Video: Video-Still: Anschlag auf das Oktoberfest 1980

Wie war es wirklich?

ZEITmagazin Nr. 9/2015 — Von
35 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat werden endlich Zeugenaussagen und Akten neu geprüft.
Anschlag auf das Oktoberfest in München am 26. September 1980. Bildmaterial: Ausschnitt aus "Das Oktoberfestattentat", Sendung Kontrovers, Bayerisches Fernsehen.
Anschlag auf das Oktoberfest in München am 26. September 1980. Bildmaterial: Ausschnitt aus "Das Oktoberfestattentat", Sendung Kontrovers, Bayerisches Fernsehen.

Viel war von dem Mann nicht übrig geblieben: Beide Arme waren abgetrennt, ein Bein fehlte, der Körper war übersät mit Splittern. Als der Professor des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität München am Morgen nach dem Attentat den Mann obduzierte, ließ sich nicht viel mehr feststellen, als dass er ganz nah am Ort gewesen sein musste, an dem die Bombe explodiert war. Erst das zahnärztliche Gutachten brachte Tage später Klarheit: Der Tote war Gundolf Köhler, geboren am 27. August 1959, Student der Geologie in Tübingen. Vom ersten Moment an galt er als verdächtig, auf dem Münchner Oktoberfest am 26. September 1980 jene Bombe gelegt zu haben, die weitere 12 Menschen das Leben gekostet und mehr als 200 teils schwer verletzt hat.

1982 schloss der Generalbundesanwalt Kurt Rebmann den Fall des schwersten Terroranschlags der Nachkriegsgeschichte und stellte fest: Gundolf Köhler habe den Sprengsatz gebaut und gezündet. Es hätten sich keine Mittäter finden lassen.

Köhler, der Alleintäter. Das sollte die endgültige Wahrheit sein. Man kann es angesichts der Aktenlage nicht anders formulieren: Die Entscheidung von Rebmann war ein derartiger Hohn, dass bis heute nach den Motiven gefragt werden muss, warum so schnell weitere Ermittlungen vermieden wurden.

33 Jahre später heißt der Generalbundesanwalt Harald Range, und er hat den Fall im Dezember 2014 wieder eröffnet. Dafür hätten schon die alten Zeugenaussagen gereicht, doch jetzt gibt es noch eine neue Zeugin, die die Thesen von jenen bestätigt, die schon immer am offiziellen Ergebnis der Ermittlungen gezweifelt haben wie der Journalist Ulrich Chaussy oder der Opferanwalt Werner Dietrich.

Nach Ansicht des Generalbundesanwalts weist vor allem diese neue Zeugin auf mögliche Mittäter Köhlers hin. Laut dem Opferanwalt Dietrich gab sie am Tag nach dem Anschlag einem Schüler aus Schlesien Sprachunterricht in einem Aussiedlerwohnheim. Er habe einmal kurz den Raum verlassen, um einen Tee zu kochen. Während er in der Küche gewesen sei, habe sie ihre Jacke in seinen Spind gehängt und dort einen Stapel mit Flugblättern und zwei Pistolen gesehen. Dietrich, der mit der Zeugin gesprochen hat, gibt ihre Aussage wieder: "Sie überfliegt die Flugblätter, dort ist von dem Attentat die Rede, von Köhler, dass dieser als Märtyrer der Bewegung, als Opfer des Attentates verherrlicht wird." Zu diesem Zeitpunkt hat die Sonderkommission Theresienwiese noch nicht verkündet, dass Köhler der Täter gewesen sein soll.

Seit vergangenem Dezember kümmert sich nun erneut das Bayerische Landeskriminalamt um die Wahrheit. Und nach den Recherchen des ZEITmagazins und des Politik-Magazins Kontrovers des Bayerischen Fernsehens (BR) könnte das auch politisch eine brisante Angelegenheit werden: Wie sich nämlich bei der Einsicht von nun freigegebenen Akten herausstellte, hat der Verfassungsschutz einigen Rechtsextremen ein Alibi für den Anschlag verschafft, indem er sie an dem Tag observierte, an dem der Anschlag stattfand. Und er hatte eigene V-Leute in der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), zu der der Täter Kontakt hatte. Vieles deutet darauf hin, dass der Verfassungsschutz einige dieser verdeckt arbeitenden Verbindungsleute vor weiteren Ermittlungen geschützt hat.

Das ZEITmagazin und der BR haben Akten im Bundesarchiv in Koblenz, in der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin und im Hauptstaatsarchiv in München gesichtet. Diese Unterlagen machen auch deutlich, dass Spuren von Verbindungen Köhlers ins rechtsextreme Milieu unter den Tisch gefallen sind.

Nach dem Anschlag bildeten die Beamten des Bayerischen Landeskriminalamtes eine Sonderkommission. Sie strömten aus in die Krankenhäuser der Stadt, befragten Opfer, die ansprechbar waren, überprüften, ob eines von ihnen bei der Polizei oder den Nachrichtendiensten bekannt war.

Einer der Verletzten war Hans Roauer. Die Explosion hatte seinen rechten Fuß schwer verletzt, lange musste er eine Amputation fürchten. Unter Schmerzen berichtete er den Ermittlern, er habe am Wies’n-Eingang einen Streit zwischen mehreren Männern vor einem Auto beobachtet. Einer habe eine schwere weiße Plastiktüte getragen, sei abrupt vom Fahrzeug weggegangen und habe den Beutel in den Papierkorb gelegt, wo die Bombe explodiert sei. Roauer ist sich sicher: Der Mann mit dem Sprengsatz war Köhler, die anderen Männer waren Mittäter. Mittäter, die bis heute nicht gefasst sind. Das notierten die Beamten damals zwar, nur hörte Roauer nie wieder etwas von ihnen. Er sagt heute: "Es ist für mich eine Genugtuung, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden."

Die Ermittler hörten damals verschiedene Versionen, wer Köhler begleitet haben sollte: Mal waren es einige Männer, mal waren es ein junger Mann und eine junge Frau. Zeugen erinnerten sich an kurze Haarschnitte, Jacken wie Bundeswehrparka mit schwarz-rot-goldenem Abzeichen am Ärmel. Roauer war nicht der Einzige, der eine weiße Plastiktüte gesehen haben will.

Bald kam ein Detail ans Licht, das dem Fall eine entscheidende Wendung gab: Im Informationssystem der Nachrichtendienste (Nadis) war vermerkt, dass Köhler Kontakt zur paramilitärischen, rechten Wehrsportgruppe Hoffmann hatte. Die Organisation hatte der Bundesinnenminister Anfang 1980 für verfassungswidrig erklärt und verboten.

Aus den jetzt zugänglichen Akten des Generalbundesanwalts lässt sich Köhlers Weg in die rechte Szene nachzeichnen: Mit 14 besuchte er NPD-Veranstaltungen, gleichzeitig erwachte sein Interesse an Raketen, Waffen und Sprengstoff. Zwei Jahre später hantierte er bereits mit hochbrisanten Chemikalien: Er bestellte ein Kilo Pikrinsäure, die im Ersten Weltkrieg in Granaten gefüllt wurde. Dazu orderte er im Sprengzubehör-Großhandel 100 Reißzünder, wie sie für Handgranaten verwendet werden, und 29 Meter Zündleitung. Zudem schwärmte der mittlerweile 16-Jährige für Karl-Heinz Hoffmann, den Chef der Wehrsportgruppe in der Nähe von Nürnberg.

Hoffmann, Jahrgang 1937, ist eine schillernde Gestalt. In der DDR aufgewachsen, verhinderte seine Herkunft – adelige Großmutter, Vater Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Mutter Nachfahrin der ortsansässigen Porzellan-Dynastie – einen Aufstieg. Hoffmann blieb die Lehre als Porzellanmaler im Kombinat Kahla. Im August 1953 verließ er die DDR und besuchte die Berufsoberschule für angewandte Grafik in Nürnberg, studierte danach Grafikdesign und reiste nach Persien und Indien. Anfang der siebziger Jahre scharte Hoffmann junge Männer um sich, organisierte Wehrsportübungen. Ein Mitglied berichtete 1981 von 120- Kilometer-Märschen. Der Ort der Kriegsspiele, das Schloss Ermreuth bei Erlangen, das Hoffmanns Lebenspartnerin erworben hatte, war mit Bedacht gewählt: Das Anwesen war einst Sitz einer Gau-Führerschule der NSDAP. Ein Artikel im stern mit der Schlagzeile Heil Hoffmann machte die Gruppe 1974 bundesweit bekannt. Vor allem Jugendliche mit Interesse für Waffen und die NS-Zeit fühlten sich angezogen.

So war es auch bei Köhler, den viele als Einzelgänger schilderten. Er schrieb Hoffmann im November 1975 einen ersten Brief in krakeliger Schrift: "Ich besitze eine Ausrüstung vom Helm bis zum Knobelbecher und auch Waffen (selbstgebastelte Panzerfaust etc.)."

Am letzten Juli-Wochenende 1976 brachten ihn die Eltern zu einer Übung in Heroldsberg, nahe Nürnberg, wo die WSG damals trainierte. Scharfe Waffen und Hakenkreuze waren verboten, um den Behörden keine Angriffsfläche zu bieten. Köhler hatte jedoch eine selbst gebaute Handgranate im Gepäck. Ein Mitglied erinnerte sich 1981 gut an Köhler: "Er war ganz geil darauf, das Ding zu schmeißen. Wir sind alle hinter Holzstößen in Deckung gegangen." Das Mitglied erzählte auch, dass er neben dem 16-jährigen Köhler unter freiem Himmel im Biwak übernachtete – Zelte waren verpönt. Vor dem Einschlafen unterhielten sie sich über ihren Traum von der Machtergreifung und kamen zu dem Schluss, dass diese am besten durch einen Guerillakampf zu erreichen sei. Köhler wollte eine eigene Ortsgruppe in Donaueschingen aufbauen. In seinem Elternhaus hing über seinem Bett ein Hitler-Bild.

Köhlers Kontakte zu Hoffmann waren den Behörden schon vor dem Attentat aufgefallen: Eine Hausdurchsuchung bei dem WSG-Chef im Jahr 1979 hatte den Briefwechsel der beiden zutage gefördert. Als Generalbundesanwalt Kurt Rebmann am Tag nach dem Anschlag auf das Oktoberfest davon erfährt, übernimmt er das Verfahren. Die Ermittler der Soko Theresienwiese ahnen vermutlich nicht, dass sie nun den Nachrichtendiensten in ihre Pläne grätschen.

Hoffmann hatte sich nämlich auf Kontakte eingelassen, die die Geheimdienste in Ost und West interessierten: Laut Zeugenaussagen arbeitete er als militärischer Berater für die palästinensische Organisation Fatah, die zur PLO gehört. Eingefädelt hatte die Verbindungen in den Nahen Osten der Rechtsextremist Udo Albrecht, jahrelanger Kampfgenosse der PLO mit großem Vorstrafenregister in Deutschland. Dieser bot Hoffmann im Januar 1980 an, er könne mit ihm ausrangierte Bundeswehrfahrzeuge in den Libanon verkaufen. Parallel sollten einige von Hoffmanns Männern in Camps der PLO eine militärische Ausbildung erhalten.

Heimliche Akteure im Hintergrund waren außerdem Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes, die über ihre palästinensischen Genossen an Informationen zur ehemaligen Wehrsportgruppe und über ihren Chef Hoffmann gelangen wollen.

Just am Tag des Attentats plante Hoffmann wieder einen Fahrzeugkonvoi in den Libanon zu schicken – drei Unimogs mit je einem aufgeladenen VW-Kübelwagen.

Nach der lehrhaft aufgebauten Art der Aufzeichnungen des Köhler waren diese offenbar als Darstellung für einen größeren Personenkreis bestimmt.
Bundesamt für Verfassungsschutz

Laut Unterlagen der Stasi hatte noch jemand den Transport im Visier: Mitarbeiter verschiedener Landesämter für Verfassungsschutz. Diese interessierte ebenfalls die Verbindung von Hoffmann und seinen Männern in den Libanon. Das ist nicht verwunderlich, wusste das Bundesamt für Verfassungsschutz doch laut dem ZEITmagazin vorliegenden Unterlagen bereits, dass Albrecht Hoffmann das Fahrzeuggeschäft vermittelt hatte. In einem Stasibericht wurde festgehalten: Bereits in den frühen Morgenstunden am Tag des Anschlags, am 26. September, seien Mitarbeiter des bayerischen, des baden-württembergischen und des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Verfassungsschutz in Richtung Hoffmanns Schloss Ermreuth gereist, um das Anwesen zu beobachten und den geplanten Konvoi abzupassen. Sicher ist, dass der Konvoi am darauffolgenden Tag gegen Mittag die österreichische Grenze erreichte. Seit dem Vormittag war der Kontakt zwischen Köhler und Hoffmann bekannt, der Generalbundesanwalt hatte bereits das Verfahren übernommen. Die neu aufgetauchten Akten zeigen, dass Rebmann den Transport zu diesem Zeitpunkt stoppen und die Begleiter vorläufig festnehmen ließ. In einer Akte des Bundeskanzleramtes steht, warum diese wenige Stunden später schon wieder frei waren: "Nachdem das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz seine Beobachtungen über den Konvoi (Alibi für die betroffenen Personen) mitgeteilt hatte und die Durchsuchung der Konvoi-Fahrzeuge gegen 19.45 Uhr ergebnislos abgeschlossen worden war, erteilte Osta (Oberstaatsanwalt, Anm. der Red.) H. die Weisung, die vorläufig Festgenommenen frei zu lassen." Das überrascht auch, weil zur selben Zeit noch die Hausdurchsuchungen liefen – unter anderem bei den Begleitern des Transportes.

Was war am Transport derart interessant? Wer wurde wann und wie lange beobachtet? Auf Nachfrage des ZEITmagazins will sich kein Amt dazu äußern.

Mittlerweile durchsuchten sechs Kriminalbeamte Köhlers Elternhaus in Donaueschingen. Köhlers Zimmer mit Postern von Obelix, Dinosauriern und Planeten erinnerte mehr an das eines Teenagers als an das eines Studenten. Das Bild von Hitler hatte er auf Drängen der Familie abgenommen. Die Polizisten fotografierten einen Schrank, auf dem eine Granate aus Verdun, ein Stahlhelm und eine alte Handgranate lagen. In der Schreibtischschublade fanden die Ermittler ein Waffenreinigungsgerät und eine Anwürgzange, wie man sie zum Scharfmachen von Sprengkapseln braucht. Ganz oben im Regal stand der Roman Der Wehrwolf, beliebte Lektüre in der Nazizeit. Die Beamten fanden auch die Abschrift eines Nazilieds: "Durch Groß-Berlin marschieren wir, für Adolf Hitler kämpfen wir. Die rote Front, brecht sie entzwei, SA marschiert, die Straße frei."

Besonders aufschlussreich waren Köhlers Aufzeichnungen zu Waffen und Sprengstoff. Sie zeigten, dass er sich mit dem militärischen Sprengstoff TNT beschäftigte und wusste, wie Napalm wirkt. Zudem fanden sich Notizen zu CO₂-Treibgasflaschen und Feuerlöschern. All dies ist auch deshalb wichtig, weil die Oktoberfest-Granate wahrscheinlich mit TNT gefüllt war und außerdem in einem Metallbehälter gesteckt hatte. Das Bundesamt für Verfassungsschutz schlussfolgerte damals, Köhlers Anleitungen seien nicht für ihn allein gewesen: "Nach der lehrhaft aufgebauten Art der Aufzeichnungen des Köhler waren diese offenbar als Darstellung für einen größeren Personenkreis bestimmt." Doch wenn ja, für wen? Und warum wurde diesem Verdacht nicht nachgegangen? Dazu vermerken die Akten nichts.

Einen weiteren Hinweis übersahen die Kriminalbeamten bei ihrer Hausdurchsuchung am Tag nach dem Anschlag: Köhlers Ausweis der rechtsextremen Wiking-Jugend. Erst später fiel einem Beamten ein, dass es sich um eine rechtsextreme Organisation handelt.

Und laut einer erstmals zugänglichen Akte des Bundesministeriums des Innern gab es noch eine Spur: Die Beamten der Soko beschlagnahmten einen Schmalfilm, auf dem Köhler "als Fahrer eines Kübelwagens" mit Stahlhelm zu sehen war.

Nachfrage beim ehemaligen WSG-Chef Hoffmann, der lange im Gefängnis saß und auch heute noch rechten Gruppierungen nahesteht. Er antwortet in einer Mail, der Film könne nicht bei ihm gedreht worden sein: "Köhler war zur Gelände-Übung einer Mannschaft zugeteilt worden, die auf einem Unimog ins Gelände gebracht wurde." In den Akten des Generalbundesanwalts findet sich nichts zu dem Schmalfilm. Wo ist er geblieben? Fanden die Ermittler ihn nicht relevant?

Er ist nicht das einzige Beweisstück, das verschwand. Etwas abseits vom Tatort fanden die Ermittler eine abgetrennte Hand, die keinem Opfer eindeutig zugeordnet werden konnte. Die Generalbundesanwaltschaft war sich 1982 sicher, dass sie Köhler gehört haben müsse, schließlich hätten sich identische Fingerabdrücke in seinem Studienordner gefunden. Von der Hand fehlt heute – wo neue Ermittlungsmethoden, wie DNA-Analysen, dies bestätigen oder revidieren könnten – seltsamerweise jede Spur.

Auch die Wohnungen der ehemaligen WSG-Mitglieder wurden damals untersucht. Bei Robert Christian F., einem Begleiter des Konvois in Richtung Libanon, entdeckten die Ermittler ein Kilo militärischen Sprengstoff und drei Granaten. Daraufhin musste der Generalbundesanwalt den Konvoi ein zweites Mal stoppen und die Mitglieder erneut festnehmen lassen. Die Ausbeute auf Hoffmanns Schloss Ermreuth fiel mit zehn Zündkapseln eher mager aus. Der Grund: Die Kripobeamten übersahen den dortigen Sprengstoff. Das erfuhren sie erst ein Jahr später – von einem Mann, der aus Hoffmanns Camp im Libanon geflohen war und nun in deutscher Haft saß: Es gab auf dem Schloss einen Sprengsatz in einem Einmachglas und mehr als ein Kilo TNT-Sprengstoff in Form eines Blumentopfes. Der Tippgeber berichtete, er sei aus Neugier kurz nach dem Anschlag zu Hoffmann gefahren. Bei der Gelegenheit habe Hoffmann ihn angewiesen, den Sprengsatz in den Hohlkörper eines Steins einzufügen und so zu verstecken. Mit dieser Beschreibung fanden die Beamten im Sommer 1981 ganz schnell, was sie suchten: Der Stein mit dem Sprengsatz lag mit anderen Steinen auf einem Haufen neben einem Baum. Den anderen Sprengstoff entdeckten sie in einer Scheune.

Die Verfassungsschutz-Agenten konnten glaubhaft versichern, daß ihnen über Vorbereitungen des Anschlags nichts bekannt war. Sie konnten auch deutlich machen, daß die Wehrsportgruppe Hoffmann mit dem Anschlag nichts zu tun habe.
Ein Stasi-Bericht

Hoffmann überzeugte die Ermittler trotzdem von seiner Unschuld. 1980 argumentierte er, er müsse ja "ein Blödian" sein, wenn er einen ihm derart Unbekannten wie Köhler für ein Attentat einsetzen würde. Und er schilderte ausführlich sein Alibi. Zudem hatten ihn die Verfassungsschützer am Tag der Tat observiert und damit entlastet. Und ein Jahr später erklärte Hoffmann, beide Sprengstoffe habe er einst "einem Jungen" abgenommen. "Ich wollte dadurch verhindern, dass er damit Dummheiten macht." Außerdem sagte er: "Terroristische Anschläge – Mord, Sprengstoffexplosionen etc. – habe ich niemals geplant und hätte ich weder befohlen noch geduldet." Damit waren die Vorwürfe vom Tisch.

Nach kurzer Zeit war 1980 auch Robert Christian F. wieder frei – trotz des bei ihm gefundenen Sprengstoffs. Das Bundeskriminalamt teilte dem Bundesministerium des Innern den Grund mit: "Der aufgefundene Sprengstoff ist jedoch nicht mit dem bei dem Anschlag verwandten Sprengstoff vergleichbar." Er sei "stark verrottet" und "vermutlich aus dem 2. Weltkrieg". Die Erklärung ist verblüffend, ist doch nie zweifelsfrei geklärt worden, mit welchem Sprengstoff die Oktoberfest-Bombe gefüllt war. Wieso war sich das Bundeskriminalamt dann so sicher?

Ein ganz neues Licht auf den Fall wirft eine bisher nicht bekannte Akte der Stasi. Die Stasi will Ende November 1980 in Erfahrung gebracht haben, warum die Spur zur verbotenen Wehrsportgruppe so schnell vom Tisch war: Einige der Verhafteten seien am Tag des Anschlags nicht nur vom Verfassungsschutz beobachtet worden – sondern auch dessen V-Leute gewesen. Sie hätten sich den Vernehmern nach ihrer Verhaftung zu erkennen gegeben. "Erst durch Einschaltung höherer Instanzen klärte sich die Angelegenheit", heißt es im Bericht. "Die Verfassungsschutz-Agenten konnten glaubhaft versichern, daß ihnen über Vorbereitungen des Anschlags nichts bekannt war. Sie konnten auch deutlich machen, daß die Wehrsportgruppe Hoffmann mit dem Anschlag nichts zu tun habe." Der derzeitige Generalbundesanwalt sowie die beteiligten Dienste wollen sich auf Nachfrage des ZEITmagazins dazu nicht äußern. Auffallend ist, dass in den Unterlagen im Bundesarchiv nur eine Aussage der Verhafteten zu finden ist – die von Hoffmann.

Dass der Verfassungsschutz einige Informanten in der WSG gehabt haben muss, darauf weist eine nun freigegebene Kabinettsvorlage des Bundesministeriums des Innern vom 8. Oktober 1980 hin. Darin geht es um die Vermutung, Hoffmann könne Köhler vielleicht einen Sonderauftrag gegeben haben. Darauf entgegnete das Ministerium: "Jedoch kann man nach Beurteilung des Bundesamts für Verfassungsschutz im Hinblick auf die gute Zugangslage bei der WSG nicht von entsprechenden Sonderaktionen ausgehen." Glaubte der Nachrichtendienst, dank seiner "guten Zugangslage", also seiner vielen V-Leute, alles zu wissen?

Immer wieder führten Spuren in rechtsextreme Kreise und zugleich zu den Nachrichtendiensten, wurden aber nicht weiterverfolgt. Zufall? Wer schützte wen und warum? Das wird der Generalbundesanwalt nun herausfinden müssen. Die Aktenlage der verschwiegen arbeitenden Nachrichtendienste soll nach Auskunft der Bundesregierung von Anfang Februar 2015 auf eine Anfrage der Linken hin verschwindend gering sein.

Mitarbeit  Lisa Wreschniok