Das war meine Rettung "Das Leben können wir nie erhalten"

Luc Bondy erkrankte an Krebs – und fand ein Buch, das ihm half, damit umzugehen Von

ZEITmagazin Nr. 2/2015

ZEITmagazin: Herr Bondy, spielt das Absurde in Ihrem Leben eine Rolle?

Luc Bondy: Momentan beschäftige ich mich sehr mit dem russischen Autor Tschechow. Er hatte kaum Geld, musste die ganze Familie ernähren und ist mit 44 Jahren gestorben. Er war ein Pessimist. Aber ich glaube, man kann pessimistisch und doch sehr gut gelaunt sein. Es gibt eine natürliche Absurdität, weil der Tod existiert und kein Mensch ihm entkommt. Ich sehe das im Sinne des alttestamentarischen Buchs Kohelet: Die Gegenwart muss zutiefst das Bewusstsein der Vergänglichkeit in sich halten.

ZEITmagazin: Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, was war für Sie der größte Rückschlag?

Bondy: Der erste große Rückschlag war, als ich mit 25 an Lymphknotenkrebs erkrankte und er elf Jahre später wieder ausbrach. In der Zeit erfand man Arten der Chemotherapie, die mich gerettet haben. Während meiner Krankheit war ich so beschäftigt damit, den Krebs zu besiegen, dass ich es nicht als einen Rückschlag in dem Sinne empfunden habe. Heute kann ich sagen, es war ein Rückschlag, trotz der großartigen Heilungsmethoden, die es gibt und die mich am Leben halten. Es ist, als wenn man aus der Bahn geschmissen wird, und plötzlich muss man in einen anderen Zug einsteigen und in eine ganz andere Richtung fahren. Andere Rückschläge sind, wenn mir eine Inszenierung nicht gelingt, was passieren kann.

ZEITmagazin: Ist das ein Rückschlag im Sinne einer Kränkung?

Bondy: Ja, eine narzisstische Kränkung, und ich ärgere mich darüber, dass ich etwas zugelassen habe, was ich nicht hätte zulassen sollen. Es ist schwer, damit umzugehen, da knabbere ich lange dran. Ich verdränge es aber nicht, ich versuche, herauszubekommen, was falsch ist, was mich da hingezogen hat und warum.

ZEITmagazin: Aus Fehlern lernen und nach vorne blicken?

Bondy: Ja, allerdings geht das nur da, wo wir Herr der Lage sind und nicht die Natur, die Krankheit. Wir können machen, was wir wollen, das Leben können wir nie erhalten, es entzieht sich unserer Kontrolle. Wir können rauchen oder nicht rauchen, trinken oder nicht trinken, bestimmte Krankheiten kommen eben einfach. Truffaut hat sein Leben lang nicht getrunken und nicht geraucht, und er hatte einen Hirntumor. Das liegt nicht in unserer Hand, da gibt es nichts zu lernen, man kann nur versuchen, es durchzustehen, und das hängt vom Zufall ab. Mir hat in der Zeit meiner Krankheit sehr das Buch Krankheit als Metapher von Susan Sontag geholfen, in dem sie gegen die Meinung anschreibt, Krankheiten seien die Folge von irgendetwas, das man unterdrückt. Ich habe immer ganz offen über meine Krankheit gesprochen und hatte einen starken Willen zum Leben. Das hat mich gerettet.

ZEITmagazin: Trotz Ihrer Krankheit haben Sie Kokain genommen. Wie sind Sie schließlich davon losgekommen?

Bondy: Irgendwann habe ich gemerkt, dass es einfach nicht mit meiner Immunschwäche vereinbar ist. Und als ich meine Frau vor 22 Jahren geheiratet habe, sagte sie mir: Das ist wirklich nicht meine Welt, was du da machst. Und damit war die Sache ganz klar.

ZEITmagazin: Sie sagten mal, Kokain sei eine narzisstische Droge.

Bondy: Kokain ist eine autistische Droge, weil man das Gefühl hat, dass man allein auf der Welt ist. Alles ist gut, nichts wird mehr infrage gestellt. Kokain ahmt das Leben nach in einer perfekteren Version.

ZEITmagazin: Ihre Inszenierungen sind psychologisch tiefgründig. Waren Sie jemals in psychoanalytischer Behandlung?

Bondy: Immer wieder. Ich habe einen Psychiater, von dem ich sehr viel halte. Ich gehöre nicht zu denen, die sich auf die Couch legen und sagen: Ich erinnere mich, dass ich als Kind nachts Angst hatte. Es sind die momentanen Themen, die nicht zu lösenden, die mich beschäftigen.

ZEITmagazin: Welche Neurosen schleppen Sie mit sich herum?

Bondy: Neurosen konstituieren mich! Ich war neun Jahre im Internat, dort werden viele Neurosen kreiert. Futterneid, das kommt aus dem Internat. Wenn ich in ein Kino gehe, und es ist eine riesige Reihe von Leuten an der Kasse, dann denke ich mir immer: Wie kann ich diese Schlange umgehen? Ich hasse nämlich, wenn man mir sagt, das Kino ist voll. Das ist neurotisch. Meine größte Neurose ist aber der Mangel an Geduld. Bevor man ins Bett geht, muss man sich ausziehen, das langweilt mich. Sich wieder anziehen, wie langweilig. Es gibt so viele Sachen, die einen wirklich langweilen, die jedoch notwendig sind. Ich muss Medikamente nehmen, ich nehme sie auch, ach, wie langweilig!

Luc Bondy, 66, wurde in Zürich geboren. Der Regisseur war bis 2013 Leiter der Wiener Festwochen, er hat an allen großen deutschsprachigen Theatern sowie an internationalen Bühnen gearbeitet. Bondy lebt mit seiner Frau in Paris, wo er gerade Tschechows "Iwanow" inszeniert

Der Psychologe Louis Lewitan gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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Langeweile ist uninspiriert

Langeweile ist uninspiriert

"Bevor man ins Bett geht, muss man sich ausziehen, das langweilt mich. Sich wieder anziehen, wie langweilig."

Langeweile -nicht zu verwechseln mit Muße, dem süßen und befriedigenden Nichtstun- ist intelligenter Wesen unwürdig. Man kann sich von Herzen darüber freuen, dass man sich ohne fremde Hilfe an- und ausziehen kann. Um die Routine zu durchbrechen., kann man als rechts- bzw. linkshändiger Mensch so tun, als sei man links- bzw. rechtshändig und ganz bewusst mit dem anderen Arm zuerst in die Jacke schlüpfen oder den anderen Schuh zuerst anziehen und die Schleife wie ein Links- bzw. Rechtshänder binden. Damit regt man sein Gehirn anders an als üblich und erweitert den Horizont.

Intensive Selbstwahrnehmung während Routinetätigkeit macht auch diese zu einem intensiven Erlebnis. Die Selbstbeobachtung schärft den Blick und verbessert allgemein die Beobachtungsgabe, und damit kann Verbesserung der sozialen Kompetenz einhergehen.

Manche Dinge sind nicht zu vermeiden. Wenn man schon etwas tun muss, kann man das gleichgültig, genervt oder voller Freude machen. Letzteres macht mit Abstand am meisten Spaß und ist garantiert nicht langweilig.