© Juergen Teller/Courtesy of Céline

Joan Didion Denken als Stil

DIE ZEIT Nr. 3/2015
Joan Didion, 80, Intellektuelle, ist das neue Gesicht des Fashion-Labels Céline. Wie cool ist das denn? Von

Ja, so ist es. "Das Leben ändert sich schnell. Das Leben ändert sich in einem Augenblick", schrieb die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion, als sie ihr Buch über den Tod ihres Mannes John Gregory Dunne begann, der 2003 an einem Herzinfarkt starb. Diese beiden Sätze stimmen auch für Momente, die weniger dramatisch erscheinen. Etwa so: Man sieht ein Bild. Wenn man ein Bild gesehen hat, kann man es nicht mehr von der Retina wischen, es ist durch die Netzhaut hindurchgetaucht und hat sich eingeloggt im Kopf, es krallt sich in unsere Gehirnwindungen, ist unhintergehbar, wie dieses Bild, das in diesen Tagen um die Welt getwittert wird.

Das Bild zeigt eine kleine Frau. Sie sitzt leicht vornübergebeugt auf einem Sofa, die Schultern sind nach vorne gezogen, sie trägt einen langärmeligen schwarzen Pullover, der den dünnen, faltigen Hals nicht verdeckt, auf dem der Kopf mit dem weißblonden Bob sitzt. Das linke Ohr hat sich durch die Haare gewühlt und guckt frech heraus wie bei einem Mädchen, das vom Toben kommt, aber man sieht, bei aller Mädchenhaftigkeit dieser Gestalt, dass sie nicht vom Toben kommt. Das Gesicht ist müde vom Leben, die Wangen sind weiß und mürbe. Die Lippen tragen einen Hauch von roséfarbenem Perlmutt, und die Augen sind hinter einer gigantischen schwarzen Sonnenbrille verborgen. Voilà. Das Jahr 2015 hat kaum begonnen, und schon gibt es ein neues It-Girl, die amerikanische Vogue nennt es "niemand anderen als das unsterbliche intellektuelle und sowieso dream girl Joan Didion". Das avantgardistische Modelabel Céline hat Joan Didion auf seinen Postern dieses Frühjahrs zu seiner Ikone gekürt. Styling: smart casual – leger.

Eine 80-jährige glamouröse Intellektuelle also. Eine Frau, die seit einem halben Jahrhundert den Zeitgeist durch untertassengroße Brillen (das Didion-Signature-Item per se) beäugt und in Essays, Reportagen, Büchern ohne Sentimentalitäten beschrieben hat, Büchern wie Stunde der Bestie oder Das weiße Album oder Demokratie, Kultbücher. Schon jetzt kann man sagen: Ohne diese Sonnenbrille wird man nicht durch diesen Sommer kommen, jedenfalls nicht, wenn man die Spur eines modischen Instinktes hat.

Modisch buchstabiert sich plötzlich: ohne Photoshop. Da ist ein Hauch von Zumutung, in dieser Gradlinigkeit, die das Label Céline auszeichnet, das die Chefdesignerin Phoebe Philo in nur sechs Jahren zu diesem kompromisslosesten der Labels gemacht hat. Der Look ist minimalistisch-schockierend. High Heels wie Kegel von Oskar Schlemmer. Badelatschen aus fettem Lack. Alternativ: mit fettem Plüsch. Tilda Swinton trägt viel Céline und sieht dann aus wie eine strenge Ausgabe von Phoebe Philo, die ihrerseits wie eine jüngere Ausgabe von Joan Didion rüberkommen kann. Ist Fashion nicht immer der pure Narzissmus? Anders als andere Labels, etwa Prada, das zunehmend für das hübsche Japan schneidert, oder Versace, das mit erotisch flirrender, exhibitionistischer Mode die kurvigen Ladys des Orients verführt, ist Céline selbstbewusst spröde. Keinerlei Infektion durch die Männeranzugsimitate für die sogenannte berufstätige Frau, mit denen heute viel gelockt wird, eher eine Haltung von #WhatTheFuck!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

In diesen Tagen wird viel die kleine Liste zitiert, die früher angeblich bei Joan Didion am Schrank klebte, damit die im Woody-Allen-Stil gern verhuscht rüberkommende Starreporterin schnell zum nächsten Einsatz fliegen konnte, zwei Pullis, ein warmer Schal, so in der Art. Was eifrige aufstrebende Journalistinnen für sich übernahmen (so wie andere die weiße Haarsträhne von Susan Sontag, auch so ein dream girl). "In jeder Zeitung und jedem Magazin der westlichen Welt sind mindestens 86 % der Frauen und 72 % der Männer nur deshalb Journalist geworden, weil sie von Didion dazu inspiriert wurden, und das ist eine Tatsache", spottet Hadley Freeman im britischen Guardian. Didion machte jedenfalls Denken chic, so wie Didions Denken jetzt Céline chic macht.

Bei Dolce & Gabbana präsentieren drei Omis die Frühjahrsmode

Frühe Bilder zeigen Didion übrigens weniger harsch, man sah sie etwa, wie sie sich über das Geländer ihres Strandhauses im kalifornischen Malibu lehnt, mit Blick auf den Pazifik, neben sich John Gregory Dunne und ihre Tochter Quintana, die sie als Baby adoptierten und die im Koma lag, als Dunne an diesem Schreckenstag zwischen zwei Vorabend-Whiskeys starb, fünf Monate nach Quintanas Hochzeit, und die dann zwei Jahre später starb, worüber Didion ein zweites Trauerbuch schrieb, in ihrer herrlichen Wohnung an der Madison Avenue. In diesem Buch über Quintana kommen viele Lifestyle-Accessoires vor, die Babytragetasche von Saks, in der das Paar einst Quintana nach Hause trug, der Hochzeitskuchen aus der angesagten Magnolia Bakery, die rotsohligen Louboutins, mit denen Quintana zum Altar schritt, die weißen Blumen zu den weißen Pfauen et cetera. Didion harkt all die stylishen Kleidchen und Schühchen und Federn zusammen, um zu zeigen, wie wenig sie vor den Schrecklichkeiten des Lebens schützen. Wahr ist aber auch, sie verleihen ihrem Text einen Glamour, so wie Céline sich jetzt von ihrem Alter und ihrer Intellektualität einen Hauch von WOW holt. WOW wie Wild Old Women.

WOW ist eine angesagte Untergruppe von #WildOldThings, die gerade auf Twitter Karriere machen. Das Londoner Kaufhaus Selfridges hat sich entschlossen, seine Schaufenster in der Oxford Street nicht mehr wie jedes Frühjahr den Wild Young Things, den jungen Talenten, zu überlassen, sondern einer Bande von Vintage-Kreativen. Letzte Woche ging der Vorhang hoch. Man sieht Farbexplosionen von der Stilikone Sue Kreitzman, 70+, eine Installation von Bruno Wizard, 60+, Leadsinger der Punkband The Homosexuals, ein Werk der Malerin Molly Parkin, 80+, et cetera. Wen wundert’s noch, dass bei Dolce & Gabbana drei Omis schnatternd die Frühjahrsmode präsentieren? Jung erscheint gerade wie ein alter Hut, sagen wir: in dieser Saison.

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