Katarina Witt "Am besten war ich, wenn ich mit dem Rücken zur Wand stand"

ZEITmagazin Nr. 12/2015

Ein Star auf dem Eis, Karriere in den USA, Häme in der Heimat: Katarina Witt über die Kämpfe und Verletzungen ihres Lebens Ein Interview von und

ZEITmagazin: Frau Witt, wir wollen mit Ihnen über Ihre Kindheit sprechen, über Ihre Erinnerungen an das Land, in dem Sie aufgewachsen sind und das es nicht mehr gibt. Wie war das, als Sie zum ersten Mal eine Eislaufhalle betraten?

Katarina Witt: Da war ich fünf Jahre alt, wir sind damals mit meiner Kindergartengruppe immer nach dem Mittagessen in die Halle und haben den Großen beim Training zugeschaut.

ZEITmagazin: Was hat Sie fasziniert?

Witt: Das weiß ich gar nicht mehr. Es war einfach eine große, kalte, neblige Halle. Nicht wie bei Disney on Ice, wo du glitzernde Kostüme siehst und denkst: Was für eine schöne Prinzessin! Aber ich wollte unbedingt Schlittschuh laufen, und ich war da schon ein großer Dickkopf. Ich habe meine Eltern genervt, bis sie mich fürs Training angemeldet haben. Und die Halle in Karl-Marx-Stadt lag günstig, in der Nähe des Krankenhauses, in dem meine Mutti gearbeitet hat. Sie hat mich dann anfangs immer hingebracht.

ZEITmagazin: Ab Ihrem neunten Lebensjahr hat die berühmt-berüchtigte Jutta Müller Sie trainiert. Wie sah ein Tag im Leben der neunjährigen Kati Witt aus?

Witt: Mein Tag begann entweder um sieben auf dem Eis oder um 7.20 Uhr in der Schule. Vorher hat mir mein Papa oft ein Steak gebraten.

ZEITmagazin: Morgens um halb sieben?

Witt: So war ich für den langen Tag gestärkt. Der ging nämlich immer bis 17 oder 18 Uhr. Oft hatte ich nach fünf Stunden Eistraining noch Athletik – da war man eigentlich vorher schon völlig kaputt.

ZEITmagazin: Jutta Müller ist eine Trainerlegende, sie schmiedete DDR-Karrieren. Und sie galt als sehr streng, wie war das für Sie als Kind?

Witt: Mich musste tatsächlich niemand zwingen, alles tat ich freiwillig. Aber Leistungssport in dieser Form ist das Anstrengendste, Schwierigste und Brutalste gegen sich selbst. So quält sich niemand täglich freiwillig, schon gar nicht als Teenager. Also brauchst du jemanden, der dich antreibt, dich über deine Grenzen zwingt. Das kann jemand, der keinen Leistungssport gemacht hat, nicht verstehen. Da war der Trainer manchmal in Extremsituationen, wo es vor lauter Verzweiflung nur noch mit Schreien ging, weil man sonst zu früh aufgibt. Das hatte aber nichts Demütigendes oder Beleidigendes. Heute darf mich keiner mehr anschreien. Der einzige Mensch, der mich anschreien durfte, war Frau Müller.

ZEITmagazin: Haben Sie Frau Müller gemocht?

Witt: Ich habe Frau Müller sehr respektiert und sehr geachtet. Wir haben noch immer guten Kontakt, telefonieren und tauschen uns aus. Ich glaube, wir haben eine ganz gute Entwicklung miteinander durchgemacht: Am Anfang hatte ich wirklich Fracksausen vor ihr, aber irgendwann später hat sie mir so vertraut, dass ich ihr auf Augenhöhe begegnen konnte. Und ich habe ja auch gemerkt, dass sie zu sich selbst genauso unerbittlich ist wie zu mir. Wenn ich auf meine Linie achten musste, hat sie sich auch kaum etwas zum Mittagessen gegönnt. Ich war ja schon als Mädchen etwas proper – da hatte ich immer zu kämpfen, weil das Eiskunstlaufen nicht so kalorienverbrennend ist. Andererseits, glaube ich, war das auch der Reiz an meinen Auftritten, dass da eine eher frauliche Läuferin auf dem Eis stand. Ich habe mich irgendwann damit abgefunden, dass ich ein bisschen mehr Kurven habe als die anderen.

ZEITmagazin: Was haben Sie bei Ihrer Trainerin fürs Leben gelernt?

Witt: Ich glaube, diese Perfektion, diese bedingungslose Konsequenz, keine Kompromisse einzugehen, immer das Beste aus sich herauszuholen. Ich weiß zwar, dass ich nie mehr in irgendeinem Bereich die Beste sein werde, aber es ist immer noch der Drang da, das Beste zu zeigen, was ich kann.

ZEITmagazin: Das Lebensthema der Spitzensportler.

Witt: Auf dem Eis war das ja entscheidend. Alles musste stimmen, auch das Kostüm, die Frisur. Bei Jutta Müller hat der Kopf nie aufgehört, mitzudenken, mitzuarbeiten, kreativ zu sein. Sie war frühmorgens die Erste in der Eishalle und abends die Letzte. Wenn sie im Radio einen Song gehört hat, den sie gut fand, hat sie sofort im Sender angerufen und gesagt, ich brauche jetzt dieses Lied. Und zu Hause hat sie sich mit den Kostümen beschäftigt.

ZEITmagazin: Darum hat sie sich auch gekümmert?

Witt: Ja, da ist sie eine Vorreiterin gewesen, sie hat Kontakte zum Berliner Friedrichstadt-Palast geknüpft, dessen Kostümbildner dann viele meiner Kostüme angefertigt haben. Frau Müller durfte auch ein paarmal nach West-Berlin fahren, um dort Stoff zu kaufen. Wir hatten das Gefühl: Es müssen mehr Federn sein, mehr Glitzersteine, es muss bunter sein, es muss einfach von allem mehr sein, damit wir überhaupt eine Chance haben gegen die Amerikaner, die Westdeutschen und die Kanadier, denn genau das hat man uns nicht zugetraut. Wir waren da in der DDR ja in einer Underdog-Situation, das hat uns sehr angespornt. Frau Müller hat mir auch den Dutt gemacht, den ich als Carmen trug.

ZEITmagazin: Als Carmen holten Sie 1988 bei den Olympischen Spielen in Calgary Gold. Sie galten als "schönstes Gesicht des Sozialismus", als glamourös und sexy. So wurde die DDR im Ausland sonst nicht wahrgenommen. Haben Sie eine DDR verkörpert, die es gar nicht gab?

Witt: Als mein Kollege Brian Boitano, ein Amerikaner, mit dem ich später den Film Carmen on Ice gemacht habe, mal in der DDR war, war er ganz verwundert, so nach dem Motto: Mensch, eure Bäume sind ja auch grün. Und was macht ihr in den Ferien? Camping? Ihr dürft campen? Und natürlich gab es da diesen Ehrgeiz bei uns, weil wir aus dem kleineren, graueren, vermeintlich freudloseren Land kamen, zu zeigen, dass es bei uns auch Lebenslust gibt.

ZEITmagazin: Was gab es in Ihrer Kindheit noch außer dem Eis?

Witt: Ich kann mich eigentlich gar nicht daran erinnern, dass das Eis mal keine Rolle gespielt hat. Vielleicht hat mir ein bisschen diese ganze Fantasiewelt gefehlt. Das war einfach eine solch brutale Realität – du wusstest genau, was du machen musst, um das und das zu schaffen. Vielleicht hat mir da ein bisschen die Muße gefehlt, Fantasie zu entwickeln. Was ich aber verschlungen habe, das waren russische Märchen, zum Beispiel Der Zauberer der Smaragdenstadt von Alexander Wolkow. Und den Thomas Gottschalk habe ich manchmal heimlich in meiner Kabine gehört, wir haben ja Bayern 3 empfangen können. Und natürlich kam dann irgendwann der Traum, eine Große zu werden. Aber Teil dieses Traums ist erst mal nur harte Arbeit und langjähriges Training und viel, viel Verzicht.

ZEITmagazin: Was war Ihre Motivation?

Witt: Der Hauptansporn war, dass man mal aus der DDR rauskam. Wenn man das mit heute vergleicht, sich anzustrengen, damit man reisen darf – das wirkt ja irgendwie absurd. Es war deshalb so was Besonderes, weil man wusste, vielleicht kommst du nie aus dem Land raus. Das war schon ein seltsames Gefühl, als ich meinem Erdkundelehrer, der mir von den Niagarafällen erzählt hatte, als 18-Jährige dann Dias davon mitbringen konnte und wir beide wussten: Er wird da vielleicht nie hinkommen.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch daran, als Sie das erste Mal im Ausland waren?

Witt: Da war ich zwölf und fuhr zu einem Wettbewerb nach Wien. Ich musste mir dafür eine schöne Jacke borgen, weil man im Ausland einfach hübscher aussehen musste als zu Hause, um zu zeigen, wir haben auch schöne Sachen. Ich hatte also dieses weiße Jäckchen von Anett Pötzsch an, meiner damaligen Eiskollegin, und wir fuhren mit der Straßenbahn, und da sagte eine Dame auf Wienerisch zu mir: "Ah, du siehst so hübsch aus, wie eine Schneeflocke." Das war irgendwie ganz schön für mich. Und mir sind die extrem vielen Lichter aufgefallen und die Menschen und natürlich die Auslagen. Ich hatte ein bisschen Taschengeld, vielleicht umgerechnet 15 D-Mark, und da haben wir stundenlang in den Geschäften die Sachen angeguckt, bevor wir das Geld ausgegeben haben. Am Ende habe ich doch die preiswerteste Hose gekauft. Aber ich weiß auch noch, wie erschrocken ich in Hongkong war, als ich gesehen habe, dass dort Menschen auf der Straße schlafen und um Essen betteln. Das kannte ich aus der DDR nicht. Da wusste ich: Ich werde immer ein Dach über dem Kopf haben und einen Beruf, auch wenn es vielleicht nicht der ist, der mir Spaß macht.

ZEITmagazin: Waren Ihre Eltern mit der DDR einverstanden?

Witt: Meine Mutti war eher unparteiisch, aber mein Vati war aktiver Genosse.

ZEITmagazin: Ihre Eltern waren aus Berlin nach Karl-Marx-Stadt gezogen?

Witt: Ja, sie hatten beide in Berlin studiert, und wie das damals so war, ist man dann dorthin gezogen, wo man eine Wohnung angewiesen bekam – und das war eine Zweieinhalb-Raum-Wohnung in Karl-Marx-Stadt für meine Eltern, meinen Bruder, mich und manchmal meine Oma.

ZEITmagazin: Woher stammen Ihre Eltern?

Witt: Meine Mutti kam als Vertriebene aus Hinterpommern 1947 nach Nauen und mein Papa als Umsiedler aus Bessarabien über Polen 1945 nach Kleineichstädt bei Halle. Kennengelernt haben sich die beiden während ihres Studiums in Berlin, als mein Vati im Chor sang und meine Mutti in der Volkstanzgruppe des Studentenensembles der Humboldt-Universität dazu tanzte. Kein Wunder also, dass mir später das Künstlerische auf dem Eis besonders gelang.

ZEITmagazin: Weil Sie eine Hoffnung für den Eiskunstlauf waren, hat der Sportclub dafür gesorgt, dass Ihre Familie eine größere Wohnung bekommt.

Witt: Ja, kurz vor der Jugendweihe, mit 14, das war eine Erleichterung, endlich hatte ich ein eigenes Zimmer.

ZEITmagazin: Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen Ihr Erfolg auch Einfluss verschafft?

Witt: Als ich 1984 bei den Olympischen Spielen zum ersten Mal Gold gewann, kam der internationale Durchbruch. Da war ich auch in Amerika berühmt. Ich merkte, dass ich nun auch Wünsche äußern konnte. Vor den Olympischen Spielen 1988 war mir klar, dass sich meine Eiskarriere dem Ende näherte, dass das wahrscheinlich meine letzten Spiele sein würden. Ich war erst 22, aber für den Wettkampf war ich eine Oma, als Eiskunstläuferin hätte ich in der DDR keine Zukunft gehabt. Bei uns gab es ja keine Eisshows, davon träumte ich aber. Da habe ich mit den Sportfunktionären einen Deal gemacht: Wenn ich das zweite Olympiagold gewinne, erlauben sie mir einige Shows im Ausland.

ZEITmagazin: Das hatte es nie gegeben, dass eine DDR-Sportlerin eine Profikarriere beginnt und mit einer US-Show durchs kapitalistische Ausland tourt. Ihr weiteres Leben hing von diesem Sieg ab.

Witt: Das war ein Riesendruck. Ich hatte Glück, dass ich daran nicht kaputtgegangen bin. Andere Sportler sind an diesem Punkt zerbrochen. Ich bin hart im Nehmen. Am besten war ich, wenn ich mit dem Rücken zur Wand stand.

ZEITmagazin: War Ihnen klar, dass Sie für manche das Aushängeschild eines Unrechtsstaates waren?

Witt: Ich finde, dass es eine Anmaßung ist, über andere Biografien zu urteilen, Menschen zu verurteilen. Vor allen Dingen wenn das jemand tut, der in einem anderen Land, in einem anderen System, mit einer ganz anderen Freiheit aufgewachsen ist. Es steht einem nicht zu, eine Biografie zu beurteilen, die unter ganz anderen Zwängen stand, die andere Entscheidungen erforderte, damit man seinen Weg gehen konnte.

ZEITmagazin: Dennoch sind Sie verurteilt worden. Sie waren ja eine öffentliche Person.

Witt: Natürlich haben wir Sportler aus der DDR unser Land vertreten, aber das wirft man anderen Sportlern ja auch nicht vor, dass sie dann zu Hause von Bush oder Kohl empfangen wurden.

ZEITmagazin: Ist das in einer Demokratie nicht etwas anderes?

Witt: Dass die DDR auch für Dinge stand, die nicht richtig waren, dafür konnten wir Athleten ja nichts. Andererseits war es natürlich schon so, dass der Kalte Krieg auf den Sport übertragen wurde, dass die sozialistischen Länder gegen das kapitalistische Ausland angetreten sind, um im Wettkampf zu zeigen, dass wir das bessere System sind.

ZEITmagazin: Insofern wurden Sie auch benutzt.

Witt: Sicherlich. Ich war eigentlich eine Werbebotschafterin, ein Testimonial, ohne dass ich mir dessen damals bewusst war. Andererseits empfand ich auch eine große Dankbarkeit gegenüber dem Sportsystem der DDR, weil ich wusste, dass ich bei den Berufen meiner Eltern – mein Vati war in der Landwirtschaft, meine Mutti Physiotherapeutin – im Westen Deutschlands nie die Möglichkeit gehabt hätte, diese Form von Leistungssport mit so einer Unterstützung auszuüben. Deshalb war ich loyal gegenüber dem System und habe es verteidigt, so wie man uns das beigebracht hat. Finanziert wurde der Sport ja durch die Werktätigen in der DDR. Ich hätte mich in Grund und Boden geschämt, wenn ich abgehauen wäre. Mir wäre das wie Verrat und Betrug vorgekommen. Deswegen fühlte ich mich extrem verpflichtet, mit hervorragenden Leistungen nach Hause zu kommen.

ZEITmagazin: Das wussten nicht alle zu schätzen: 1988 moderierten Sie ein Konzert in Ost-Berlin, zu dem Bryan Adams und die Rainbirds eingeladen waren. Als Sie auf der Bühne sprachen, pfiffen die Jugendlichen Sie aus.

Witt: Das galt aber eher dem System der DDR. Ich war diejenige, die ins Ausland gereist ist und dort die DDR verteidigt hat. Und die immer wieder zurückgekommen ist. Die FDJ hatte zu dem Konzert eingeladen, es war ein Gegenkonzert zum Auftritt von Michael Jackson in West-Berlin, weil man Angst hatte, dass sonst die Jugend an die Mauer pilgern würde, um sein Konzert zu hören. Kurioserweise war es ja so, dass mit meinem Namen auch die Einladungen ausgesprochen wurden an Bryan Adams und an die Rainbirds. Und wahrscheinlich wäre Adams auch gar nicht gekommen, wenn nicht ich Teil der Einladung gewesen wäre. Wir hatten uns bei den Olympischen Spielen in Calgary kennengelernt, er hatte mir damals Glückwünsche geschickt. Und ich stand dann 1988 in Ost-Berlin sehr naiv auf der Bühne und sagte: Ich habe kürzlich Bryan Adams in Kanada getroffen. Klar, dass die Jugendlichen dachten: Jetzt sagt die uns auch noch, dass die den in Kanada getroffen hat – da kommen wir ja nie hin.

ZEITmagazin: Sie haben das falsch eingeschätzt?

Witt: Wir Athleten haben in einer Blase gelebt. Ich laufe doch für euch, dachte ich, also gehe ich auch auf die Bühne. Natürlich habe ich mir die Olympiasiege und die Weltmeistertitel für mich als Katarina Witt erkämpft, dafür habe ich mich ja all die Jahre im Training gequält. Aber ein Teil meines Sieges war immer für die Menschen in meinem Land.

ZEITmagazin: Zur Wendezeit 1989/90 haben Sie in Sevilla Carmen on Ice gedreht, während Ihr Land zusammenbrach, man nannte Sie "SED-Ziege", später zitierte man aus Stasi-Protokollen über Sie. Ganz schön viel für eine 24-Jährige.

Witt: Mich haben viele Dinge damals zutiefst verletzt. Da hat mir der Sport geholfen. Ein sehr enger Freund von mir sagt immer: "Du hast Nerven wie Stahlseile, du bist echt ’ne Soldatin." Das kommt durch den Sport, dass man weiß, wann man seinen Kopf abschalten muss, um den Wettkampf zu gewinnen oder im Beruf zu überleben. Heutzutage kommt das auch als Härte rüber, dass ich in bestimmten Situationen, in denen ich einen Konflikt nicht gebrauchen kann, etwas nicht an mich heranlasse.

ZEITmagazin: Half es Ihnen, in den USA zu sein?

Witt: Das war vielleicht auch eine Art Flucht. Dort wurde ich gefeiert, als erfolgreichste Eiskunstläuferin, ja als Freiheitssymbol: Endlich kann sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Freiheit Amerikas genießen. Ich war mit Brian Boitano unterwegs, der Madison Square Garden war ausverkauft, und zu Hause wurde ich beschimpft. Das waren schon extreme Gegensätze. In den Neunzigern tourten wir ja wie Rockstars durch das Land. Nach der Show bist du zack rein in den Privatjet, während die Crew alles zusammengepackt hat, und bist in die nächste Stadt geflogen. Da habe ich vieles ausgeblendet.

ZEITmagazin: Sie wollten nicht dort bleiben und zum All-American Girl werden wie zum Beispiel Heidi Klum?

Witt: Ich hatte in der ganzen Zeit eine Wohnung in Berlin. Die lag direkt am Potsdamer Platz, ich schaute sozusagen auf eine Riesenbaustelle. Und ich wollte diese Zeit einfach miterleben, verfolgen, wie sich Berlin verändert. Also bin ich immer wieder zurückgekommen. Natürlich hätte ich in den USA leben können. Trotzdem war dann sicherlich diese Enge unserer DDR – die Enge, in der ich aufgewachsen bin, obwohl ich viel reisen konnte – auch Teil meines Ichs. Dass ich dachte, ich komme immer wieder in den Schoß meiner Familie zurück. Ich habe eine extrem enge Bindung an meine Eltern und an meine Freunde. Und deswegen wollte ich die Zelte in Deutschland nie komplett abbrechen.

ZEITmagazin: Wie erlebten Ihre Eltern die Wende?

Witt: Bei meinem Vati war es so, dass die Firma von einem westdeutschen Betrieb übernommen wurde. Er war Betriebsteil-Leiter und sollte seinen langjährigen Kollegen die Kündigung aushändigen. Da hat er gesagt: Dann können Sie mir auch gleich kündigen. Er war da sehr stur, obwohl er keine finanzielle Absicherung hatte. Er war Mitte 50, ein gebrochener, aber stolzer Mann und stand vor dem Nichts. So schnell hat kein Genosse den Kapitalismus kapiert. Jetzt leben meine Eltern seit fast 16 Jahren hier in Berlin, es geht ihnen gut. Das ist für mich ein Glück. Auch weil mein Papa ein sehr guter Koch ist.

ZEITmagazin: Die Diskussion um die Stasi ist die letzten 25 Jahre nicht abgerissen. Sie selbst wurden intensiv überwacht, Ihre Bekannten wurden auf Sie angesetzt. Wie erging es Ihnen nun bei der Debatte um die enorme Überwachung durch die NSA? Erkannten Sie da Parallelen?

Witt: Klar sieht man die Parallelen, und trotzdem kann man das eine mit dem anderen nicht vergleichen. Was ich aber noch bedenklicher finde als die NSA, die Telefone und Computer in großem Umfang überwacht, sind die vielen Informationen, die Milliarden von Menschen freiwillig jeden Tag rausgeben über Handy, über WhatsApp, über Fotos, die sie ins Netz stellen. Ich finde es gefährlich, dass es Leute gibt, die wissen, was du isst, wie viele Schritte du am Tag gehst, was für einen Puls du hast, wann du ins Bett gehst – und dieses Wissen zu Geld machen.

ZEITmagazin: Frau Witt, Sie werden in diesem Jahr 50. Die erste Hälfte Ihres Lebens waren Sie DDR-Bürgerin, die zweite haben Sie in der Bundesrepublik erlebt. Was bedeutet Heimat heute für Sie?

Witt: Natürlich ist Deutschland mein Zuhause, aber dieser Begriff hat sich für mich mit dem Mauerfall komplett geändert. Heimat war früher mein Land, jetzt ist es vielmehr die nähere Umgebung, das Haus, in dem ich wohne, meine Eltern, meine Freunde. Die Menschen, mit denen ich Zeit verbringe.

ZEITmagazin: Vermissen Sie manchmal das Land, in dem Sie aufgewachsen sind?

Witt: Ohne dass ich wehmütig bin oder dass ich mir die Vergangenheit zurückwünsche, bin ich sehr dankbar, dass ich beides habe. Die Demokratie und die persönliche Freiheit sind Errungenschaften. Dennoch helfen mir viele Werte, die ich über meine Familie und meine Freunde in meinem damaligen Land erfahren habe, heute noch. Ich glaube, dass es da so eine besondere Form von Zusammenhalt gab, sicherlich auch wegen des äußeren Drucks. Man hat zusammen in einem Boot gesessen und gemeinsam gerudert. Und in dieser gemeinsamen Begrenztheit ist wiederum etwas entstanden, auch eine gewisse Freiheit.

ZEITmagazin: Sehen Sie noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Witt: In meiner Generation schon, manchmal ist es der Umgang miteinander. Es gibt einfach gewisse Dinge, mit denen wir im ehemaligen Osten relaxter und großzügiger umgehen. Manchmal sitzen wir da und schütteln nur den Kopf und denken: Eijeijei – wir sind wirklich anders. Witzigerweise kennen die einen den Frauentag und die anderen den Valentinstag. Und ich bleib weiterhin vor einer Schranke stehen, wo sich andere einfach bücken und drunter durchgehen.

ZEITmagazin: 2008 haben Sie Ihre aktive Karriere beendet.

Witt: Ich hätte mir niemals erträumt, als die Mauer fiel, dass ich noch 20 weitere Jahre auf dem Eis stehen würde. Ich dachte, Mensch, wenn du jetzt noch drei, vier Jahre hast, wie schön. Dass es dann noch so lange ging, dafür bin ich extrem dankbar.

ZEITmagazin: Was machen Sie jetzt?

Witt: Die Anfragen reißen nicht ab, für Interviews, für Beiträge, für Moderationen und Charity-Projekte. Ich halte Motivationsvorträge in Firmen und bin Botschafterin für Disney on Ice und BMW. Außerdem kümmere ich mich intensiv um meine Stiftung, die Kinder mit körperlicher Behinderung unterstützt und fördert. Und ich habe angefangen, ein erfülltes Privatleben zu haben.

ZEITmagazin: Gibt es da manchmal so ein Gefühl wie "Das Tollste habe ich hinter mir"?

Witt: Das habe ich nie wirklich gedacht. Im Moment setze ich all meine Erfahrung und auch die schönen Lebensweisheiten, die man so hat, ein und blicke beruhigt zurück auf das, was ich geschafft habe. Das ist natürlich extrem schwer, gerade für Athleten. Aber mit dem Alter kommt bei mir immer mehr Stolz dazu, dass ich in meinem Leben niemandem mehr etwas beweisen muss. Wo vielleicht Männer um die 50 gerade eine Führungsposition innehaben und die nächsten 10 bis 15 Jahre extrem performen müssen.

ZEITmagazin: Was haben Sie am 25. Jahrestag des Mauerfalls im vergangenen Jahr gemacht?

Witt: Lustigerweise war ich letztes Jahr zum ersten Mal in Berlin an diesem Datum. Vielleicht habe ich mich zuvor immer innerlich auch ein wenig verweigert, weil ich 1989 nicht dabei war. Ich war ja in Spanien – für die Dreharbeiten von Carmen on Ice. Ich war wahrscheinlich die einzige DDR-Bürgerin, die beim Mauerfall in Spanien war. Im letzten November war mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass ich auch ein bisschen traurig bin, weil ich damals nicht dabei gewesen bin. Ich bin dann mit Freunden durch die Stadt gelaufen und habe zugeschaut, wie die Lichtballons in den Himmel gestiegen sind. Ich fand, das war eine wunderbare Stimmung. Ich hab da zum ersten Mal richtig intensiv über diese Zeit nachgedacht. Ich wünschte mir, dass ich damals schon ein bisschen erwachsener im Kopf gewesen wäre.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Witt: Ich bin damals schon mit offenen Augen durch die Welt gegangen. Aber ich war auch zu sehr Sportler, und da hat man alles so zur Seite gedrückt. Man lebt sehr in seiner eigenen Welt, sodass die anderen Dinge, auch die historischen, ein bisschen an einem vorbeiwischen. Man ist da doch extrem egoistisch, weil man so fixiert ist auf die eigene Leistung, weil man ja sonst auch kritisiert wird.

ZEITmagazin: Bedauern Sie das heute?

Witt: Was heißt bedauern. Man kann im Nachhinein nichts bedauern. Ich war eben noch sehr jung. Das muss man sich selbst dann auch verzeihen.

Katarina Witt, 1965 in der DDR geboren, ist eine der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen aller Zeiten: Olympiasiegerin 1984 und 1988, vierfache Weltmeisterin und sechsfache Europameisterin. Nach der Wende setzte sie ihre Karriere in den USA mit Eisshows fort. Heute lebt sie in Berlin

Hinweis der Redaktion, 26.03.2015: In der gedruckten Version dieses Artikel stand fälschlicherweise, dass Katarina Witt zweifache Europameisterin sei. Dies haben wir in der Onlineversion korrigiert.

6 Kommentare

Sehr geehrte Frau Witt,

Sehr geehrte Frau Witt,

ich war auch Leistungssportler zu DDR Zeiten und muss sagen, das es Phasen gibt, wo ich dieses Training vermisse. Ich war bei weitem nicht so erfolgreich wie Sie. Ich finde, Sie sind auch ohne das Eiskunstlaufen eine sehr interessante Frau. Mein Respekt.

Eine tolle Sportlerin und bewundernswerte Frau.

Ich (Wessi) habe beide ihre Olympiawettkämpfe damals live verfolgt, und mir fiel auf, dass sie, über die sportlich-technische Perfektion hinaus, die sie mit ihren Konkurrentinnen teilte, sich mit einer ganz besonders fraulich-anmutigen inneren Haltung bewegte, die sie von allen anderen unterschied. Den Unterschied fand ich eklatant, das hat mich tief berührt. Sie schien im Unterschied zu ihren Konkurrentinnen wie Debi Thomas über der Technik zu stehen, statt nur die sportliche Technik selbst in Szene zu setzen. Ganz was Besonderes.

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