Otto Schily "Ich bin nichts ganz. Ich bin ein ewiger Skeptiker"

ZEITmagazin: Kommt Ihre Nähe zur Anthroposophie von Ihrer Familie?

Schily: Ja, dazu gibt es eine sehr konkrete Geschichte. Mein zweitältester Bruder Michael hatte als kleiner Junge einen schweren Herzfehler. Die Ärzte eröffneten meinen Eltern, die Lage sei hoffnungslos, der Junge werde spätestens in einem halben Jahr sterben. In dieser verzweifelten Lage suchten meine Eltern einen anthroposophischen Arzt auf, der einen legendären Ruf hatte und den merkwürdigen Namen Doktor Keiner trug. Er sagte, er werde meinen Bruder behandeln, aber er müsse ein Jahr absolute Bettruhe halten. Nach dem Jahr war er geheilt. Michael wurde der Kräftigste von uns Brüdern.

ZEITmagazin: Sie waren Anfang 20, als Ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen.

Schily: Es war auf der Autobahn in der Nähe von Ulm. Der Fahrer eines Militär-Tiefladers wendete über den Grünstreifen der Autobahn und stand damit quer über der Fahrbahn. Das führte zu einem frontalen Aufprall des Fahrzeugs meiner Eltern. Mein Vater und der Fahrer waren sofort tot, meine Mutter starb nach einer Woche Aufenthalt in der Intensivstation eines Ulmer Krankenhauses.

ZEITmagazin: Eine schreckliche Geschichte. Ist daraus ein Trauma für Sie geworden?

Schily: Es war jedenfalls ein tiefer Einschnitt in meinem Leben. Man muss dazu wissen, dass mein Bruder kurz vorher bei einem Bergunfall ums Leben gekommen war. Das alles war höchst dramatisch. Ich habe noch sehr genaue Erinnerungen an diese Zeit. Aber darüber spreche ich ungern, das wird mir zu persönlich.

ZEITmagazin: Heute wird viel über den Dialog der Generationen geredet. War so etwas vor dem Tod Ihrer Eltern möglich?

Schily: Ich hatte wunderbare Eltern, aber zu einem richtigen Dialog unter Erwachsenen ist es nicht gekommen. Ich hätte mit meinen Eltern gern über vieles geredet. Der frühe Tod meiner Eltern hat mir diese Möglichkeit genommen. Heute ist es selbstverständlich, dass ein 15-Jähriger mit seinen Eltern über Politik spricht. In meiner Jugendzeit war der Abstand zwischen der Welt der Eltern und der Welt der Kinder noch größer. Sie müssen wissen, ich saß als Kind noch am Essenstisch der Dienstboten. Erst nach der Konfirmation mit 14 durfte ich an den Erwachsenentisch vorrücken. So bin ich aufgewachsen.

ZEITmagazin: Herr Schily, wir reden über Wandlungen, auch über den Wandel von Einstellungen. Als junger Student und als frischgebackener Grünen-Politiker gingen Sie auf die Straße gegen die Politik der USA – im Kabinett Schröder galten Sie als der USA-freundlichste Minister. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

Schily: So einfach ist es nicht. In unserer Familie gab es eine sehr positive Einstellung zu den USA. Wir lasen Reader’s Digest und das National Geographic Magazine, begeisterten uns für Jazz aus Amerika und dergleichen mehr. Ich habe John F. Kennedy bei seiner berühmten Rede in Berlin zugejubelt. Vielleicht war gerade wegen der positiven Einstellung zu Amerika die Enttäuschung über das Vorgehen der USA im Vietnamkrieg und in anderen Weltgegenden besonders groß. Aber eine Frage dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren: Wie sähe die Welt aus, wenn es die USA nicht gäbe? Wir Deutschen verdanken den Amerikanern sehr viel, die Befreiung vom Nationalsozialismus, den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Krieg, die Bewahrung der Freiheit Berlins und vieles mehr.

ZEITmagazin: Und dann gehörten Sie dem Kabinett von Gerhard Schröder an, der sich ausdrücklich mit den USA anlegte.

Schily: Als Gerhard Schröder den USA in Sachen Irakkrieg die Gefolgschaft verweigerte, habe ich ihn unterstützt. Ich habe nur von Anfang an gesagt: Niemand kann sich wünschen, dass Saddam Hussein den Krieg gewinnt. Und weil das so ist und gerade weil wir uns nicht an dem Krieg beteiligt haben, sollten wir eine konstruktive Rolle in der Nachkriegszeit spielen. Dies habe ich dann auch getan. Ich habe sehr schnell das Technische Hilfswerk nach Bagdad geschickt.

ZEITmagazin: Sie gehörten in den achtziger Jahren der Friedensbewegung an. Wir dürfen aus einer Ihrer Reden im Deutschen Bundestag zitieren: "Wer mit dem Atomkrieg droht, droht mit einem Verbrechen, und wer mit einem Verbrechen droht, ist selber ein Verbrecher." Sie meinten damit vor allem die USA.

Schily: Das habe ich damals gesagt, und das stimmt ja auch, daran ist bis heute nichts falsch, und es gilt für die atomare Rüstung auf allen Seiten. Wissen Sie, es gibt ja einen paradoxen Sachverhalt, Stichwort Nato-Doppelbeschluss. Im Rückblick muss man feststellen: Eigentlich hatten seltsamerweise beide recht, die Befürworter und die Gegner der Nachrüstung. Nur das Zusammenwirken dieser beiden Kräfte hat letztlich dazu geführt, dass sich die politischen Verhältnisse grundlegend geändert haben, bis eben zum Fall der Mauern in Europa. Die Friedensbewegung hat die Politik des Westens und des Ostens verändert, gleichzeitig war es aber von zentraler Bedeutung, dass der Westen hart geblieben ist gegenüber Moskau. Die beiden Dinge gehören zusammen.

ZEITmagazin: Wenn Sie sich heute die Politik der USA anschauen ...

Schily: ... dann gibt es dazu eine Menge zu sagen, aber wissen Sie, was mein Grundtenor ist: Wo wären wir Deutschen, wenn die Amerikaner nicht ihre jungen Menschen geopfert hätten, um Deutschland zu befreien. Das geht bei mir sehr tief.

ZEITmagazin: Die Russen und die anderen Alliierten haben auch ihre jungen Menschen geopfert.

Schily: Das ist gewiss richtig, wir müssen allen dankbar sein, die gegen Nationalsozialismus und Faschismus gekämpft haben. Aber ich bin eben den Amerikanern auch sehr dankbar – das klingt jetzt vielleicht zu emotional, aber so ist es eben.

ZEITmagazin: Vielleicht erklärt diese Emotionalität auch unseren Eindruck, dass Sie die USA, fast schon egal, was passiert, verteidigen? Zum Beispiel bei der Snowden-Affäre, die das unglaubliche Ausmaß der weltweiten amerikanischen Überwachungssysteme dokumentierte. Die Kritiker dieser Praxis nannten Sie "hysterisch", Sie sprachen sogar von "wahnhaften Zügen".

Schily: Ich verteidige beileibe nicht alles, was in den USA passiert, ich bin beispielsweise ein entschiedener Gegner jedweder Foltermethoden. Was ich gesagte habe, in dem Spiegel-Interview, aus dem Sie zitieren, ist Folgendes: Es hat tatsächlich wahnhafte Züge, wenn die Vorratsdatenspeicherung als vermeintliche staatliche Unterdrückungsmaßnahme angeprangert wird. Worum geht es denn? Die Telekommunikationsunternehmen speichern seit jeher Verbindungsdaten zu Abrechnungszwecken für drei Monate. Viele Experten raten dazu, dass diese Frist verlängert wird, ich auch. Mich hat einmal ein junger Mann auf der Straße in Berlin angesprochen und gefragt: Herr Schily, warum hören Sie mich ab? Das ist wirklich hysterisch.

ZEITmagazin: Warum ist das hysterisch? Der junge Mann sagt, wie es ist.

Schily: So ist es eben nicht. Wir hören ihn nicht ab, aber wir haben Zugriff auf seine Daten, wenn er in Verdacht gerät. Das ist etwas völlig anderes. Und ich kann Ihnen versichern, die Tatsache, dass wir diesen Zugriff haben, hat uns in den letzten Jahren vor schlimmsten Terrorangriffen in Deutschland bewahrt.

ZEITmagazin: In Frankreich wird die Vorratsdatenspeicherung praktiziert und konnte den schrecklichen Anschlag auf die Satire-Zeitschrift in Paris auch nicht verhindern.

Schily: Das heißt doch nur, dass die Vorratsdatenspeicherung kein Wundermittel ist, das automatisch alle Terroranschläge verhindert. Sie ist aber ein wichtiges und unverzichtbares Instrument für die Sicherheitsbehörden, um rechtzeitig Terrorplanungen aufzudecken und terroristische Netzwerke aufzuspüren. Die Vorratsdatenspeicherung nach EU-Muster hat nichts mit der allem Anschein nach sehr weitreichenden NSA-Praxis zu tun. Soweit ich weiß, speichert jedoch auch die NSA im Wesentlichen nur sogenannte Metadaten. Aber es sind einige kritische Fragen in Richtung NSA durchaus berechtigt. Das Schlimmste, was der NSA zum Vorwurf gemacht wurde, war für meine Begriffe das Ausspionieren der UN-Delegationen. Das geht wirklich gar nicht.

ZEITmagazin: Und das Handy der Kanzlerin wurde auch geknackt.

Schily: Es ist sicherlich nicht in Ordnung, das Handy von Frau Merkel abzuhören. Bitte, aber es war reichlich unvorsichtig, dass Frau Merkel ein Handy nutzte, das auf ihren Namen zugelassen war. Ein solches Handy kann jeder abhören, das geht ganz leicht. Also weiß man, die Chinesen hören das ab, die Russen und wer weiß noch. Die Internet-Experten nennen so etwas einen honey pot. Der hat eben auch die Amerikaner angelockt, die sich auf denselben Informationsstand wie ihre politischen Konkurrenten bringen wollten.

ZEITmagazin: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschärften Sie als Innenminister zur Abwehr möglicher Gefahren verschiedene Gesetze, genannt: der Otto-Katalog.

Schily: Die Gesetze hat der Bundestag beschlossen. Das waren alles richtige und wichtige Maßnahmen, die sich bewährt haben. Wir haben die Sicherheitsstrukturen deutlich verstärkt. Auf diese Weise ist es gelungen, alle Anschläge aus islamistischen Terrorgruppen, die auf Ziele in Deutschland gerichtet waren, zu vereiteln. Selbstverständlich sind zur Abwehr des Terrorismus auch nachrichtendienstliche Erkenntnisse von großer Bedeutung. Deshalb habe ich großen Wert darauf gelegt, dass die Erkenntnisse der verschiedenen Sicherheitsbehörden einschließlich der Nachrichtendienste in dem gemeinsamen Terrorabwehrzentrum zusammengeführt werden. Und ebenso selbstverständlich ist, dass die Nachrichtendienste unter Wahrung der rechtsstaatlichen Grundsätze mit den Befugnissen ausgestattet sind, die erforderlich sind, um ihren Aufgaben gerecht zu werden. Wir sollten aufhören, die Nachrichtendienste immer in ein schlechtes Licht zu rücken.

ZEITmagazin: Ist Ihr Misstrauen gegenüber den Mächtigen verschwunden, seit Sie selbst ein Mächtiger wurden?

Schily: Es gehört zur Demokratie und zur freien Gesellschaft, dass alles überprüfbar bleibt. Auf diese Weise sind in einem demokratischen Staat auch die Machtstrukturen ausbalanciert. Ich wehre mich nur dagegen, dass wir der Polizei und den Sicherheitsbehörden von vornherein mit Misstrauen begegnen. Das übertriebene Misstrauen gegenüber staatlichen Strukturen kontrastiert in auffälliger Weise zu der Leichtfertigkeit im Umgang mit Facebook, Twitter und Ähnlichem. Der verstorbene FAZ- Herausgeber Frank Schirrmacher hat von der Verschmelzung wirtschaftlicher und militärischer Macht gesprochen, diese Warnung sollten wir ernst nehmen. Es besteht die Gefahr, dass über das Internet eine Art anonyme Schattenregierung entsteht, die allmählich mehr Macht bekommt als die politischen Institutionen. Dies wäre eine sehr gefährliche Entwicklung, die am Ende die individuelle Autonomie von uns Menschen bedroht.

ZEITmagazin: Hat sich die Datensammelwut zu einem Kraken entwickelt, der nach uns allen greift?

Schily: Im Zusammenwirken von NSA, Google, Facebook und Co. könnte ein Machtgebilde entstehen, das uns beherrscht und in Abhängigkeit bringt. Diese Entwicklung muss sehr genau beobachtet werden. Für mich ist der höchste Wert die Autonomie des Einzelnen. Man muss sehr aufpassen, dass wir nicht über das Internet zum Gefangenen anonymer Mächte werden. Übrigens, interessant, Rudolf Steiner, der Anthroposoph, hat Anfang des 20. Jahrhunderts vorausgesagt, dass im nächsten Jahrhundert die Welt von einem gefährlichen Kommunikationsnetz umspannt wird, er nannte es ein Spinnennetz.

ZEITmagazin: Blicken wir zurück: Sie gehörten zu den wichtigsten Figuren der Grünen, aber wenn man sich heute die Bilder anschaut, wirken Sie immer wie ein Fremdkörper – Sie mit Anzug und Krawatte zwischen Männern mit Strickpullovern und dicken Bärten und Frauen wie Jutta Ditfurth und Petra Kelly.

Schily: Die Erinnerung an Petra Kelly erfüllt mich bis heute mit tiefer Trauer. Sie war eine sehr beeindruckende Frau und eines der größten politischen Talente der Grünen überhaupt. Ich mochte sie sehr. Es ärgert mich bis heute maßlos, wenn immer von der Tragödie Kelly/Bastian gesprochen wird. Es war keine Tragödie, sondern ein Mord, ein kaltblütiger Mord. Gert Bastian hat Petra Kelly ermordet und sich dann das Leben genommen. Eine entsetzliche Geschichte.

ZEITmagazin: Wie konnten Sie es eigentlich so lange aushalten bei den Grünen?

Schily: Manchmal frage ich mich das auch. Die Grünen haben zweifellos eine durchaus positive Rolle bei der Belebung der politischen Szene in Deutschland gespielt. Manche aktuellen Positionen der Grünen sehe ich eher kritisch, aber vieles verbindet mich nach wie vor mit den Grünen, zum Beispiel ihr Engagement für eine naturfreundliche Landwirtschaft. Aber sicher gehörte ich nie zu dem Milieu der Grünen, aber ich gehöre ebenso wenig in das klassische Milieu der SPD. Ich gehöre in gar kein Milieu, ich gehöre nirgendwohin. Das war schon immer so.

ZEITmagazin: Herr Schily, was hat in Ihrem Leben nicht geklappt?

Schily: Vieles hat nicht geklappt. Als kleiner Junge wollte ich Talsperrenbauer werden, vermutlich weil der riesige Bau einer Talsperre einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hat. Daraus ist nichts geworden. Ich wollte Dirigent werden, wurde auch nichts draus. Immerhin durfte ich vor einigen Monaten das Orchester "Philharmonie der Nationen" im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin dirigieren, was allerdings zu meinem Leidwesen von der Presse mit Schweigen übergangen wurde. Dann kam die Idee, Schauspieler zu werden. Da war ich Mitte 20 und nahm schon fleißig Atemübungsstunden bei einer Atemtechnikerin. Doch dieser Traum endete mit einem Gespräch bei Walter Franck, das war damals einer der bekanntesten Schauspieler.

ZEITmagazin: Franck war der Star am Berliner Schillertheater.

Schily: Er war eine imposante Figur, ich besuchte ihn in einer Altbauwohnung in Berlin, es war alles ziemlich düster, er saß auf einem riesigen Sessel und sagte mit tiefer Stimme: "Kommen Sie näher, junger Mann." Ich durfte mich auf eine Art Schemel setzen, zu seinen Füßen. Eigentlich dachte ich, es wird ein Beratungsgespräch, was ich tun muss, um Schauspieler zu werden. Doch er fragte nur: "Warum kommt der Entschluss, Schauspieler zu werden, so spät?" Auf diese Frage wusste ich nichts Rechtes zu antworten, damit war meine Schauspieler-Karriere abrupt beendet.

ZEITmagazin: War es später im Leben eines Politikers hilfreich, vielleicht doch über ein bisschen schauspielerisches Talent zu verfügen?

Schily: In der Politik müssen wir nicht zuletzt durch Reden überzeugen. Als Schauspieler weiß man, dass die Wirkung auf der Bühne davon abhängt, wie präsent man ist. Das muss man lernen, ich wenigstens musste es lernen. Ich war in dieser Hinsicht alles andere als ein Naturtalent. Mir fiel die freie Rede anfangs sehr schwer, auch wegen meiner ausgeprägten Schüchternheit in jüngeren Jahren.

ZEITmagazin: Sie waren tatsächlich mal schüchtern?

Schily: Ja, sehr schüchtern. Es dauerte lange, bis sich das gelegt hatte. In meiner Familie hat der liebe Gott den Charme ungleich verteilt. Mein Bruder Konrad war und ist bis heute das Sonnenkind, er geht auf die Menschen zu, und alle sind verzaubert. Ich habe diese Begabung nicht, meine Art kann manchmal abweisend sein.

ZEITmagazin: Ihr Bruder Konrad Schily ist ein Mann mit vielfältigen Begabungen, er war Gründer der freien Universität Witten/Herdecke und dann auch kurzzeitig FDP-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Damals sagten Sie im Bundestag: "Ich gratuliere der FDP zu meinem Bruder, aber nicht meinem Bruder zur FDP."

Schily: Der Satz hat ja gepasst. Ging ja auch nicht lange gut mit meinem Bruder und der FDP.

ZEITmagazin: 2005 wollten Sie in der ersten großen Koalition unter Angela Merkel Außenminister werden.

Schily: Ja, das wollte ich. Ich hatte damals ein einstündiges Gespräch mit Angela Merkel, mein Eindruck war, sie hätte das ganz gern gesehen. Aber Schröder und Müntefering waren dagegen, sie wollten es nicht. Bei Schröder konnte ich es nachvollziehen, er stand nach der Wahlniederlage auf dem Standpunkt: Wenn Schröder und Fischer gehen, dann geht auch Schily. Bei Müntefering lag der Fall anders, aber lassen wir es auf sich beruhen. Frank-Walter Steinmeier wurde Außenminister, und das war eine sehr gute Wahl. Nachträglich bin ich eher froh, dass alles so gekommen ist, denn sonst hätte ich vermutlich nicht mehr zurückgefunden in meine berufliche Tätigkeit als Anwalt. Das Schicksal hat immer richtig entschieden, wenn es mir einen Wunsch nicht erfüllt hat. Das war früher auch schon so.

ZEITmagazin: Ja? Wie meinen Sie das?

Schily: 1981 zum Beispiel kandidierte ich bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus für die Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz, das waren die Vorläufer der Grünen. Ich hatte aber nicht bemerkt, dass mich die linken Kader sehr geschickt auf einen Listenplatz manövriert hatten, der meinen Einzug ins Berliner Parlament verhinderte. Ich war damals ziemlich wütend. Aber nachträglich danke ich allen Engeln, dass es so gekommen ist, denn ich hätte in der Fraktion mit einer so facettenreichen Persönlichkeit wie Dieter Kunzelmann zusammenarbeiten müssen. Das wäre ganz sicher das Ende meiner politischen Karriere gewesen.

ZEITmagazin: Stimmt es, dass Holger Börner, damals Ministerpräsident von Hessen, im Jahr 1985 für die erste rot-grüne Koalition eigentlich nicht Joschka Fischer ins Kabinett holen wollte, sondern Sie?

Schily: Ja, das stimmt. Ich war als Justizminister im Gespräch. Holger Börner hätte es lieber mit mir gemacht. Aber Landesjustizminister ist keine attraktive Position. Außerdem war ich nicht im hessischen Landesverband der Grünen verankert. Ich hatte auch keine Lust, nach Wiesbaden umzuziehen. Schließlich fand auch Joschka größeren Gefallen daran, selbst als Umweltminister ins Rennen zu gehen.

ZEITmagazin: Joschka Fischer muss Ihnen also fast dankbar sein.

Schily: Jedenfalls habe ich mich in dem Gespräch mit Holger Börner für ihn eingesetzt. Ich nehme sowieso für mich in Anspruch, den Politiker Joschka Fischer erfunden zu haben. Das war 1983, als die Grünen in den Bundestag einzogen, da machte mich Rupert von Plottnitz aus Frankfurt auf Fischer aufmerksam, schau dir den mal an. Das habe ich getan und sofort gewusst, das ist die passende Figur als parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion. Joschka hat schon damals großes politisches Geschick bewiesen, und er hat Machtinstinkt, das stellte sich sehr rasch heraus, übrigens einen viel größeren Machtinstinkt als ich.

ZEITmagazin: 1998 startete die erste rot-grüne Bundesregierung Deutschlands. Kam diese Koalition eigentlich zu spät, weil die 68er-Kämpfer möglicherweise schon ein bisschen müde waren durch all die Mühen der Ebenen des gesellschaftlichen Kampfes?

Schily: Nein, früher hätte das nie geklappt. Man darf dabei nicht ausblenden, was die Grünen anfangs für ein disparater Haufen waren, dazu gehörte August Haußleiter mit seinen Kumpanen aus der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher, dazu gehörte Herbert Gruhl mit den Öko-Konservativen, der später eine eigene Partei, die ÖDP, gegründet hat, es gehörten dazu frühere Maoisten und Relikte mit Verbindungen zur DKP und SED, dazu Mitglieder vom Kommunistenbund. Das hätte in einer Regierung nie und nimmer funktioniert. Die Grünen brauchten die Zeit für die verschiedensten Häutungen.

ZEITmagazin: Wie fällt Ihre Bilanz der rot-grünen Regierungszeit aus?

Schily: Wir haben das Land nachhaltig positiv verändert, darauf bin ich sehr stolz. Wir haben grundsätzliche Lebenseinstellungen verändert, zum Thema Migration, zum Thema gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, zum Thema Staatsangehörigkeitsrecht. Das war alles ein echter Kulturwandel. Deutschland ist dadurch ein weltoffeneres, sympathischeres Land geworden, davon bin ich überzeugt. Wir haben den Reformstau in Deutschland aufgelöst, vor allem auch in der Wirtschaftspolitik, Stichwort Agenda 2010, und damit die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands geschaffen. Das kann sich alles sehen lassen.

ZEITmagazin: Gab es auch Ereignisse, an denen Sie bis heute leiden?

Schily: Ja. Die Mordserie der NSU-Terrorgruppe. Ich habe neulich einen Bericht gelesen über einen Profiler, der in Bayern mit dem Fall befasst war und damals schon die richtigen Schlüsse gezogen hatte. Dass diese Einschätzung seinerzeit keine ausreichende Beachtung gefunden hat, ist deprimierend. Es gab damals beklagenswerte erhebliche Defizite in den Kommunikationsstrukturen der Sicherheitsbehörden, die dazu geführt haben, dass man den mörderischen Aktivitäten des NSU nicht früher auf die Spur gekommen ist.

ZEITmagazin: Waren Sie in Ihrer Amtszeit mit dem Freikauf von Geiseln befasst?

Schily: Nein, und wenn es so wäre, würde ich nicht darüber reden.

ZEITmagazin: Theoretisch gefragt: Darf man für die Freilassung von Geiseln an Terroristen Geld bezahlen?

Schily: Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Lassen Sie mich mit der Beschreibung einer Filmszene antworten, die vielleicht eine Antwort enthält. Der Film handelt von einer Kindesentführung. Die Eltern werden erpresst, sie sollen eine Million für die Freilassung ihres Kindes zahlen. Am Ende wendet sich der Vater im Fernsehen an die Entführer, hat eine Million Dollar in Banknoten vor sich auf dem Tisch liegen, er erzählt mit gepresster Stimme, wie sehr seine Frau und er selbst Angst um ihr geliebtes Kind haben. Deshalb zahle er gern das Geld, um sein Kind zu befreien. Aber, fährt er fort, schafft er damit nicht einen Anreiz für die Verbrecher, das nächste Kind zu entführen? Deshalb, so endet die ergreifende Ansprache, bekommen nicht die Entführer das Geld, sondern die Menschen, die der Polizei helfen, die Entführer festzunehmen. Und der Film hat ein Happy End, das Kind wird freigelassen ohne Lösegeldzahlung. So ist es im Leben leider nicht immer.

ZEITmagazin: Würden Sie Gerhard Schröder und Joschka Fischer auch heute noch als Ihre Freunde bezeichnen?

Schily: Ja. Gerhard Schröder sehe ich öfter als Joschka Fischer, aber sie beide sind und bleiben meine Freunde.

ZEITmagazin: Sie waren früher auch mit Horst Mahler befreundet, ihrem einstigen RAF-Anwaltskollegen und heutigen Rechtsradikalen. Mahler sitzt im Gefängnis wegen seiner Leugnung des Holocausts.

Schily: Horst Mahler ist ein begabter, hochintelligenter Mann. Es ist eine unglaubliche Tragik, was aus ihm geworden ist.

ZEITmagazin: Würden Sie ihn im Gefängnis besuchen?

Schily: Vielleicht sollte ich das mal tun. Ich weiß natürlich nicht, ob er es zulassen würde. Ich finde es ja unsinnig, dass er im Gefängnis sitzt. Den Holocaust zu leugnen ist gewiss abscheulich, moralisch verwerflich, grotesk und töricht. Aber deshalb über Jahre ins Gefängnis? Ich finde, diesen Straftatbestand sollte man überdenken.

Das Interview endet am Abend in einem Restaurant mitten in Siena, nur ein paar Meter entfernt von der Piazza del Campo, einem der schönsten Plätze der Welt. Der Wirt des Restaurants begrüßt ihn, als komme gerade ein alter Freund herein. Schily möchte noch ein paar Gedanken loswerden. Zum Beispiel, warum er sich heute noch in gewisser Weise für einen Linken hält. Und zwar in Sachen Bildung, gleiche Aufstiegschancen, gleiche Bildungsmöglichkeiten: Dafür würde Otto Schily heute noch auf die Barrikaden gehen. Und er hat noch was vor.

Schily: Wissen Sie, was mich an unserem Gespräch stört?

ZEITmagazin: Nein.

Schily: Es geht immer nur um die Vergangenheit. Ich bin aber noch nicht tot. Ich arbeite als Anwalt und befasse mich auch mit anderen spannenden Projekten.

ZEITmagazin: Wir möchten mit Ihnen Bilanz ziehen, aber bitte, erzählen Sie!

Schily: Ich versuche beispielsweise, in einem Verfahren vor den Sozialgerichten der Samarita Solidargemeinschaft e. V. zu ihrem Recht zu verhelfen, als "anderweitige Absicherung für den Krankheitsfall" anerkannt zu werden. Diese nicht gewinnorientierten Solidargemeinschaften sind meiner Meinung nach eine interessante und erfolgreiche Alternative zu den Systemen der gesetzlichen und privaten Krankenkassen. Oder ich engagiere mich seit einiger Zeit für Projekte im Energiebereich. Die Energiewende sehe ich sehr kritisch. In diesem Zusammenhang beschäftige ich mich beispielsweise auch mit der Frage, was mit dem atomaren Müll geschehen soll.

ZEITmagazin: Haben Sie eine Lösung?

Schily: Um in ganz Deutschland nach einem Endlager für Atommüll zu suchen, sollen bekanntlich Beträge in einer Größenordnung von bis zu vier Milliarden Euro aufgewandt werden, wohlgemerkt nur für die Suche, nicht für den Bau selbst, der dann noch einmal zig Milliarden verschlingt. Diese Suche – das lässt sich mit Bestimmtheit voraussagen – wird zu nichts führen. Wir sollten deshalb vorurteilsfrei die Frage untersuchen, ob es nicht technische Konzepte gibt, die eine energetische Verwertung des Atommülls ermöglichen und zugleich die Strahlungszeit des radioaktiven Materials so weit reduzieren, dass der Bau eines Endlagers überflüssig wird.

ZEITmagazin: Gegen Ende Ihres politischen Lebens legen Sie sich in der Energiepolitik also noch mal mit Ihren Parteien an, mit der SPD und den Grünen sowieso.

Schily: Wenn es so wäre, könnte ich es auch nicht ändern.

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"Ein solches Handy kann jeder

"Ein solches Handy kann jeder abhören, das geht ganz leicht. Also weiß man, die Chinesen hören das ab, die Russen und wer weiß noch. Die Internet-Experten nennen so etwas einen honey pot. Der hat eben auch die Amerikaner angelockt, die sich auf denselben Informationsstand wie ihre politischen Konkurrenten bringen wollten."
Diese Verharmlosung ärgert mich. Einem tatsächlich Verbündeten hört man nicht ab, wenn sich die Gelegenheit ergibt, vielmehr weist man ihn auf die Sicherheitslücke hin, damit sie geschlossen werden kann.
Aber ich gehöre eben einer jüngeren Generation an: ich wünsche mir durchaus ein weiterhin gutes Verhältnis zu den USA, empfinde aber keine so totale Dankbarkeit, daß ich jedes Fehlverhalten abnicken und relativieren will.

Tja, was soll man sagen: Eben ein Jurist und auch sonst von sehr mäßigem Verstand (s. auch "Horst Mahler hochintelligent", "Metadaten sind harmlos"). Wahrscheinlich will er das radioaktive Material mit Bachblüten oder Globuli behandeln... Irgendwie ziemlich lustig, wenn es nicht andererseits so gruselig wäre, dass dieser Mann tatsächlich mal Innenminister und damit ziemlich mächtig war.

Ein sehr interessantes Interview, wie ich finde. Das Problem, bis zur Konfirmation am Dienstbotentisch essen zu müssen ist wahrscheinlich mittlerweile selten geworden, aber leider ist auch die Sicht auf Überwachung problematisch und passt nicht so zu den ansonsten recht scharfsinningen Antworten.

Er sagt - ganz richtig: "Wer mit einem Verbrechen droht ist ein Verbrecher."
Genauso gilt aber: "Wessen Daten jederzeit abrufbar sind, der wurde abgehört. " So absurd ist der Anwurf des jungen Mannes also nicht, auch wenn Herr Schily sich vermutlich nicht als Kopf eines Überwachungsapparates wahrgenommen hat.
Später äußert er sich ja sogar kritisch zum Überwachungskonglomerat, daß sich im Digitalen bildet.

Sein Beitrag zu Diesem Klima der Überwachung und auf der anderen Seite die hohe Achtung vor der Autonomie des Einzelnen (bzw. der Distanz oder Privatsphäre als Recht) ist meiner Meinung nach der größte unaufgelöste Widerspruch im Interview.

Sphinxfutter