Die großen Fragen der Liebe Denkt er weniger an sie als sie an ihn?

ZEITmagazin Nr. 12/2015

Die Frage: Marlene und Richard haben sich auf einer Silvesterparty bei gemeinsamen Freunden kennengelernt, einen Winterurlaub zusammen verbracht, jetzt läuft eine Fernbeziehung, die beide sehr genießen. Doch während sie jeden Abend eine lange Mail an Richard schickt und darin viel von ihren Gefühlen erzählt, antwortet Richard spärlich und meist mit dem Hinweis "bis dann" und den Daten ihrer nächsten Verabredung. Anfangs hat Marlene gedacht, Richard werde nach einigen Wochen mehr von sich erzählen. Als sie sich ihre Enttäuschung nicht mehr verkneifen kann, ist Richard entsetzt. "Ich möchte dich bei mir haben, aber wenn du nicht da bist? Ich wüsste gar nicht, was ich dir schreiben soll!" ‒ "Du liebst mich eben weniger als ich dich", behauptet Marlene.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Marlene hätte nicht viel von Nachrichten aus Richards Innenwelt, die er sich nur ihr zuliebe abpresst wie Kinder den Dankesbrief an die Oma – große Schrift auf einem kleinen Zettel, damit die Seite schnell voll ist. Menschen sind verschieden: Die einen wollen über ihre Gefühle sprechen, die andern nicht, sie zeigen ihre Gefühle eher im direkten Umgang mit dem Partner. Liebe verbindet Unterschiede; die Sehnsucht nach einem Gegenüber, das mich ganz versteht, wird sie nur erfüllen, solange es gelingt, alle Unterschiede auszublenden. Richard sollte Marlene vermitteln, dass er sich über ihre Mails freut und sie gerne liest, auch wenn er selbst keine schreiben mag; Marlene sollte aufhören zu erwarten, dass sich Richard irgendwann in ihr Spiegelbild verwandeln wird.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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