Harald Martenstein Über den technischen Fortschritt

Von
ZEITmagazin Nr. 3/2015

Ich habe Internet. Das Internet funktionierte tadellos. Dann bekam ich Post von der Firma O₂. Sie schrieben, dass sie mir gerne zu einem noch besseren, noch schnelleren Internet verhelfen und mir deshalb einen neuen Router schicken würden.

Wieso denn? Ich war mit dem, was ich hatte, zufrieden. Ich habe nichts vermisst. Früher wurde man gefragt, ob man was Neues haben möchte. Jahrelang hatte ich einen Plattenspieler, als alle anderen längst einen CD-Player hatten. Es gab keinen Zwang, einen verdammten CD-Player zu kaufen. Man bekam auch nicht, ohne Aufforderung, einen CD-Player ins Haus geschickt. Ich möchte mal erleben, was los wäre, wenn die Autohersteller den Leuten in diesem Ton schreiben würden. Ihr alter Dacia ist zu langsam, wir holen den morgen ab und stellen einen schnelleren hin. Das ist übergriffig.

Einen ganzen Abend habe ich damit verbracht, den neuen Router in Gang zu setzen. Ich hatte massig zu tun, zum Beispiel musste ich diese Kolumne hier schreiben. Habe ich erwähnt, dass der alte Router nicht mehr funktioniert hat? Dass Big Brother den einfach abgeschaltet hat? Dann erwähne ich es jetzt. Ich hatte keine Wahl. Sie haben mir Lebenszeit gestohlen.

Die Gebrauchsanweisung war unverständlich, die Hotline war dauernd besetzt. In jeder Sekunde des Routereinrichtens dachte ich: Ich will das nicht. Ich bin zu Zwangsarbeit verurteilt, wie Hauptmann Dreyfus auf der Teufelsinsel. Das ist so, als ob der neue Dacia, den sie mir morgen vielleicht gegen meinen Willen vors Haus stellen, keine Reifen hätte und ich die Reifen erst mal einrichten muss. Aber ich habe es hingekriegt. Das Internet funktionierte, gefühlt, etwa genauso schnell wie vorher.

Sie besitzen die Unverschämtheit, zu verlangen, dass man ihnen den alten Router mit der Post zurückschickt. Ansonsten müsse man ihn bezahlen, 80 Euro, 100 Euro, was weiß ich. Das Zurückschicken kostet ebenfalls Lebenszeit. Ich brauche meine Lebenszeit, um in Würde zu altern. Noch schlimmer sind allerdings Plastikverpackungen.

Es ist Mode geworden, Waren so in Plastik einzuschweißen, dass man die Ware ohne Hilfsmittel nicht aus der Verpackung herausbekommt. Ohne Schere kommt man nicht an den Kugelschreiber oder das Kabel heran. Ich verliere ständig Sachen, ich kaufe also ein Päckchen mit drei Kugelschreibern, denke an nichts Böses, und eine Stunde später, wenn ich im Zug Notizen machen will, komme ich nicht an die Kulis heran. Ich versuche dann, mit den Zähnen die Verpackung aufzureißen, früher ging das, aber sie haben das Plastik widerstandsfähiger gemacht. Dafür haben sie Geld. Ich mache die Verpackung meistens mit dem Feuerzeug auf, ich kokele das Plastik an einer Ecke an, bis es schmilzt, und dann reiße ich mit den Zähnen die Verpackung auf. Wenn der Fortschritt so aussieht – wie könnt ihr dann von mir verlangen, dass ich fortschrittlich bin? Ich möchte ein selbstbestimmtes Leben führen und nur dann in Sachen hineinbeißen, wenn ich Lust dazu habe.

Ich wollte etwas ausdrucken. Ich habe einen kabellosen Drucker. Der Drucker meldete mir, dass er den neuen Router nicht erkennt. Im Internet stand, dass dieses Problem häufig vorkomme, die Beschreibungen, wie das Problem zu beheben sei, füllten mehrere Seiten, die ich nicht ausdrucken konnte. Ich soll zum Beispiel an dem neuen Router einen Knopf drücken – der Router hat überhaupt keinen Knopf. Ich habe mir ein Kabel für den Drucker besorgt, drucke ich halt in Zukunft wieder mit Kabel. Zu Hause merkte ich, dass ich die Verpackung von dem Kabel nicht aufbekam.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Sicher ist es ärgerlich, wenn Unternehmen Servicearbeiten auf ihre Kunden auslagern und dreistPfand für längst abgeschriebene Geräte einfordern. Nur ist der hiesige Verbraucher eben nicht bereit für die Dienstleistung "Internet" mehr als 30 EUR pro Monat auszugeben. In der Vergangenheit hat es dabei einen Preiskampf bis zur Vernichtung gegeben - der Status Quo ist fast zwangsläufig die Folge davon.
Darüber hinaus gibt es einen Unterschied zwischen CD-Player und Router - nämlich den Sicherheitsaspekt, der durch die allgegenwärtige Vernetzung weit oben auf der Agenda steht oder stehen sollte. Viele Provider und Hersteller kümmern sich gar nicht darum, was Ihnen aus Ihrer Sicht schon fast lieber zu sein scheint. Ein Problem habe ich deshalb mit einer Haltung, die stolz vor sich her trägt: "Ich habe keine Ahnung und möchte auch keine haben!" Bestimmte Annehmlichkeiten erfordern nunmal eine gewisse Beschäftigung mit der Materie. Wenn ich Auto fahre, sollte ich auch selbst wissen, wie man Öl nachfüllt - jedenfalls dann, wenn ich nicht bereit bin einen Mechaniker anzustellen!

Man kann sich das Leben aber auch schwer machen. Diese praktische Plastikverpackungen, bei Cds bspw. (ja, ich kaufe sowas) sind doch einfach mit dem Taschenmesser zu öffnen. sowas kann man ganz einfach z. B. im baumarkt kaufen. Gut, die sind dann in so einer Plastikverpackung, die kein Mensch auf bekommt. Aber wenn man schon im Baumarkt ist, kann mann ja ein kleines Beil kaufen und damit die ... Was? Das Beil hat auch so ein Plastik außen rum? Ach nee!

Am schlimmsten sind die elektrischen Zahnbürsten. Wie ich die mal aus der Packung kriege, wenn ich 75 bin und Arthritis habe, überlege ich mir jetzt schon. Allerdings bisher ohne Ergebnis.

Aber bei einer kleinen Sache gibt es eine Verbesserung: Ich erinnere mich noch gut an den Wutausbruch eines amerikanischen Gastdozenten in Mainz, als er versuchte, eine Milchtüte nach Anweisung zu öffnen... Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern, dass das praktisch immer zu einer Milchfontäne führte. Milchtüten kriegt man inzwischen auf. Wenigstens ein Fortschritt.