Ein Model präsentiert Mode von Fausto Puglisi © Pietro D'Aprano/Getty Images

Schönheit Was uns gefällt

ZEITmagazin Nr. 7/2015

Schönheit ist, worauf sich die Mehrheit einigen kann. Warum war es nie schwerer als heute, schön zu sein? Von

Bei den Modenschauen in Paris sieht man meistens denselben Typ Frau auf dem Laufsteg. Sie ist sehr schlank, sehr groß und sehr jung. Selten geschieht es, dass diese gleichförmige Prozession unterbrochen wird. So geschehen bei der Show des Designers Rick Owens vor einem Jahr. Dort traten statt der üblichen Modeschaustellerinnen Ausdruckstänzerinnen mit wütenden Gesichtern und kräftigen Körpern auf. Sie stampften auf den Boden, sie wirbelten über den Laufsteg – und machten unglaublich Eindruck. Nicht die Mode stand im Vordergrund, nicht die Inszenierung, es waren diese wütenden Frauen. Damit hatte Rick Owens den Code gebrochen. Und präsentierte, was Schönheit auch bedeuten kann. Bei den jüngsten Männerschauen legte Owens gleich nach und zeigte nicht nur Kleidung, sondern auch die von dieser normalerweise verborgenen Penisse der Models.

Tänzerinnen auf dem Laufsteg von Rick Owens im September 2013 © Miguel Medina/Getty Images

Jede Zeit hat ihre Schönheitsideale. Und diese haben viel damit zu tun, was einer Gesellschaft gerade wichtig ist. Als in der Nachkriegszeit der Luxus der Fernreise aufkam, wollten die Leute plötzlich braun sein. Heute, wo wir Angst vor Hautkrebs haben, kommen uns gebräunte Menschen einfach nur stark gealtert vor, die helle, unbeschädigte, makellose Haut ist das neue Ideal. In Schwellenländern ziehen sich die Einwohner Nylonstrümpfe über die Arme, damit ihre Haut heller wirkt. Denn Hellhäutigkeit lässt auf Menschen schließen, die in geschlossenen Räumen arbeiten – und ein Bürojob bedeutet Wohlstand.

Wir kommunizieren ständig durch unser Äußeres, wir zeigen anderen ein Bild von uns selbst. So wollen wir die Gesellschaft auch davon überzeugen, dass wir dazugehören.

Einen schönen Menschen erkennt jeder. Es gibt einen Konsens darüber, was schön ist. Oder andersherum: Schön ist, worauf sich die Mehrheit einigen kann. Schönheit ist deshalb oft nicht das Ungewöhnliche, sondern das Durchschnittlichste. Schön zu sein bedeutet, von der Gesellschaft angenommen zu werden. Und deswegen ist es natürlich, nach Schönheit zu streben. Aber man ist sich immer der Gefahr bewusst, dass diese Anerkennung vergänglich ist. Dass die Zuneigung, die einem zuteilwird, vor allem davon abhängt, wie lange der Körper noch attraktiv ist. Deshalb sind die Schönen immer auch tragische Figuren. In Märchen müssen die schönen Mädchen leiden, bevor sie zur Prinzessin werden. In der griechischen Mythologie sind die Schönen immer die, die vorzeitig sterben. Das Schöne kommt zusammen mit der Vergänglichkeit daher. Wo wir Schönheit sehen, sehen wir immer auch ihr Vergehen. Man kann zur Schönheit deshalb kein entspanntes Verhältnis haben.

Selbstkontrolle und Beherrschung

Mode ist dazu da, die Schönheit zu erforschen und Schönheitsvorstellungen anzubieten. Das Schönheitsideal unserer Zeit zeigt sich allerdings weniger in den Kleidern als im Körperideal. Als schöne Körper gelten heute jene, an denen das Leben noch keine Spuren hinterlassen hat, womöglich noch nicht einmal charakterliche. Es ist ein Ideal, das man schwerlich kaufen kann, man muss es sich erarbeiten. Die Kundinnen, die das Geld haben, teure Kleider zu erwerben, sind oft genug mehr als doppelt so alt wie die Models, die die Kleider vorführen. Sie können nicht so werden wie sie. Das macht das Jugendideal unserer Zeit zu einer unbarmherzigen, manchmal sogar antihumanen Vorstellung vom Menschen. Denn von der Jugend entfernt man sich zwangsläufig, einfach indem man Mensch ist.

Das hat verheerende Folgen für unsere Vorstellungen vom Schönsein. Das Ideal der Schönheit ist heute Selbstkontrolle und Beherrschung. Wir lassen uns nicht gehen, sondern halten uns an die Paläo-Diät. Wir trinken keinen Alkohol, wir machen keinen Punkrock, sondern Pilates. Wir verhindern alles, was den Verfall beschleunigen könnte. Und wenn wir dabei sind, die Kontrolle über den Körper zu verlieren, greifen wir zum Äußersten und verletzen uns selbst, indem wir uns einer Operation unterziehen. In dieser Kombination von Kasteiung und Kontrolle ist unsere moderne Schönheitsvorstellung fast religiös.

Der schönste Mensch der Welt

Ein idealisierter Körper ist immer ein geformter Körper. Stets ist er in irgendeiner Hinsicht verändert. Ob man sich nun die Lippen blutrot schminkt, sich in ein Korsett zwingt oder hochhackige Schuhe trägt. Aber etwas ist anders als früher: Man bediente sich einst der Kleidung, um den Körper zu formen. Man konnte diese Formen wieder loswerden. Wenn man die Kleider ablegte, war man wieder man selbst.

Heute glauben wir, der Gesellschaft keine Uniform mehr schuldig zu sein, aber einen bestimmten Lebensstil. Nur wer Sport macht, sich gesund ernährt, viel Wasser trinkt und genügend schläft, wird mit einem schönen Körper belohnt. Man muss ihn pflegen, stärken und allerlei Symbolhandlungen an ihm vollführen, wie eine bestimmte Diät oder ein Detox-Programm. Ansonsten sündigt man an seinem eigenen Körper, wie man es im Mittelalter tat, wenn man Freitag Fleisch aß. So ersetzt die Körperpflege die Religion. Nie war es anstrengender, schön zu sein, als heute.

Dabei kann Schönheit viele Gesichter haben. Menschen, die lieben, können das leicht feststellen. Man sieht im anderen den schönsten Menschen der Welt, obgleich er vielleicht gar nicht dem Schönheitsideal entspricht, das wir von Magazincovern kennen. Und man bildet sich diese Schönheit nicht nur ein: Die Bezauberung, die man empfindet, wenn man in die Augen seines Partners blickt, ist genauso real wie das, was Eltern sehen, wenn sie ihren Kindern beim Spielen zuschauen. Diese Schönheit, die man nur selbst wahrnimmt, ist eine intime.

Sie ist vergleichbar mit der Schönheit, auf die ein Designer wie Rick Owens verweist, wenn er stämmige, energiegeladene Frauen seine Kleider vorführen lässt. Indem man diese Frauen betrachtet, sich mit ihnen beschäftigt und sich zwingt, sie wirklich zu sehen, entdeckt man ihre Schönheit – jene ganz eigene Schönheit, derer man erst gewahr wird, wenn man die Einzigartigkeit einer Person erkennt.

Es existieren viele Spielarten der Schönheit, an denen wir gewöhnlich vorbeischauen. Es gibt so viele schöne Menschen, wie einem wichtig sind. Wer schön sein will, sollte den Yoga-Kurs streichen, sich mit jemandem treffen, den er mag, und etwas erzählen, was für den anderen von Bedeutung ist. Oder in den Spiegel schauen. Lange.

Kommentare

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Danke für diesen Artikel! Tatsächlich ist der Schönheits- und Gesundheitskult religiös: man bringt Opfer, unterzieht sich Ritualen, verachtet die Sünder und Andersgläubigen. Nietzsche hat übrigens vorausgesehen, dass nach dem Tod Gottes die Gesundheit an die Stelle der Religion treten würde. So sind viele Menschen heute ihr Leben lang mit Prophylaxe beschäftigt ... bis sie dann doch sterben - in der Gesundheitsreligion eine Katastrophe.

Toller Artikel, danke, wirklich viel gelernt; nur eine Ergänzung zur griechischen Mythologie. Im Text heißt es: "In der griechischen Mythologie sind die Schönen immer die, die vorzeitig sterben."

Ich kann keine repräsentative Studie vorweisen, doch ein Gegenbeispiel: Die schöne Königstochter Psyche muss zwar so manche Tortur über sich ergehen lassen, weil sie sogar schöner als Venus ist, stirbt am Ende aber nicht, sondern landet glücklich in den Armen ihres beflügelten Geliebten.

Der Spiegel

Der Spiegel
Der Spiegel und die Schönheit. Wir leben in einer Welt wo nichts wichtiger ist als der Spiegel.
Schönheit ist Selbstähnlichkeit. Alles ist Spiegel vom Ball bis zum Gesicht, die Schamlippen, der Popo. Das Auto, der Baum alles ist irgendwie gespiegelt zwei Hälften identisch gleich schön. Schönheitsideale können sich nur graduell ändern innerhalb der Regel vom Spiegel. Häßlichkeit gespiegelt wird wunderbarerweise auch "schön". Die Natur ist schön, weil sie spiegelbildlich ist. Muster, Strukuren, Design. Wer das versteht kann Schönheit leben. Kunst Tempel Kirchen alles gespiegelt....