Art Garfunkel Auf dem Weg

Seit Jahren wandert Art Garfunkel durch Europa. Warum macht er das? Von
ZEITmagazin Nr. 10/2015

136 Kilometer vor seinem Ziel schaut Art Garfunkel auf seine Taschenuhr: 7.34 Uhr. "Dienstag, 19. August", sagt er. Er hat dabei, was er immer beim Wandern dabeihat: einen Hut (gegen die Sonne), ein Buch (gegen die Langeweile), ein Taschentuch, Papier, Stift, Landkarte, Bonbons (Geschmacksrichtung: Kirsche). Als er losläuft, ist er gut gelaunt. Er liebt den frühen Morgen: weil jeder Morgen voller Hoffnung ist.

Wenn nur die Autos nicht wären.

Am Telefon, da war er schon ein paar Tage im Norden der Türkei unterwegs, hatte er gewarnt: Es sei alles überhaupt nicht so wie sonst. Sonst suche er sich zum Wandern immer den kleinsten asphaltierten Weg, einsame Landstraßen meist, auf denen kaum Verkehr ist. Aber wo er jetzt sei, gebe es nur eine Option: die Schnellstraße E 84, zum Teil vierspurig, Tempolimit 110 km/h. Er laufe von morgens bis abends auf dem knapp zwei Meter breiten Seitenstreifen. Den müsse man sich mit ihm teilen, wenn man ihn begleiten wolle. Es sei nicht schön, sagte er, "but I have to get it done."

Das, was Art Garfunkel unbedingt zu Ende bringen will, ist ein irrsinniges und tolles Projekt: Seit 1998 durchquert er zu Fuß Europa. Seine Route: "Dublin, Wales, Poole, rüber nach Cherbourg, durch die Normandie, Paris – ein Riesenspaß! –, Lyon, Genua, Florenz, Rom, Neapel – eher trostlos –, Bari, Korfu, dann durch Nordgriechenland bis nach Istanbul." Rund 4.400 Kilometer. Zwei- bis dreimal ist er jedes Jahr von New York nach Europa geflogen, um ein paar Tage zu wandern. Dies hier ist die letzte Etappe: von İpsala an der griechisch-türkischen Grenze bis nach Istanbul.

Das ist also der Grund, warum Art Garfunkel, Jahrgang 1941, der mit Paul Simon als Simon and Garfunkel vor 500.000 Menschen im Central Park aufgetreten ist, mit ihm Sound of Silence und Mrs. Robinson gesungen hat, Lieder, die ein halbes Jahrhundert überdauert haben, warum dieser große Sänger also jetzt eine staubige türkische Schnellstraße entlangläuft. Es ist das erste Mal, dass ihn jemand beim Wandern interviewt. Wir laufen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, es wird eine Wanderung durch sein Leben: von dem kleinen Jungen in Forest Hills, Queens, bis zu dem Mann, der er heute ist.

Die E 84 durchschneidet eine hügelige, trockene Landschaft, am Rand des Asphalts Tankstellen und Schrottplätze, Parkbuchten, Baustellen und Schnellrestaurants. Art Garfunkel läuft auf der linken Seite, im Sekundentakt donnern ihm Autos und Lastwagen entgegen. Er habe, sagt er, in den vergangenen Tagen einen stillen Pakt mit jedem Fahrer geschlossen: Wir wollen beide überleben, also halten wir ein wenig Abstand. Ein Gefühl wie nach einer Reifenpanne. Vier Tage geht das jetzt schon so. Aber die Schönheit des Projekts ist größer, als die Gefahren einer verdammten Straße es sein können. Und nach dieser Schönheit hat Garfunkel immer gestrebt.

Die Sonne steigt langsam, es wird warm. Als junger Mann war Art Garfunkel eine engelhafte Erscheinung, mit seinen Locken, die wie ein Heiligenschein seinen Kopf umrahmten, und seiner hellen Stimme. Die Locken sind jetzt kürzer, dünner und rotgräulich, aber der sanfte Ausdruck ist geblieben, in seinem Gesicht und seiner Stimme. Er läuft ruhig und gleichmäßig, "5.000 Schritte noch, bis der Knöchel nicht mehr schmerzt", murmelt er, sein Tempo kennt er genau: frühmorgens 2,6 Meilen pro Stunde, danach etwas schneller, ideal sind 51 Schritte pro Minute. Manchmal misst er es mit seiner Uhr nach. Und freut sich, wenn es stimmt. Er liebt Zahlen und Berechnungen, sie schaffen Ordnung, machen Unsichtbares sichtbar. Vor dem Erfolg mit Simon and Garfunkel hat er Mathematik studiert. Unter anderem.

Damals, am College, erzählt er, habe er sich gefühlt wie ein ungebildeter Dummkopf. Er beschloss, anders als seine Kommilitonen nicht so schnell, sondern so langsam wie möglich zu studieren, "weil ich all meine Wissenslücken füllen wollte". Er studierte also Mathematik, Architektur und Kunstgeschichte, und er, der als Teenager fast nie gelesen hatte, entdeckte die Bücher. Weil der Zahlenfetischist in ihm es liebt, alle möglichen Dinge in Listen zu ordnen und zu archivieren, hat er alle Bücher, die er seit 1968 gelesen hat, akribisch dokumentiert: Titel, Verfasser, Erscheinungsjahr, Lesedatum, Seitenzahl. Die Liste beginnt mit Rousseaus Bekenntnissen, das Buch von Alice Munro in seiner Hand ist Nummer 1208. Sein Lieblingsautor? "Tolstoy", sagt er, "he writes his ass off!", was unübersetzbar ist, aber so viel bedeutet wie: Respekt!

Eine spontane Liste on the road: Was hat sich geändert, seit er seine Wanderung durch Europa begonnen hat? "Mein Gedächtnis ist schlechter geworden. Ich bin sieben Kilogramm schwerer. Ich liebe das Leben mehr als jemals zuvor. Ich habe meine zwei Söhne aufwachsen sehen. Die Beziehung zu meiner Frau Kathryn ist tiefer. Ich bin zwei Zentimeter kleiner. Ich fühle die Sterblichkeit."

Um 8.48 Uhr erreicht er nach einer langen Steigung eine Kuppe. Rechts macht sich ein Umspannwerk breit, aber vor Garfunkel fällt die Straße ab zum Marmarameer. An seinem Ufer liegt Tekirdağ, eine Stadt, die er gegen Mittag durchqueren wird. Von dort führt die Straße an der Küste entlang bis nach Istanbul. Art Garfunkel liebt das Meer. Mit dem Meer hat alles angefangen. In den achtziger Jahren fuhr er auf Frachtern mit, von New York nach Marokko, von San Francisco nach Japan, "um den eigenen Nullpunkt zu finden", sagt er, "mich leer zu machen. Wenn du keine Anregungen um dich herum hast, werden kleinste Dinge wichtig, das Essen zum Beispiel schmeckt fantastisch." In Japan lief er los, quer durch Reisfelder, richtete sich nur nach der Sonne: "Näher kann man dem Zustand eines Vierjährigen nicht kommen, dieser kindlichen Unschuld, der Freiheit unter endlosem Himmel." Er ist New Yorker durch und durch, aber alle paar Monate drängt es ihn raus aus der Stadt, "weil man dort den Horizont nicht sieht und das Gefühl verliert, wirklich auf dem Planeten Erde zu leben". Auf der Wanderung durch Japan wusste er nachmittags oft nicht, wo er nachts schlafen würde, "das war genau die Dosis Furcht, die einen spüren lässt, dass man lebendig ist".

Wenn Garfunkel erzählt, tut er dies in druckreifen Sätzen, ohne Ausnahme. 1993 hat er, laut Liste, das Random House Dictionary durchgelesen, "1.664 Seiten, 257.000 Einträge", natürlich weiß er das. Er las es, warum auch immer, von hinten nach vorn und schrieb sich Wörter heraus, die er nicht kannte oder besonders mochte. Um präziser und schöner formulieren zu können. In solchen Dingen ist er ein echter Nerd.

Auf dem Weg hinunter nach Tekirdağ geht Garfunkel über eine Baustelle. Es riecht nach frischem Teer, zwei Arbeiter in orangenen Westen kommen ihm entgegen. "Istanbul!", antwortet Garfunkel auf ihre fragenden Blicke, sie lachen, "my friend!", ruft einer und umarmt den seltsamen Wanderer. Vor seinem "Euro-Walk" ist Garfunkel quer durch die USA gelaufen, 4.000 Meilen, 40 Etappen, elf Jahre, fünf Paar Turnschuhe, aber erkannt wurde er fast nie. Weil niemand erwartet, dass einer wie er zu Fuß unterwegs ist. Angst habe er nicht gehabt, "ich glaube, die Welt ist gut", sagt er, "vielleicht ist das naiv". Nur einmal, in Ohio, warfen ein paar Jugendliche leere Bierdosen nach ihm.

Dinge, die er beim Wandern gelernt hat: "Wege, die wie Abkürzungen aussehen, sind oft Sackgassen. Bäume sind wunderschön. Menschen in Kleinstädten sind frustriert, weil ihre Städte sterben. Wie leer die USA sind, diese Weite hinter dem Mississippi! Es gibt einen Film, der großartig ist, er heißt ›Morgen! Nachmittag! Abend!‹, und er läuft jeden Tag überall auf der Welt."

Art Garfunkel ist ein erstaunlicher Mensch. Weil er, obwohl er so viel gesehen und erlebt, so viel Applaus bekommen hat, ein staunender Mensch geblieben ist. Er ist immer in Bewegung, körperlich wie geistig. "Ich versuche", sagt er, "für mich selbst interessant zu bleiben." Es macht Spaß, ihm beim Denken zuzuhören. Auf dem Asphalt kriecht ein Tausendfüßler, er beugt sich hinunter: "Hey, du bist ein Tausendfüßler, aber wir sind tausendmal schneller als du!" Schaut er in den Himmel, fällt ihm ein Zitat aus einem Roman von James Joyce ein: "A day of dappled seaborne clouds" – "Ein Tag gescheckter meergetragner Wolken". Als eine etwas bieder aussehende Frau über die Straße geht, sagt er: "In den USA wäre das eine Elaine", und wie er den Namen betont und in die Länge zieht, ahnt man, dass bereits eine ganze Biografie in seinem Kopf entstanden ist. Manchmal, wenn er mit seinem neunjährigen Sohn Beau Quatsch macht, denkt er sich lustige Namen aus, einfach weil er mag, wie sie klingen: "Nenn mich nicht Papa, sage ich ihm dann, nenn mich ... Marve Thornbury!"

Für sich selbst interessant zu bleiben ist die vielleicht schwierigste Herausforderung überhaupt. Garfunkel sagt, er sei "self-monitoring", jemand, der sich ständig selbst überprüft, ob er seinen eigenen Ansprüchen genügt. "Faulheit akzeptiere ich nicht, Nichtstun kann ich nicht, ich habe diese nervöse Energie in mir, in jeder Minute frage ich mich: Was sehe ich da, was ist das?" Mit dieser Haltung beobachtet er auch seine Umgebung. Berechnet ihre Reaktionen, fordert Aufmerksamkeit, prüft, ob die Originalität seiner Gedanken wertgeschätzt wird. Findet er eine Frage banal, kann er einen seine Enttäuschung spüren lassen. Die Ansprüche, die er an sich selbst hat, stellt er auch an sein Gegenüber. Alles andere würde Langeweile bedeuten. Stillstand.

Kurz vor zehn, Garfunkel setzt sich an einer Tankstelle am Rand von Tekirdağ auf eine Bank im Schatten. Früher ist er allein gelaufen, mittlerweile hat er einen Assistenten, Matt, ein junger Toningenieur, mit dem er bei seiner letzten CD und bei Konzerten zusammengearbeitet hat. Matt setzt ihn jeden Morgen an dem Punkt ab, den sie am Abend zuvor erreicht haben, fährt mit dem Auto ein paar Kilometer voraus, läuft ihm entgegen, gibt ihm Wasser oder einen Müsliriegel, begleitet ihn ein Stück. Jetzt hat er eine Fanta und Schokolade besorgt. Zeit für ein paar Fotos, Garfunkel hat sehr genaue Vorstellungen: nur von vorn, kein Profil. Professionelles Lächeln. Er holt die zerknitterte Karte aus seiner Hosentasche, auf der seine Route eingezeichnet ist. Er mag Karten aus Papier, sie haben ihn all die Jahre gut geführt und lassen einen im Funkloch nicht im Stich. "Früher war einiges besser", sagt er und überlegt kurz. "Einzige Ausnahme: Turnschuhe!"

In Tekirdağ möchte man auf keinen Fall seinen Urlaub verbringen, aber für Art Garfunkel ist die Stadt heute eine Erholung: Die Autos fahren langsamer, es gibt einen Bürgersteig. Hinter ein paar Hochhäusern wird das Minarett einer Moschee sichtbar. "Wie es wohl wäre, dort oben zu singen", Garfunkel summt ein hebräisches Lied, das er früher als Junge immer nach der Ansprache des Rabbis in der Synagoge sang, "die alten Männer fingen dann an zu weinen, und ich wusste: Gott hat mir ein besonderes Talent geschenkt".

Eine kleine Treppe führt zum Eingang der Moschee. Eigentlich gehört es zu Garfunkels unumstößlichen Wanderregeln, nie irgendwo stehen zu bleiben, nicht zum Trinken, nicht zum Auf-die-Karte-Schauen und schon gar nicht, um sich etwas anzusehen, egal, wie interessant es scheint. Weil eine solche Wanderung sonst kein Ende findet. Weil es ums Vorankommen geht. Um den Rhythmus. Aber jetzt streift er seine schwarzen Turnschuhe ab und geht hinein in die Moschee. Ein paar Jungs folgen ihm kichernd, auch der Moscheevorstand ist da, fröhlicher Aufruhr allerseits, Garfunkel steht unter der Kuppel und singt leise, man hört ihn kaum, alle reden durcheinander und eh man irgendetwas erklären kann, ist Garfunkel schon wieder auf der Straße. Er habe nur die Akustik getestet, früher habe er das überall gemacht: in Treppenhäusern, in Badezimmern, "die Akustik war immer mein wahrhaftiger Partner, mehr als Paul Simon". Der Satz gefällt ihm, "schreib den auf jeden Fall auf!"

Jetzt sind wir, ganz unverhofft, mittendrin in dem Minenfeld, das man sehr vorsichtig betreten sollte. Art Garfunkel ist da recht eigen: Er redet zwar über die Zeit mit Paul Simon, wird aber nicht gern danach gefragt. Die ungewöhnliche Offenheit, mit der er einem begegnet, ist mit dem anstrengenden Misstrauen gepaart, nicht genügend respektiert zu werden. Was wiederum mit Paul Simon zu tun hat. Aber davon will er noch nicht sprechen. Sondern über seine Stimme. Und darüber, wie er sie beinahe verloren hätte.

Im Januar 2010, er hatte gerade ein Konzert in Nicaragua gegeben, traf er sich mit seinem erwachsenen Sohn James in New York zum Essen. Er verschluckte sich, ein Stück Hummer blieb in seiner Luftröhre stecken, er bekam keine Luft mehr, sein Sohn umfasste ihn und versuchte, durch ruckartiges Zusammenpressen Garfunkels Luftröhre frei zu bekommen. Es gelang. Aber danach war Garfunkel heiser. Und blieb es. "Es war, als hätte ich meine Identität verloren", sagt er, "wer bin ich denn schon ohne meine Stimme? Bin ich jetzt nur noch irgendein Typ namens Gunther, der nicht singen kann?" Monatelang trainierte er seine Stimme, sang zuerst nur für sich zu Musik auf seinem iPod. Zum ersten Mal wieder vor Menschen sang er in dem buddhistischen Zentrum, in dem seine Frau Mitglied ist, "es war beschissen, aber dort sind sie ja zum Glück sehr nachsichtig". Langsam gewann er an Sicherheit. "Es war eine unheimlich harte Zeit", sagt er, "aber die gute Nachricht ist: Art Garfunkel ist begeistert, wieder singen zu können!" Im Februar 2013 nahm er zwei neue Songs auf. Seit ein paar Wochen ist er jetzt sogar auf Tour, diesen Monat kommt er für zwei Konzerte nach Deutschland.

Was Art Garfunkel am liebsten auf dem iPod hört: "1. Ong So Hung , ein indisches Mantra, 2. Stimmübungen 1–7, 3. James Taylor, 4. J.J. Cale, 5. The Everly Brothers, 6. Chet Baker, 7. Art Garfunkel, 8. Bruce Hornsby, 9. Maurice Ravel, 10. J. S. Bach."

Um 12.30 Uhr, Kilometer 13,5, hat Art Garfunkel die Uferpromenade von Tekirdağ erreicht. Eiswagen, Spielautomaten, Imbissbuden, Händchen haltende Paare. Die Sonne brennt senkrecht, Zeit für die Mittagspause. Matt wartet schon, er fährt ihn ins Hotel, Siesta. Erst spät am Nachmittag, als die schlimmste Hitze sich gelegt hat, geht es weiter. Das Licht ist jetzt sanft, Garfunkels Schatten wird länger. Als das Stadtzentrum hinter ihm liegt, erzählt er, dass er ein Buch über sein Leben schreibt. Es beginnt mit dem 2. Januar 1969, dem Tag, an dem er seinen Koffer packt, um nach Mexiko zu fliegen, zu den Dreharbeiten des Films Catch 22 von Mike Nichols. Paul Simon bleibt zurück in New York und schreibt die Songs für das Album Bridge over Troubled Water. "Das war", sagt Garfunkel, "der Anfang vom Ende von Simon and Garfunkel." Sie trennen sich nach der Veröffentlichung des Albums, das ihr erfolgreichstes wird. In einem der schönsten Songs darauf beschreibt Simon, wie er sich fühlte, als Garfunkel in Mexiko war, er heißt The Only Living Boy in New York.

Die erste Zeile lautet: "Tom, get your plane right on time". Mit Tom ist Garfunkel gemeint. Als sie beide 16 waren und gemeinsam zur Schule gingen, landeten sie als Tom & Jerry ihren ersten kleinen Hit: Hey Schoolgirl. Kennengelernt hatten sie sich schon Jahre vorher, Paul hörte Art bei einer Schulaufführung in der Aula singen, und als er merkte, wie alle im Saal diese Stimme bewunderten, wollte er auch singen können. "Ich brachte es ihm bei", sagt Garfunkel, "wir übten bei uns im Keller, Nase an Nase." Paul habe auf der Gitarre einen "sexy slippin’ slidin’ groove" draufgehabt, "wir kombinierten unsere Talente". Sie verstanden sich ohne Worte und teilten eine Obsession, die man bis heute in vielem erkennt, was Art Garfunkel tut: jedes Detail ganz genau hinzukriegen. Deswegen wurden sie so erfolgreich. Und deswegen war ihre Beziehung so kompliziert.

Nach dem Erfolg mit Hey Schoolgirl stritten sie sich, wohl recht heftig, es reichte jedenfalls, um volle vier Jahre nicht miteinander zu reden. Dann taten sie sich wieder zusammen, machten als Simon and Garfunkel 1964 das Album Wednesday Morning, 3 A.M., ein Flop. Sie trennten sich erneut. Ohne ihr Wissen legte ein Produzent zwei Jahre später E-Gitarre und Schlagzeug unter einen der Songs: Sound of Silence wurde ihr erster Nummer-eins-Hit, obwohl es sie ja eigentlich gar nicht mehr gab. Es folgten vier Alben, bis 1970. Dann ging es nicht mehr. Simon ertrug es nicht, wenn Garfunkel im Scheinwerferlicht stand und allein Bridge over Troubled Water sang, das Lied, das Simon geschrieben hatte und für sein bestes hielt. Er ärgerte sich, dass Garfunkel ihn überredet hatte, dem Song "aus mathematischen Gründen" eine dritte Strophe hinzuzufügen, ohne die, wie Simon fand, sein Meisterwerk perfekt gewesen wäre. Garfunkel wiederum ertrug es nicht, dass Simon als der wahre Künstler des Duos galt, weil die Songs von ihm stammten, obwohl es doch Garfunkels Stimme war, die den Songs ihren unverwechselbaren Klang gab.

Art Garfunkel ist ein Schwärmer, ein Idealist, ein Romantiker. Paul Simon sagt man Schärfe nach, Ironie, Schwermut. "Wenn man so unterschiedlich ist wie wir", sagt Art Garfunkel, während er dem Abend entgegenläuft, "dann kann man nur zusammenbleiben, wenn es einen höheren Grund gibt." Bei ihnen war es die Magie, die sie spürten, als sie als Elfjährige zusammen im Keller übten: dass sie, zwei blasse, unauffällige Jungs aus Queens, zusammen etwas ganz Besonderes sein konnten. Wenn sie Musik machten, so beschreibt es Garfunkel, war es, als ob eine dritte Simon-and-Garfunkel-Person aus ihnen aufsteige. Aber am Ende waren die Schwierigkeiten des Alltags stärker als die Schönheit ihrer Musik. Sie trennten sich, weil jeder sein Talent für sich glänzen lassen wollte. Das klappte auch, bei Simon etwas mehr, bei Garfunkel etwas weniger. Aber niemals leuchtete es so hell und schön wie zu ihrer gemeinsamen Zeit.

Eine Liste, die Garfunkel "Wie lange Dinge dauern" nennt und 1984 schrieb: "Einatmen – Ausatmen: 4 Sekunden. Eine Welle in der Brandung: 10 Sekunden. Waschen und trocknen: 80 Minuten. Ebbe und Flut: 6 Stunden. Eine gute Studio-Session: 12 Stunden. Heilen einer Schnittverletzung: 8 Tage. Blätter am Baum: 6 Monate. Versuch, über einen Streit mit einem Freund hinwegzukommen: 1–5 Jahre."

Sie sind jetzt beide über 70, aber der Drang nach Abgrenzung ist geblieben. Manchmal nimmt das fast komische Züge an: 2011 brachte Simon ein Album heraus mit seinen besten Songs, er nannte es The Songwriter. Ein Jahr später brachte Garfunkel ein Album mit seinen besten Songs heraus, er nannte es The Singer. Doch die Sehnsucht nach ihrer vollkommenen Harmonie hat sie in vielen Reunion-Konzerten wieder zusammengebracht, das berühmteste war 1981 im Central Park, vor einer halben Million Menschen (danach zerstritten sie sich wieder). Zuletzt tourten sie 2009, die Tour hieß wie einer ihrer erfolgreichsten Songs: Old Friends.

Die Sonne steht jetzt ganz tief, Art Garfunkel läuft ihr entgegen, bis sie leuchtend rot untergeht. In einer seiner Listen vergleicht er einen Tag mit dem Leben eines Menschen, der 84 Jahre alt wird: Von morgens um sieben bis abends um neun, jede Stunde steht für sechs Jahre. "Ich frühstückte in Queens, verbrachte den Morgen in der Schule, der Ruhm kam um elf", schrieb er. Mittags hat er im Central Park gesungen, jetzt gerade ist es nach dieser Rechnung in seinem Leben kurz vor halb acht abends, ungefähr so spät, wie es gerade wirklich ist. "Der frühe Abend ist eine wunderbare Zeit", sagt er, "man sitzt mit Freunden zusammen und spricht über den Tag: War es nicht schön? Habe ich heute alles richtig gemacht? Ich hoffe, dass ich in den nächsten Stunden noch einiges erlebe, draußen sein kann, um den Himmel zu bewundern."

Seine Wanderung endet heute an einem Ort, der von so absurder Schönheit ist, wie der ganze Tag es war: mitten zwischen Hunderten kitschig bunten Disney-Gartenfiguren, die am Straßenrand verkauft werden. Acht Stunden Wanderung liegen hinter ihm, 22,6 Kilometer. Art Garfunkel trägt es in ein Notizbuch ein, "ich glaube, wir sind langsamer als geplant", sagt er zu Matt. Er ist müde. "Ich bin nicht gut darin, etwas zu Ende zu bringen", entschuldigt er sich, als er sich im Hotel hastig verabschiedet, "ich werde überempfindlich beim letzten Prozent von allem, was ich mache." Das letzte Prozent seiner Wanderung nach Istanbul wird durch seelenlose Betonstädte führen, es wird noch hässlicher und lauter werden. Vielleicht ist es mit der Wanderung und der Schnellstraße ein bisschen so wie mit Art und Paul und der Musik: Manchmal, wenn es einfach keinen Spaß mehr macht, muss man sich fragen, ob man wirklich weitermachen will. Oder ob es nicht auch gut ist, zurückzublicken und zu erkennen, dass das, was hinter einem liegt, an Schönheit nicht mehr überboten werden muss.

Drei Tage später schreibt Art Garfunkel abends eine E-Mail: "Ich bin jetzt an dem Punkt, an dem ich meine Wanderung beende. Es ist Freitag, der 22. August. Du hast die Vororte von Istanbul gesehen. Hier in Silivri fehlen mir noch 50 Kilometer bis zu meinem Ziel. Genug, denke ich. Nur Allah ist ohne Fehler. (Vielleicht morgen früh noch mal drüber nachdenken?)"

Art Garfunkel und Paul Simon gehören als "Simon and Garfunkel" zu den erfolgreichsten Musikern der sechziger Jahre. Garfunkel, 74, lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Söhnen in New York. Zuletzt erschien von ihm 2012 das Album "The Singer"

Kommentare

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Das Titelfoto animiert nicht gerade zur Nachahmung. Einen ganzen Tag an einer vierspurigen Europa-Strasse mit einem Höllenlärm und extremer Feinstaubbelastung entlang zu laufen, das brauche ich nicht. Als Alternative gibt es in allen Staaten Europas traumhafte Fernwanderwege. Die sind etwas länger als Schnellstraßen. Ansonsten sind diese Langstrecken-Wanderungen sehr zu empfehlen. Ich erinnere mich noch gern an eine Wanderung zusammen mit meinem 12-jährigen Sohn auf dem Rheinhöhenweg bzw. Rheinsteig im oberen Mittelrheintal zwischen Rüdesheim und Koblenz. Der gut ausgeschilderte Fußweg von München nach Venedig ist zur Nachahmung auch sehr empfohlen. Ich wandere sehr gern in Gebieten, in denen ich die Sprache der Bewohner verstehe. Dabei ist mein Motto: "Der Weg ist das Ziel !"