische Mensch, der nichts strickt, keine marmelade einkocht, oder gleich der entschleunigte Escapist, der seine Marmelade selbst zubereitet. Schubladen, wohin man sieht.

@gregtolk @DerFlauschigeMaxi recht habt ihr, sofern ihr meint, dass politische Aktion weit über das Stricken hinausgehen sollte. Es reicht eben nicht, keine von Sklaven hergestellte Kleidung zu tragen, leider. Wichtig ist es natürlich trotzdem. Es bleibt, die Strukturen zu verändern, unter denen Sklaverei etc. produziert wird, auch dann, wenn individuell vielleicht nur vegan-bio-fair-lokale Produkte konsumiert werden. Eine andere Handelspolitik, Flüchtlingspolitik, Sicherheitspolitik, etc. sind da gefragt (konkret etwa: keine erzwungene Liberalisierung für strategische Rohstoffe, alle Asylanten aufnehmen, die sich finden lassen und Verbot von Waffenexporten in die meisten Länder). Deutschland hat da massiven Einfluss, der vollkommen ungenutzt bleibt, weil es die Deutschen eben einen *cheiß interessiert. Sätze wie "Wir müssen nicht unbedingt wissen, ob jemandem in China ein Dachziegel auf den Kopf fällt." oder "Wer sich mit Handarbeiten beschäftigt, richtet dabei zumindest keinen Schaden an." bestätigen das leider sehr gut (auch wenn ich deren Autor hier noch nichts unterstellen will(?)). Persönlich Geschichten bleiben davon unbenommen, es geht darum, dass als Staat agiert wird und darum dass, solange wir alle nur unsere Mützen stricken, der Rest der Welt daran krepiert.

Liebe Frau Friedrichs, da es mir heute zum wiederholten Male beim Lesen eines Ihrer Artikel auffällt und es mich abermals verstimmt, muss ich es einfach mal loswerden: Auch in diesem neuen Artikel von Ihnen scheint es mir, als pressten Sie Ihre Themen allzu gerne in Ihr vorgefertigtes Weltbild. Da werden Menschen wegen einer bestimmten Eigenschaft, wegen einer Lebensgewohnheit oder eben wegen eines ihrer Hobbys von Ihnen abgeurteilt und über einen Kamm geschert, in einem bornierten und besserwisserischen Ton, von dem ich nicht weiß, woher Sie ihn nehmen. Ich selbst bin Journalistin, Nachrichtenredakteurin, verschließe mich mitnichten den Härten der Realität, ja, will sogar in dem mir möglichen Rahmen zu einer Besserung beitragen. Und doch lese ich ab und zu gerne mal in Zeitschriften wie "Flow" & Co. Und bisher habe ich nicht das Gefühl, dadurch ein apolitischer, flüchtender Mensch zu sein - ganz im Gegenteil. Von Ihnen als Journalistin erwarte ich wirklich mehr Facettenreichtum, Offenheit und Neugier in der Beschreibung von Lebenswirklichkeiten. Nichts für ungut.

Dankeschön, das stieß mir auch sauer auf. Zuma die Entschleunigung nicht unpolitisch ist. Wer z.B. sich für den Schrebergarten (erst kürzlich bei SpOn als spießig deklariert) entschließt, der möchte zwar etwas Eigenes, Sinnstiftendes, aber auch Gemüse, bei dem er weiß, womit gedüngt wurde usw., was imho durchaus auch politisch einzustufen ist. Ernährung ist ja gerade auch ein wichtiges politisches Thema, z.B. im Bereich Alg II, Gesundheitspolitik usw. Auch das Selbermachen bzw. Selbernähen usw. hat ja seine politischen Aspekte - keine Förderung von Billigware aber auch keine von überzogenen Marken, Vermeidung von Ware, die Allergien auslösen kann usw. usf. Das alles nur auf "wir wollen die Politik ignorieren" zu reduzieren kommt mir sehr kurzsichtig vor.

Wundert mich nicht, dass die Entwicklung in diese Richtung geht. Nach jahrzehntelangem und erfolglosem Kampf gegen die Willkür unserer Politik, welche sich zwischenzeitlich ausschliesslich der Wirtschaft beugt, ist es eine logische Konsequenz sich wieder auf die Dinge zu konzentrieren, welche man beeinflussen kann. Quasi back to the roots. Allerdings gibt dies dann der Willkür freie Bahn und wir geben den Wirtschaftsdiktatoren noch mehr Raum die Politik von Europa zu bestimmen...

Was ist so schlimm daran, einen Ausgleich zur rauen Wirklichkeit zu suchen? Vielleicht wird diese Generation weniger Burn outs entwickeln als die Älteren, weil sie gelernt hat, sich Inseln der Entspannung zu schaffen.

Ich finde den oberlehrerinnenhaften Ton der Autorin gänzlich unangebracht, denn sie unterstellt, dass diese Menschen nichts anderes im Kopf hätten.

Wieso gehen Sie davon aus, dass sich Leute für Handarbeiten STATT für die brennenden Fragen dieser Zeit interessieren? Dass die anscheinend von morgens bis abends nur häkeln und kleben und sich sonst mit nichts anderem beschäftigen? Warum so einseitig? Mit etwas mehr Über- und Tiefblick wäre das ein interessanter Artikel geworden...

Wer sich ernsthaft auf die Suche nach Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit begibt, wird bei alternativen, nachhaltigen, dezentralisierten, lokalen, autonomen, entkommerzialisierten Lebens- und Gesellschaftskonzepten fündig.
Diese Konzepte verbindet das Ziel einer minimalen Abhängigkeit vom industriell-bürokratischen Komplex, bei gleichzeitiger maximaler lokaler Vernetzung mit Klein-Produzenten, Dienstleistern und Verbrauchern.
Wer diese Konzepte für naiven Eskapismus hält, hat die großen Fragen unserer Zeit nicht verstanden.

Der Berlin-Mitte-Hipster-Fraktion eine Realitätsflucht zu unterstellen ist doppelt falsch, weil es hier lediglich um Befriedigung des urbanen Trend-Diktats geht, wobei die Trend-Diktatur ihre Macht aus den erwähnten Hochglanz-Magazinen zieht.
Diese Magazine als Beleg für Wirklichkeitsflucht und Heile-Welt-Sehnsucht heranzuziehen ist absurd.
Solche Magazine reiten doch lediglich die Konsumwelle; sie leben doch von Marketing, von Anzeigen-Kunden, von künstlich gehypten Produkttrends.
All das sind Dinge, vor denen Menschen, die ein Leben führen wollen, dass Teil der Antwort auf die Fragen unserer Zeit sein soll, flüchten.

Der Artikel hätte sich (gerne auch kritisch) mit echten alternativen Make-your-own-Lebenskonzepten auseinandersetzen können.
Stattdessen gibt es Irrelevantes über Magazine in einem Magazin.

Wie so häufig bei Artikeln, die sich enttäuschend oberflächlich mit äußerst tiefgründigen gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigen, fällt mir nur ein Adjektiv ein: verzeihlich.

"Wer sich weigert hinzusehen,

"Wer sich weigert hinzusehen, könnte dereinst selbst zu denen gehören, die in Lumpen auf der Flucht sind. "

Der zentrale Punkt ist der Autorin entgangen. Es gibt zwei Möglichkeiten:

1.) Rückzug als Flucht
Das bedeutet dass man sich nicht nur dem Dunklen im Außen verweigert, sondern auch dem Dunklen im Inneren. Sehr treffend dargestellt anhand der Edgar Allen Poe - Geschichte des hedonistischen Prinzen.

2.) Rückzug als Weg
Das bedeutet dass innerlich alles willkommen geheissen wird.
Die einzige Aussage im Artikel stammt von der Frau die sich für Rückzug statt für Menschenrechtsarbeit entschied: "Wenn der Einzelne sich verändert, ist schon viel getan. Ich glaube, so meinen Beitrag zu leisten."

Vielleicht leistet diese Frau sogar wesentlich mehr als der Aktivist. Im Unterschied zu ihm hat sie nämlich die Muße, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen, während der er immer nur an deren Symptomen herumdoktort.

Dabei scheint selbst letzteres bei den Interviewten nicht der Fall zu sein - sie scheinen alle im Rat-Race gefangen gewesen zu sein. Was nutzt es da der Welt, wenn sie sich zusätzlich den Schlagzeilen aussetzen?

Selbst wenn der Zurückgezogene seine Schatten *nicht* anschaut: Ich bin davon überzeugt dass es für die Welt immer noch besser ist, wenn jemand in kerzenbeschienener Selbstzufriedenheit Topflappen häkelt, als wenn die gleiche Person in einem Zustand der zwischen Angst, Burnout, und Verpflichtungsgefühlen versucht auf politischer Ebene zu wirken.

Liebe Frau Friedrichs,

Liebe Frau Friedrichs,

ich habe den Artikel schon in der Printausgabe gelesen und finde die Schlussfolgerung etwas kurz. Grundsätzlich beschreiben sie den augenblicklichen Lifestyle recht gut, allerdings kann ich den impilzierten Vorwurf des Augenverschliessens nicht teilen.

Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass wir in der freien Welt leben und jeder selbst betimmen darf, mit welchen Themen er/sie sich beschäftigen will oder eben ausblenden will.
Den Rückzug ins Private als Realitätsverweigerung hinzustellen, halte ich für anmaßend, da genau dieser scheinbare Rückzug ins Private für einige genau die politische Aussage tragen soll, die sie vermissen.
Eine Mütze selbst zu stricken hat zwangsläufig zur Folge, dass eine Mütze weniger im Einzelhandel gekauft werden muss, mit allen Folgen.
Das Gemüse im Garten anzubauen hat zur Folge, dass das Wasser im Binnenland von Spanien gespart werden kann, anstatt es unter die verseuchten Planen in Südspanien zu pumpen.

Das ist gelebte Politik und keineswegs Eskapismus. Es kommt etwas spießig daher, aber was heisst das schon?

Im Zeitmagazin wird über eine handgenähte Hose gelästert, die 300 Euro kostet (weil diese "mehr kostet, als die Menschen draußen zum Leben haben")? Haben Sie schon mal einen Blick auf die Werbeanzeigen für hochpreisige Luxusartikel im gleichen Heft geworfen ? Da lachen ja meine (unpolitischen) Hühner!
Auch in der Zeit erscheinen des Öfteren Artikel über schlechte Arbeitsbedingungen von Näherinnen oder Probleme der intensiven Landwirtschaft. Das SIND nämlich einige der drängenden Fragen der Gegenwart. Der Handarbeits-und Gartentrend kommt auch daher, dass Leute statt die Mütze beim Discounter zu kaufen, sich lieber selbst eine stricken oder ein Teil ihres Gemüses selbst anbauen, um zu wissen, wo die Sachen herkommen. Das IST ein politisches Statement, nämlich für ungiftige, fair produzierte Produkte. Und gerade wer sich das nicht leisten kann (s.o.), für den ist selber machen eine Alternative. Übrigens: Gärtnern und Stricken haben die Spießbürger der Nachkriegszeit mit den Ökos der 80er bzw. den Hippies der 60er netterweise gemeinsam.
Die Bedingungen heutzutage sind völlig anders als in den 50er/ 60er Jahren (Bildung, Gleichberechtigung, Internet usw.), den jungen Leuten die gleiche Moral zu unterstellen wie damals, ist absurd. Die Konformität findet auf einer anderen Ebene statt, sicher nicht in den Köpfen der Leute, die freiwillig oder unfreiwillig ein bisschen ärmer, dafür aber kreativer und selbstbestimmter leben (siehe Artikel) und in ernsthafter und verantwortungsvoller Weise über ihr Leben UND die Probleme in der Welt nachdenken!

Die ZEIT ist irgendwann auch ausgelesen, und die Kindermützen für die Hilfstransporte sind fertiggestrickt. Selbstmachen ist eine Kompetenz, die nicht notwendig auf Cocooning verweist, sondern etwas mit Autonomie, Selbstwirksamkeit, Kreativität, Ressourcenschonung, Wertschätzung zu tun hat. Dawanda und Etsy zeigen, dass insbesondere Frauen mit Handarbeiten eine neue Form des Broterwerbs etabliert haben. Klar, muss man nicht ernstnehmen. Das fällt uns bei klassischen Autoritäten leichter, wenn Wolfgang Heckl die "Kultur der Reparatur" lobt und Harald Lesch dann den Wolfgang Heckl, oder wenn eine Leibniz Graduate School "Selbermachen" als informelles Wissen und subversive Praktik versteht.
Keine Politik, keine Wirtschaft, nichts Schwieriges? Vielleicht ist das eine frohe Botschaft dieser Magazine: politisches und wirtschaftliches Handeln sind gar nicht schwierig. Es geht darum, mit selbstgemalten Schmetterlingsflügeln die Luft um uns herum zum Schwingen zu bringen.

@11780f67: Na, dann werden sie doch mal konkret: Wie wird man der seiner Verantwortung gerecht?
Was tun sie aktiv, um die Lage zu verbessern?
Verantwortung hat jeder, das ist eine Binsenweisheit, die die meisten Beiträge hier nicht negieren. Die Frage ist aber, was genau zu tun (oder zu lassen) ist, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Stricken halte ich persönlich für ein gutes Beispiel, da es eine Alternative bietet, zu den billigen Produkten in den Ramschläden zu greifen, die irgendwo auf der Welt unter recht zweifelhaften Bedingungen produziertb wurden.

Das ist global denken, lokal handeln in Reinkultur. Toll!

Nun ihre Vorschläge bitte...

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere