Mala Emde Das Lächeln der Anne Frank

Mala Emde spielt die Hauptrolle in dem ersten deutschen Film über Anne Frank. Wir begleiteten die 18-Jährige bei ihrer Reise in ein fremdes Leben – und in die deutsche Vergangenheit. Von
ZEITmagazin Nr. 5/2015

Als die Dreharbeiten längst vorüber sind, kniet Mala Emde in einer Frankfurter Wohnung auf dem Boden und streichelt einer 84-jährigen Dame den Arm. Sie kennt sie kaum. Die alte Dame schluchzt, Mala tröstet. Die Sonne fällt durch die Gardinen, ein schöner Januartag. Emde ist 18, ihre Haare sind kurz geschnitten, die Farbe liegt irgendwo zwischen braun und blond. Sie ist so schmal, dass man manchmal ein wenig Angst um sie bekommt. Vor zehn Monaten hat sie einen Tag vor ihrer schriftlichen Abiturprüfung für die Rolle der Anne Frank vorgespielt. Es lief nicht besonders gut. Sie glaubte nicht daran, dass sie es schaffen würde. Es scheint, als sei seither ein Jahrzehnt vergangen.

Nun kniet Emde in der Wohnung, in der Anne Frank mit ihrer Familie die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte. Anne war vier, als die Franks 1934 vor den Nazis in die Niederlande flüchteten. Wenn Mala nach links schaut, fällt ihr Blick auf ein Foto des Mädchens auf der Anrichte, die alte Dame nennt sie "meine Änne". Die alte Dame lebt seit 60 Jahren in dieser Wohnung, der Sohn der damaligen Besitzer habe mit Anne Frank auf dem Balkon gespielt, erzählt sie. Die blau-weißen Kacheln in der Küche und im Bad und auch das dunkle Parkett im Wohnzimmer sind noch von damals.

Emde wollte ins Frankfurter Geburtshaus von Anne Frank und hat einfach geklingelt. Eine alte Dame hat aufgemacht

Seit die alte Dame von einer amerikanischen Studentin Ende der fünfziger Jahre erfahren hat, in wessen ehemaliger Wohnung sie lebt, bemüht sie sich um Anne Franks Andenken. Vor dem Haus steht eine Gedenktafel, sie sammelt Material zu Anne Franks Geschichte, ab und an führt sie Schulklassen durch ihre Zimmer wie durch ein Museum. Die alte Dame ist die Witwe eines Philosophieprofessors, der Schüler von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer war. In ihrem Sessel versinkt sie in den Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann: "Wir haben so schön zusammen geschwoft." Die Trauer treibt ihr die Tränen in die Augen. Mala nimmt die Gastgeberin in den Arm. Dabei ist die Begegnung der beiden ein Zufall, Emde wollte das Geburtshaus von Anne Frank zeigen und hat einfach geklingelt. Die Frauen wissen nichts voneinander, nur Anne Frank verbindet sie. Aber, das hat Emde in den vergangenen Monaten gemerkt, wenn es um die Geschichte des jüdischen Mädchens geht, wird es oft sehr schnell sehr persönlich. Als die alte Dame sich beruhigt hat, zieht sich Mala Emde aufs Sofa zurück. Die 84-Jährige schaut die 18-Jährige an: "Glauben Sie, die Jungen wissen noch, wer Anne Frank ist?" – "Meine Generation kennt ihre Geschichte", antwortet Emde. Die alte Dame mustert sie genauer: "Und Sie sind jetzt ein Star im Fernsehen?"

"Nein, ich habe nur Anne gespielt."

"Ist doch toll, wieso hat man Sie ausgewählt?"

"Weiß nicht, mir wurde gesagt, mein Lachen erinnert an Anne."

"Das ist eine große Ehre!"

Mala Emde nickt stumm. Was soll sie darauf sagen? Der Druck ist hoch. Es gibt viele Adaptionen des Tagebuchs, sogar einen japanischen Zeichentrickfilm, aber 70 Jahre nach dem Tod des Mädchens ist das Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank mit Mala Emde in der Hauptrolle die erste deutsche Verfilmung.

Anne Frank beginnt das Tagebuch an ihrem 13. Geburtstag im Juni 1942, es endet ein paar Tage vor ihrer Verhaftung im August 1944. Das Versteck der Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus ist verraten worden, von wem, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Anne Frank stirbt im März 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus und Entkräftung. Sie ist 15. Nach dem Krieg bringt ihr Vater, Otto Frank, der seine Frau und beide Töchter verloren hat, das Tagebuch heraus. Es wird ein Symbol für den Völkermord an den Juden – in 70 Sprachen übersetzt, in 80 Länder verkauft, millionenfach gelesen. Es geht nicht nur um die Ermordung eines Mädchens, es geht um die Deutschen, um die Nazi-Verbrechen, um die Verantwortung eines ganzen Landes. Ein Stoff, der überfordert. Es ist, als spiele Mala Emde ein Denkmal.

Aber was bedeutet dieses Buch heute, für sie, für die Generation der Enkel und Urenkel?

Einen Tag vor Drehbeginn im vergangenen Mai sitzt Emde in einem Berliner Café und zerbröselt ein Stück Zitronentarte. Sie sieht schon aus wie Anne, die Haare dunkel gefärbt auf Schulterlänge geschnitten, Locken. Mala Emde hatte vor dem Vorsprechen das Tagebuch noch gar nicht gelesen. Sie stammt wie Anne Frank aus Frankfurt, aber an ihrer Schule gehörte es nicht zur Pflichtlektüre. Nun holt sie es aus ihrer Tasche, viele bunte Zettel kleben darin. Sie hat es nicht nur gelesen, es sieht aus, als habe sie es Seite für Seite durchgeackert.

Anne Frank schreibt in ihrem Tagebuch: "Nichts als traurige und deprimierende Nachrichten habe ich heute. Unsere jüdischen Bekannten werden gleich gruppenweise festgenommen. Die Gestapo geht nicht im geringsten zart mit diesen Menschen um. Sie werden in Viehwagen nach Westerbork gebracht, dem großen Judenlager in Drenthe." Sie schreibt über Konflikte mit ihrer Mutter: "Ich dampfe vor Wut und darf es nicht zeigen, ich würde am liebsten mit den Füßen aufstampfen, schreien, Mutter gründlich durchschütteln", und: "Was wissen wir von unseren gegenseitigen Gedanken? Ich kann nicht mit ihr sprechen." Sie schreibt über Schwärmereien und ihre erste Liebe im Versteck – Peter: "Von morgens früh bis abends spät denke ich eigentlich an nichts anderes als an Peter." Und sie schreibt für die damalige Zeit so freizügig über Sexualität, dass ihr Vater diese Passagen später in den ersten Ausgaben streicht: "Ich würde Peter gern fragen, ob er weiß, wie ein Mädchen eigentlich aussieht, ein Junge ist von unten, glaube ich, nicht so kompliziert gestaltet wie ein Mädchen." Und immer wieder schreibt sie über ihre sieben Mitbewohner, ihren Alltag – zwei Jahre lang zusammengedrängt auf 50 Quadratmetern. "Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein." Es ist auch das Tagebuch einer Pubertät, eines Teenagers, der in einer Extremsituation erwachsen wird. Mal ist sie Göre, mal ist sie Frau, rotzig und weise zugleich.

"Sie ist ein ganz normales Mädchen", sagt Emde im Café. "Besser hätte ich nicht ausdrücken können, was in mir vorgeht – die Gedanken über sich selbst und über die Ablösung von den Eltern." Das Interesse ihrer Generation an der Nazi-Zeit, am Zweiten Weltkrieg sei hoch. Mit der Schule war Emde vor ein paar Jahren in Auschwitz, für diese Fahrt hatten sich so viele Schüler beworben, dass nicht alle mitkommen konnten. Für den Film war Emde nun noch einmal dort, diesmal hat sie der Besuch stärker mitgenommen, sagt sie. "Diesmal war ich mit Anne da." Sie sagt auch manchmal "ich", wenn Anne Frank gemeint ist, wenn sie es merkt, korrigiert sie sich schnell. Abstand zu wahren ist bei dieser Rolle schwer. Anne Frank ist keine Figur, die Emde als Schauspielerin beliebig interpretieren kann. Sie hat tatsächlich gelebt und war in Emdes jetzigem Alter bereits tot, jäh aus dem Leben gerissen. "Sechs Millionen Juden sind ermordet worden. Was soll man mit so einer Zahl anfangen?", fragt Emde. Diese Zahl erscheint so ungeheuerlich, dass sie abstrakt bleibt. Die Geschichte eines Mädchens berührt hingegen unmittelbar.

Vor zwei, drei Jahren hat Emde begonnen, ihre Familie zu ihrer Vergangenheit zu befragen. Sie kommt aus der intellektuellen Mittelschicht: Ihre Mutter leitet ein Fernsehkrimi-Festival, ihr Vater ist Maler und Grafiker. Emde hat noch eine Oma, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebt hat. Die Großmutter stammt aus dem Sudetenland, sie erzählte ihrer Enkelin von den traumatischen Erlebnissen der Flucht, von Hunger und Kälte. Mala hat nicht nach der Judenverfolgung gefragt, sie hat sich nicht getraut. Sie mochte ihrer Oma nicht zu nahe treten, sie nicht belasten. "Was wäre, wenn ich in dieser Zeit geboren wäre, auf welcher Seite hätte ich gestanden?"

Ein Großvater von ihr kämpfte im Krieg, und ein Urgroßvater war vermutlich in der NSDAP. Mala hat sie beide nicht mehr kennengelernt. Ihre Sätze bleiben im Vagen. Es klingt, als lägen Jahrhunderte zwischen ihr und ihren Vorfahren. "Voll weit weg", sagt sie in sich versunken. Es kommt ihr nun komisch vor, fast ein wenig peinlich, dass sie so wenig weiß über ihre Großeltern, als habe sie etwas falsch gemacht, als sei das vielleicht politisch nicht ganz korrekt. Mala Emde will ihre Großmutter am Abend noch einmal anrufen. Egal, mit wem man über Anne Frank spricht, es endet fast immer bei der eigenen Familie, bei Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Was haben die gewusst oder getan? Diese Frage zu stellen scheint heute nicht viel leichter zu sein als kurz nach Kriegsende.

Am nächsten Morgen, dem ersten Drehtag, steht Mala Emde frierend in einer Potsdamer Villa, dort wurde der Dachboden des Amsterdamer Verstecks nachgebaut. Für Mai ist es ungewöhnlich kalt, die Kostümfrau hat Emde in einen dicken Mantel gehüllt, den sie nur zum Drehen abwirft. Malas Blick ist abwesend, auf sich selbst konzentriert. Neben ihr wartet Lion Wasczyk, 19 Jahre alt, er spielt Peter, den Jungen, in den Anne Frank sich verliebt. In dieser Szene sollen die beiden sich näherkommen, sich das erste Mal küssen. Mala Emde hat am Tag zuvor im Café überlegt, wie dieser Kuss aussehen könnte, er dürfe nicht so offensiv sein wie heutzutage, aber dieses verzagte Wange-an-Wange-Legen wie in den Proben, das konnte sie sich ebenso schlecht vorstellen. Auch danach wollte sie ihre Großmutter fragen: Wie habt ihr damals geküsst? Aber Emde hat sie am Abend nicht mehr erreicht.

Nun küsst Emde hastig Wasczyks Wange, dann rutscht ihr Kopf an seinen Hals. Der Regisseur Raymond Ley sagt: "Ihr könnt euch ein bisschen mehr Zeit lassen." Er spricht sehr leise mit seinen Darstellern, flüstert fast. Die Stille am Set, die Stille im Versteck wirkt durch den Lärm der Wirklichkeit, der von draußen hereindringt, noch stärker: Handys klingeln, die Müllabfuhr kommt, schließlich heult eine Sirene.

Beim Mittagessen sitzen die beiden jungen Schauspieler nebeneinander, vor Mala steht ein riesiger Teller Nudeln, den sie kaum anrührt. Lion erzählt laut von seinem letzten Filmdreh in Belgien. Er klingt wie ein Profi. Mala sagt wenig. Beide spielen seit ihrer Kindheit in Filmen und Serien mit. Ihre Welt ist nach außen gerichtet, darauf, dass andere sie sehen. Annes Welt war am Ende gezwungenermaßen ganz nach innen gerichtet, darauf, dass andere sie nicht sehen. Größer kann der Gegensatz kaum sein.

Ein paar Tage später wird in einem Berliner Atelier die Szene gedreht, in der die Familie Frank in ihr Versteck einzieht. Mala Emde und Götz Schubert, der im Film ihr Vater ist, räumen geschäftig Kochutensilien ein. Mala spielt, wie Annes Stimmung innerhalb weniger Augenblicke umschlägt von aufgekratzter Albernheit in Verzweiflung und wieder zurück. Dunkle Schatten liegen unter ihren Augen. In einer Drehpause schaut der Produzent Walid Nakschbandi vorbei, umarmt sie: "Na, lassen sie dich nicht schlafen?" Nur zwölf Drehtage sind angesetzt, das Budget liegt bei etwas mehr als einer Million Euro, nicht viel für ein historisches Doku-Drama. An manchen Tagen ist der Drehplan so dicht, dass Szenen aus Zeitgründen einfach wegfallen. Der erste deutsche Fernsehfilm über Anne Frank ist klein und knapp finanziert.

Walid Nakschbandi hat dreieinhalb Jahre für diese Produktion gekämpft. "Es war am Anfang nicht einfach, bei den Sendern Begeisterung für diese Geschichte zu wecken. Es gab große Berührungsängste." Er hörte Fragen wie: Was kann man da noch Neues erzählen? War das nicht ein holländisches Mädchen? Ist das Ende nicht zu traurig, muss man gar Leichenberge zeigen? Schließlich wird es eine Koproduktion von Nakschbandis Firma AVE, die wie die ZEIT zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört, dem HR, dem RBB und dem WDR.

Nakschbandi wollte, dass der Film aus der Perspektive des Vaters, des Überlebenden, erzählt wird, dass er nicht mit der Verhaftung endet, sondern dass er weitergeht, wenn das Tagebuch aufhört. "Wir müssen uns immer wieder unserer Geschichte stellen. Letztendlich ist der Verrat das entscheidende, große Thema." Walid Nakschbandi flüchtete selbst 1980 bei Ausbruch des Krieges aus seiner Heimat Afghanistan. Seine Eltern blieben dort zurück. Mit 13 Jahren kam er nach Deutschland. Meine Tochter Anne Frank ist für ihn auch ein Statement: "Nie wieder Menschen ausgrenzen! Weder Juden noch Christen, noch Muslime!"

Zur gleichen Zeit läuft noch das Casting für einen Kinofilm über Anne Frank, den Nakschbandi ebenfalls mitproduziert und der dieses Jahr gedreht werden soll, der zweite deutsche Film über das Mädchen. Der stern nennt es eine "Anne-Frank-Renaissance". Zudem kündigte im vergangenen Jahr das ZDF gemeinsam mit dem Produzenten Oliver Berben ein Konkurrenzprojekt, einen Mehrteiler über Anne Frank, an. Aber sie hatten sich im Gegensatz zu Nakschbandi nicht um die Rechte gekümmert, die Erben nicht einbezogen. Der Anne Frank Fonds in Basel hält die Rechte am Tagebuch und an vielen Dokumenten und Fotos der Familie. Präsident des Fonds ist Buddy Elias, der letzte lebende direkte Verwandte von Anne Frank. Der Fonds warf dem ZDF "respektloses Verhalten gegenüber einer im Holocaust weitgehend vernichteten Familie" vor. Kurz darauf verabschiedete sich das ZDF von diesem Projekt. Auch das gehört in diese Geschichte. Es gibt einen Kampf um den richtigen Umgang mit dem Erbe von Anne Frank, es geht um Deutungshoheit, um Geld und um Macht. Letztendlich geht es um die Frage: Wie soll Anne Frank in Erinnerung bleiben?

Der Regisseur Raymond Ley besuchte für den Dokumentarteil von Meine Tochter Anne Frank Zeitzeugen in Brasilien, den USA, Großbritannien, Israel und den Niederlanden. Hochbetagte Frauen und Männer sitzen in schön aufgeräumten Wohnzimmern vor der Kamera und erzählen Entsetzliches: Da ist zum Beispiel Edmond Silverberg, 88, ein früherer Verehrer von Anne Frank, der am Tag ihres Untertauchens an der Tür der Familie klingelte. Ley fragt: "Waren Sie überrascht, dass sie nicht mehr da waren?" Silverberg: "Die meisten, mit denen ich groß geworden bin, waren nicht mehr da." Da ist Annes Schulfreundin Nanette Blitz Konig, 85, die Anne Frank noch kurz vor ihrem Tod im KZ Bergen-Belsen wiedersah: "Wir waren ganz, wir waren ... – da ist nichts mehr übrig geblieben. Und sie, sie war kalt, sie hat sich geschüttelt vor Kälte." Und da ist auch Margaret Blok, die Schwester von Anton Ahlers, der verdächtigt wird, die Familie im Hinterhaus verraten zu haben: "Mein Bruder verriet alles, was Geld brachte. (...) Er war schon immer äußerst gefährlich." Ley sagt, dass alle Gesprächspartner unbedingt reden wollten. Sie wissen, ihre Zeit wird knapp. Sie wissen, es könnte das letzte Mal sein, dass ihre Stimmen gehört werden.

Mala Emde war bei einem der Interviews dabei. Das habe ihr gezeigt, wie wenig sie bisher trotz allem über diese Zeit erfahren habe, sagt sie. Nach fast zwei Wochen am Set wirkt es, als sei sie noch schmaler geworden. Sie hat einen freien Tag in Berlin, sitzt draußen vor einem Restaurant, es ist sommerlich warm. "Jetzt höre ich Anne Frank in mir", sagt sie. Kurz zuvor hat sie die Verhaftung der Familie gedreht. Danach ist sie froh, dass die Fahrt vom Atelier nach Kreuzberg zu ihrer Schwester eine Stunde dauert: "Das ist wie eine Brücke von einer Welt in die andere." Während der Dreharbeiten wohnt Emde bei ihrer Schwester, sie schlafen im selben Zimmer, abends proben sie manchmal die Dialoge der Geschwister Frank. Mala Emde geht nicht mehr aus, sie trifft auch keine Freunde, es erscheint ihr irgendwie unpassend. Am nächsten Tag werden die Dreharbeiten enden. In einer Woche hat sie mündliche Abiturprüfung. Ihre Mitschüler lernen seit Wochen dafür. Mala ist in Panik, sie konnte sich noch nicht vorbereiten. "Ich will mal wieder ein unbeschwertes Mädchen sein", sagt sie. Dann holt sie einen Zettel aus ihrer Tasche, darauf notiert sie alles, was sie sich vornimmt. Ein Punkt ist: ein Besuch bei ihrer Großmutter, um sie noch einmal nach der Vergangenheit zu fragen.

Ein halbes Jahr später, ein Mittwoch im Januar, der Film ist fertig. Mala Emde hat ihn noch nicht gesehen, sie sitzt im Zug auf dem Weg nach Frankfurt, in ihre Heimat und zum Geburtshaus von Anne Frank. In den vergangenen Monaten hat sie Abitur gemacht, war das erste Mal mit dem eigenen Auto in Italien, ist nach Berlin gezogen und will nun Schauspiel studieren. Erwachsen werden im Zeitraffer. Ihre Haare sind nicht mehr schwarz wie die von Anne Frank, sie schimmern jetzt vom vielen Färben undefinierbar bräunlich. Gerade hat sie eine Kinokomödie über die Welt der Onlinespiele abgedreht, in der sie ein Mädchen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und blauen Haaren spielt. Weiter konnte sie sich nicht von Anne Frank entfernen.

Diese Reise nach Frankfurt stand seit Monaten fest. Eigentlich war dort ein gemeinsamer Besuch bei ihrer Großmutter verabredet. Es sollte um die verschiedenen Generationen und ihren Umgang mit der Vergangenheit gehen, darum, was Anne Franks Geschichte mit ihnen, mit uns allen zu tun hat. Je näher der Termin rückte, desto zurückhaltender wurde Mala. Schließlich schrieb sie eine SMS, dass sie ihre Familie aus der Öffentlichkeit heraushalten wolle. Auch ihre Freunde möchten nicht über Mala und Anne Frank reden.

Im Abteil lehnt Emde ihre Knie an den Vordersitz, draußen steigt Nebel aus den Tälern. "Den Medien gegenüber herrscht eine unglaubliche Skepsis", sagt sie. Obwohl sie selbst Zeitungen abonniert hat, Nachrichten schaut und online liest. Sie hat Angst davor, etwas Falsches zu sagen, falsch verstanden zu werden. Zugleich bewundert sie Anne Frank für ihre starken Überzeugungen und ihre feste politische Meinung. "Ich würde mir wünschen, solche Ideale zu finden. Heute sind viele auf der Suche." Emde denkt die Reaktion ihres Gegenübers stets mit. Sie hat ein feines Gespür dafür, was von ihr erwartet wird. Schon in der Schule hatte sie das Gefühl, wenn sie sage, was sie wirklich denke, bekomme sie vielleicht eine schlechtere Note.

Mala Emde spricht stets leise, bei brisanten Fragen sagt sie, darüber müsse sie noch einmal nachdenken. Auch in Stresssituationen bleibt sie höflich. Wenn sie am Morgen arbeiten muss, geht sie früh zu Bett. Trotz der Dreharbeiten hat sie ihr Abitur mit einem Durchschnitt von 1,5 abgeschlossen. Sie isst kein Fleisch wegen der Massentierhaltung, nur im Ausland, um "offen für Neues" zu bleiben. Einer ihrer Lieblingssätze heißt: "Ich bin dankbar." Als Anne Frank sagt sie im Film einmal: "Ich wusste nicht, dass es neben den inneren auch die äußeren Schamlippen gibt." In Wirklichkeit würde Mala Emde diese Worte nicht aussprechen. "Anne hatte sich selbst gegenüber keine Scham, so etwas aufzuschreiben", sagt Emde. Es klingt bestürzt und begeistert zugleich. In der digitalen Gegenwart besteht die Gefahr, dass jedes unbedachte oder ungewöhnliche Wort in der Öffentlichkeit sofort geteilt, beurteilt und auf diese Weise verstärkt wird. Es wirkt fast, als sei das verfolgte und im Versteck gefangene Mädchen Anne Frank in ihrem Inneren freier gewesen als Mala Emde heute.

Emde nennt ihre Generation selbstironisch die "neuen Spießer". Eine Generation, die sich gern um ihr eigenes Wohlbefinden kümmert, häkelt und Gemüse anbaut, die innere Balance sucht und nach Anstrengungen ein Wellness-Wochenende bucht. Die Welt ist zu unübersichtlich, zu grausam geworden. Ukraine, IS, Gaza – da hilft nur die Flucht ins Private. Malas Rebellion bedeutet, nicht bei Facebook oder Twitter zu sein. Sie hat auch keinen Fernseher, die meisten in ihrem Umfeld haben keinen. Die Frage ist nicht, ob sich ihre Generation noch für einen Anne-Frank-Film interessiert, die Frage ist, ob sie überhaupt noch Fernsehen schaut.

Später, nach der Ankunft in Frankfurt, zeigt die alte Dame Mala Emde im Geburtshaus von Anne Frank die Wohnung. Im früheren Salon der Familie Frank schläft sie nun, im ehemaligen Damenzimmer ist die Praxis ihres verstorbenen ersten Mannes. Im Balkonzimmer erzählt sie von ihrer Kindheit in Oberschlesien, von ihrer Mutter, die ihren jüdischen Nachbarn half, ihnen Essen brachte und sich nicht von der Hetze einschüchtern ließ. "Toll", sagt Mala. Im Prinzip führt sie mit dieser fremden alten Dame das Gespräch, das sie nach dem Dreh mit ihrer Großmutter suchte. Ihre Oma sagte, sie habe nichts gewusst, sie habe keine Juden gekannt. "Manchmal möchte ich sie schütteln: Erinnere dich doch mal, ihr müsst es doch gesehen haben", sagt Mala. Die alte Dame ist wie Emdes Großmutter vertrieben worden. "Wir waren arme Flüchtlinge und wurden behandelt wie die letzten Menschen." Das hat sie geprägt, sie engagiert sich noch immer gegen Antisemitismus und für Flüchtlinge. "Die kommen doch nicht aus Lust und Laune hierher. Ich wäre auch gern zu Hause geblieben."

Die alte Dame macht sich nun Sorgen um die Zukunft, ihr Hausbesitzer hat angedeutet, wenn sie einmal nicht mehr sei, werde alles renoviert. Dann werden die letzten Spuren der Familie Frank in diesem Haus gelöscht sein. "Wer soll dann noch an sie erinnern?", fragt sie. Zum Abschied nimmt sie Malas Hand: "Kämpfen Sie für den Humanismus!", sagt sie. Ihre Worte klingen zu bedeutend für Mala, für den engen Hausflur, sie klingen nach einer Generation, die noch an große Worte glaubt. Mala Emde kann darauf nichts erwidern. Ihr bleibt nur, zu nicken.

"Meine Tochter Anne Frank" läuft am 18. Februar um 20.15 Uhr in der ARD

Nachtrag zu der ZEITmagazin Titelgeschichte Nr. 5/2015: Der Anne Frank Fonds ist eine Non-Profit-Organisation. Einnahmen werden für edukative und karitative Projekte sowie für den Fonds verwendet.

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