Das war meine Rettung "Nach dem Attentat dachte ich: Jetzt erst recht!"

Die Anwältin und Autorin Seyran Ateş lebt mit ständigen Drohungen. Woraus schöpft sie Mut? Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 8/2015

ZEITmagazin: Frau Ateş, Sie haben vor vielen Jahren ein Attentat überlebt: 1984 wurden Sie in Berlin von einem türkischen Mann angeschossen, der vermutlich zur rechtsextremen Organisation der Grauen Wölfe gehörte. Heute treten Sie als Anwältin und Islamismus-Expertin öffentlich auf – auch jetzt, nach Paris. Haben Sie keine Angst?

Seyran Ateş: Nein. Das Attentat damals richtete sich nicht gegen mich. Ich war eine junge Studentin in Berlin, die in einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei arbeitete. Wir halfen ihnen beim Erlernen der deutschen Sprache, bei Behördengängen, aber auch beim Kampf gegen häusliche Gewalt. Das genügte, um uns zur Zielscheibe zu machen. Die Klientin, die ich gerade beraten hatte, eine Mutter von drei Kindern, überlebte das Attentat nicht.

ZEITmagazin: Sie wären selbst fast gestorben.

Ateş: Eine Arterie war getroffen, die Kugel steckte im Hals. Aber am schlimmsten war, dass Polizei und Gericht den politischen Hintergrund der Tat nicht aufklären wollten. Der Schütze hatte offenbar mächtige Unterstützer. Zeugen wurden eingeschüchtert. Verwandte von mir erhielten Anrufe, und meinen Eltern bot man 40.000 Mark, damit ich meine Aussage zurückziehe.

ZEITmagazin: Warum haben Sie es nicht getan?

Ateş: Natürlich kam das nicht infrage. Ich war empört über diesen Anschlag auf das Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, wo viele noch immer glauben, Frauen seien weniger wert als Männer. Deswegen kämpfe ich für die Freiheit.

ZEITmagazin: Bis heute vertreten Sie zum Beispiel muslimische Frauen, die vor häuslicher Gewalt flüchten – und werden deshalb bedroht. Wie halten Sie das aus?

Ateş: Nach dem Attentat dachte ich: Jetzt erst recht! Erst 2006 musste ich meine Anwaltszulassung zurückgeben und meine Kanzlei schließen.

ZEITmagazin: Sie hatten sich in der Integrationspolitik weit vorgewagt.

Ateş: Ich machte nur meine Arbeit. Ich werde unter anderem von der Politik zu Fachgesprächen eingeladen, zu Themen wie Zwangsverheiratung, Kopftuch, Ehrenmorden. Gefährlich wurde mir ein Interview, in dem ich den Jungfrauenwahn kritisiert hatte: dass viele muslimische Mädchen Analverkehr haben, um ihr Jungfernhäutchen zu schützen. Daraufhin startete die türkische Zeitung Hürriyet eine Kampagne gegen mich als hässliche Islamhasserin. Ich bekam Morddrohungen.

ZEITmagazin: Damals waren Sie gerade Mutter geworden, Ihre Tochter Zoe war ein Jahr alt. Hatten Sie Angst um sie?

Ateş: Wirklich Angst um sie bekam ich erst, als nach einem Gerichtstermin der Ehemann einer Mandantin seine Frau und mich angriff: Er hatte sie zu Hause eingesperrt, verprügelt, jetzt schlug er am helllichten Tag mitten in Berlin auf die Frau ein, mich versuchte er zu treten – und niemand half.

ZEITmagazin: 2009 provozierten Sie mit dem Buch Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Warum?

Ateş: Weil ich nicht einsah, dass eine repressive Sexualmoral totgeschwiegen wird. Danach wurden die Morddrohungen so massiv, dass ich mich ganz zurückziehen musste. Keine Interviews, keine Vorträge, kein Kinobesuch, kein Theater, keine Disco. Ich konnte nur Besuche im allerengsten Verwandtenkreis machen. Den Lebensunterhalt verdiente ich bei einer Hausverwaltung.

ZEITmagazin: Bis heute haben Sie Personenschutz.

Ateş: Ja, durch das Landeskriminalamt bei Veranstaltungen. Und stündlich kommt eine Streife vor unsere Haustür, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist.

ZEITmagazin: Warum haben Sie 2012 Ihre Kanzlei wiedereröffnet?

Ateş: Der Rückzug machte mich krank, unglücklich und dick. Ich litt darunter, dass Islamisten und Relativisten meinen Einsatz für Toleranz als "rechts" verleumdeten. Konkreter Auslöser für die Rückkehr war eine Hassmail, deren Verfasser drohte, mir die Zunge rauszuschneiden. Wütend dachte ich: "Ich schweige doch schon! Wenn ich trotzdem bedroht werde, kann ich auch sprechen." Geholfen haben mir dann meine Familie, die Polizei, die solidarischen Leser, die Mandanten und der Glaube, dass Gott mir nichts auferlegt, was ich nicht bewältigen kann.

ZEITmagazin: Woraus schöpfen Sie Mut?

Ateş: Aus meiner Empörung darüber, dass manche Menschen Andersdenkende einfach nicht ertragen. Und aus meiner Trauer darüber, dass der religiöse Hass wächst.

Seyran Ateş, 51, ist in Istanbul geboren, sie arbeitet als Rechtsanwältin und Autorin. Von ihr stammt der Bestseller "Der Multikulti-Irrtum". Zuletzt erschien das Buch "Wahlheimat – Warum ich Deutschland lieben möchte". Ateş lebt in Berlin

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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