Nordkorea Ein Prost auf Kim Jong Un

Der bayerische Brauer Holger Fichtel will als erster Deutscher Bier nach Nordkorea liefern. Hat er eine Chance? Von
ZEITmagazin Nr. 12/2015

Ungeöffnet liegt die Kiste aus Styropor auf dem Tisch in dem Hinterzimmer in Pjöngjang, Nordkorea. Das Behältnis, auf das sich die Blicke richten, 52 Zentimeter in der Länge, 42 Zentimeter in der Breite, ist etwas größer als ein Aktenkoffer, groß genug, um einen kleinen Atomsprengkopf zu fassen. Es ist weiß wie Schnee.

Um die Kiste herum nehmen an diesem Abend sechs Männer ihre Plätze ein, sie sind angespannt, tauschen nervöse Blicke aus. Die Zusammenkunft findet in einem Restaurant in einem Plattenbau statt. Die Tür des Raums, in dem sie sich treffen, ist schallisoliert. Der deutsche Unternehmer Holger Fichtel hat die Styroporbox ins Land gebracht. Er weiß, dass ihn nach seiner Rückkehr in Deutschland viele kritisieren werden. Sie werden ihm vorhalten, ein Regime zu unterstützen, das zu den schlimmsten der Welt zählt. Er hat auf dieser Reise viel zu gewinnen und viel zu verlieren. "Ich freue mich sehr, hier zu sein", sagt er. Bei Fichtel zu Hause wissen nur wenige von seiner Reise. Er trägt einen bayerischen Janker mit Hirschhornknöpfen. Schweiß rinnt ihm in den Hemdkragen.

Die Nordkoreaner, die ihn links und rechts flankieren, sitzen im Mao-Anzug der Nomenklatura am Tisch; über dem Herzen die Anstecknadel mit den Bildern der Herrscherdynastie der Kims. So wie es Pflicht ist in diesem Staat. Einer der Männer bedeutet der Kellnerin, die Tür zu schließen.

"Also, wie sollen wir beginnen?", fragt Holger Fichtel. "Von hell nach dunkel?" Er beugt sich über den Tisch, nimmt den Styroporkasten in beide Hände und zieht den Deckel ab. Da liegen sie nun offen, mit Wasserperlen auf dem Glas: sechs Flaschen Bier.

"Am besten ist es von hell nach dunkel", sagt Fichtel. Der 49-Jährige leitet eine Brauerei im niederbayerischen Moos, Landkreis Deggendorf. Er ist fast zwei Meter groß, hat wie zu Werbezwecken einen gewaltigen Bierbauch und ein gewaltiges Lachen, mit dem er seine Kunden gerne niederringt. Der Direktor des Gräflichen Brauhauses Arcobräu möchte den Nordkoreanern sein Bier verkaufen, will ein Geschäft machen in diesem Staat, der so geächtet ist wie kein anderer. Dem Paria der internationalen Gemeinschaft, der seit Jahrzehnten als aussätzig gilt. Über kein anderes Land ist so wenig bekannt wie über Nordkorea. Und in keinem anderen Land wissen die Menschen so wenig über die Welt. Seit Generationen isoliert das Regime seine Bewohner von fast allen Informationen über das Leben außerhalb seiner Grenzen. Der Import von Zeitungen, Filmen oder Büchern steht unter Strafe. Alle ausländischen Einflüsse, so die Staatsdoktrin, gefährden das Volk, denn da draußen gibt es nur eines: den Feind.

Doch die Dinge sind in Bewegung geraten. Trotz Atomtests und Drohgebärden scheint sich das Reich der Kims etwas zu öffnen. Nach Jahrzehnten, in denen hauptsächlich ins Militär investiert wurde, baut der Führer nun Freizeitparks, lässt Luxusgeschäfte errichten, erlaubt Popmusik, Donald-Duck-Cartoons und Punkfrisuren. Das Regime hat begriffen, dass es sich seiner Elite neu versichern muss. Die schaut sehnsüchtig ins benachbarte China, wo in den letzten Jahren aus kommunistischen Kadern reiche Wirtschaftskapitäne wurden. Chinas boomende Wirtschaft sickert immer mehr nach Nordkorea ein. Schleichend übernimmt die Privatwirtschaft eine Branche nach der anderen. Tonju nennt man die neuen Geschäftsleute, "Meister des Geldes". Fichtel gehört zu den ersten deutschen Unternehmern, die sich ins Land wagen, ausgerechnet er. Die Brauerei ist in Besitz einer der ältesten bayerischen Adelsdynastien, der Grafen von und zu Arco-Zinneberg. Die ideologischen Unterschiede zu den Koreanern am Tisch könnten kaum größer sein. Aristokraten gelten im Land der Kims als Parasiten. Ihren eigenen Adel haben die Nordkoreaner nach dem Zweiten Weltkrieg umgebracht. Was die Männer an diesem Tisch eint, sind das Geld, die Hoffnung auf Reichtum, der Hopfen und das Malz.

Auch den Nordkoreanern ist die Situation fremd. Noch nie haben sie einer "Bierprobe" beigewohnt. Sie sind alle Beamte, und vom Ausgang des Abends hängt am meisten für den Initiator des Treffens ab, für Cho Sehun, Abteilungsleiter im Außenministerium. Ein kleiner, drahtiger Mann, dem die Brille immer etwas zu weit vorne auf der Nase sitzt. Cho hat Fichtel ins Land geholt. Der Ranghöchste am Tisch ist der Vize-Generaldirektor der Handelsgesellschaft Roksan, sie hat 30.000 Angestellte. Einer, der fast nie lächelt. Neben ihm sitzt Pak Taemin, der Geschäftsführer einer Tochterfirma von Roksan. Er beliefert Gaststätten mit Lebensmitteln und ist der Schwiegersohn des Vize-Generaldirektors. Fichtel gegenüber sitzt ein geheimnisvoller Herr, der mit seiner Funktion nicht vorgestellt werden möchte. "Ein Bierspezialist", sagt Cho. Vermutlich ein Gesandter des Militärs, des heimlichen Eigners von Roksan. Diesem Unbekannten obliegen die Entscheidungen an diesem Abend. So ist das in Nordkorea häufig. Ausländer sollen die Strukturen der Macht nicht verstehen.

Cho ist Mitte vierzig, er will im Leben noch einmal etwas Neues wagen. Er betreut im Auftrag des Außenministeriums seit zwei Jahrzehnten ausländische Gäste, Journalisten und Wissenschaftler, er spricht fast perfekt Deutsch, er begleitet die Gäste, schirmt sie ab. Es ist ein schwieriger Job, der ihm viel Streit einbringt, mit den Besuchern, mit den Behörden, und sich materiell für ihn nie sonderlich auszahlt. Jetzt spürt Cho die Veränderungen im Land, die neuen Chancen, er strebt in die Wirtschaft. Die Gehälter dort sind viel höher. Auch gibt es für Führungskräfte viele Gelegenheiten, nebenbei etwas dazuzuverdienen. Nordkorea liegt auf dem Korruptionsindex von Transparency International auf dem letzten Platz, gemeinsam mit Somalia. "Ein Brauhaus mit deutschem Essen und Bier!", schwärmte Cho, als ich, der Reporter, ihn kurz zuvor bei einer anderen Recherche in Pjöngjang traf. Zurück in Deutschland erzählte ich diese Episode im Freundeskreis, die Geschichte wurde weitergetragen, und eines Tages meldete sich Holger Fichtel. "Ich habe gehört", sagte er in seinem typischen tiefdunklen Ton ins Telefon, "in Nordkorea braucht man mein Bier?"

Schloßhell, ein Lagerbier, 4,9 Prozent, die Runde probiert. "Man spürt im Abgang den Aromahopfen", doziert Fichtel und geht von Glas zu Glas, um nachzuschenken. Die Beamten bewegen den bayerischen Tropfen bedächtig im Mund hin und her. "Auf den Abgang achten!", sagt Fichtel, und Cho übersetzt mit vielen Gesten. Fichtel wartet gespannt auf die Wirkung. In den Gesichtern der Tischrunde ist keine Hingabe zu erkennen. "Ein Heineken jetzt zum Vergleich", sagt Fichtel und schenkt ihnen eine Probe des holländischen Biers ins Glas. "Man schmeckt sofort", erklärt er mit Abscheu: "ein chemisches Bier." Doch die Runde der Beamten bleibt weiter ungerührt.

Wer von Peking nach Pjöngjang fliegt, reist vom Jahr 2014 ins Jahr 103. Kim Il Sung, der Großvater des amtierenden "Obersten Führers" Kim Jong Un, begann kurz nach Gründung seines Staates eine neue Zeitrechnung und ersetzte die Geburt Jesu durch sein Geburtsjahr 1912, das er zum Jahr 1 erklärte. Er baute einen Personenkult um sich auf, der selbst den von Stalin und Mao weit übertraf. Dem Kult muss sich jeder unterwerfen, der dieses Land bereist. Auch Fichtel wurde gleich nach seiner Ankunft zum Fuß der 22 Meter hohen Doppelstatue der "Geliebten Führer" geführt, wo Cho und Pak im Namen des Bayern einen Blumenstrauß niederlegten.

Er hat sich vor der Reise etwas eingelesen, über die Kims, über den Koreakrieg. Hauptsächlich aber haben ihn vor dem Abflug die vielen Bierfeste im Landkreis Deggendorf beschäftigt. Fichtel ist überall mit großen Bierzelten präsent, betreut dort seine wichtigsten Kunden, feiert selbst durch die Nächte. "Wie viele Geheimdienste habt ihr hier?", fragt er manchmal hemdsärmelig. "Warum sehe ich auf den Straßen so viele Leute in Uniformen?" Misstrauisch schaut Cho in diesen Momenten auf ihn, doch bald erkennt der Propagandist: Fichtel meint es nicht böse.

Zwei Tage Anreise hat Fichtel benötigt, um Pjöngjang zu erreichen. Pak hat ihn im Flughafen an den Einreiseformalitäten vorbeigeschleust. Schneller als in jedem anderen Land passierte der Brauer die Sicherheitskontrollen. Sein Blackberry, auf den er sonst fortwährend schielt, war mit der Einreise in diesen Staat plötzlich nutzlos geworden: Das Einloggen ins Mobilfunknetz ist Ausländern verboten. Wer sich diesem Land zuwendet, muss sich vom Rest der Welt abwenden.

Die Stadt, in der Fichtel ein glänzendes Geschäft abschließen will, gleicht einer kolossalen Theaterbühne, deren wichtigster Zweck die Verehrung der Kims ist. Plätze sind in Pjöngjang immer auch Aufmarschplätze, die Architektur ist eine zentral gesteuerte Machtdemonstration. Das Elend des Landes wird aus dieser Stadt weitgehend ausgesperrt. Arme, Behinderte und Menschen, die das Regime als politisch unzuverlässig einstuft, dürfen Pjöngjang nicht betreten. Immer noch sind laut UN 28 Prozent der Kinder und knapp zehn Prozent der gesamten Bevölkerung unterernährt. Im Winter 2014/15 ist die Versorgungslage so schlecht, dass nordkoreanische Soldaten an der Grenze zu China im besser versorgten Nachbarland auf Raubzüge gehen. Die Soldaten stehlen, so vermelden chinesische Nachrichtenagenturen, Reis und Getreide.

Urfass, ein Premium-Lagerbier, ein bisschen mehr Malz, ein wenig mehr Hopfen, 5,2 Prozent. Jeder führt das Glas zum Mund, der Unbekannte, dessen Funktion unklar geblieben ist, nickt anerkennend. "Das könnte unserer Bevölkerung schmecken." Es werden noch andere probiert, doch keine Sorte kann den Nordkoreanern ein weiteres Kompliment abgewinnen, weder das Weißbier noch der dunkle Doppelbock. "Urfass", sagt der Vize-Generaldirektor. Damit beschließt er den Abend.

Fichtel ist nicht einfältig; ständig ist er auf dieser Reise hin- und hergerissen zwischen der Angst, der Kollaboration mit einem Massenmörder bezichtigt zu werden, und der Verlockung, als erster deutscher Brauer einen neuen Exportmarkt zu erobern. Ohne die Schiffscontainer Bier, die er seit Jahren zu Dutzenden nach China, Hongkong, Südkorea und in die Ukraine schickt, müsste er zu Hause Leute entlassen. Männer und Frauen, die er seit Jahren kennt, denen er im mittelständischen Familienbetrieb täglich begegnet. Die Umsätze der deutschen Brauereien brechen ein. Viele von ihnen schließen. Bier gilt plötzlich als Dickmacher, als prollig, als Droge dumpfer älterer Männer. Die Überkapazitäten des deutschen Brauwesens liegen bei 40 Prozent und werden jährlich größer. Im Land der Kims gibt es beim Bier eine Unterversorgung von 80 Prozent. So berichten Cho und Pak. Das macht für den Brauer Fichtel Niederbayern und Nordkorea automatisch zu vortrefflichen Partnern.

Bevor er nach vier Tagen wieder abreist, möchte Fichtel erkunden, wie der Markt funktioniert, im Internet hat er nichts darüber gefunden. Selten veröffentlicht das Regime neu erlassene Gesetze und Vorschriften. Es ist für die Außenwelt meist völlig unklar, wer in Nordkorea was wie entscheidet. Die CIA bezeichnet das Land als "Schwarzes Loch". Fichtel lässt sich in den nächsten zwei Tagen die Roksan-Supermärkte zeigen, um eine Marktanalyse zu betreiben, um zu sehen, welches Bier zu welchen Preisen angeboten wird. Cho und Pak fahren ihn ins neue Wolkenkratzerviertel, das Kim Jong Un vor drei Jahren bauen ließ. Der neue Stolz des Regimes. Ein kleines Shanghai, abends erstrahlt es in den buntesten Neonfarben. Hier wohnen Mitglieder der Elite. Fichtel läuft in die Läden, sieht in die Regale, die Kühlschränke.

Heineken überall, Heineken in den Regalen, Heineken-Kühlschränke, Heineken-Werbeplakate. "Die pushen", sagt Fichtel beeindruckt. Er ist verblüfft, dass die meisten internationalen Marken bereits in den Läden der nordkoreanischen Elite stehen. Die meisten westlichen Produkte werden über chinesische Zwischenhändler in das isolierte Land geliefert. "Paulaner kommt nächsten Monat aus China", erklärt ihm die Chefin eines Supermarktes, als er sich bei ihr nach möglichen deutschen Konkurrenten erkundigt. "Leute", sagt Fichtel zu Cho und Pak, "da liegt was in der Luft. Da müssen wir schneller sein." Die beiden Koreaner schauen besorgt. Der verdutzten Marktleiterin überreicht der Brauer seine Visitenkarte, so wie er es auch in Niederbayern tut.

"Bierverkauf ist Nahkampf", doziert Fichtel, und Cho schreibt es sich rasch auf seinen Notizblock. "Mit Lächeln machst du Hektoliter", lautet eine weitere Fichtel-Sentenz. Cho will möglichst viel vom Deutschen lernen, um zu verstehen, wie man mit Hopfen und Malz zu Wohlstand kommt.

"Was ist das?" Pak deutet auf den Anstecker, den Fichtel am Revers seines Jankers trägt, dort, wo bei den Koreanern die Kims prangen. Fichtels Anstecknadel zeigt einen Bierkrug mit Schaum. "Bier", sagt Fichtel zu Pak, "ist mein Kim."

Die Fremdheit zwischen den Verhandlungspartnern nimmt ab. Die beiden Koreaner werden offener, sehen in Fichtel nicht mehr nur den Systemfeind, sondern einen, der das lebt, was er predigt, der das verehrt, was er verkauft, dem das deutsche Reinheitsgebot wichtiger zu sein scheint als die meisten anderen Gebote. Cho hängt irgendwann an seinen Lippen, Pak ahmt seine Laute nach. "Arco! Arco! Arco!", wiederholt er nicht müde werdend. Pak berührt ihn unentwegt, umschlingt ihn mit Herzlichkeit. Fichtel lacht verlegen, erduldet es aber. Pak und Cho wittern in Fichtel ihre Chance, in der Nomenklatura aufzusteigen. Cho wurde ein größeres Büro auf der Vorstandsetage versprochen, eine Limousine mit eigenem Fahrer. Künftig soll er den Vorstand von Roksan direkt beraten.

"Was fährst du in Deutschland für ein Auto?", fragt Pak. Einen 5er-BMW, antwortet Fichtel. "In einem Jahr", sagt Pak, "möchte ich auch so einen fahren."

Vier Tage lang probiert der Bayer Nordkoreas Gerstensaft. Der Staat der Kims ist der einzige der Welt, in dem die Regierung die Bürger regelmäßig mit Freibier versorgt. Fichtel darf sich die kostenlosen Ausschankstellen aus dem fahrenden Wagen heraus ansehen, Ausländer seien da nicht erwünscht. Hinter beschlagenen Fensterscheiben drängen sich in großen Trinkhallen Hunderte Männer in grauen Anzügen um die Zapfstationen. In der größten Brauerei der Stadt, der Taedong-Brauerei, führt eine Schauspielerin in pinkfarbenem Kleid durch das Kesselhaus. 500.000 Hektoliter produziere die Anlage. Der Vater des jetzigen "Obersten Führers" habe die Brauerei zum Wohl seines Volkes bauen lassen. "Unsere Bevölkerung genießt das Bier, das mit der Liebe von Kim Jong Il hergestellt wird", übersetzt Cho die in Gedichtform vorgetragenen Erläuterungen der Schauspielerin. "Genosse Kim Jong Il hat gesagt, Fassbier schmeckt besser als Flaschenbier."

Die Gaststätten der Stadt, die alle dem Staat gehören, tatsächlich aber fast ausnahmslos von Privatleuten betrieben werden, konkurrierten hart um die Erzeugnisse der Taedong-Brauerei, klagt Pak. Er beliefert mit seiner Firma 60 Kneipen. Wenn er leer ausgeht, und das tut er relativ oft, versucht er es bei den neu gegründeten chinesischen Brauereien. Aber auch sie produzierten nur wenig, und ihr Bier sei häufig von minderer Qualität. Die Gastronomen sind die Speerspitze einer heimlichen Revolution. Fast alle Kneipen in Pjöngjang haben sich in den vergangenen zehn Jahren der staatlichen Kontrolle entwunden. So auch das Gasthaus "Zur silbernen Kutsche", das Paks Frau führt. Sie zahlt 20 Prozent aus ihren Einnahmen an die Eisenbahnergewerkschaft, der die Räumlichkeiten gehören, wirtschaftet aber sonst in die eigene Tasche, bestimmt das Menü und die Inneneinrichtung.

Der Rausch hat im Land der "Geliebten Führer" eine zentrale Funktion, er bietet den Menschen eine legale Fluchtmöglichkeit. Unter den Mitgliedern der Nomenklatura ist es Brauch, bereits zum Mittagessen eine Flasche Schnaps zu leeren. Feiertags liegen in der Provinz die betrunkenen Bauern und Arbeiter betäubt auf den Straßen. Es gibt nur wenige Länder, in denen so exzessiv getrunken wird wie in Nordkorea.

Am letzten Abend eröffnen Cho und Pak dem Gast aus Bayern ihren Plan. Fichtel sitzt mit ihnen in der Lobby des Moranbong-Hotels, in dem sie den Unternehmer untergebracht haben. Das beste im Land, wie es heißt. Es hat 16 Zimmer, und vermutlich wird jedes davon abgehört. Über Fichtel hängen Kristalllüster, die Wände sind mit Fresken verziert. Cho klappt seinen Laptop auf. Er klickt auf eine Datei, und der animierte 3-D-Plan einer Brauereigaststätte öffnet sich. Fichtel sieht, wie sich Koreaner ein Münchner Hofbräuhaus vorstellen. Links und rechts des Gebäudes Wasserbecken, in denen Fontänen sprudeln, ein Biergarten davor, ein Aufzug in der Form eines Bierhumpens führt in den ersten Stock. Durch die Computersimulation bewegen sich die ersten Gäste, Schatten von Männern und Frauen, allesamt in die Uniform der Elite gekleidet. Cho zoomt weiter in das Gebäude hinein, zu den Zapftheken, den Tischgruppen. "Das würde unsere Leute begeistern", sagt er. Cho schlägt ein Joint Venture mit Fichtel vor. Er malt Varianten von Firmennamen auf seinen Notizblock: Arco + Roksan oder Arcsan oder ARKS.

"Wir müssen klein beginnen", warnt Fichtel, während die Nordkoreaner sich immer größere Pläne ausmalen, Bierhäuser in den Provinzhauptstädten gründen wollen und sich der Tisch zwischen ihnen mit leeren Bier- und Schnapsflaschen füllt. Warum er denn nicht gleich eine ganze Brauerei hier errichten wolle, fragt Pak. Bayerisches Bier, in Nordkorea hergestellt. Fichtel wehrt ab, das sei kompliziert, das Brauwasser, die Gerste, die Hefe. Er bietet an, Köche und Brauer bei sich in Niederbayern auszubilden, sie auf seine Kosten unterzubringen. Pak bleibt euphorisch, sagt, er werde Deutsch lernen, sich bei Fichtel zum Brauer ausbilden lassen, ein ganzes Jahr lang.

Die Koreaner drängen darauf, so bald wie möglich nach Moos zu kommen, dem Sitz von Arcobräu, wo es "keine Limits" gebe, wie Fichtel schwärmt, wo nichts unmöglich sei, in einem Dorf aus 2.200 Einwohnern, am Zusammenfluss von Donau und Isar. Sie vereinbaren einen Gegenbesuch in Bayern.

"Ich räume hier alles ab", sagt Fichtel euphorisch, bevor er wieder in das Flugzeug der Air China nach Peking steigt. "Ich bin selten so skeptisch in ein Land gefahren und so optimistisch wieder heimgekommen."

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