Stilkolumne Kreativer Rohstoff

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 9/2015

Seit es den Menschen gibt, produziert er Müll. Und der wird gemeinhin wenig geschätzt – aber dabei muss es nicht zwangsläufig bleiben. Denn vieles, was wir heute über das Leben von Menschen aus früheren Zeiten wissen, konnten Archäologen aus den Gegenständen folgern, die diese Menschen einmal weggeworfen haben. Müll muss also nicht unbedingt wertlos sein – alles eine Frage der Perspektive. Elektroschrott etwa kann eine wertvolle Ressource sein, weil man daraus seltene Metalle zurückgewinnen kann, die man zum Bau von Handys braucht.

Nie wurde so sehr auf den Müll geschaut wie zu unseren Zeiten. Zum einen, weil er ein großes Umweltproblem darstellt. Müll ist aber zudem ein moralisches Problem. Denn was eine Gesellschaft wegwirft, sagt ja auch etwas darüber aus, was ihr etwas wert ist. Die Modewelt ist ebenfalls sehr bemüht, Müll zu vermeiden. Es entstehen immer mehr Marken, die behaupten, besonders schonend mit der Umwelt umzugehen und den Abfall von heute zu Mode von morgen zu machen. Ein Beispiel dafür ist Bionic – ein Start-up zur Garnherstellung, das der Rapper Pharrell Williams mitgegründet hat. Bionic Yarn ist ein Mischgewebe, das zu 40 Prozent aus wiederverwerteten Plastikflaschen besteht. Mit diesem Garn wurde schon eine Kollektion für G-Star Raw produziert. Auch das spanische Label Ecoalf macht aus Müll Mode: Es entwirft Anoraks und Rucksäcke aus alten Fischernetzen, PET-Flaschen und gebrauchten Autoreifen. Sogar Kaffeesatz wird in Fasern umgearbeitet: Aus drei Portionen Kaffeesatz und 12 PET-Flaschen entsteht eine Jacke.

Doch die Grenzen der umweltbewussten Mode liegen auf der Hand. Sie ist zwar eine schöne und lobenswerte Geste – trägt aber zur Lösung des Umweltproblems wenig bei. Um die Umweltschäden zu bekämpfen, die die Textilindustrie verursacht, braucht es mehr als Symbole. Allein für die Baumwollproduktion werden Unmengen an Pestiziden eingesetzt. Ein paar Hosen, für die in der Herstellung weniger Baumwolle nötig ist, sind da allenfalls ein Anfang. Für Bionic Yarn werden Plastikflaschen an der indonesischen Küste gesammelt. Das tut der Küste gut, ist aber sehr aufwendig. Und man bedenke: Wenn es so wenige Flaschen braucht, um eine Jacke zu produzieren – wie viele Jacken brauchte es dann, um die ganze Welt zu säubern? Jacken, die man bitte sehr lange trägt. Denn auch recycelte Klamotten werden irgendwann zu Müll.

Foto: Ich war eine Flasche – Jacke von G-Star Raw for the Oceans, 260 Euro

Kommentare

Noch keine Kommentare. Diskutieren Sie mit.