Gesellschaftskritik Über weinende Männer

© Paul Hackett/Getty Images
ZEITmagazin Nr. 12/2015

Emma Watson, das niedliche Zauberlehrlingsmädchen aus den Harry Potter-Filmen, ist bekanntermaßen längst erwachsen geworden. Zum Weltfrauentag redete sie unlängst in einem Live-Chat ihren rund 30 Millionen Facebook-Fans ins Gewissen. Sie sollten endlich die Sache der Emanzipation befördern – durch Abbau der veralteten Geschlechterklischees: "Männer, die nicht weinen können, verstören mich!"

Nun ist die Hoffnung, die Lage der Frauen werde sich bessern, wenn die Männer ihre weibliche Seite entdeckten, ihrerseits eine ziemlich altmodische Illusion. Denn der Mann, der sich Reaktionsweisen zugesteht, die traditionell als weiblich gelten, macht damit noch lange nicht den Frauen Platz. Vielmehr besetzt er damit auch noch diesen Platz – den Platz des spontanen Gefühlsausbruchs, der eingestandenen Verletzlichkeit. Wie soll frau mit einem solchen Mann reden oder ihm gar seine Dominanz vorhalten? Ein schluchzender Mann ist nicht dominant.

So denkt man jedenfalls, gemeinhin. Indes kann man nur so denken, solange man an dem Klischee festhält, das Weinen mit Weichheit und Weiblichkeit gleichsetzt. Die Mentalitätsgeschichte des alten Europas spricht allerdings ganz dagegen. In den homerischen Epen weinen die härtesten Männer, je härter, desto hemmungsloser. Agamemnon heult vor Wut, vor Schmerz und vor Kränkung, Achill tropft sein Zelt mit Tränen voll aus Kummer über den toten Patroklos, überall spritzt den hellenischen Recken das Wasser nur so aus den Augen, ohne dass sie deswegen darauf verzichten würden, Frauen zu rauben, zu tauschen, zu verschenken, das heißt, als Sache zu behandeln. Der Mann in mykenischer Zeit ist gerade durch seine spontane Heulbereitschaft der ganze Mensch, mit allen emotionalen Facetten, und die Frau nur ein Objekt der Begierde oder des Ärgers, jedenfalls ohne nennenswertes Innenleben. Gewiss gab es spätere Epochen, in denen das soldatische Ideal die Tränen verbot, aber schon im 18. Jahrhundert beginnen die Männer wieder viel zu weinen, bevorzugt am Busen des Freundes. Empfindsamkeit war geradezu eine männliche Tugend; Frauen galten als praktisch und kalt. Der tränenlose Mann ist ein recht junges Produkt, hervorgegangen aus Faschismus und Proletkult, wiedergeboren aus dem Geist von Pop und Gangster-Rap und eigentlich als feministisches Feindbild bestens geeignet. Die Frauen sollten sich gut überlegen, ob sie ihn wirklich zurücktauschen wollen gegen die alte männliche Heulsuse, die noch aus ihrer Larmoyanz einen Vorteil zieht im Geschlechterkampf.

Kommentare

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Heulen als Machtinstrument, können auch Männer.
Besonders miese Kommunikationsweise ist Folgende: Man spricht den Mann auf ein Problem an wird in erster Instanz gegengeschossen, mit all den Fehlern die der andere selbst macht und wenn dies nicht hilft, wird geweint, um zu zeigen wie mies und gemein der andere doch ist und wie emotional und wichtig das Thema. Da fühlt sich der Andere immer als der Böse und wagt es nicht wieder das Problem anzusprechen. So kann man auch Macht ausüben.

Der weinende Mann wird von emanzipierten oder feministischen Frauen gerne gefordert. Wenn es dann allerdings konkret wird, die Männer z.B. kritisch Themen des Geschlechterverhältnisses oder Auswüchse des Feminismus' beklagen, dann bekommt der Mann von eben diesen Frauen gerne vorgehalten, er sei eine "Heulsuse", oder "Heul doch!" oder "Mimimi" (Vorwurf der Wehleidigkeit). D.h. einerseits wird von den Männern Weinen und Gefühligkeit gefordert. Andererseits: Wenn sie aus der klischeehaften Männerrolle fallen und sich beklagen, wird diese wiederum - entgegen der anfänglichen Forderung nach Veränderung - als feststehend, als Basis der Kritik vorausgesetzt, die dann genutzt wird, sich über die Abweichung von dieser lustig zu machen. Eine typische Widersprüchlichkeit zwischen Theorie und Praxis!

Das Recht auf Weinen (und auch sonstiges freies bekenntnis zur eigenen Gefuehlslage) sollten Maenner sich nicht von oberflaechlichen Lifestyle-Wuenschen ihrer Partnerinnen verleiden lassen.

Wer's doch tut, zeigt sich als wahrhaft abhaengig und wehleidig.

Ebenso gilt fuer diejenige schwache Frau, die das Weinen eines Mannes / ihres Mannes nicht aushalten kann oder will, dass sie drueber nachdenken sollte, warum sie jeder authentischen gefuehlsaeusserung entfliehen muss.

Ob Männer weinen oder nicht oder wie auch immer sie ihre Gefühle äußern ist mir gleich. Hauptsache sie sind in der Lage dazu die Gefühle und Gedanken zu äußern und vor allem in Worten zu artikulieren.

Solange sie das Weinen aber als Machtmittel in der Kommunikation nutzen um einem Gespräch aus dem Weg zu gehen, dann muss ich das nicht akteptieren. Dies gilt aber für Männer wie Frauen gleichermaßen. (Frauen nutzen dieses fiese Mittel wohl derzeit noch öfter als Männer)

Nehmt doch am besten den Mann, der so richtig gut harter Macker spielen kann und permanent seine Gefühle unterdrückt. Immer schön Pokerface, nie Emotionen zeigen.

Dafür kommen sie ihm dann im Alter aus allen Poren raus und er heult dann ununterbrochen und bei jeder noch so winzigen Gelegenheit. Wer kennt nicht solche bemitleidenswerten alten Männer, die sich schon fast lächerlich machen mit ihrem ständigen Geheule bei Null.`

Danke, ich lasse meine Gefühle lieber jetzt raus und altere in Würde.