Harald Martenstein Über die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit

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ZEITmagazin Nr. 12/2015

Von Zeit zu Zeit erreichen mich solche Briefe, die Autoren verzichten in der Regel auf eine Anrede.

"Ich glaube, du bist ein Faschist. Diese soup question aus der sich deine erbärmliche Existenz speist, wie du es schaffst mit deinem Gefasel selbst die ZEIT zu infiltrieren in der so respektable Persönlichkeiten wie Fischer und v. Randow relevante Beiträge zur gesellschaftlichen Entwicklung publizieren, da generierst du Mittel aus Beiträgen, derer sich selbst Bild schämen müsste. Warum kehrst du nicht den Hof, vielleicht kannst du wenigstens das und ersparst uns deine vermeintlich philosophischen Ergüsse. Ich meine es nur gut, jeder dort, wo er hingehört."

Lieber Harald S., zuerst möchte ich Ihnen gratulieren, weil Sie diesen Brief unter Ihrem echten Namen abgesandt haben. Nicht jeder Ihrer Gesinnungsgefährten hat so viel Mumm. Ich habe mir Ihr Profil im Internet angeschaut. Sie sind, unser gemeinsamer Vorname deutet ja darauf hin, nicht mehr der Jüngste. Wir haben beide die gleiche Frisur. Sie mögen, wie ich, coole Sonnenbrillen. Würden wir uns sympathisch finden, wenn wir uns zufällig kennenlernen? Nicht auszuschließen. Manchmal mag man Menschen, obwohl sie anders denken als man selbst. Lassen Sie diesen Gedanken ruhig zu.

Was genau Sie so wütend macht, habe ich nicht verstanden. Sie zitieren aus einer Kolumne, in der ich mich über die Nullaussage "Der Islam gehört zu Deutschland" lustig gemacht habe. Aber der Anlass Ihres Briefes ist nebensächlich. Sie schreiben, ich sei ein Faschist und solle, statt publizieren zu dürfen, den Hof kehren. Ich glaube, Ihnen ist gar nicht bewusst gewesen, dass Sie in Ihrem antifaschistischen Überschwang genau die Methoden empfehlen, die faschistische Systeme im Umgang mit ihren Kritikern anzuwenden pflegen. Jeder dort, wo er hingehört. Die Nazis drückten die gleiche Idee so aus: "Jedem das Seine."

Keine Sorge, Harald, dies wird keine Retourkutsche. Sie sind kein Nazi. Sie sind ein Gutmensch. Ich halte das Wort "Gutmensch" nicht für ein Unwort. Ich finde, es beschreibt einen Typus, für den es ein Wort geben muss. Natürlich ist es richtig, für "das Gute" zu sein. Was "das Gute" im Einzelnen ist, wird ewig umstritten sein, aber auf ein paar Sachen können wir uns vermutlich einigen – keine Gewalt, Menschenrechte und so weiter. Der Gutmensch glaubt, dass er, im Kampf für das, was er für "das Gute" hält, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und jeder zivilisatorischen Regel entpflichtet ist. Beleidigungen, Demütigungen und sogar Gewalt sind erlaubt. Der FAZ entnehme ich die Nachricht, dass die Berliner Antifa, antifaschistische Kämpfer also, eine Apotheke in Neukölln verwüstet hat, weil der Besitzer sich weigerte, die "Pille danach" zu verkaufen. Andere Antifaschisten haben – "in bester deutscher Tradition", wie es in der Zeitung ironisch hieß – einem Verband von Abtreibungsgegnern die Schaufenster zertrümmert und Parolen auf die Hauswand gesprüht.

Neben dem Geschlechtstrieb bestimmt kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit. Dieser Satz stammt von Franz Werfel. Gutmenschentum ist gefährlich, es macht die Leute gemein, hochmütig und rücksichtslos. Wir alle sollten uns stattdessen lieber ein wenig mehr dem Geschlechtstrieb widmen.

Darf ich mir eine Bosheit erlauben? Auch wegen Menschen wie Ihnen schreibe ich diese Kolumne weiter. Sie, Harald, geben mir tatsächlich das Gefühl, gesellschaftlich relevant zu sein, und sei es nur ein klein wenig.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Das entscheidende Problem ist, dass der "Gutmensch" meist gar nicht weiß, dass er an sich nichts dafür kann, dass er ein Gutmensch ist, Genau so wenig, wie der Schlechtmensch. Es ist halt schon ein Vorzug, wenn man im gutebtuchten Bildungsbürgertum aufwuchs, wenn man früh mit Humanismus und Menschenrechten sozialisiert wurde. Wenn man mal Sex gekriegt hat, weil einen die Frauen so sozial finden.
Ganz anders der Schlechtmensch, der nur Anerkennung fand, wenn er Autoreifen zerstach, oder dem sein Vater eine in die Fresse haute, wenn er mal die Nachbarin freundlich grüßte. Wie auch immer, wir sind alle hochgradig geprägt von den Einflüssen, denen wir ausgesetzt waren. Wir können im wesentlichen nichts dafür, ob wir nun Gutmensch oder Schlechtmensch sind. Dies zu erkennen, wäre schon einmal ein fruchtbarer Ansatz für den Gumenschen. Bloß blöd, dass dann das Gefühl der eigenen Überlegenheit flöten gehen könnte, man nicht mehr in Zeitungskommentaren und Leserbriefen auf die Schlechtmenschen schimpfen könnte, sondern sich mit weitaus Komplexerem beschäftigen müsste. Vielleicht könnte ja die Erkenntnis reifen, dass der Schlechtmensch nicht von mir, dem Gutmenschen, zu trennen ist, sondern dass wir Teil des gleichen Systems sind.

Lieber Martenstein,

Lieber Martenstein,
Ihre Definition des Gutmenschen ist mir etwas zu simpel. Ist der "Gutmensch" nicht eher das Schreckgespenst derer, denen moralische Erwägungen ein ständiger Stachel im Fleische sind, weil sie gern ihren Egoismus ausleben wollen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen? Die Gutmenschen nerven oft genug, aber wie sähe die Welt ohne sie aus? Würden Sie in einer Welt voller Martensteins leben wollen? Ich nicht!

"Neben dem Geschlechtstrieb

"Neben dem Geschlechtstrieb bestimmt kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit."

Und "Gutmensch" wäre dann das Schimpfwort, zu dem wir noch greifen können, nachdem wir resigniert feststellen mussten, dass es mit der moralischen Überlegenheit dieses Mal wohl nichts werden wird?

"... Wir alle sollten uns stattdessen lieber ein wenig mehr dem Geschlechtstrieb widmen."

Lieber Herr Martenstein, ernsthaft, können Sie sich ausrechnen, wie der Inhalt des von Ihnen zitierten Leserbriefes ausgesehen hätte, wenn der Verfasser Ihrem Rat gefolgt wäre?

Eben. Ihnen auch frohe Ostern... ;)