Das war meine Rettung "Ich hatte immer dieses Durchhalteding in meinem Kopf"

In einer schweren Krise nach einer Fehlgeburt halfen Eva Menasse die Lieder von Georg Kreisler. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 9/2015

ZEITmagazin: Frau Menasse, Sie beziehen gern Position. Woher kommt das?

Eva Menasse: Ich vermute, aus meiner Familiengeschichte. Mein Vater ist als Achtjähriger mit dem Kindertransport nach England geschickt worden und hat dort gelernt, dass es am besten ist, sich zu ducken. In England durfte er kein Deutsch sprechen, und als er nach Österreich zurückkam, sollte er über die Vergangenheit möglichst schweigen. Seine Lebenserfahrung ist, polemisch gesagt, die des harmoniesüchtigen Durchschlängelns. Ich kann das aus seiner Situation heraus gut verstehen. Aber ich glaube, dass wir in unserem Frieden auch schwach geworden sind und uns eine Form von Aggressivität abtrainiert haben, die man braucht, um die Errungenschaften von Freiheit und Demokratie zu verteidigen.

ZEITmagazin: Muss man mutig sein, um sich als Intellektueller zu positionieren?

Menasse: Mutig ist ein großes Wort, aber der großen Mehrheit ist es natürlich lieber, wenn keiner den Kopf rausstreckt. Deutschland möchte eine starke Konsensgesellschaft sein, Differenzen hält man schlecht aus. Der Deutsche arbeitet immer sehr korrekt und konzentriert an der Weltverbesserung, leider kann er sich diese aber immer nur auf eine bestimmte Weise vorstellen und will alles, was davon abweicht, sofort zum Verschwinden bringen. Er ist so ernst und ehrgeizig und will alles so gut machen. Und das schlägt dann manchmal ins totale Gegenteil um. Wenn man es provokant formulieren will, kann man die Nazizeit auch so subsumieren: Wir haben entdeckt, dass die Welt am besten ist, wenn man die Juden ausrottet, also sind wir das Volk, das die industrielle Massenvernichtung erfindet. Das ist wahnsinnig deutsch. In anderen Ländern hat man Leute erschossen, erst der Deutsche erfindet die Mordfabrik.

ZEITmagazin: Sie engagieren sich unter anderem gegen Antisemitismus, Rechtspopulismus und den Überwachungsstaat. Wurden Sie je persönlich angefeindet?

Menasse: Das Schlimmste, was mir passiert ist, war bei einem Auftritt in einer Talkshow nach dem Tod von Jörg Haider. Haider wurde dort erst mal ewig lang als einer der bedeutendsten österreichischen Staatsmänner seit Bruno Kreisky gewürdigt. Ich bin daraufhin ausgeflippt, es ging richtig rund. Der frühere FPÖ-Justizminister hat mich dauernd unterbrochen und sich über mich lustig gemacht. Ich sagte zu ihm: Hören Sie auf, immer nur mich zu unterbrechen! Wenn Männer reden, unterbrechen Sie auch nicht! Nach der Sendung kam dann ein Redakteur zu mir, er war ganz bleich und meinte, er werde mir lieber nicht zeigen, was in diesen zwei Stunden an antisemitischen E-Mails und Anrufen beim Sender eingegangen war, im Sinne von "ab ins KZ".

ZEITmagazin: Sind Sie auch außerhalb Ihres politischen Engagements, in Ihrem Privatleben, in eine Krise geraten?

Menasse: Ja, vor einigen Jahren hatte ich nach einer Reihe von Fehlgeburten eine letzte, ziemlich dramatische. Ich hatte damals schon ein Kind, aber es war einfach das eine Mal zu viel. Ich habe die Krise nicht gleich bemerkt, ich hatte immer dieses Durchhalteding in meinem Kopf, bis ich selber irgendwann merkte, dass dieses Reservoir erschöpft war.

ZEITmagazin: Was half Ihnen in dieser Zeit?

Menasse: Man bot mir an, die Laudatio auf Georg Kreisler zu halten, der 2010 den Hölderlin-Preis bekam. Diese Aufgabe war mein Rettungsring. Ich hatte nichts zu tun, war in einem tiefen Loch und habe dann wochenlang nur gekocht und Kreisler gehört, das war für mich wie eine Rückkehr in meine Wiener Jugend. Ich halte Kreisler für ein immer noch verkanntes Genie. Durch seinen Gesang habe ich einen Wunsch entdeckt, den ich mir bis dahin nie eingestanden hatte: Ich wollte immer singen. Ich habe aus dieser Krise heraus Gesangsunterricht genommen. Dabei habe ich viel über das Schreiben gelernt, darüber, wie bei mir kreative Prozesse funktionieren. Ich war ängstlich und habe mich meiner Stimme geschämt. Wenn ich gut singe, spüre ich dieselbe Mischung aus Chaos und Kontrolle, die für das Schreiben typisch ist: Ich korrigiere stundenlang, dann träumt sich ein Teil meines Kopfes weg, und der andere ist noch beim Text. So geht es plötzlich weiter. Diesen Prozess kann man nicht herbeibefehlen, aber es ist gut zu wissen, wie man diesem Zustand näher kommt.

Eva Menasse, 44, wuchs in Wien auf. Schon ihr erster Roman "Vienna" über ihre teils jüdische, teils katholische Familie war ein Erfolg. Gerade erschien ihre Essaysammlung "Lieber aufgeregt als abgeklärt" (KiWi). Menasse lebt in Berlin, in diesem Jahr ist sie Stipendiatin der Villa Massimo in Rom

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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