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Auf der Suche nach der verlorenen Familie

ZEITmagazin Nr. 2/2015 — Von

Ein argentinischer Comicautor erschafft einen Helden, der verzweifelt versucht, seine Familie zu finden. Jahre später, unter der Militärjunta, wird die Geschichte schreckliche Wirklichkeit

An einem Wintermorgen steht Elsa morgens um sieben vor einem Haus im Zentrum von Buenos Aires und wartet. Darauf, dass die anderen kommen. Die Frauen, die mit ihr gekämpft haben, jahrzehntelang, damit die Morde an ihren Kindern nicht vergessen werden. Es ist kalt. Niemand kommt. Aber ist es nicht der Tag, an dem sie sich immer treffen? Welcher Wochentag ist denn überhaupt?

Elsa ist 86 Jahre alt. Ihr halbes Leben lang hat sie sich mit ihren Erinnerungen gegen das kollektive Vergessen aufgelehnt. Jetzt holt das Vergessen sie langsam ein.

Aus den Gerichtsakten über das Verschwinden von Héctor Germán Oesterheld. Aussage der Zeugin Elsa Oesterheld, Buenos Aires, September 1988:

"Wie heißen Sie?"

"Elsa Sánchez de Oesterheld."

"Alter?"

"60 Jahre."

"Familienstand?"

"Ich nehme an: Witwe."

Elsa lebt in einer kleinen Wohnung im Norden von Buenos Aires. Rund ist ihr Rücken geworden, ihr Körper schmaler, die Beine sind dürr. Aber ihre dunklen Haare sitzen perfekt. Zerbrechlich wirkt sie, und doch haftet ihr eine Zähigkeit an. Sie habe diesen Willen zum Überleben wahrscheinlich schon immer gehabt, sagt ihr Enkel Martín. Dünn wie ein Ast, aber stark wie eine Eiche. Es ist Sonntag, Martín und sein Cousin Fernando sind zu Besuch, Elsas Enkel. Im Wohnzimmer stehen ein Esstisch, ein Sofa, ein Bücherregal. Und auf jedem freien Platz Fotos. Von vier Mädchen in weißen Kleidern, von den vier schönen jungen Frauen, zu denen sie später wurden, und von einem Mann mit ernstem Gesicht. Erinnerungen an eine glückliche Familie. Die Familie von Elsa, Martín und Fernando. Eine Familie, die verschwunden ist.

"In welchem Verhältnis standen Sie zu Héctor Germán Oesterheld?"

"Ich war seine Frau."

"Wissen Sie, ob er unter der letzten Militärdiktatur seiner Freiheit beraubt wurde?"

"Ja, im Mai 1977 bekam ich einen Anruf, dass mein Mann vor Kurzem gefangen genommen wurde."

"Was war der Beruf Ihres Mannes?"

"Er war Comicautor."

Elsa Oesterheld in ihrer Wohnung, hinter ihr Fotos von ihren Töchtern und ihrem Mann Héctor © Irina Werning

Die Geschichte der Familie Oesterheld ist die Geschichte von Elsa, die ihren Mann verlor und ihre vier Töchter. Die ihrer Enkel Martín und Fernando, deren Eltern ermordet wurden. Und es ist die Geschichte eines Comics, den Héctor Germán Oesterheld, Elsas Mann und der Großvater von Martín und Fernando, 1957 schrieb: El Eternauta. Eine Science-Fiction-Geschichte, die heute der berühmteste Comic Argentiniens ist, weil sie ein Trauma vorwegnahm, das das Land bis heute zu bewältigen versucht. El Eternauta erzählt vom Kampf eines Familienvaters gegen einen übermächtigen Feind, der Buenos Aires zerstören will. Davon, wie dieser Mann seine Familie verliert und sie fortan suchen muss, auf einer Odyssee durch Raum und Zeit. 20 Jahre nachdem er diesen Comic schrieb, geht Héctor Germán Oesterheld selbst in den Untergrund, um gegen die Militärdiktatur zu kämpfen, die Argentinien beherrscht. Es ist, als ob er zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte wird, die jetzt wie eine Prophezeiung der gewalttätigen Diktatur wirkt. An deren Ende werden viele Argentinier gefangen sein in der unendlichen Suche nach ihren verschwundenen Verwandten. Auch Elsa, Fernando und Martín.

Beccar, ein Vorort von Buenos Aires. Einfamilienhäuser, Bäume, Gärten. Stille, die einen, wenn man aus der lauten Großstadt an der kleinen Bahnstation ankommt, umfängt wie ein schützender Kokon. Gegenüber dem Bahnsteig ein kleines Haus mit grünen Fensterläden. Das frühere Heim der Familie Oesterheld.

Hier verbrachte Elsa Oesterheld ihre glücklichste Zeit. 1945 lernt sie Héctor im Tennisclub kennen. Sie ist 17, Tochter galizischer Einwanderer, eine schmale Frau mit scharfen, schönen Gesichtszügen. Er ist 26, Geologe, deutsche Vorfahren, intelligent, Spitzname: Señor Socrates. Sie heiraten. Elsa will vier Kinder, nicht mehr und nicht weniger. Sie kommen in den fünfziger Jahren auf die Welt: Estela, Diana, Beatriz und Marina. Mädchen mit langen schwarzen Haaren, im Sommer toben sie durch den Garten. Abends kommen oft Freunde, es wird gegessen, getrunken, diskutiert. Das Haus in Beccar ist ein Ort voller Leben.

Eines der letzten gemeinsamen Bilder der Familie: Diana mit Fernando, Elsa, Beatriz, Estela mit Martin, Marina (v.l.n.r) und eine unbekannte Frau – vielleicht ihre Großmutter © Privat

Héctor schreibt Geschichten für Kinder und Comics, sie heißen Sargento Kirk oder Sherlock Time. 1957 beginnt er mit dem Zeichner Francisco Solano López eine neue Science-Fiction-Serie, deren Episoden jede Woche in einer Zeitschrift erscheinen. Er nennt sie El Eternauta, eine Wortschöpfung, die man mit "der ewige Reisende" übersetzen könnte.

Das erste Bild des Comics zeigt ein Haus, das in einem Vorort von Buenos Aires liegt und aussieht wie das der Oesterhelds. Ein Mann sitzt am Schreibtisch, er ist Comicautor. Es ist mitten in der Nacht. Plötzlich hört er ein Geräusch. Aus dem Nichts erscheint im Sessel gegenüber ein Mann. Der Autor fragt ihn, wer er sei. Man nenne ihn, so der Mann, den Eternauta. Dann erzählt er seine Geschichte.

© Mórtola, Araldi, López *

Sie beginnt nur ein paar Straßen weiter, zu einer Zeit, als der Mann noch nicht Eternauta hieß, sondern Juan. Juan ist verheiratet, er hat eine Tochter. Eines Abends, er sitzt mit Freunden zusammen, beginnt es zu schneien. Flocken fallen vom Himmel, die jeden töten, der mit ihnen in Berührung kommt, ihr Gift dringt durch jede Ritze. Juan und seine Freunde basteln sich Schutzanzüge und wagen sich hinaus in die Stadt, in der fast alles Leben erloschen ist.

Sie finden heraus, was die Ursache der Katastrophe ist: Außerirdische sind in Buenos Aires gelandet. Mit dem giftigen Schnee, grässlichen Rieseninsekten und versklavten Wesen eines anderen Planeten haben sie die Stadt erobert. Ihr Hauptquartier errichten sie im Zentrum, mitten auf einem Denkmal, das an die Geburtsstunde der argentinischen Demokratie erinnert. Übermächtige Gegner, die Juan und die anderen nur SIE nennen. Die Freunde ziehen in einen aussichtslosen Kampf, um SIE zu besiegen und die Menschen zu befreien.

Héctor Oesterhelds Eternauta wird ein Erfolg. Weil es eine Science-Fiction-Geschichte ist, die nicht in einer fernen Galaxie spielt, sondern in den Straßen von Buenos Aires, wo die Menschen leben, die sie lesen. Weil Juan und seine Freunde keine Superhelden sind, sondern nur stark, wenn sie gemeinsam kämpfen. Der Eternauta ist Oesterhelds Plädoyer für Menschlichkeit und Solidarität. Und in den kommenden Jahren, in denen die politische Situation im Land undemokratischer und gewalttätiger wird, wird er zu einem Plädoyer für den Widerstand.

1955, zwei Jahre bevor Héctor Oesterheld den Eternauta schrieb, ist in Argentinien der autoritäre linke Staatschef Juan Perón gestürzt und ins Exil verbannt worden. Ihm folgen bis Mitte der siebziger Jahre elf Präsidenten, dreimal putscht das Militär. Rechte und linke Guerillas bekämpfen sich. In dieser Zeit der Unruhe werden die Töchter von Elsa und Héctor erwachsen. Die vier haben das künstlerische Talent ihres Vaters geerbt, schreiben, malen, zeichnen. Abends gehen sie selten aus, sitzen lieber mit am Tisch, wenn die Freunde der Eltern, Künstler und Intellektuelle, zu Gast sind. Die politischen Diskussionen werden länger und heftiger, es sind fiebrige Nächte, sie vergehen wie im Rausch. Oft enden sie erst, wenn es Zeit fürs Frühstück ist.

Nicht nur in Europa, auch in Argentinien spürt die Jugend Ende der sechziger Jahre die revolutionäre Energie ihrer Generation. Die vier Mädchen der Oesterhelds beginnen, in den Elendsvierteln der Stadt zu arbeiten, sie schließen sich einer peronistischen Jugendorganisation an. Eine andere Gesellschaft scheint möglich, freier, gleicher, gerechter. Die jungen Peronisten wollen dafür kämpfen, manche von ihnen mit Waffen, sie nennen sich Montoneros. Das Regime reagiert mit Gewalt. Nur Perón selbst wird zugetraut, die Situation zu beruhigen. Als er am 20. Juni 1973 nach Argentinien zurückkehrt, macht sich eine halbe Million Menschen auf zum Flughafen von Buenos Aires, um ihn zu begrüßen. Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen: Der rechte Flügel der Peronisten will, dass Perón durchgreift und Ordnung schafft. Die jungen Peronisten wollen, dass er die Revolution anführt. Auch Héctor und seine Töchter wollen dabei sein, wenn Perón zurückkommt. Elsa ist wütend, sie hält es für zu gefährlich. Mami, sagen die Mädchen, du übertreibst. Hoffentlich übertreibe ich, sagt Elsa, hoffentlich könnt ihr das eines Tages sagen: Siehst du, Mami, wie dumm du warst! Sie bleibt allein zu Hause. Spürt eine Angst, die ihr die Brust zuschnürt. Mäht den Rasen, um sich abzulenken. Hört eine Durchsage im Radio: Schüsse sind gefallen. Der rechte und der linke Flügel der Peronisten sind gewaltsam aneinandergeraten. 13 Menschen sterben. Elsa wartet. Diana kommt als Letzte zurück, um drei Uhr morgens. Elsa dachte, sie sei tot.

© Mórtola, Araldi, López *

Diana studiert, aber zur Universität geht sie nicht mehr. Jeden Tag fährt sie mit ihren compañeros in ein Elendsviertel, in dem es kein fließendes Wasser gibt, keine medizinische Versorgung, keine Elektrizität. Sie bringen Ärzte her, die die Kinder impfen. Sie sorgen dafür, dass die Behörden die Kinder zur Schule gehen lassen. Sie helfen den Bewohnern, sich in einem Nachbarschaftskomitee zu organisieren, um sich gegen die Drohung der Regierung, das Viertel plattzumachen, zu wehren.

Nach Peróns Rückkehr verschärft sich die politische Situation. Perón ist nicht mehr der Alte. Er bekämpft den linken Flügel der Peronisten mit Todesschwadronen, die Montoneros schlagen zurück. Als Perón 1974 stirbt, übernehmen seine Getreuen die Macht. In Chile hat das Militär bereits den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt und Tausende ermordet, auch in anderen Nachbarstaaten regiert das Militär. Diana glaubt an den bewaffneten Kampf. 1975 schicken die Montoneros sie und ihren Mann Raúl nach Tucumán, in den Norden Argentiniens, um die Organisation dort zu stärken. Im gleichen Jahr wird ihr Sohn geboren, Fernando. Als ihre Freunde in Buenos Aires Diana zum letzten Mal sehen, ist sie wieder schwanger und sagt, sie hoffe, das Kind komme bald auf die Welt. Sie ahnt: In ihrem Körper ist es nicht sicher.

Estela, Diana, Beatriz und Marina Oesterheld (von oben) im Garten ihres Elternhauses © Privat

Im Haus der Oesterhelds ist nichts wie früher. Ein Graben verläuft quer durch die Familie: auf der einen Seite Elsa, auf der anderen ihre Töchter. Auch Estela hat einen kleinen Sohn, Martín, geboren 1974. Elsa versteht nicht, wofür ihre Töchter kämpfen, warum sie sich und ihre Kinder in Gefahr bringen. Sie will ihre Familie beschützen, aber sie fühlt sich, als würde sie sich einem fahrenden Zug entgegenstemmen. Héctor und sie streiten. Er ist auf der Seite der Mädchen, ihre Energie hat ihn angesteckt. In Gedanken hat er seinen Schreibtisch längst verlassen. Als seine Töchter kurz vor dem Putsch des Militärs 1976 in den Untergrund gehen, um für die Revolution zu kämpfen, geht er mit. Aus seinem Versteck schreibt er eine Fortsetzung des Eternauta, die direkt zum Widerstand aufruft. Der Eternauta trägt darin Héctors zweiten Vornamen, Germán, und die Frau, die er beschützt, den Decknamen von Héctors Tochter Beatriz. Seine Kunst und sein Leben sind nun nicht mehr voneinander zu trennen.

Die gewaltsamste Diktatur der argentinischen Geschichte beginnt. An ihrem Ende werden 30.000 Menschen entführt, getötet oder verschwunden sein.

Elsa kann ihren Mann und ihre Töchter nur noch heimlich treffen. Am 24. März 1976 übernimmt das Militär die Macht. Die Junta um Jorge Videla beginnt, systematisch ihre Gegner auszuschalten. "Erst töten wir die Subversiven, dann ihre Kollaborateure, dann ihre Sympathisanten, danach die Gleichgültigen und am Schluss die Ängstlichen", sagt der neue Gouverneur von Buenos Aires, ein General. Die Mitglieder des Nachbarschaftskomitees aus dem Elendsviertel, in dem Diana und ihre compañeros gearbeitet haben, werden sofort ermordet. Die gewaltsamste Diktatur der argentinischen Geschichte beginnt. An ihrem Ende werden 30.000 Menschen entführt, getötet oder verschwunden sein.

Im Haus in Beccar ist es still. Elsa ist allein.

Aussage Elsa Oesterheld:

"Am Samstag, 19. Juni 1976, traf ich mich mit meiner Tochter Beatriz in der Confitería Jockey Club, wo wir zwei Stunden lang saßen und uns danach für die kommende Woche verabredeten, wie wir es immer taten. Als ich zwei Tage später in den Zug einsteigen wollte, der mich zur Arbeit brachte, kam ein Junge auf mich zu und sagte mir, dass Beatriz nicht nach Hause gekommen sei, seit sie mich getroffen habe, und sie sei auch nicht in das Elendsviertel La Cava gekommen, wo sie am Nachmittag hätte sein sollen. Mir war klar, dass das bedeutete, dass sie entführt worden war, und ich suchte sofort den Kontakt zu jedem, der mir helfen konnte, den Verbleib meiner Tochter aufzuklären. Ich ging zum Polizeichef, zum Militärlager Campo de Mayo, zum Gericht, zur Kirche. Am 7. Juli wurde ich in das Kommissariat in Virreyes bestellt, wo der Polizeibeamte mir den Tod von Beatriz mitteilte, die zusammen mit vier anderen Jugendlichen umgekommen sei. Er erklärte mir, dass er am Morgen des 2. Juli in eine unbewohnte Gegend in Virreyes gerufen worden sei, um sich um fünf Leichen zu kümmern, die in einem Straßenkampf erschossen worden seien."

Beatriz ist 20 Jahre alt, als sie stirbt. Der Polizeibeamte übergibt Elsa den Leichnam. Sie ist die einzige ihrer vier Töchter, die Elsa begraben kann.

15 Tage später liest Elsa in der Zeitung, dass das Militär bei einem Einsatz in San Miguel de Tucumán Guerilleros getötet habe. San Miguel de Tucumán, der Ort, wo Diana lebt, mit Raúl und dem kleinen Fernando. Elsa hofft. Vielleicht sind sie davongekommen. Dann rufen die Eltern von Raúl an. Raúl sei geflohen. Diana, im sechsten Monat schwanger, und Fernando habe das Militär mitgenommen. Raúls Eltern finden Fernando in einem Waisenhaus, er wächst bei ihnen auf. Von seinen Eltern fehlt jede Spur. Sie seien, sagen seine Großeltern ihm, bei einem Unfall gestorben.

Elsa schläft nachts nicht mehr, schaut fern, bis fünf Uhr morgens. Mit Marina und Estela, den beiden Töchtern, die noch leben und im Untergrund sind, trifft sie sich nicht. Sie hat Angst, vom Militär überwacht zu werden. Nur mit Héctor verabredet sie sich noch einmal, Anfang 1977, in einem Café. Er sitzt in einer dunklen Ecke, trägt Bart, Hut, das Haar länger. Du kannst tun und lassen, was du willst, sagt Elsa zu ihm. Das Einzige, worum ich dich bitte: Hol die beiden Mädchen da raus.

Aber es ist zu spät. Die Militärs haben mittlerweile im ganzen Land geheime Folterlager errichtet, in Militärbasen und in Polizeistationen. Dort lassen sie Gefangene Bänder mit Metallkugeln schlucken, die unter Strom gesetzt werden, oder schnallen sie auf den "Grill", einen metallenen Bettrost, und jagen Strom durch ihre Körper. Ende April 1977 wird Héctor vom Militär in ein Folterlager verschleppt. Sie haben ihn in ihrer Gewalt. SIE. Er kann Marina und Estela nicht mehr beschützen.

Aussage Elsa Oesterheld:

"Das Einzige, was ich von Marina weiß, steht in dem Brief, den Estela mir an dem Tag schrieb, an dem sie selbst getötet wurde. Sie schrieb: ›Mamilein, schon seit einem Monat ist Marina nicht mehr bei uns‹, daraus schließe ich, dass Marina im November 1977 eingesperrt wurde. Ich habe nie etwas über ihren Verbleib erfahren. Estela wurde gemeinsam mit ihrem Mann ermordet, als sie am Abend des 14. Dezember 1977 nach Hause zurückkehrte. Die Militärs drangen in ihr Haus ein, als sie sie nicht antrafen, warteten sie auf ihre Rückkehr und töteten sie. Ich erfuhr es aus der Zeitung, mich hat nie jemand Offizielles informiert. An dem Abend kamen zwei Militärs zu mir nach Hause und übergaben mir Estelas kleinen Sohn. Als ich sie fragte, woher sie meine Adresse hätten, antworteten sie mir zögernd, dass sie meinen Enkel von dem Ort hierhergebracht hatten, an dem mein Mann gefangen gehalten wurde, der ihnen die Adresse gegeben habe."

Martíns früheste Erinnerung ist die an seinen Großvater Héctor. Martín ist drei Jahre alt, sitzt auf einer Bank in einem langen Gang, Héctor neben ihm. Es ist der 14. Dezember 1977. Der Tag, an dem seine Eltern erschossen wurden.

Martín ist stolz darauf, dass seine Eltern für Gerechtigkeit kämpften. Nicht darauf, dass sie es mit Waffen taten. © Irina Werning

Er weiß heute, warum ihn die Mörder seiner Eltern zu seinem Großvater brachten, in das geheime Gefangenenlager am Rand von Buenos Aires. Um Héctor klarzumachen: Auch die letzte deiner vier Töchter ist tot. Martín erinnert sich nicht an die Polizisten, die seinen Großvater bewachten. Nicht an dessen Verzweiflung. Nur daran, dass sein Großvater den Arm um ihn gelegt hat. Es ist eine Erinnerung, die sich gut anfühlt. Wahrscheinlich, sagt Martín, hat er mir eine Geschichte erzählt. Er wird seinen Großvater nie wiedersehen.

Martíns Kindheit ist ein Ort voller Geschichten, erzählt von Elsa, den Freunden seiner Eltern, den Kollegen seines Großvaters. Die Familie vor der Diktatur, die Kreativität, das Haus voller Leute. Er, an den unterschiedlichsten Orten, versteckt mit seinen Eltern. Liebevolle Eltern, die Waffen tragen. All das wirkt auf ihn surreal, sagt Martín, wie aus einem Comic seines Großvaters. In seinem Kopf vermischen sich Fiktion und Realität. Das, was wirklich passiert ist, klingt wie eine Erfindung. Und zugleich steckt in der Erfindung seines Großvaters, im Eternauta, so viel Wirklichkeit: Juan, der kämpft wie sein Großvater. Das Haus im Comic, das aussieht wie das in Beccar. Die Orte im Norden der Stadt, wo im Comic die Rebellen kämpfen und die zugleich die Orte sind, die Martín so gut kennt: die Avenida Santa Fé, die Plaza Italia, das Fußballstadion von River Plate.

Martín erfährt früh, was mit seinen Eltern geschehen ist. Elsa verschweigt ihm nichts. Abends, wenn er im Bett liegt, kann er durch die offenen Türen in ihr Schlafzimmer sehen. Er fürchtet sich davor, Elsa zu hören, wie sie mit sich selbst spricht, bevor sie einschläft. Wie sie mit ihren Töchtern redet, sich an früher erinnert, sich Vorwürfe macht. Ein Gemurmel, das er überhören will und von dem er doch gefangen ist. Ihre Erinnerungen kommen zu ihm, wie Gespenster durch die Dunkelheit, und rütteln an seinem Bett.

Dieses Foto liebt Martín: Weil sein Vater aussieht wie er und seine Mutter wie die schönste Frau der Welt. © Privat

Elsa hat jetzt nur noch ihn. Ein Echo aus dem Nichts. Leute beugen sich zu ihm herunter: Du musst deiner Großmutter helfen, nach all dem, was passiert ist. Er will Elsa glücklich machen. Aber es geht nicht. Er sieht ihre Zusammenbrüche, die sie vor anderen verbirgt. Er hat von klein auf das Gefühl: Was immer auch passiert mit mir, ich bin darauf vorbereitet. Wenn meine Großmutter nicht mehr da wäre, käme ich klar. Es war, sagt er, als würde er sich selbst großziehen. Martín nennt Elsa heute immer noch zärtlich Lala. Er liebt sie. Er weiß, sie hat nur für ihn weitergelebt. Aber er sagt auch: Sie hat sich auf ein Kind gestützt, dazu hat niemand das Recht.

1983, nach dem verlorenen Falklandkrieg, ist die Diktatur am Ende. Eine Wahrheitskommission sammelt Zeugenaussagen zu den Verbrechen, auch Elsa sagt aus. Es kommt zu ersten Prozessen, zu Verurteilungen. Doch das Militär ist noch mächtig und setzt Gesetze durch, die weitere Prozesse unmöglich machen und die Täter amnestieren. Sie kommen wieder frei.

Was bedeutet das: verschwunden zu sein?

Es ist die Zeit, in der Martíns Cousin Fernando begreift, dass seine Eltern Diana und Raúl nicht bei einem Unfall gestorben sind. Als er acht Jahre alt ist, verbringt er die Ferien mit Martín und Elsa am Meer. Wenn die Cousins zusammen sind, fühlt es sich an, als blickten sie in einen Spiegel. Sie merken, dass sie die gleichen Fragen haben. Wie sind meine Eltern gestorben? Was bedeutet das: verschwunden zu sein? Wer sind die Täter? Und warum sitzen sie nicht im Gefängnis? Später, als Teenager, spüren sie Wut: Warum haben ihre Eltern sie alleingelassen? Waren ihnen politische Ziele wichtiger?

Die Fragen, sagt Fernando, hören nie auf. Er ist jetzt 39 Jahre alt. Älter, als seine Eltern je wurden. Argentinien ist bis heute gespalten: Für die einen sind seine Eltern Terroristen. Für die anderen Helden. Zwei Begriffe, so groß, dass sie die Menschen dahinter nicht erkennen lassen, nach denen Fernando sich sehnt. Was konnten meine Eltern gut? Wie war es, mit ihnen Zeit zu verbringen? Das hat er in den vergangenen Jahren die compañeros von damals gefragt. Sie haben ihm erzählt, dass Diana lachte, laut wie ein Wasserfall, Tomaten aß wie andere Äpfel und dauernd Läuse hatte, die die Frauen des Elendsviertels ihr aus dem langen Haar kämmten. Dass sein Vater ein verlässlicher Freund war und unheimlich gut Fußball spielen konnte. Aber immer, wenn du das Gefühl hast, ihnen nahezukommen, sagt Fernando, stößt du gegen eine Wand, auf der steht: Du wirst nie mit deinem Vater Fußball spielen.

Mit 17 zieht er zu Elsa. Er liest Gedichte seiner Mutter, entdeckt die Welt seines Großvaters. Es war wie eine Wiedergeburt, sagt er: Er wurde ein Oesterheld. Als Kind hatte er schon den Eternauta gelesen, es war für ihn nicht mehr als ein spannender Science-Fiction-Comic gewesen. Jetzt liest er das Buch anders. Mit jeder Seite wird ihm klar, dass der, der das geschrieben hat, seinen eigenen Weg vorgezeichnet hat.

Als Fernando die Gebeine seines Vaters begrub, fühlte er sich zum ersten Mal als Sohn. © Irina Werning

Wie Héctor Oesterhelds Weg endete, weiß man nicht. Sein Körper wurde nie gefunden. Es gibt keine Dokumente, keine Beweise. Nur wenige Zeugen aus dem Folterlager, in dem er war, haben überlebt.

Zeuge 1: "Man sah, dass er geschlagen worden war, er hatte große Angst, und ich fragte ihn, was geschehen war. Er sagte mir, dass sie ihm Fotos seiner toten Töchter gezeigt hätten."

Zeuge 2: "Wir waren so gut wie nackt und wurden grausam gefoltert. Er brachte diese Folterung in Zusammenhang mit dem Schicksal seiner Töchter."

Zeuge 3: "Sein Zustand war schrecklich. Der furchtbarste Moment war, als sie ihm seinen kleinen Enkel brachten. Dieses kleine Wesen wurde nach dem Mord an der vierten Tochter und dem Schwiegersohn von Héctor zu uns in die Hölle gebracht."

Zeuge 4: "Heiligabend 1977 erlaubten die Wachposten uns, uns die Kapuzen vom Kopf zu ziehen, eine Zigarette zu rauchen und fünf Minuten miteinander zu sprechen. Héctor sagte, weil er der Älteste sei, würde er gern jedem von uns die Hand geben, um uns frohe Weihnachten zu wünschen. Ich werde diesen letzten Händedruck nie vergessen. Héctor Oesterheld war damals fast 60 Jahre alt. Sei körperlicher Zustand war sehr, sehr schlecht. Er ignorierte sein Schicksal. Ich wurde im Januar 1978 freigelassen. Er blieb dort. Ich habe niemals mehr von ihm gehört."

Juan Salvo, der Held aus Héctors Comic, und seine Mitstreiter haben am Ende keine Chance. SIE sind zu mächtig. Als Juans Mitstreiter tot oder in Robotermenschen verwandelt sind, versucht er, wenigstens seine Frau Elena und seine Tochter Martita zu retten. Sie flüchten in eine Raumkapsel der Außerirdischen, aber Juan findet den Starthebel nicht. Er drückt den falschen Knopf und aktiviert eine Zeitmaschine, die ihn, seine Frau und seine Tochter in unterschiedliche Zeitebenen katapultiert. Er erwacht auf einem wüsten Planeten. Allein. Aus Juan Salvo wird der Eternauta. Ein Mann, der verzweifelt durch die Jahrhunderte und durch das Universum irrt, um seine Familie zu finden.

Mit dem Tod ihrer letzten Tochter verschwindet die Angst, die Elsa erfüllt hat. Es bleibt Leere. Eine Leere, die immer größer wird. Es ist, als sei die Elsa, die sie vor der Diktatur war, mit den Mädchen verschwunden. Ihre Rolle ist jetzt die der Überlebenden. Elsa schließt sich den Abuelas an, den Großmüttern, die zusammen mit den Madres de la Plaza de Mayo dafür kämpfen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Sie hat eine Mission: darüber zu reden. Niemand soll vergessen, was mit ihren Kindern geschehen ist. Wieder und wieder erzählt sie die Geschichte ihrer Familie.

Es ist ihre Version der Geschichte. Darin sind die Mädchen schöne, junge, sozial engagierte Studentinnen. Nicht mehr. Erst Héctor habe ihnen diese Ideen in den Kopf gesetzt, für die es sich angeblich zu sterben lohnte. Elsa hat das nie verstanden. Es ist nicht heldenhaft, zu sterben, sagte sie immer. Es ist heldenhaft, zu leben.

Beatriz, Marina, Diana und Estela Oesterheld (von oben links im Uhrzeigersinn) © Privat

Martín und Fernando haben früher oft mit Elsa diskutiert, Héctor verteidigt. Denn es war ja umgekehrt: Die Mädchen hatten Héctor in den Kampf gezogen. Sie waren es, die zuerst in den Untergrund gingen. Zu den Waffen griffen. Sie wussten genau, was sie tun, sagt Martín, und warum. Ihn macht es stolz, dass seine Eltern für Gerechtigkeit kämpften. Dass sie dabei zu Waffen griffen, nicht. Aber Elsa hat keinen Bezug zum Kampf ihrer Töchter, damals nicht und später nicht. Sie und die anderen Abuelas kämpfen für ihre Kinder. Nicht für das, wofür ihre Kinder gekämpft haben.

Vielleicht, sagt Martín, ist das die größte Niederlage seiner Eltern: dass sich die argentinische Gesellschaft zwar mit den Verbrechen der Diktatoren auseinandergesetzt hat, aber nicht mit den Zielen der Opfer. Seit zehn Jahren wird in Argentinien den Diktatoren und den Folterern, den Mördern und Entführern wieder der Prozess gemacht. Ex-Diktator Videla starb im Mai 2013 im Gefängnis. Ein Platz in einem Park in Buenos Aires ist nach den Oesterhelds benannt, in einer U-Bahn-Station hängt ein großes Mosaik des Eternauta. Aber an der sozialen Ungerechtigkeit im Land hat sich wenig geändert.

Elsa hat diesen Kampf ihrer Töchter verdrängt. Um sie zu verstehen, sagt Martín, musst du verstehen, von wo sie spricht: aus einer großen Leere heraus. Kann man weiterleben, wenn alle, die man liebt, einen verlassen haben? Sich gegen das gemeinsame Leben entschieden haben? In Elsas Erinnerung sind ihre Töchter unschuldig geblieben. Mädchen. Ihre Mädchen. Egal, ob du eine Stunde mit ihr redest oder 80 Stunden, sagt Fernando, sie spricht über nichts anderes. Du kannst sie schon auf ein anderes Thema bringen, aber sie kehrt immer wieder zurück. Dann zeigt sie eines der vielen Fotos und sagt: Schau, wie schön sie sind. Oder die Bilder, die Estela gemalt hat, die Gedichte, die Diana geschrieben hat: Sieh, wie begabt sie waren. All das haben sie einfach genommen. SIE.

Diana Oesterheld mit ihrem Sohn Fernando, im Hintergrund ihre Schwester Beatriz © Privat

Als Martín nach dem Ende der Diktatur eine Gedenkveranstaltung für Héctor besuchte, kamen mehr Menschen, als der Saal fassen konnte. Ihm wurde bewusst: Der Eternauta ist nicht nur ein Comic. Die endlose Suche nach den Liebsten trifft viele Argentinier in ihrem Innersten. "Sie können sich nicht vorstellen", erzählt der Eternauta in Oesterhelds Comic, "in welcher Einsamkeit ich geweint habe, Elenas und Martitas Namen herausgeschrien habe ..." Das hat Martín und Fernando immer am meisten verstört und fasziniert: dass ihr Großvater so genau beschreiben konnte, was sie heute fühlen. 

Als Familie, sagt Fernando, sind wir alle in das Universum katapultiert worden, durch das der Eternauta irrt: eine andere Dimension, auf der Suche nach unserer Vergangenheit. Oft hat er die Eltern seines Vaters gefragt, wie es damals war, als sie ihn in Tucumán fanden. Jedes Mal war ihre Geschichte ein wenig anders. Die Erinnerung, sagt Fernando, ist wie ein Hund, dem du einen Stock hinwirfst und der dir einen anderen zurückbringt. Nie setzt sich das Puzzle zusammen. Er hat immer gedacht, irgendwann werde er aufhören, zu suchen. Doch sosehr er sich manchmal davon losmachen wollte, es ging nicht.

Von allen Foltermethoden, die sich die Diktatoren ausdachten, ist das Verschwindenlassen die perfideste. Eine Folter, die niemals aufhört. Was genau ist mit Héctor, Beatriz und Marina geschehen, mit Estela, Diana, ihren Männern und Dianas ungeborenem Kind? Die Ungewissheit lässt es nicht zu, Abschied zu nehmen. Deshalb, sagen Martín und Fernando, seien ihre Eltern trotz ihres Verschwindens immer präsent gewesen. Und mit ihnen die Hoffnung: dass man sie vielleicht doch noch findet.

Aus einem Bericht argentinischer Forensiker:

"Nummer CNT-C56-F14-S1-E1 bezeichnet das Skelett 1 und die dazugehörigen Dinge, die in Grab 1, Reihe 14, Sektion 56 des Nordfriedhofs von San Miguel de Tucumán exhumiert wurden. Das Skelett lag in 1,32 m Tiefe. Es handelt sich um einen männlichen Erwachsenen. Geschätztes Alter: 35 Jahre (+/– 5). Geschätzte Größe: 170 cm (+/– 3). Kleidung: blauer Stoff um das Becken herum, der zu einer Jacke aus Nylonstoff gehört, mit Reißverschluss und Druckknöpfen aus Metall. Beide Füße steckten in blauen Strümpfen. Verletzungen zum Todeszeitpunkt: Kompletter Bruch des Jochbeins. Bruch der 7. und 8. Rippe rechts. Bruch der 9. Rippe links. Die Verletzungen an den Rippen haben möglicherweise lebenswichtige Organe betroffen und zum Tod geführt, hervorgerufen durch eine Schussverletzung im Brustkorb. Nach anthropologischer und genetischer Analyse steht fest, dass die Knochenreste zu Raúl Ernesto Araldi gehören, geboren in Buenos Aires am 26. August 1947, verschwunden am 1. August 1977 in San Miguel de Tucumán."

Raúl Araldi. Diana Oesterhelds Mann, Fernandos Vater. Im Februar 2011 rief ein Mitarbeiter des argentinischen Forensikerteams EAAF Fernando an und bat ihn, vorbeizukommen. Fernandos DNA war in einer Datenbank gespeichert, die das Erbgut von Verwandten von Verschwundenen erfasst. In den Räumen des EAAF stand er dann vor einem Tisch voller Knochen, zurechtgelegt in Form eines Skeletts. Sein Vater. Endlich habe ich ihn, dachte er. Am liebsten hätte er die Knochen mit nach Hause genommen, wenigstens einen einzigen. Er wollte seinen Vater einfach nicht mehr hergeben.

© Mórtola, Araldi, López *

Er habe, sagt Fernando, immer in dem Bewusstsein gelebt, einen Großvater zu haben, der nicht da war. Tanten und Onkel zu haben, die nicht da waren. Eltern zu haben, die nicht da waren. Ein Nebel aus Abwesenheiten, Geschichten, Fantasien, und plötzlich war da etwas, das er sehen und anfassen konnte: die Knochen seines Vaters. Es war ein Schock, Fernando war wie gelähmt. Er verließ seine Wohnung nicht mehr, konnte nicht schlafen. Und wenn doch, dann träumte er von seinen Eltern.

Er hat seinen Vater begraben. Auf dem Friedhof, in einer Kiste, neben die Knochen legte er Fotos von seinen Eltern und von sich, und eine Zeile aus einem Gedicht seiner Mutter: "Ich falle, wenn ich dich nicht habe". Viele Freunde seiner Eltern kamen zur Beerdigung, sie nahmen gemeinsam Abschied. Es war ein guter Tag, sagt Fernando. Es habe ihm geholfen, seinen Platz zu finden. Er fühlte sich, zum ersten Mal in seinem Leben, als Sohn.

Martín hat umgekehrt seinen Platz gefunden: als Vater. Er habe immer das Gefühl gehabt, sagt er, seine Familie reparieren zu müssen. Mit Anfang zwanzig bekam er einen Sohn. Es war, als stünde er mit Höhenangst auf einer Klippe: Vater zu werden, ohne Sohn gewesen zu sein. Egoistisch war das, sagt er, verantwortungslos. Aber es hat funktioniert. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinem Sohn, auch wenn er mit der Mutter nicht mehr zusammen ist. Mit seiner zweiten Frau hat er zwei weitere Söhne. Der jüngste heißt Germán. Nach seinem Großvater.

Martín und Fernando haben ein Leben jenseits der Vergangenheit gefunden. Elsa ist das nie gelungen. Ihr diente die Gegenwart dazu, die Vergangenheit lebendig zu halten. Das bisschen Leben im Jetzt, was ihr geblieben ist, entgleitet ihr. So wie neulich, als sie vergaß, welcher Tag es war, und vor dem Büro der Abuelas stand. Als ihre Enkel sich an diesem Sonntag verabschiedet haben, steht Elsa im Türrahmen und fragt: Geht ihr gerade, oder kommt ihr?

© Mórtola, Araldi, López *

Elsa hat Alzheimer. Sie versinkt immer mehr in ihren ältesten Erinnerungen. Die Mädchen. Das Grauen. Das Vergessen, gegen das sie immer gekämpft hat, nimmt von ihr Besitz. Aber vielleicht kann ihr am Ende nur das Vergessen Frieden bringen. Ganz am Schluss des Comics, als der Eternauta dem Comicautor seine lange Geschichte erzählt hat, erfährt er, wann und wo er gelandet ist: 1959, nur ein paar Jahre vor der Invasion, nur wenige Straßen entfernt von seinem Haus. Er springt auf, rennt hinaus. Nach Hause. Seine Frau und seine Tochter warten auf ihn, er war, sagen sie, nur eine halbe Stunde weg. "Wo warst du?", fragt ihn seine Frau. "Ich weiß es nicht", sagt er. Der Eternauta ist in seiner eigenen Vergangenheit angekommen, und bei dieser Ankunft hat er alles vergessen: die Angst, den Kampf, das Leid, die ewige Suche. Er ist zurückgekehrt in die Zeit, bevor das Unglück hereinbrach. Als die Welt in dem kleinen Haus in der Vorstadt noch eine glückliche war.

* © Comic: Martín Miguel Mórtola, Fernando Carlos Araldi und die Nachfahren von Francisco Solano López. Mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber, übersetzt von Anna Kemper