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Harald Martenstein Über Fehlbarkeit und den Kampf für das Gute

ZEITmagazin Nr. 6/2015
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Pro Jahr schreibe ich etwa 120 Kolumnen, in der ZEIT und im Tagesspiegel. Das ist viel, aber ich schreibe halt gern. Hin und wieder, zum Glück nur selten, steht ein Fehler in der Kolumne. Der Mensch ist unvollkommen. Ach, was rede ich – sogar Maschinen sind unvollkommen. Wäre ich ein Flugzeug, dann würde ich alle paar Milliarden Kilometer abstürzen.

Seit ein paar Jahren stellt jedes Mal, wenn ich einen Fehler mache, ein Journalist namens Stefan Niggemeier eine Hasspredigt über meine Inkompetenz ins Internet. Dieser Junge hat echt einen Narren an mir gefressen. 2011 hat er damit angefangen. Seitdem habe ich, seiner Meinung nach und falls er den Menschen nichts verheimlicht, vier Fehler gemacht, das heißt, meine Fehlerquote liegt unter einem Prozent. Das ist eigentlich super, offenbar bin ich zuverlässiger als die Encyclopædia Britannica. Na gut, ich will ehrlich sein: Einiges repariert auch Jürgen von Rutenberg, der Redakteur dieser Texte im ZEITmagazin. Jürgen, ohne Sie hätte ich nicht die Pannenquote eines Flugzeugs, sondern die eines Toyota, Baujahr 1995.

Im Lauf der Zeit hat mich Niggemeier unter anderem als dummstolz, ignorant, intolerant, normal, idiotisch, mitleiderregend, alt, weiß, heterosexuell sowie an den Befindlichkeiten der Menschen desinteressiert bezeichnet. Nicht in jedem dieser Punkte fühle ich mich korrekt beschrieben, da hätte ein bisschen Recherche nicht geschadet. Warum er auf den Hinweis verzichtet, dass ich ein kleines Gewichtsproblem habe, verstehe ich nicht. Vielleicht sind wir da Leidensgenossen.

Seit mir dieser Unhold im Nacken sitzt, denke ich beim Schreiben manchmal daran, wie Niggemeier ein paar Tage später über meinem Text brütet und den Fehler sucht. Er checkt sogar die entlegensten australischen Websites, von deren Existenz ich noch nie gehört habe. Ich spüre dann immer die Versuchung, komplizierte Gräzismen in den Text einzubauen, oder Informationen aus meinem Lexikon von 1902, an denen er sich die Zähne ausbeißt, oder die Kolumne auf Lateinisch zu verfassen. Ich könnte das hinkriegen, und dann wäre sein Wochenende kaputt. Aber ich muss auch an die Befindlichkeiten der anderen Leser denken.

2013 hat er stolz darauf hingewiesen, dass sein Blog in irgendeinem Zeitraum von Zigtausenden Menschen angeklickt worden sei, während ein Video, auf dem ich zu sehen bin, in der gleichen Zeit nur zweimal täglich angeschaut wurde. Jawohl, mein Freund, Sie sind der Größte. Sie sind für das Gute, zum Beispiel politische Korrektheit, ich bin für das Böse, zum Beispiel respektlose Witze. Sie sind ein strenger Volkserzieher, und ich bin eher der Lümmel von der letzten Bank.

Es sind nicht meine Fehler, die Sie wütend machen. Es ist die respektlose Haltung. Für eine bessere Welt machen Sie sich diese ganze Mühe, das Recherchieren, das Schimpfen auf dummstolze, mitleiderregende Idioten, wie ich einer bin. Sie kämpfen schimpfend für eine Welt des Respekts, in der niemand mehr beleidigt wird. Warum fangen Sie nicht selbst damit an, diese Welt zu bauen? Sie werfen mir sogar meine Hautfarbe und mein Alter vor, ich sei "weiß" und "alt". Die Begriffe "alt" und "weiß" werden immer nur abwertend verwendet, ist Ihnen das beim Recherchieren nie aufgefallen? Ich habe mir meinen Teint und die Falten nicht ausgesucht, ich würde lieber aussehen wie der junge Terence Trent D’Arby. Als guter Mensch sollten Sie mich in Zukunft "hell" und "reif" nennen. Ich – der reife, helle Mann, ein leckerer Camembert auf Beinen. Übrigens habe ich, speziell für Sie, in diesen Text einen schweren sachlichen Fehler eingebaut.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

82 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Ich bin ja so ein bisschen verknallt in den Martenstein. Der Mann strahlt so ein ruhiges Vertrauen mit seiner Schreibe aus. Als würde man im warmen Sonnenschein auf einer Parkbank sitzen und ein wenig plaudern.

So wie in der Matrix als der Architekt und das Orakel die Server neu durchstarten. Und sich herausstellt das das Gemetzel, Hysterie und Aufregung von 3 Filmen nichts weiter als ein Baustein eines zu Ende gehenden Zyklus war, der die Parameter für den Neuen definiert. Eine sehr Kindische aber serh beruhigende Vorstellung. Fast wie Religion.