Joaquin Phoenix "Ich bin bester Stimmung"

ZEITmagazin Nr. 6/2015
Joaquin Phoenix hat die Oscars als "Bullshit" bezeichnet und spielt oft irrlichternde Charaktere. Manchmal würde er am liebsten etwas ganz anderes machen. Ein Interview von

ZEITmagazin: Herr Phoenix, Sie gelten als launischer Gesprächspartner.

Joaquin Phoenix: Jeder hat seine Launen. Auch Journalisten.

ZEITmagazin: Es gibt die Theorie, dass Ihre Laune sehr von der Rolle abhängt, die Sie kurz zuvor gespielt haben.

Phoenix: Ich bin bester Stimmung.

ZEITmagazin: In Paul Thomas Andersons Film Inherent Vice spielen Sie einen Privatdetektiv und Dauerkiffer zur Hippie-Zeit in Los Angeles.

Phoenix: Eben! Bester Stimmung!

ZEITmagazin: Sind Sie selbst ein Hippie-Kind?

Phoenix: Was verstehen Sie darunter?

ZEITmagazin: Ein Kind, das in einer Art Gegenkultur aufgewachsen ist. Ihre Eltern waren Missionare einer christlichen Gemeinschaft, die auch alternative Lebensformen ausprobierte.

Phoenix: Wir tourten durch Südamerika, wurden sehr frei erzogen, waren immer auf Achse. Aber ich habe in meiner Kindheit auch andere Erfahrungen gemacht. Meine Mutter hat nach unserer Rückkehr bei dem TV-Sender NBC gearbeitet. Sie wurde dort Sekretärin, als ich sieben Jahre alt war. Meine Geschwister und ich traten im Fernsehen schon sehr früh als Kinderdarsteller auf, und das fand in einem verdammten Medienkonzern statt. Trotzdem bekamen wir als Kinder alternative Ideale vermittelt. Zum Beispiel die banale, aber nicht zu unterschätzende Überzeugung, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist. Und egal, wie arm und verzweifelt wir manchmal waren – nie wären wir in Werbespots für McDonald’s aufgetreten. Das, was man meine "Hippie-Wurzeln" nennen kann, hilft mir bis heute bei meinen Entscheidungen als erwachsener Schauspieler.

ZEITmagazin: Über Ihrer Figur in Inherent Vice liegt eine leise Trauer.

Phoenix: Die Trauer bestimmt schon die Buchvorlage von Thomas Pynchon. Der Roman beginnt mit einem Zitat, einem Graffito aus dem Paris der 68er-Unruhen: "Unter dem Pflaster der Strand." Pynchon blickt melancholisch auf eine Epoche zurück und beschreibt, wie die Menschen, die Welt, das Leben zugepflastert werden. So wie es auch Ende der siebziger Jahre in Los Angeles geschah. Der Immobilienboom begann die Stadt zu ersticken. Unter dem Beton verschwand eine einmalig schräge, lustige Vielfalt amerikanischer Lebensformen.

ZEITmagazin: Was ist eigentlich The Golden Fang, diese ominöse Vereinigung aus Inherent Vice?

Phoenix: Alle haben Blut an den Händen, denn letztlich arbeiten alle für The Golden Fang. Es ist eine zeitlose Chiffre für Korruption. Ich kann mich auch als Schauspieler nicht einfach zurücklehnen. Ich kann mich nicht auf der richtigen Seite fühlen, nur weil ich Filme drehe. Ich arbeite für Filme, die von Konzernen produziert und verliehen werden. Die Trauer in Inherent Vice resultiert auch aus dem Gefühl, dass es kein Entkommen gibt, dass man im übertragenen Sinne immer Blut an den Händen hat.

ZEITmagazin: Sind die Siebziger in den USA das Jahrzehnt der verlorenen Illusionen?

Phoenix: In den Sechzigern gab es in den USA wirklichen Idealismus. Ende der sechziger Jahre wurden Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen. Es waren Morde an mit großen Hoffnungen befrachteten politischen Figuren. Zeitgleich hielten harte Drogen wie Kokain und Heroin Einzug in die alternative Kultur. Und plötzlich verpfeift dich der Typ, der dein "Brother" war. Weil er mit einem Gramm Marihuana erwischt wurde und sich zwanzig Jahren Gefängnis gegenübersieht. Im Großen wie im Kleinen endeten die Utopien in Tod, Düsternis und Desaster. Und dann kamen Ronald Reagans achtziger Jahre: hemmungslose Gier. Schau, wo du bleibst. Fuck everybody else.

ZEITmagazin: Was ist von den Utopien der sechziger und siebziger Jahre in den USA geblieben?

Phoenix: Es gibt Schulen mit alternativen Erziehungsmodellen, alternative Behandlungsmethoden, einen anderen Umgang mit der Umwelt. Das kommt nicht aus dem Nichts, das ist dem Denken jener Zeit entsprungen. Es ist so leicht, sich darüber lustig zu machen und es als Hippie-Kram abzutun. Auch was die Liebe betrifft.

ZEITmagazin: Die freie Liebe?

Phoenix: Nein, die Liebe. In den siebziger Jahren ging es auch um eine andere Form der Beziehung. Darum, dass man nicht wie die Generation der Eltern in getrennten Betten schlafen und hin und wieder zur Fortpflanzung zusammenkommen wollte. Dass man keine Ehe um ihrer selbst willen führt, während man sich in Wirklichkeit hasst und verachtet. Auch diese Ideen degenerierten in den achtziger Jahren, und "Ich liebe dich" bedeutete nur noch "Ich will dich ficken".

ZEITmagazin: Für Ihre Eltern, die Missionare waren, ging es bei ihrer Suche und Selbstfindung auch um Gott. Waren Sie als Kind gläubig?

Phoenix: Ich mag das Wort Gott nicht, weil es von den Religionen missbraucht wird. Aber mir gefällt die Idee eines Bewusstseins im Universum. Ohne dass ich eine Idee hätte, was das sein könnte. Ich kann mir mühelos vorstellen, dass ich Teil eines verdammten Videospiels bin, mit dem sich Aliens amüsieren.

ZEITmagazin: Die Idee würde "Doc" Sportello, Ihrem Kiffer-Detektiv in Inherent Vice, gefallen.

Phoenix: Er kifft eindeutig zu viel. Er kifft sich das Hirn aus dem Kopf.

ZEITmagazin: Auch in Andersons vorherigem Film The Master spielten Sie einen irrlichternden Menschen. Auch da ging es um die Suche nach anderen Lebensformen, in einer Sekte der fünfziger Jahre.

Phoenix: The Master zeigt, wie sich Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg neu zusammensetzt. Die Soldaten kamen zurück und wussten nicht, was sie mit sich anfangen sollten, sie hatten kein Zuhause, hatten sich selbst verloren. Vielleicht waren sie schon immer verloren. Das war, lange bevor ein Syndrom wie posttraumatische Störung auch nur einen Namen hatte. Auch The Master blickt in die Vergangenheit und erzählt etwas über die amerikanische Gegenwart. Wer geht denn heute in die Army? Die Armen, die Ungebildeten, die Bindungslosen, die Gestörten. Die, die keine andere Chance haben und auf der Suche nach einer Gemeinschaft sind.

ZEITmagazin: Für die Rolle des Kriegsheimkehrers Quell in The Master haben Sie sich Aufnahmen von eingesperrten Tieren angeschaut.

Phoenix: Und ich habe mich an den Hund meiner Kindheit erinnert. Wenn er in einen Kampf verwickelt wurde, wurde ein Hebel in ihm umgelegt, irgendetwas brachte diese animalische Aggression hervor. Das ist auch bei Menschen so: Der Körper fährt alle Funktionen herunter, die er nicht braucht. Dein Mund trocknet aus, weil der Körper das Wasser bunkert. Ein kleiner Teil unseres Gehirns übernimmt das Kommando. An Tieren kann man das studieren. Und Freddie Quell in The Master hat etwas Animalisches, er hat etwas von einem Primaten.

ZEITmagazin: In einer Szene in einer Gefängniszelle rasten Sie aus, offenbar war mit der Produktion nicht abgesprochen, dass Sie ein historisches Porzellanklosett zertrümmern ...

Phoenix: Wir hatten diese Szene nur lose geprobt. Es wurde festgelegt, aus welcher Richtung wir kommen und wie sie mich in die Zelle stecken. Beim Drehen habe ich nicht nachgedacht. Ich wusste nur, dass ein wildes Tier, das in einem Käfig gefangen ist, einfach gegen das Gitter rennt. Es realisiert nicht, dass es eingesperrt ist. Es verletzt sich, stößt gegen alles.

ZEITmagazin: Es muss anstrengend sein, beim Drehen so sehr in der Figur aufzugehen.

Phoenix: Es geht.

ZEITmagazin: Johnny Cash war Alkoholiker. Nachdem Sie ihn in Walk the Line gespielt hatten, gingen Sie zum Alkoholentzug in eine Klinik.

Phoenix: Es liegt eine Gefahr darin, mehrere Filme im Jahr zu machen, ohne Unterbrechung zu arbeiten. Man denkt, der Film sei die Welt. Wenn man Pausen macht, auch mal ins Kino geht, dann stellt man die Dinge mehr infrage.

ZEITmagazin: Gibt es eigentlich einen Regisseur, mit dem Sie unbedingt noch drehen wollen?

Phoenix: Noch mal mit jemandem wie Paul Thomas Anderson zu arbeiten würde mir schon reichen.

ZEITmagazin: Ein anderes Traumprojekt?

Phoenix: Vielleicht mit dem Spielen aufzuhören. Etwas ganz anderes zu machen. Aber was?

ZEITmagazin: In Ihrer gemeinsamen Fake-Dokumentation I’m Still Here begleitete Ihr Schwager Casey Affleck Ihren angeblichen Ausstieg als Schauspieler, um Hip-Hopper zu werden.

Phoenix: Wir wussten gar nicht, welchen Nerv der Film treffen würde. Eigentlich ging es uns um einen Witz: Ich sage, ich will mich von der Schauspielerei zurückziehen, und niemand gibt einen Scheiß darauf. Warum auch? Es war aber die Zeit, in der das Internet gerade abhob. Das World Wide Web musste mit Entertainment-Nachrichten gefüllt werden. Hätten wir den Film zehn Jahre vorher gemacht, hätte er nie solche Wellen geschlagen. Aber durch das Netz explodierte die Sache.

ZEITmagazin: Sie traten als vermeintlicher Hip-Hopper in der David-Letterman-Show auf, wortkarg, schlecht gelaunt. Waren Sie nervös?

Phoenix: Ja. Sehr sogar. Im Film ist es ja so, dass ich zu dem Rapper Puff Daddy gehe und ihn frage, ob er eine Platte mit mir produzieren will. Er sagt Nein, und dann trete ich bei Letterman auf, verunsichert, weil ich vielleicht wieder zurück zur Schauspielerei will. Zum Zeitpunkt der Letterman-Show waren wir aber noch nicht bei Puff Daddy gewesen. Wir wussten nur, dass ich bei irgendeinem Produzenten war, der mir gesagt hat, dass meine Musik unbrauchbare Scheiße ist. Daher wusste ich nicht genau, wie ich den Auftritt spielen sollte, Casey sagte nur: Du musst am Boden zerstört sein. Und ich hatte eine Höllenangst vor diesem Fake-Auftritt.

ZEITmagazin: Sind Auftritte bei Letterman nicht immer gestellt, auch wenn sie echt sind?

Phoenix: Natürlich, alles ist abgesprochen, die Witze, die Themen, der Verlauf des Gesprächs.

ZEITmagazin: Das Entertainment-Business hat eher übel gelaunt auf I’m Still Here reagiert.

Phoenix: Wir wollten uns gar nicht über Hollywood oder die Medien lustig machen. Das haben die Medien schon selbst erledigt. Weil es irgendwann allen nützte, die Lüge am Leben zu halten. Niemand wollte den Hype ruinieren, niemand wollte sagen: Die Hip-Hopper-Geschichte ist einfach nur ein Joke. Es gab so viele offene und versteckte Hinweise, dass die Geschichte nicht echt sein konnte. Aber die Unterhaltungsmedien versuchen nicht, herauszufinden, ob etwas wahr ist. Sie drucken und veröffentlichen nur das, was ihnen schlüpfrig erscheint.

ZEITmagazin: Neulich haben Sie sich wieder beliebt gemacht, als Sie die Oscars als Bullshit bezeichneten.

Phoenix: Die Oscar-Nominierungen haben meine Karriere verändert. Ich hätte sonst nicht die Filme machen können, die ich gemacht habe. Gibt es trotzdem Nachteile, ist die ganze Geschichte total korrumpiert? Natürlich! Aber ich habe meine Bemerkung ein bisschen bereut. Es ist so, als ob der hässliche Junge eines Tages zur Party der coolen Kinder eingeladen wird. Und weil er weiß, dass er sowieso nicht wieder eingeladen wird, sagt er: Total blöde Party. Aber als ich sagte, dass die Oscars Bullshit seien, habe ich mich mit eingeschlossen. Also hätte ich sagen müssen: "Es sind viele tolle Filme dabei. Aber auch ein Haufen Scheiße. So wie im Leben."

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Kommentare

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Nach Walk the Line und The Master, hatte ich eine Ahnung, daß J.P. eine ähnlich korrekte (US-)Weltsicht hat, wie nur einer sonst - Sean Penn, welche uns alten Europäern zeigt, daß die verfickte Amis nicht alle Medien-verstrahlte und gehingewaschene Vollidioten sind.

Sorry, aber das Interview lebt durch die erfrischend-ernüchternden Ansichten über die Vorgeschichte der heutigen (Medien-)Gegenwart des Befragten, nicht durch die Fragende, der ich folgenden Artikel, gern empfehle:
http://www.rolandtichy.de...