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Erben Eine Klasse für sich

Noch nie wurde in Deutschland so viel Vermögen vererbt. Ist es gerecht, dass manche, ohne zu arbeiten, viel Geld kriegen und dafür kaum Steuern zahlen? Zeit für ein paar Fragen. Von
ZEITmagazin Nr. 11/2015

Es gilt als ungehörig, über das Erben zu reden. Wohl weil dem Erben meist das Sterben vorangeht – und wenig so intim ist wie der Tod. Wenn ein Leben mit dem letzten Atemzug erlischt, dann ist das privat. Es geht nur die an, die den Toten kannten, liebten, hassten; die schreien, weinen oder beschämt aufatmen, die Witwer und Witwen, die Kinder, die Enkel: die Erben eben.

In Wahrheit aber ist das Erben alles andere als privat, und es ist höchst ungehörig, darüber zu schweigen. Denn dieser intime Akt, der sich Jahr für Jahr tausendfach wiederholt, wird Deutschland verändern. Das nächste Jahrzehnt wird die Dekade der Erben: In den Vermögensabteilungen der Banken, wo man am eifrigsten solche Prognosen erstellt, rechnet man damit, dass zwischen zwei und vier Billionen Euro weitergereicht werden, also zwischen zweitausend und viertausend Milliarden. (Zum Vergleich: Griechenlands Schulden belaufen sich auf 320 Milliarden.) Ein Vermögenstransfer, wie er in Deutschland noch nie vorgekommen ist.

Die Geschichte der neuen deutschen Erbengesellschaft beginnt mit einem historischen Glücksfall: In Jahrzehnten des Friedens und wirtschaftlichen Wachstums konnten die Nachkriegsgenerationen ungekannte Reichtümer aufhäufen. Und dafür sorgen, dass wir in einer Zeit der finanziellen Superlative leben: Noch nie waren die Privatvermögen in Deutschland so groß wie heute. Auf rund zehn Billionen Euro taxierte sie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Noch nie ballten sich solche Reichtümer in der Generation der Rentner und Pensionäre. Und – das ist der Haken – das Vermögen ist extrem ungleich verteilt. Bislang war man davon ausgegangen, dass die reichsten zehn Prozent rund 60 Prozent des Privatvermögens besitzen. Zu dieser Gruppe gehört man laut Sozio-oekonomischem Panel, wenn auf jede Person im Haushalt, die über 17 Jahre alt ist, ein Nettovermögen von mindestens 215.000 Euro entfällt. Im Februar präsentierte ein Forscherteam des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung eine Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, wonach die Ballung noch massiver sein könnte: Sie vermuten zwischen 63 und 74 Prozent des Privatvermögens bei den reichsten zehn Prozent.

Wer diese Fakten kennt, den wird der Schluss, den Wissenschaftler ziehen, kaum verwundern: Deutschland wird sich in den kommenden Jahren zur Erbenrepublik wandeln. Und die wird vor allem eines sein – ungerecht. Die eine Hälfte der Deutschen wird voraussichtlich gar nichts erben, allenfalls Schulden. In die Taschen der glücklichsten acht Prozent der Erben aber werden wohl über 40 Prozent des deutschen Vermögens transferiert. Gerade für die in den siebziger Jahren Geborenen spielen Erbschaften in den nächsten Jahren eine maßgebliche Rolle. Erbschaften werden über Glück und Unglück einer Generation entscheiden – ganz so, als lebten wir wieder im 19. Jahrhundert.

Ich bin 35 Jahre alt, geboren 1979. Noch vor wenigen Jahren hatte ich folgendes Bild des Landes, in dem ich aufgewachsen war: das eines modernen Staates, der jedem Lebenschancen bietet und jede Anstrengung belohnt. Hier zählt vor allem, was du selbst aus deinem Leben machst, dachte ich, nicht, was deine Eltern erreicht haben. Die meisten meiner Freunde waren wie ich aus der Provinz in die große Stadt gezogen, um dort das eigene Leben zu beginnen. Wir hatten studiert und danach alle Facetten der modernen Arbeitswelt kennengelernt: Zeitverträge und feste Stellen, Ausbeuterlöhne und gute Gehälter. Wir merkten schnell, dass sich unsere Karrieren nicht so glatt und sicher entwickelten wie die unserer Eltern, als man noch von der "Laufbahn" sprach. Aber wir glaubten daran, dass Talent und Fleiß uns ein gutes Leben verschaffen würden.

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Etwas änderte sich, als wir für die Zukunft festere Rahmen zimmerten, Kinder zur Welt brachten. Da klagten die einen über steigende Mieten, doch die anderen wohnten plötzlich in Immobilien, die auch ihnen bislang unbezahlbar erschienen waren. "Alle um mich herum kaufen Wohnungen oder Häuser", staunte einer meiner besten Freunde. "Für 400.000 Euro. Für 600.000. Wie machen sie das?" Mein Freund hat eine gute Stelle. Oft arbeitet er sechzig Stunden in der Woche. Doch jetzt ahnt er: Wenn man wie er – und wie ich auch – keine große Erbschaft erwarten kann, wird man nie gleichziehen. "Egal, wie viel wir arbeiten", sagt er.

Die meisten der "anderen" Freunde werden einsilbig, wenn sie nach den Quellen ihres plötzlichen Wohlstands gefragt werden. Sie murmeln etwas von "Eltern", von "vorgezogenem Erbe" oder "Schenkung". Ich begriff, dass nun, da wir erwachsen sind, plötzlich doch spielentscheidend wird, was die Eltern da in der fernen Provinz eigentlich getrieben haben. Und was deren Eltern zuvor getan haben. Lange zweifelte ich. Dann aber erkannte ich, dass es einen Faktor gibt, der für uns, die wir heute zwischen dreißig und vierzig sind, die Frage "Wie wirst du leben?" entscheidet. Einen Faktor, an den ich bis dahin nie gedacht hatte: "Bist du Erbe oder nicht?"

Um den Unterschied zu erforschen, begebe ich mich auf die Suche nach Erben und nach Menschen, die sich über das Erben Gedanken machen. Mein erster Weg führt in eine Berliner Gegend, die seit Jahren beliebter und teurer wird.

Lars ist Anfang vierzig. Er führt mich, etwas beschämt, durch seine wunderschöne Wohnung. Dabei hat Lars das Orchideenfach Musikwissenschaft studiert, das üblicherweise wenig einbringt. Er arbeitet, genau wie seine Frau. Die beiden haben drei Kinder. Sie leben mitten in der Stadt. "Irgendwann", sagt Lars, "war auf dem Mietmarkt für uns das Ende der Fahnenstange erreicht. Wir wollten Strukturen schaffen, in denen wir uns sicher fühlen – mit drei Kindern in dieser irren Welt." Und so kauften sie auf dem momentan genauso irren großstädtischen Immobilienmarkt ebendiese Wohnung für eine knappe halbe Million Euro. Geld, das sie sich niemals hätten erarbeiten können, das ihnen Lars’ Vater vermacht hat. Geld, das ihre Freunde nie haben werden. Er sei dankbar für die Wohnung, sagt Lars. "Aber jetzt sitzen meine Freunde in meiner Küche und erzählen davon, dass ihre Wohnung zu klein wird, dass sie für ihren Ältesten kein eigenes Zimmer haben, dass sie anfangen, kleine Kajüten in die Wände zu bauen, um den Kindern wenigstens ein bisschen Privatsphäre zu schaffen. Und ich sitze dabei und fühle mich total bescheuert, weil ich weiß: Ich habe es nicht verdient. Im wahrsten Sinne des Wortes: nicht verdient."

Solche Bekenntnisse von Erben zu bekommen ist mühsam. Der Wunsch, nicht über das Geld der Eltern und Großeltern zu reden, eint sie. Am Ende haben sich einige doch überwunden: reiche Erben und zerstrittene Erben, glückliche und verzweifelte Erben. Doch meine Auswahl ist verzerrt. Denn offensichtlich sind vor allem diejenigen bereit, ihr Schweigen zu brechen, denen ihr Erbe Unbehagen bereitet. Ich konfrontiere sie und mich mit der Frage: Wäre es nicht nötig, herauszufinden, wie das Land sich verändern wird, wenn wir doch wissen, dass Erbschaften für unsere Generation so entscheidend sind? Ist die Erbengesellschaft ungerecht, unmodern, ja undemokratisch? Oder völlig in Ordnung, weil es doch ein Urtrieb des Menschen ist, seinen Kindern etwas weiterzugeben? Und: Warum wird um die Sache mit dem Erben nicht heftiger gestritten?

Doch der Erbenforscher scheitert schon an der Statistik: Niemand vermag mit letzter Sicherheit zu sagen, wie viel pro Jahr vererbt wird. Ich vermute, dass es im Moment gut 250 Milliarden Euro sind. Diese imposante Zahl beruht auf einer Schätzung des Instituts für Altersvorsorge und einer Metastudie der Paris School of Economics. Aber befriedigend ist die Datenlage nicht. Die deutsche Öffentlichkeit weiß wenig über ihre Reichen und fast nichts über ihre Erben. Für keine der Datensammlungen – ob Mikrozensus, Einkommens- und Verbraucherstichprobe oder Sozio-oekonomisches Panel – werden Menschen mit großen Vermögen befragt. Weil es nie gelingt, sie zur Teilnahme an solchen Studien zu bewegen. Seit die Vermögensteuer nicht mehr erhoben wird, hat auch der Staat keine verlässlichen Daten mehr zum Reichtum seiner Bürger.

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So füllt qualifizierte Raterei die Lücken: Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung überraschte Mitte 2014 mit der Aussage, dass lediglich gut 60 Milliarden Euro pro Jahr vererbt würden. Andere rechnen mit 140 Milliarden Euro, ein Branchendienst, der Daten an Banken liefert, geht von 360 Milliarden Euro aus. Auch bei den Regierungsfraktionen herrscht beim Thema Erbschaftsvolumen keine Einigkeit: Es seien 74 Milliarden Euro, sagt die finanzpolitische Sprecherin der CDU. 250 Milliarden, vermutet der Kollege von der SPD. Klärungsbedarf sehen beide nicht.

Die Finanzämter nahmen im Jahr 2014 rund 5,5 Milliarden Euro Erbschaftsteuer ein. Das mag nach viel Geld klingen – aber wenn tatsächlich 250 Milliarden Euro pro Jahr vererbt werden, entspricht das einer Steuerquote von zwei Prozent.

Ich besuche Beate.

Vieles an Beate wirkt, als wolle sie ihr Normalsein mit dickem Strich betonen. Ihre kurzen Haare, die zurückgenommene Kleidung, die 80-Quadratmeter-Wohnung, in der sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern zur Miete wohnt. Dabei könnte Beate ein großzügigeres Leben führen. Sie ist Erbin. Seit Jahren lagert das meiste Geld unberührt auf ihrem Konto. Außer ihrem Mann und zwei Freundinnen weiß niemand davon. "Ich finde erben ungerecht und undemokratisch", sagt sie. "Man wird, wie ich, in eine Familie hineingeboren, in der sowieso schon viel Geld da ist. Man kriegt, wie ich, ein Studium finanziert und hat dann alle Möglichkeiten. Da finde ich es illegitim, dann auch noch zu erben." Beate arbeitet als Wissenschaftlerin an einem Forschungsinstitut. Dass der Staat ihr Gehalt massiv besteuert, ihre Kapitalerträge weitaus geringer und ihre Erbschaft bislang gar nicht, findet sie nicht in Ordnung. Auch wenn sie weiß, was ihre Eltern entgegnen würden: Das Geld haben wir uns hart erarbeitet. Es ist bereits besteuert, hatten sie immer betont. Es wäre ungerecht, es noch ein zweites Mal zu versteuern. Beate sagt: "Ich würde am liebsten hohe Erbschaftsteuern zahlen. Aber leider gibt es diese Möglichkeit ja nicht." Dann zählt sie auf: Von jedem Euro, den sie als Wissenschaftlerin erarbeitet, zahlt sie maximal 42 Cent an den Staat. Von jedem Euro, den ihr angelegtes Kapital ihr einbringt, 25 Cent. Und von ihrem ererbten Geld: bislang nichts. Was daran liegt, dass ihre Eltern das Erbe als Schenkung gestückelt und den Freibetrag in Höhe von 400.000 Euro pro zehn Jahre ausgeschöpft haben.

Damit dringt man zum Kern der Erbschaftsdebatte vor. Die sollte nicht von Neid getrieben sein. Nicht von der Idee, jemandem etwas wegnehmen zu wollen. Es geht vielmehr darum, wie die ökonomische Architektur des Landes aussehen soll. Das deutsche Steuersystem hat eine gewaltige Unwucht: Arbeit und Konsum werden hoch besteuert. Das heißt, dass vor allem die Menschen für die Gemeinschaft bezahlen, die etwas ersinnen und erschaffen. Nicht diejenigen, die viel besitzen. 1998 wurde die Vermögensteuer ausgesetzt. 2009 wurden dann die Abgaben auf Kapitalerträge bei 25 Prozent gedeckelt. Mit Folgen: Das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Vermögen verschiebt sich. Im Jahr 1975 machten Kapitalerträge in Deutschland nur 18 Prozent des Volkseinkommens aus. Das allermeiste wurde erarbeitet. Inzwischen hat sich der Anteil der Kapitaleinkommen fast verdoppelt und liegt, laut dem französischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, bei 32 Prozent. Das bedeutet, dass die Gesellschaft vermögender geworden ist – und mehr von Kapitalerträgen lebt. Allerdings ist dieses Kapital nicht breit verteilt: Die Hälfte der Deutschen besitzt weniger als 16.000 Euro.

Kommentare

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Sehr geehrte Frau Friedrichs,

Sie schreiben selber, dass Sie keine große Erbschaft zu erwarten haben, wollen aber, dass andere von ihrem Erbe abgeben. Würde man ihre Logik erweitern, müsste jeder Deutsche Geld an ärmere Länder abgeben, denn er oder sie hatte ja nur Glück in Deutschland eine besser bezahlte Arbeit zu haben.
Warum gönnen Sie ihren vermeintlichen Freunden nicht ein wenig Lebensglück, welches in der Regel hart erarbeitet und versteuert wurde?
Fällt Ihnen das so schwer?

Hier noch die biologische Sichtweise: Evolutionstechnisch ist das Vererben nicht so schlecht wie es auf den ersten Blick scheint. Natürlich pflanzen sich so auch "LooserInnen" verstärkt fort. Der Evolution kann dies aber nützen da Letztere ja immerhin die Gene eines erfolgreichen Vaters oder einer erfolgreichen Mutter in sich tragen. Bei fortgesetztem Misserfolg sollte das Vermögen spätestens nach der dritten Generation aufgezehrt sein. Und hier beginnt der Auftrag der Politik!

Gott gönne Ihnen Ihren Neid, Frau Friedrich.
Ja, ich habe auch geerbt, ein kleines Einfamilienhaus. Das Erbe ist vollständig für die Pflegekosten meiner Eltern draufgegangen und hat dennoch nicht gereicht.
Daher werde ich meinen Kindern nicht mehr so viel vererben können.
Im übrigen gehe ich davon aus, dass diese zu vererbenden Vermögen i.d.R. bereits versteuert wurden. Es gibt bei uns nicht nur Betrüger.
Welche Steuern hätten Sie denn gerne noch und wofür?

Hauptsache von Neid sprechen, lesen Sie doch erst mal den Text richtig.

Frau Friedrichs hat sich alle Mühe gemacht zu erörtern, dass es weder um den "Klein-Erben" geht noch um den Akt des Erben an sich.

Es geht um um die !Relation! in der Besteuerung und die Langzeitfolgen für die Gesellschaft, die daraus entstehen.
Zu einer Gesellschaft, die den Gehaltsunterschied zwischen Manager und Putzfrau mit Leistung erklärt, passt es nicht, weitgehend "kostenlos" zu erben.
Wenn sich Leistung lohnen soll, dann macht 40% Steuern auf Einkommen, 25% auf Kapitalerträge und auf 0% Erbe keinen Sinn - das hat mit Neid überhaupt nichts zu tun.Viel mehr wird deutlich, dass man Leistung nur dazu benutzt, dem Arbeitnehmer zu erklären, warum er was nicht hat, aber nicht mit Leistung erklärt, warum einige alles haben.

Rechnen Sie es sich doch mal aus, ob Sie mit einer pauschalen Versteuerung von 30% (unter der Annahme, dass Sie heute 40-45% Einkommenssteuer zahlen) auf alle Einkommen (inklusive Erbe) die Pflege Ihrer Eltern nicht hätten besser bezahlen können.

Deutschland wird mehr und mehr zu einem Land ( das ist auch statistisch nachweisbar, Stichwort Investitionsquote), wo das Geld, was eigentlich investiert werden müsste, in Form von Wertpapierdepots, Immobilien und Stiftungen weitergereicht wird, wo es dann leistungslos mit dem DAX oder dem Mietpreisspiegel Einkommen erzeugt, welches dann wiederum geringer besteuert wird.

Einkommenssteuer (Steuer auf erbrachte Leistung) runter, Erbschaftssteuer (und Kapitalertragssteuer) rauf