Das war meine Rettung "Fiktion ist wichtig, so wie Lügen und Träume notwendig sind"

Als eine Schauspielerin durchdrehte, wurde Regisseur François Ozon zu ihrem Psychologen. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 13/2015

ZEITmagazin: Monsieur Ozon, in Ihren Filmen spielt die Sexualität eine große Rolle. Wie war es, als Sie selbst die Sexualität entdeckten?

François Ozon: Die Entdeckung meiner Sexualität hat meinem Leben einen ganz neuen Sinn gegeben, auch Kraft. Es ist wie ein kreativer Prozess, als Jugendlicher seine sexuellen Wünsche wahrzunehmen. Bei mir jedenfalls war die Sexualität als Heranwachsender eng an mein kreatives Schaffen geknüpft.

ZEITmagazin: Worin lag die Verbindung?

Ozon: In der Fiktion. Sexualität ist für mich wie eine Geschichte: Zuerst hat man eine Fantasie, und anschließend erweckt man diese Fantasie zum Leben. Und einen Film zu machen bedeutet für mich, einen Wunschtraum auszuleben.

ZEITmagazin: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie sich zu Männern hingezogen fühlen?

Ozon: Mein Verlangen hat schon immer gewechselt. Es fiel mir schwer, mich ausschließlich auf Männer oder auf Frauen festzulegen, ich wollte für alles offen sein. Das ist doch das Schöne am Begehren: dass man eben nicht weiß, wo es hinführt, und man sich dem anderen in seiner ganzen Eigenart öffnen kann. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich da nicht der Norm entspreche, aber ich habe meine Offenheit und meine Vorlieben mehr als eine große Bereicherung empfunden, nicht als Einschränkung. Mich interessiert grundsätzlich die Vielschichtigkeit – ich will von Klischees und anerzogenen Denkmustern wegkommen und zeigen: Nichts ist nur ganz weiß oder ganz schwarz. Ich spiele mit der Komplexität. Das ist auch der Grund, warum es in meinen Filmen immer viele Spiegel gibt und die Charaktere oft zwiespältig sind. Vielleicht geht es dabei auch um die Angst, als etwas abgestempelt zu werden. Und um den Willen, aus der Festgelegtheit zu entfliehen – um die eigene Identität und Freiheit zu finden.

ZEITmagazin: Wie wichtig war bei dieser Suche nach der eigenen Identität und Freiheit die Fiktion, also die Geschichten, die Sie als Regisseur erzählen?

Ozon: Ich glaube, dass die Fiktion lebensnotwendig ist und man sich mit der Realität allein nicht zufriedengeben sollte. Mich jedenfalls befriedigt sie nicht allein. Die Fiktion ist wichtig, so wie Lügen und Träume notwendig sind, weil sie uns Freiräume verschaffen, in denen alles möglich ist. Das kann beängstigend sein, aber es eröffnet uns auch viele Perspektiven. Es besteht allerdings die Gefahr, nicht mehr richtig zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Meine Filmfiguren haben oft dieses Problem.

ZEITmagazin: Haben Sie diese Vermischung von Realität und Fiktion auch im wahren Leben schon einmal erlebt?

Ozon: Ja. Bei den Dreharbeiten für einen meiner ersten Filme, einen Kurzfilm, ist etwas sehr Dramatisches passiert. Eine der Schauspielerinnen durchlebte eine heftige Krise. Sie verletzte sich während der Dreharbeiten selbst, sie drehte wirklich durch, beschmierte die Wände mit ihrem Blut und kritzelte damit herum. Sie spielte in dem Film eine Frau, die jemanden umbringt, und plötzlich wurde mir klar, dass ich sie als Regisseur so gut auf ihre Rolle vorbereitet und die Geschichte so gut entwickelt hatte, dass sie selbst glaubte, dieser Charakter zu sein. Das machte mir sehr, sehr große Angst.

ZEITmagazin: Wie haben Sie darauf reagiert?

Ozon: Ich bin sehr stabil, ein bisschen wie ein Soldat, und habe einen starken Überlebenswillen. Das verdanke ich meiner Erziehung und meiner Familie. Ich spürte in dieser Situation eine Kraft, die ich bis dahin nicht von mir kannte und die mich sehr erstaunte. Die Situation war ja dramatisch, alle waren geschockt, es war im Grunde nicht nur ein Angriff gegen sie selbst, sondern gegen uns alle. Nachts träumte ich, wie ich mich verhalten müsste. Ich sagte ihr dann ganz vehement: Du hast kein Recht, das zu tun. Du bist Schauspielerin und spielst bitte nur deine Rolle. Du kaufst jetzt Farbe und streichst die Wände. Das hat sie dann auch getan, mehrfach, weil das Blut nach dem ersten Anstrich wieder durchkam. Es war wie in einem Film. Ich habe mich um sie gekümmert und ihr klargemacht: Es gibt die Fiktion des Films, und es gibt die Realität. Ich wurde im Grunde zu ihrem Psychologen. Danach liefen die Dreharbeiten weiter, als sei nichts gewesen. Ich habe damals meinen Film gerettet, und ich habe sie gerettet.

François Ozon, 47, wurde in Paris geboren und arbeitete in seiner Kindheit als Model. Er studierte Regie in Paris und war mit Filmen wie "8 Frauen", "Swimming Pool" und "Fünf mal zwei" international erfolgreich. 2012 war er Mitglied der Jury der Berlinale. Sein jüngster Film "Eine neue Freundin" läuft jetzt in den Kinos

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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