Spider App Bruchstück

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Das Handydisplay unserer Autorin ist kaputt. Sie findet das nicht schlimm – im Gegenteil. Von
ZEITmagazin Nr. 12/2015

Vor sehr langer Zeit brachte mein älterer Bruder mir aus Amerika eine weiße Levi’s mit. Stolz zog ich sie an und ging raus, wo meine Brüder Fußball spielten. Sie kickten mir den Ball zu, der leider vorher unter einem Auto durchgerollt war, und als er mich am Schienbein traf, prangte auf der Jeans Ölschmiere, die nie wieder rausging. Ich habe ein Kleid mal beim ersten Tragen zerrissen. Der Boden des Kartons mit Omas Geschirr öffnete sich, als ich ihn aus dem Auto hob. In meiner neuen Ledertasche schmolz Schokolade.

Kurz: Will ich auf etwas besonders achtgeben, wird automatisch eine Art Selbstzerstörungsmechanismus aktiviert. Deshalb gehöre ich zu den Menschen, deren Handydisplay immer kaputt ist. Ich habe zwar noch mein erstes Smartphone, aber nicht mehr mein erstes Display. Das zersprang, als das Handy mir nach einem Selfie mit einem überlebensgroßen Plastik-Hotdog aus der Hand fiel. Nach der Reparatur konnte ich kaum telefonieren, weil das neue Display so empfindlich war, dass mein Ohr alle möglichen Funktionen aktivierte (Lautsprecher, Stummschaltung), manchmal rief mein Ohr auch weitere Leute an. Ich war fast froh, als das Handy wieder runterfiel. Monatelang ignorierte ich die zahlreicher werdenden Risse, eine rausgebrochene Ecke klebte ich mit weißem Tesa. Erst nachdem ich eine winzige Displayscherbe versehentlich verschluckte und panisch googelte, wie genau ich wohl nun sterben würde, ließ ich es reparieren und mir eine Superschutzfolie aufschwatzen. 120 Euro kostete das alles. Als das makellose Etwas in meiner Hand lag, war es mir fremd. Zwei Tage später rutschte es aus meiner Tasche. Nur so viel: diese Schutzfolie, also na ja.

Ich habe mich jetzt damit abgefunden. Mich tröstet, dass ein Handy wie meines Signale aussendet, die andere Handys nicht senden: Für uns Menschen mit kaputten Displays ist das Handy kein Statussymbol, das man mit Leder umhüllt, sondern ein Funktionsgegenstand. Wir schauen seltener drauf, weil das Draufschauen nicht so viel Spaß macht. Wir freuen uns, dass alles, was durchs Display betrachtet kaputt wirkt, beim Ausdrucken der Fotos wie durch Zauberhand geheilt ist. Unsere Handys sind Symbole dafür, dass die Daueroptimierung, die die digitale Revolution mit sich bringt, nicht funktioniert. Wir haben selber Macken und Falten. Andere Displays sind perfekt wie die Haut eines gephotoshoppten Models. Unsere sehen aus, als hätte Spiderman sie berührt. Sie sind unverwechselbar.

Manchmal hilft nur, die Not zur Tugend zu erklären. Bei der Jeans damals hat das leider nicht geklappt.

Kommentare

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Tesa für die Displayreparatur habe ich auch schon hinter mir, das war aber noch kein Smartphone. Funktioniert gut. Warum Geld ausgeben, wenn noch alle Funktionen erfüllt werden? ;) Auch von Taschen, Hüllen oder Folien halte ich nichts. Hosentasche muss genügen!

Wobei meine Smartphones bisher außerordentlich robust waren. Mir fallen die Dinger auch gern mal herunter. Zum Glück nutze ich sie selten auf der Straße. Die Holzböden und Teppiche, mit denen meine beiden Smartphones bisher engeren Kontakt pflegen durften, konnten jedenfalls noch keinen Schaden anrichten. Vielleicht liegt es am Hersteller oder Material (1x HTC, 1x LG, jeweils eher plastiklastig, was den Aufprall womöglich abfedert – iPhones haben wohl schneller einen Riss im Schirm).

Das selbstwählende Ohr sollte bei den meisten Geräten nicht möglich sein, da ein Annäherungssensor das Display und Touchfunktionen deaktiviert, sobald man das Gerät zum Ohr führt. Vielleicht wurde ja bei der Reparatur oder durch den Sturz dieser Sensor oder dessen Anschluss beschädigt.