Medien Das Extrablatt

Die erstaunliche Erfolgsgeschichte der einzigartigen "New York Review of Books" Von
ZEITmagazin Nr. 9/2015

Es geht immer heftig zur Sache in den Filmen des Regisseurs Martin Scorsese. Er hat die Brutalität des Boxens ins Kino gebracht (Raging Bull), die Gier der Finanzwelt (The Wolf of Wall Street) und die blutigen Bandenkriege Manhattans (Gangs of New York). Eigentlich ganz logisch, dass er dann auch noch einen Film gemacht hat über die messerscharfen Wortgefechte in der wichtigsten, brillantesten, aufregendsten Zeitschrift der Welt: The New York Review of Books.

In mein Leben trat die Review, wie ihre Freunde sie nennen, vor zwanzig Jahren dank einer Bekannten, die einmal eine Weile für diese Zeitschrift gearbeitet hat und mir eines Tages ein frisch gedrucktes Exemplar in die Hand drückte. Ich verschlang lange Artikel über Leonardo da Vinci, Die Simpsons, die Schriftrollen vom Toten Meer und die Geschichte des Blues, einen Essay über "Die Computerkriege" (zwischen Steve Jobs und Bill Gates, IBM und Nintendo) – und es war um mich geschehen: Ich war mir ziemlich sicher, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Die Bekannte, der ich diese Entdeckung zu verdanken hatte, habe ich einige Jahre später geheiratet. Was nur deswegen hierher gehört, weil die Review für auffallend viele ihrer Leser in aller Welt eine existenzielle Bedeutung hat, auf die eine oder andere Art.

In Scorseses Dokumentarfilm The 50 Year Argument, der seit dem vergangenen Sommer auf mehreren Festivals gezeigt wurde, erzählt der irische Schriftsteller Colm Tóibín, wie er als junger Mann in Dublin Anfang der Siebziger auf diese Zeitschrift stieß und sich von Ausgabe zu Ausgabe immer stärker als Teil einer weltweit verstreuten Gruppe von Leuten fühlte: "Ich zögere, sie als Intellektuelle zu bezeichnen." Ganz anders erinnert sich der Review-Reporter Michael Greenberg. Er ist in New York geboren und aufgewachsen, aber die Review sei für ihn früher immer "Xanadu" gewesen, ein unerreichbarer, mythischer Ort: "Als ich anfing, die Review zu lesen, hätte ich nie gedacht, dass ich jemals die Chance haben würde, für sie zu schreiben." In Israel entdeckte der Philosoph Avischai Margalit das Blatt als "ein kosmopolitisches Magazin, verankert in so einer Art geistigem Europa".

Martin Scorseses Beziehung zu dieser Zeitschrift geht bis in ihre Anfangstage zurück. Im Februar 1963 lief er als junger Student über den Campus am Washington Square Park, nur ein paar Straßenblocks nördlich des Stadtteils Little Italy, wo er in einer Familie aufgewachsen war, in der Bücher keine Rolle spielten. Am Straßenrand erblickte er die erste Ausgabe der Review – mitten in einer Stadt, die damals ein paar Monate lang ohne Zeitungen auskommen musste. "Es war gerade Zeitungsstreik", erzählte Scorsese voriges Jahr bei einer Podiumsdiskussion in Berlin, "und die Review sah sehr interessant aus. Seither lese ich sie."

Dass diese Zeitschrift überhaupt zur Welt kam, ist ein kleines Wunder, dazu gleich noch mehr. Das große Wunder: Die New York Review of Books ist heute, mehr als fünfzig Jahre nach ihrer Gründung, erfolgreicher als je zuvor. Sie ragt zu uns herüber aus einer eigentlich doch vergangenen Ära – und wirkt seit einiger Zeit immer mehr wie ein echtes Gegengewicht zum dahinrasenden Internet. The New York Review of Books wird alle zwei Wochen auf Zeitungspapier gedruckt. Sie besteht ausschließlich aus sehr langen Texten, in denen kompetente Leute in aller Ruhe, Klarheit und Gründlichkeit Fakten darlegen und die Dinge zu Ende denken. Mit solch altertümlichen Mitteln – Nachdenklichkeit! Komplexität! Expertentum! – hat die Review gerade die höchste Auflage ihrer Geschichte erreicht. Wie kann das sein? Und warum ist die Review bis heute so einzigartig?

Das Wunder dieser Zeitschrift lässt sich, zumindest teilweise, mit ihrer abenteuerlichen Vergangenheit erklären und mit einer Reihe unwahrscheinlicher Glücksfälle – und natürlich mit ihrem Inhalt. Ihrem etwas irreführenden Namen zufolge geht es dieser Zeitschrift um das Rezensieren von Büchern. In Wahrheit arbeitet sie seit 1963 daran, mittels neuer und alter Bücher die Welt besser zu verstehen. Und, oh ja: diese Welt, wenn möglich und wo nötig, zu verändern. Die besten Texte der Review sind Traktate der Aufklärung, getarnt als Buchbesprechungen. Ihren Argumenten kann man zustimmen oder widersprechen: Nichts wird hinter einer blumigen Sprache versteckt, die schön zu lesen, aber mehrdeutig ist.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sämtliche großen Menschheitskonflikte der vergangenen fünf Jahrzehnte in der New York Review of Books offen ausgetragen wurden. Schärfer und früher als andere US-Medien kritisierte die Review die amerikanischen Kriege in Vietnam und im Irak, die Foltermethoden der CIA, die Exzesse des Investmentbankings. Linke und rechte Diktaturen in aller Welt werden genauestens betrachtet, die Verletzung von Menschenrechten war von Anfang an ein Hauptthema. All diese Dramen lässt Scorsese in seinem Film ordentlich krachen. Er zeigt aufwühlende Archivaufnahmen aus dem Vietnamkrieg, von den Occupy-Demos, von Straßenschlachten und Gewaltausbrüchen aller Art – und schneidet sie so geschickt zusammen mit stillen Szenen aus der Review-Redaktion, dass historische Kämpfe und Lesen und Schreiben tatsächlich in seltener Einheit erscheinen: als ewiger Kreislauf von Ideen, die zu Action führen, und Action, die neue Ideen erfordert.

Aus der Sicht konservativer Kulturkritiker – die in Scorseses Film leider nicht vorkommen – ist es zu einem großen Teil die Schuld der New York Review of Books, dass die sechziger Jahre in den USA zum Jahrzehnt der Rebellion, des Aufruhrs, des Umbruchs wurden und dass auch in den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern die vermeintlich heile Welt der Fünfziger nie so ganz zurückkehrte. 1970 nannte Tom Wolfe die Review "das zentrale theoretische Organ" eines Menschenschlags, den er als "Radical Chic" verspottete, als radikale Schickeria. Die konservative Zeitschrift The New Criterion lamentierte noch 1998: "Mehr als jedes andere Journal ließ die New York Review of Books Amerikas kulturelle Revolution als ein intellektuell respektables Unterfangen erscheinen."

Wenn sich gebildete Konservative über die Review aufregen – immer wieder gern! –, kommen sie früher oder später auf das berüchtigte Titelblatt vom 24. August 1967 zu sprechen. Es zeigt eine einfache, präzise Bastelanleitung für einen Molotowcocktail. Dieses Diagramm war die Illustration einer Sonderbeilage über heftige Rassenunruhen, die kurz zuvor gleich nebenan in Newark, New Jersey, explodiert waren (26 Tote, 725 Verletzte, 1.500 Festnahmen). In derselben Ausgabe fand sich eine flammende Reportage über diese fünftägigen race riots, geschrieben von dem Aktivisten Tom Hayden, die sich passagenweise las wie eine Anleitung zum Guerillakampf. In dieser Zeit, um 1967 herum, lässt sich, mit etwas Mühe, noch eine knappe Handvoll ähnlicher Pamphlete finden – es waren die wilden Jahre der Review. Und je nach politischem Standpunkt zeigte sich in dieser Phase das wahre Revoluzzer-Wesen der Zeitschrift – oder eine vorübergehende Zeitgeist-Infektion, die das Blatt immun gemacht hat gegen spätere Moden und Flausen. Die Review ist danach jedenfalls schnell wieder zur Vernunft gekommen, allerdings niemals staatstragend oder linientreu geworden. Barack Obama zum Beispiel wurde als Präsidentschaftskandidat von der Review sehr positiv gesehen, als Präsident immer wieder äußerst heftig kritisiert.

Als Forum knallharter Politik ist die Review höchstens zur Hälfte beschrieben. Genauso wichtig – für manche Leser sogar noch wichtiger – ist sie als Ort und Hort der, man muss es so altmodisch sagen, Hochkultur. Hier lebt, blüht und gedeiht sie noch: als Tradition der großen Bücher, aus denen sich immer noch neue Erkenntnisse gewinnen lassen; als Gegenwartsliteratur, in strenger Abgrenzung zum Bestsellermarkt; als Kunst-, Musik- und Architekturgeschichte, quer durch alle Jahrhunderte bis in die Gegenwart; als praktische Philosophie. Auch die Naturwissenschaften gehören dazu, in fast jeder Ausgabe finden sich ein oder zwei Beiträge über Themen wie Gentechnik, Atomenergie, Astrophysik. Verblüffenderweise sind sie alle so geschrieben, dass man, Englischkenntnisse vorausgesetzt, auch als Nichtexperte jeden Satz verstehen kann. Sobald man als Leser dieses Prinzip kapiert hat, ist es nicht mehr weit zur Lesesucht. Martin Scorsese hat einmal beschrieben, wie er die Review liest, und so geht es eigentlich jedem ihrer Abonnenten: "Man hat immer einen Stapel davon zu Hause, man kann sie nicht wegschmeißen, bevor man mit einer Ausgabe ganz durch ist. Das kann manchmal ein Jahr dauern."

Für eine Zeitschrift, die sich so intensiv mit feinsten ästhetischen Fragen beschäftigt, kommt die Review erstaunlich raubeinig daher: Von der Titelseite springen einen zwei, drei Fotos oder Karikaturen an, reißerische Überschriften in bunten Blockbuchstaben ("Afghanistan! Die düstere Wahrheit"; "Wissenschaftler erkunden das Leben nach dem Tod"), dazu Namen der mehr oder weniger berühmten Autoren der jeweiligen Ausgabe. Im Inhaltsverzeichnis werden sie kurz vorgestellt, und dann geht es los: ein langer Artikel nach dem anderen, ohne erkennbares System aneinandergereiht auf 60 bis 90 großen, dicht bedruckten Seiten. Hier und da ein Foto, eine Zeichnung, die Abbildung eines Kunstwerks. Der typische Review-Artikel ist so lang wie das Dossier der ZEIT und kann von der aktuellen Situation im Irak genauso gut handeln wie von einer neuen Goethe-Übersetzung oder der Ausdehnung des Weltalls. Alles steht wie selbstverständlich nebeneinander. Aber was hat eigentlich der hypersensible Autor Marcel Proust mit den brutalen Kämpfen in Syrien zu tun?

Wenn einer das erklären kann, dann Robert Silvers, 85. Die Review ist sein Lebenswerk, er hat sie damals, 1963, gemeinsam mit Freunden gegründet und ist bis heute ihr Chefredakteur. Seine Bekannten und Kollegen nennen ihn Bob, die Autoren, die regelmäßig für die Review schreiben, sagen: "Ich schreibe für Bob." Legendär ist sein Arbeitspensum: Seit fünfzig Jahren redigiert er von vormittags bis tief in die Nacht, sieben Tage die Woche. Wenn er mal abends in die Oper geht, kommt er danach lieber noch mal rein. Kein Text erscheint ohne seinen Segen.

Am Eingang zur Redaktion, in einem großzügigen Loft im West Village, sind Urkunden und Auszeichnungen ausgestellt, die Silvers im Laufe der Jahrzehnte verliehen worden sind – Ehrendoktortitel der Universitäten Harvard und Oxford, ein Orden der französischen Ehrenlegion. Ein Foto zeigt ihn Arm in Arm mit dem strahlenden Ehepaar Michelle und Barack Obama bei einer Ordensverleihung im Weißen Haus.

Und dann erscheint Robert Silvers himself: groß, aufrecht, im dunklen Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch und locker geknoteter Krawatte. Wir nehmen Platz an einem Glastisch in einer ruhigen Sofaecke, neben einem großen, prall gefüllten Bücherregal: Es ist die Arbeitsbibliothek von Barbara Epstein, der Mitgründerin, die 43 Jahre lang gemeinsam mit Robert Silvers die Review leitete, bis zu ihrem Tod 2006. Zu sehen sind dicke Bücher über Anne Frank, die Dichter W. H. Auden und William Butler Yeats, den Komponisten Giuseppe Verdi, "Die Idee der Moderne". Irgendwo dazwischen, die Arbeit muss schließlich weitergehen, ein blinkender WLAN-Router der Firma Cisco.

"Wir sind eine seltsame Zeitschrift, weil Amerika ein seltsames Land ist", sagt Silvers. (Er sagt "weird magazine" und "weird country"weird ist noch um einiges seltsamer als seltsam.) Als Beschreibung seines Publikums fällt ihm eine ähnlich ausbalancierte Formel ein: "Die eine Hälfte unserer Leser ist an der Universität. Die andere Hälfte wäre gern an der Universität", sagt er und lacht, erfreut von der Knappheit und Symmetrie dieser Formel.

Das Staatsmännische, das Robert Silvers auf den ersten Blick ausstrahlt, weicht im Gespräch schon nach wenigen Minuten einer jugendlichen Begeisterungsfähigkeit, einer fast kindlichen Neugier. Er ist einer dieser älteren Herren, die man sich sofort ganz leicht als Teenager vorstellen kann. Wie ein solcher wird er sich im Laufe unseres Gesprächs auf dem Ledersofa fläzen, mehr liegend als sitzend über die großen Fragen reden. Und immer wieder laut lachen.

Also, Mr. Silvers, was haben akribische Gedichtinterpretationen zu tun mit Bürgerkriegsanalysen? "Ich glaube, da gibt es gar keinen so großen Unterschied", sagt Silvers: "Beide erfordern Intensität und Ernsthaftigkeit, nur in verschiedenen Formen." Bei beiden komme es darauf an, die Behauptungen von Autoritäten aller Art – literarischen, politischen, militärischen – niemals ungeprüft zu übernehmen.

Ja, okay, das ist eine Parallele, aber worin besteht der inhaltliche Zusammenhang? Warum stehen in der Review die Themen NSA, Voltaire, IS-Terror, David Foster Wallace, Putin und die große aktuelle Kubismus-Ausstellung so demonstrativ gleichberechtigt nebeneinander? "Politische Analysen haben oft ein Element des Mechanischen", sagt Robert Silvers. "Damit meine ich eine Sichtweise, die die Werte der menschlichen Existenz außer Acht lässt, die bei jedem politischen Problem auf dem Spiel stehen." Die Literatur schärfe den Blick für diese Werte, und es sei von Anfang an der Ansatz der Review gewesen, "dass die Folgen für den menschlichen Alltag Teil der Betrachtung sein sollten, sei es in China, Afrika, Südamerika oder" – nun wird er zum ersten Mal laut und haut auf den Tisch – "in den USA!" Dass die USA zum Mittel der Folter gegriffen hätten, sei "ein großes Thema für die Review". In der "mechanistischen" Sichtweise würden solche Mittel eben allzu leicht durch den Zweck gerechtfertigt. Die Autoren seiner Zeitschrift könnten und sollten sich keineswegs auf eine politische Meinung einigen, sagt Silvers, nur auf eine bestimmte Art des Denkens: "Sie stimmen darin überein, dass Tiefe und Skepsis erforderlich sind."

Wenn die Review ein Gründungsdokument hat, dann ist es ein Essay, den Robert Silvers als junger Redakteur der Zeitschrift Harper’s im Jahr 1959 in die Welt setzte: eine Polemik der Schriftstellerin Elizabeth Hardwick, die darin die selbstgefällige Denkfaulheit etablierter Zeitungen angriff, die sie insbesondere den damaligen Buchbesprechungen der New York Times attestierte – genau so, wie es heute eine brillante Medien-Bloggerin tun würde. Hardwick verdammte die banalen, "leichten kleinen Artikel" über Literatur und Zeitgeschichte.

"Sie hat das sehr scharf formuliert", sagt Silvers. "Es ging ihr dabei nicht nur um den Zustand der Buchbesprechungen, sondern um den Zustand der Sprache. Sie attackierte die Klischees, die der Feind des klaren Denkens sind." Dieser Text sollte zur Keimzelle der Review werden und ist bis heute ihr Leitfaden. "Sie traf genau den Punkt", sagt Silvers und haut wieder auf den Tisch: "Diese leichten kleinen Artikel kann man über jedes beliebige Thema schreiben, unterhaltsame Texte, die sich nicht auseinandersetzen mit der politischen, moralischen, ästhetischen Dimension eines Sachverhalts." Die gefällige Oberflächlichkeit, sie war damals sein Gegner und ist es ganz offensichtlich auch heute noch.

Die Chance, mit einer eigenen Zeitschrift alles besser zu machen, bot sich plötzlich und unerwartet – mit dem Beginn eines Zeitungsstreiks in New York, der absurd lange dauerte, von Dezember 1962 bis März 1963. Silvers und seine Freunde, darunter der Verleger Jason Epstein und dessen Frau Barbara, Elizabeth Hardwick und ihr Mann, der Dichter Robert Lowell, waren sich sicher: Sie würden Leser finden, und sei es nur für eine Ausgabe.

Im bis heute einzigen Editorial erklärten die Review- Rebellen in der ersten Ausgabe kurz und knapp ihr Programm: Diese Zeitschrift "tut nicht so, als ob sie alle Bücher der Saison abhandelt oder auch nur alle wichtigen". Weder Zeit noch Raum würden Büchern gewährt, die "triviale Absichten verfolgen" oder gar "korrupt" seien – "außer um gelegentlich ein aufgeblähtes Ansehen zu reduzieren oder auf einen Schwindler hinzuweisen". Autoren und Redakteure hätten ihre Arbeit für diese Ausgabe kostenlos geleistet, die Anzeigeneinnahmen hätten es ermöglicht, den Drucker zu bezahlen. Nun wollten sie herausfinden, ob es für eine solche "verantwortungsbewusste literarische Zeitschrift" in Amerika "nicht nur den Bedarf, sondern auch eine Nachfrage" gebe.

Während der zeitungslosen Monate schaffte die Review aus dem Stand eine Auflage von 75.000. Aus der kleinen Gruppe miteinander befreundeter Autoren entstand – zunächst per Telefon, Brief und Postkarte – im Laufe der Jahrzehnte ein weltweites Netz von Autoren, die sich mit der Grundidee der Review identifizieren. Und tatsächlich fanden sie von Jahr zu Jahr mehr Leser. "Wir haben heute eine Auflage von 150.000 Exemplaren", sagt Rea Hederman, seit 1984 der Herausgeber der Review, "das ist die höchste, die wir je hatten."

Hederman gehört auch zu diesen unwahrscheinlichen Fügungen in der Geschichte der Review. Er entsprang, im doppelten Sinn des Wortes, einer Zeitungsdynastie im Süden der USA, deren Blätter berüchtigt waren für ihre rassistische Hetze. Über Martin Luther Kings "I have a dream"- Rede im August 1963 berichtete die Zeitung Clarion-Ledger in Jackson, Mississippi, mit einem Foto, das den zurückgelassenen Müll nach der Massendemonstration zeigte, dazu die Schlagzeile "Washington Is Clean Again With Negro Trash Removed" (sinngemäß: "Washington ist wieder sauber, der schwarze Dreck entfernt"). Rea Hederman rebellierte gegen diese Weltsicht, gegen seine Familie. Als er später Chefredakteur des Clarion-Ledger wurde, drehte er ihn völlig um, heuerte neue Reporter an und veröffentlichte dort Artikel über lokale Korruption und Reportagen über den Alltag dunkelhäutiger Mitmenschen – unerhört! Doch seine Familie hatte bald genug von diesen neumodischen Eskapaden. Sie verkaufte ihre Zeitungen und zahlte Rea Hederman aus. Mit diesem Geld ging er nach New York und nahm bald darauf mit der New York Review of Books Kontakt auf, um über eine mögliche Investition zu reden. In Scorseses Film sagt Hederman: "Sie schrieben über Menschenrechte nicht nur als lokale, sondern als globale Angelegenheit. Das zog mich an." Hederman versprach Robert Silvers und Barbara Epstein völlige redaktionelle Unabhängigkeit – und hat dieses Versprechen als Herausgeber inzwischen mehr als dreißig Jahre lang gehalten.

Das Temperament der Gründer, ein absurd langer Zeitungsstreik, der Spross einer rassistischen Pressedynastie auf der Suche nach weiterer Läuterung – die Einzigartigkeit der Review, dieses Weltwunders, lässt sich tatsächlich aus einer Reihe glücklicher Zufälle erklären. Und noch eine Eigenheit der "seltsamen" USA hat diese Zeitschrift bisher durch alle Wirtschaftskrisen getragen: "Wir haben in Amerika mehr als 2.800 Colleges und weit über hundert Universitätsverlage", sagt Robert Silvers. "Viele davon bringen jedes Jahr vierzig bis fünfzig Bücher raus, manche noch mehr. Und für all diese Verlage gibt es eine bestimmte Zeitschrift, die sie interessiert – denn wir besprechen viele ihrer Bücher." Und so ist jede Ausgabe voll mit Anzeigen für wissenschaftliche und semiwissenschaftliche Bücher, von denen man sonst kaum jemals hören würde.

Aber sei die Review auch noch so einzigartig: Wie verfilmt man eine Zeitschrift? Martin Scorsese hatte zuvor schon Dokumentarfilme gemacht über Bob Dylan, George Harrison, die Rolling Stones, also über Leute mit filmreifem Charisma. Das haben Autoren, Denker, Kritiker nur in Ausnahmefällen. "Eine der Herausforderungen war: Wie machen wir es unterhaltsam, wie machen wir es emotional?", sagt David Tedeschi. Er war bei diesem Film der Co-Regisseur von Martin Scorsese. Der sei von Anfang an zuversichtlich gewesen, sagt Tedeschi. "Er hat gesagt: Denken und Analyse sind Teil der menschlichen Existenz, also muss es auch einen Weg geben, das in einem Film emotional einzufangen."

Kaum hatten Scorsese und Tedeschi beschlossen, diesen Film zu machen, entdeckte Scorseses Frau Helen einen Hinweis auf eine Veranstaltung in der Town Hall in Manhattan. Zur Feier des 50. Geburtstags der Review, bei der viele ihrer Autoren auftreten sollten. "Wir wussten: Das müssen wir filmen", sagt Tedeschi. "Wir stellten ganz schnell eine Crew zusammen, wir hatten weniger als zwei Wochen Zeit."

Zum Team gehörte dann sofort auch die Fotografin Brigitte Lacombe, berühmt für ihre Porträts von Stars wie Meryl Streep und Helden wie Nelson Mandela. Seit Jahren arbeitet sie mit Scorsese zusammen, sie hat viele seiner Schauspieler und seiner Sets fotografiert. Nun sollten ihre Autorenporträts neben Interviews und den Archivszenen eine tragende Rolle übernehmen. Die meisten entstanden am Rande der Geburtstagsfeierlichkeiten, in den Redaktionsräumen der Review. In einem der Büros stellte Lacombe ihre Kamera auf und fotografierte jeden, der ihr ins Zimmer gebracht wurde. "Manche von ihnen kannte ich schon, andere sah ich zum ersten Mal", sagt Lacombe. Für Inszenierungen war keine Zeit, Lacombe musste sich ganz auf ihre Reflexe verlassen. Aber so unmittelbar, in neutralem Setting, sagt sie, mache sie ihre Porträts ohnehin am liebsten.

Sind Denker, Kritiker, Autoren schwieriger zu fotografieren als glamouröse Hollywood-Stars? Nein, sagt Brigitte Lacombe, sie finde "auch die Gesichter von alten Professoren sehr interessant".

Lacombes Porträts für Scorseses Film sind auf diesen Seiten erstmals in gedruckter Form zu sehen. Sie zeigen den Dichter und Nobelpreisträger Derek Walcott, die Schriftstellerin und Essayistin Joan Didion, den Irakkriegs-Experten Mark Danner, die Reporterin Yasmine El Rashidi, die Althistorikerin Mary Beard. Und die Autorin Sue Halpern. Sie beschreibt in der Review seit vielen Jahren die Umwälzungen der Digitalisierung.

"Ich schreibe dort über Technologien der Zukunft, andere erkunden das Altertum", sagt sie. Es sei "typisch für Bob", dass er sich "mit dem Internet genauso interessiert auseinandersetzt wie zum Beispiel mit dem Römischen Reich". Wobei das Internet im Unterschied zum Römischen Reich seine Macht heute ausübt, und neben diesem Imperium wirkt die Review bei aller geistigen Größe wie ein kleines gallisches Dorf. Was kann sie dem Internet entgegensetzen? "Vieles von dem, was wir im Internet lesen, wird uns von Algorithmen geliefert, die wir nicht durchschauen", sagt Sue Halpern. Denn keine zwei Menschen sähen das gleiche Internet, wenn jeder individuell "optimierte" Suchergebnisse erhalte. Die Themenmischung einer Review- Ausgabe hingegen sei erkennbar "unsystematisch", das mache die Review zu einem "Gegenentwurf zum Algorithmus": "Der Algorithmus tut so, als ob er die Dinge sortieren kann und dir sagen kann, was wichtig ist – basierend auf irgendeiner voodoohaften Formel. Die Review sagt nur: Wir zeigen euch, worüber wir gerade nachdenken."

Es ist keineswegs so, dass die Review sich dem Internet verweigern würde: Sie führt ein lebhaftes Blog, bei Twitter verweist sie auf lange Beiträge zu aktuellen (und manchmal auch antiken) Ereignissen. So bietet sie der unaufhaltsamen, blitzschnellen Internetkultur immer wieder schöne Landeplätze in der Ideengeschichte an und betreibt wie niemand sonst die Vernetzung unserer digitalen Gegenwart mit der analogen Vergangenheit. Wie schnell sich der Kreis von "altmodisch" zu "superhip" schließen kann, zeigt eine neue Kooperation mit den jungen Wilden der Nachrichtenbranche, Vice News: In der Web-Serie Talking Heads erzählen neuerdings wechselnde Review- Autoren von ihren Recherchen und lesen, untermalt von coolen Vice-Grafiken, aus ihren Artikeln vor.

Die voranschreitende Verschmelzung von Mensch und Maschine, Bewusstsein und Computer beschäftigt die Review schon lange und von Jahr zu Jahr mehr. Kann diese Zeitschrift der Menschheit vielleicht doch noch ein kleines bisschen Autonomie gegenüber der totalen Digitalisierung bewahren? Als regelmäßig gedruckte Zeitschrift, sagt Sue Halpern, dokumentiere die Review, "dass die Leute immer noch bereit sind, zu lesen, zu denken und über ernste, komplexe Themen auf eine nicht triviale Weise zu diskutieren". Den kommenden Entwicklungen sehe sie zwar eigentlich "ziemlich pessimistisch" entgegen, sie erkenne aber auch einen Hoffnungsschimmer: "Ich unterrichte an einem College. Ich habe gemerkt, dass mir meine Studenten schreiben, wenn ein Text von mir in der Review erscheint. Und ich glaube nicht, dass ich in ihrem Google-Alert bin. Irgendwie erreichen diese Texte also auch jüngere Leute, und das ist ermutigend."

Als Robert Silvers 15 Jahre alt war, machte er eine Erfahrung, die ihm, wie er sagt, "alles bedeutet hat". Im Magazin Life hatte er einen Artikel gelesen über ein besonderes Angebot der University of Chicago. Dort konnten sich, ausnahmsweise mal, auch 15-jährige Highschool-Schüler bewerben für einen College-Kurs, der ganz den "großen Büchern" gewidmet war: Gelesen wurden Shakespeare, Marx, Platon, Kant, dazu Standardwerke über Wirtschaft, Biologie, Mathematik, Physik. "Wir haben viel Zeit mit diesen Büchern verbracht", erzählt Silvers. "Es gab Seminare und Diskussionen, sehr wenig Unterricht und am Ende große, sechsstündige Prüfungen. Ansonsten konnte man machen, was man wollte. Sie behandelten dich wie einen Erwachsenen." Die Bücher seien dort immer "die Hauptsache" gewesen: "Alle lasen dieselben", sagt er, "und so entstand eine Atmosphäre, in der wir über gemeinsame Themen reden konnten. Wir spürten, dass die Werke von Sigmund Freud und Max Weber von allergrößter Bedeutung waren." Dieses pädagogische Experiment habe eine anhaltende Aufgeschlossenheit gegenüber den großen Werken und Ideen geschaffen.

Kein Wunder, dass man sich den 85-jährigen Robert Silvers so gut als Teenager vorstellen kann – er macht heute im Grunde das, was er auch schon mit 15 gemacht hat, mit der gleichen Neugier. "Ja, so ist es", sagt er. "Es ist ein großes Glück, sich für so viele verschiedene Dinge interessieren zu können." Das klingt aber vielleicht ein bisschen zahm, also wird er noch mal laut, während er auf den Tisch hämmert: "Ich finde, man sollte jeden Tag ein Thema erkunden, über das man bisher noch gar nichts weiß."

Wenn eine Zeitschrift berechenbar werde, "dann stirbt sie" – das habe ihm vor langer Zeit Edmund Wilson gesagt, der große amerikanische Literaturkritiker (und, natürlich, Review- Autor). "Er glaubte, dass jede Zeitschrift irgendwann diesen Punkt erreicht, an dem man schon vorher weiß, was sie schreiben wird", sagt Robert Silvers. "Das war seine Theorie. Und wir versuchen, seine Prophezeiung nicht wahr werden zu lassen!" Wieder haut er kräftig auf den Tisch, und noch lauter als der Knall ist sein befreites Lachen.

Hinweis der Redaktion, 06.03.2015: Wir haben eine fehlerhafte Angabe zur Anzahl der Universitätsverlage in der Onlineversion des Artikels korrigiert.

Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Schön, von diesem Film zu erfahren. Schön auch, dass die ZEIT offenbar von diesem Thema angesteckt wurde, einen längeren Artikel zu veröffentlichen.

Ganz so einzigartig ist die NY Review of Books aber nicht. Abgesehen von ihrer Radical-Chic-Affiliation gibt es auch andere Zeitschriften, die der long form huldigen, nicht zuletzt The New Yorker. Diese Zeitschrift hat höchstwahrscheinlich eine weitaus höhere Auflage, schreibt ähnliche Artikel über ähnliche (=alle) Themen und ist für viele Leser persönlich sehr bedeutend (jedenfalls für den Verfasser).

Mich hätte, wenn man schon so viele Worte über die Alleinstellungsmerkmale der NYRB verliert, ein Vergleich mit dem New Yorker, mit The Atlantic, mit The New Republic, ja meinetwegen auch mit Cicero interessiert! Warum macht Scorcese keinen Film über die?