© Moritz von Uslar

Dinslaken Morgens halb zehn in Deutschland

Unser Reporter Moritz von Uslar berichtet in dieser Kolumne aus dem deutschen Alltag. Folge 7: Die Gemeinde Dinslaken-Lohberg im Ruhrgebiet gilt als ein Zentrum des deutschen Salafismus. Wie konnte diese Parallelgesellschaft mitten in Deutschland entstehen? Von
ZEITmagazin Nr. 9/2015

Am Vorabend der Recherche gegen acht vor der Trinkhalle am Marktplatz von Dinslaken-Lohberg: Da ist erst mal wenig zu sehen. Ein Schild verbietet den Verzehr von mitgebrachten Getränken. In der Ferne sind Hip-Hop-Bässe und ein beschleunigendes Auto zu hören, der Deutsche Schäferhund bellt. Am Ende des Marktplatzes hängen ein paar Teenager herum, türkische Jungs mit dicken Jacken und Baseballkappen, sie machen Kickboxbewegungen. Der Reporter kauft sich eine Flasche Bier. Läuft quer über den Marktplatz. Spricht die Jungs an: Guten Abend. Könnt ihr mir sagen, wo hier abends in Lohberg noch etwas passiert? Ratlose Gesichter. Dann die Gegenfrage: "Sind Sie Journalist? Wenn Sie hier über Salafisten berichten wollen, können wir Ihnen nicht weiterhelfen. Wir führen ein ganz normales Leben."

Ein halbes Bier später. Der Reporter hat den Standort vor der Trinkhalle gerade verlassen, als hinter ihm zwei, drei Autos parken. Türenschlagen. Zehn, zwölf junge Männer mit Kappen und Bärten stehen auf der Straße, zwei Männer gehen am Reporter vorbei, riegeln den Bürgersteig ab. Der Anruf: "Ja, du. Bleib du besser mal stehen." Der Reporter steht. Ein Mann mit umgedrehter Baseballkappe auf dem Kopf tritt vor, baut sich in einer Entfernung von unter zwanzig Zentimetern, in der eine körperliche Bedrohung entsteht, vor dem Reporter auf. Er habe gehört, dass ich hier Jugendliche anquatsche. Der Reporter soll seinen Namen und die Zeitung nennen, für die er arbeitet. Ansage des Verhandlungsführers der Junge-Männer-Gang: "An Ihrer Stelle würde ich hier keine Leute anquatschen. Sonst haben Sie ganz schnell mal eine Faust im Gesicht." Die Männer ziehen ab. Wie es gelungen ist, in Dinslaken-Lohberg keins aufs Maul zu kriegen, das ist im Nachhinein nicht ganz klar.

Morgens gegen neun: wieder vor der Trinkhalle. Der Reporter ist hier mit Eyüp Yildiz, 46, dem stellvertretenden Bürgermeister von Dinslaken, verabredet. Die Gemeinde Lohberg, ein Teil der Stadt Dinslaken im nordwestlichen Ruhrgebiet. Die ehemalige Bergarbeitersiedlung ist heute ein sozialer Brennpunkt: Rund ein Drittel der 6.000 Einwohner hat migrantische Wurzeln, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei dreißig Prozent. In die Schlagzeilen gekommen ist Lohberg vor gut einem Jahr als ein Zentrum des deutschen Salafismus: 2011 hatte sich in städtischen Räumen ein als Bildungsverein getarnter Rekrutierungsort gewaltbereiter Salafisten gebildet. 25 Mitglieder umfasste die Lohberger Brigade zu Hochzeiten, elf Salafisten sollen von Lohberg aus in den bewaffneten Kampf für den "Islamischen Staat" nach Syrien und in den Irak aufgebrochen sein, prominente Kämpfer sind der Konvertit Philipp B. (riss bei einem Selbstmordattentat sich und zwanzig Peschmerga-Kämpfer in den Tod) und der in Syrien gefallene Mustafa K. (ein Foto, auf dem er mit dem Kopf eines Enthaupteten posiert, ging Anfang letzten Jahres um die Welt). Um die fünf Dschihadisten sollen nach Lohberg zurückgekehrt sein. Seit der Verhaftung des IS-Rückkehrers Nils D. bei einem SEK-Einsatz im Januar soll sich die Szene in Auflösung befinden. Traumatisiert zurückgeblieben ist die Gemeinde Lohberg nicht nur durch ihre Salafisten, sondern durch Reporter, die am Marktplatz ihre Kamera aufbauen und Jugendlichen Geld bieten, damit sie mit Al-Kaida-T-Shirt posieren.

Spaziergang mit dem Bürgermeister. Die Bergarbeitersiedlung, 1907 nach dem Vorbild einer englischen Gartenstadt entstanden, ist, anders als erwartet, kein düsterer, sondern ein beschaulicher, ja ein idyllischer Ort: Die Häuser haben Balkone, Veranden, Fensterläden, weit heruntergezogene Walmdächer, in den Gärten stehen Spielgerüste und Wäschespinnen. Die Straßen tragen Bergbau-Namen (Schachtstraße, Koksstraße, Schwarzer Weg). Lohberg, eine türkische Gemeinde in Deutschland. Es gibt drei Moscheen, zwei türkische Supermärkte, den türkischen Friseur Gökmen, ein arabisches Restaurant, zwei türkische Imbisse, das Wahrzeichen der Stadt ist der Förderturm der vor zehn Jahren stillgelegten Zeche. In den 24 Stunden, in denen er sich in Lohberg aufhält, sieht der Reporter keine Frau ohne Kopftuch. Bei Tee und Baklava in Tahlip’s Imbiss gibt der Bürgermeister, Kind türkischer Gastarbeiter, sich schnell als weltoffener, liberaler Mann und als kämpferischer Lokalpolitiker zu erkennen. Eyüp Yildiz beklagt eine Parallelgesellschaft. Lohberg sei eine Hochburg des konservativen Islams, der Salafismus nur die Spitze des Eisbergs. "Wir brauchen nicht mehr Islamunterricht, wir brauchen einen humanistischen Unterricht, mehr Philosophie, Ethik, Platons Höhlengleichnis." Um des Wahhabismus, der antimodernen Auslegung des Islams, in Deutschland Herr zu werden, fordert der Bürgermeister durchmischte Kindergärten und Schulen, keinen Import mehr von Imamen aus dem Ausland, die Erhebung einer Steuer für Moscheen: "Im Moment gehört der Islam nicht zu Deutschland, er kommt aus der Türkei."

Treffen mit Ali Kaya, 56, Schulsozialarbeiter, ein Kumpeltyp mit Flunkeraugen. In der Türkei geboren, kam er als Kleinkind nach Deutschland: "Vielleicht war ich das erste türkische Kind in Lohberg." Wie sein Vater hat Kaya im Bergwerk gearbeitet: "Lohberg funktionierte, solange es den Bergbau gab." Sein Sohn hat mit dem Dschihadisten Philipp B. Fußball gespielt: "Die kannten sich alle." Auch Kayas Kollege Volker Grans vom Kinderschutzbund Lohberg kennt einige der zurückgekehrten Dschihadisten persönlich, er hat geholfen, dass sie nach dem Trauma des Kriegs in der Stadt Lohberg wieder Fuß fassen. Als Sozialarbeiter hat er die schwierige Aufgabe, Jugendliche am Arbeitsmarkt zu vermitteln: "Jugendliche aus Lohberg werden stigmatisiert. Sie haben Angst." Grans möchte lieber über Deutschland, nicht über die kleine Gemeinde Lohberg reden: "Es gibt kein Lohberger, nur ein gesamtgesellschaftliches, deutsches Problem."

Abhängen an der Trinkhalle. Nein, der Kioskbesitzer möchte nicht mit Journalisten reden, er hat es satt, in Berichten über die Hochburg des deutschen Dschihadismus aufzutauchen. Der Reporter fragt sich: Wie genau entsteht so eine Parallelgesellschaft mitten in Deutschland? Und was genau ist es, was eine kleine Gemeinde im Ruhrgebiet zu einem lebenswerten Ort macht? Ist das ein McDonald’s, ein Cinemaxx-Kino? Die Geschichte Lohbergs ist, natürlich, auch die Geschichte der gescheiterten Gastarbeiter-Politik der sechziger und siebziger Jahre in Deutschland.

Gegen 18 Uhr, auf einer Straße in Lohberg: Ein Opel Astra fährt vor, bremst, fährt in Schrittgeschwindigkeit neben dem Reporter. Junge Männer mit Bärten und Kappen. Der Wagen zieht an.

Kommentare

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Warum soviel Aufhebens um diesen Zustand. Für die Kanzlerin gehört der Islam zu Deutschland, der Bundespräsident empfindet sogar eine Bereicherung unseres Landes durch den Islam. Also, ein normaler Vormittag in einer offenen und bunten Gesellschaft. Die ZEIT sollte diese Form der kulturellen Vielfalt viel offener und vorurteilsfreier kommentieren. Oder schimmert in diesem Artikel doch etwas von Zweifeln durch? Das wollen wir doch nicht hoffen. Oder?

Ein bisschen dünn, die Reportage. Kann es sein, dass man in Lohberg nicht gut auf Journalisten zu sprechen ist? Herr Uslar schreibt ja selber, dass Jugendliche bezahlt wurden, um mit einschlägigen Shirts zu posieren. Das erinnert an die RTL Reporter, die an einer Berliner Schule dafür bezahlten, dass junge Türken "Kartoffel" und "Deutsche Schweine" in die Mikrofone brüllten. Irgendwann wird man halt skeptisch gegenüber solchen "Journalisten".
Es wäre doch mal eine Idee, mit den Deutschen zu sprechen, die in Lohberg leben. Wie sehen die ihre Nachbarn?
Ich habe 5 Jahre in Lohberg gelebt und es gab nie Probleme mit den nichtdeutschen Nachbarn. Im Gegenteil, in diesem Stadtteil hat das Miteinander gut funktioniert. Natürlich gibt es Halbstarke, die den Max machen, aber die gibt es in jeder Nationalität oder Herkunft. Dass sich immer ein paar Leute finden, die sich radikalisieren, ist doch ganz normal. So, wie es junge Männer gibt, die sich dem islamischen Terror zuwenden, gibt es andere, die sich rechtsradikalen Gruppen zuwenden oder sich Gangs anschließen oder andere Extreme suchen. In einem Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit und geringen Perspektiven wohl eher als im Viertel der Besserverdienenden, aber auch da knallt mal die eine oder andere Sicherung durch. Zuviel Perspektive verträgt eben auch nicht jeder. Nicht das Viertel oder der Stadtteil ist das Problem, sondern die Politik und die Gesellschaft, die diese Abgehängten vergessen hat, bzw froh ist, dass die in solchen Vierteln verschwinden.

Da Sie mal in Lohberg gelebt haben und völlig zurecht den Inhalt des Artikels als dünn bezeichneten haben, hätten Sie Herrn von Uslar auch einen Insidertip (für einen eventuell zweiten Besuch) geben können. Hünxe-Bruckhausen!
http://de.wikipedia.org/w...

Lieber Herr von Uslar,
wenn Sie verstehen wollen wie es zu solchen Schwerpunkten wie Lohberg kommen kann, dann sollten Sie nicht nur dort rumhängen/recherchieren sondern sich auch mal das Umfeld ansehen. Drei weitere Kilometer die Hauptstraße fahren und schon sieht es aus, als wenn Sie in einem anderen Land angekommen wären.
Wie das? Warum? usw.
Und schon hätten Sie die Möglichkeit gehabt einen Artikel zu schreiben der es wert wäre diskutiert zu werden.
So aber war es nur Schade um die Zeit und die Spesen!
Sorry,
aber ich bin in der Region aufgewachsen und selbst wenn ich schon lange nicht mehr da lebe, so habe ich immer noch Familie und Freunde dort.