David Nicholls © Ian Gavan/Getty Images

Das war meine Rettung "Ich hatte große Angst davor, die Leser zu enttäuschen"

David Nicholls scheiterte beim Schreiben eines Romans. Das hat ihn zunächst geschockt. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 14/2015

ZEITmagazin: Herr Nicholls, nach Ihrem Buch Zwei an einem Tag nannte eine Zeitung Sie den "Mann, der die Nation zum Weinen brachte". War das Ihre Absicht?

David Nicholls: In dem Buch ging es um eine tragische Romanze. Ich wollte schon auch, dass die Leser lachen. Man möchte doch immer beides: Traurigkeit und Lachen.

ZEITmagazin: Sind Sie ein spontaner Schreiber? Oder entwickeln Sie die ganze Geschichte, bevor Sie beginnen?

Nicholls: Ich improvisiere nicht gern. Wenn ich die Geschichte nicht unter Kontrolle habe, bekomme ich Panik. Immer, wenn ich ohne Gerüst begonnen habe, habe ich später alles weggeschmissen.

ZEITmagazin: Ist Ihnen das bei Ihrem neuen Buch Drei auf Reisen auch so gegangen?

Nicholls: Ja. Ich hatte erst eine Art Prototyp geschrieben, der eine ganz andere Geschichte erzählte und andere Protagonisten hatte, aber einige Ideen und Elemente waren gleich. Diese erste Fassung hatte ich eher improvisiert geschrieben.

ZEITmagazin: Wie lange haben Sie gebraucht, um das Buch zu verwerfen?

Nicholls: Ich habe am 2. Januar 2012 angefangen zu schreiben und ziemlich genau ein Jahr später alles weggeschmissen. Ich hatte in dem ganzen Jahr nur 35.000 Wörter geschrieben, das ist nichts. Ich gab es meinem Agenten vor Weihnachten, wir trafen uns dann am 4. Januar und entschieden gemeinsam, dass es nicht gut war. Ich habe zwar noch eine Kopie auf meinem Computer, aber diese Datei werde ich nie wieder öffnen. Am 15. Januar begann ich dann mit dem neuen Buch.

ZEITmagazin: Wie verlief das Gespräch mit Ihrem Agenten?

Nicholls: Er sagte mir, der Roman sei gut geschrieben, aber die Leser würden ihn nicht lieben. Das war fast eine Provokation, ich war geknickt, dass er sich so sicher war. Ich habe es dann noch einer Freundin zu lesen gegeben, die sagte, sie vermisse Herz und Wärme. Das war auch mein Gefühl. Wenn mir das Schreiben Spaß macht, sind auf jeder Seite Leichtigkeit, Freude, Offenheit und Emotion. Das war bei dem Roman, den ich angefangen hatte, nicht so. Es war ja wie das aktuelle Buch ein Reiseroman, aber nach 35.000 Wörtern saßen die Protagonisten immer noch nicht im Zug. Klar, weil die Geschichte nicht gut genug war.

ZEITmagazin: Würden Sie im Rückblick sagen, dass dieses Jahr verlorene Zeit war?

Nicholls: Nein, es war keine Zeitverschwendung, es war eine Art notwendiges Scheitern. Wenn man eine Rakete baut, die funktioniert, hat man vielleicht vorher auch ein paar Prototypen, die ins Meer stürzen. Ich habe zum ersten Mal erkannt, dass es sinnvoll ist, etwas aufzugeben. Eigentlich ist immer alles, was ich geschrieben habe, veröffentlicht worden. Es war ein großer Schock für mich. Ich liebe meine Arbeit, und der Gedanke, dass ich dazu nicht mehr in der Lage bin oder nur noch Minderwertiges schreibe, war sehr besorgniserregend. Das Buch zu verwerfen war absolut notwendig.

ZEITmagazin: Haben Sie beim Schreiben vielleicht zu viel Druck verspürt?

Nicholls: Ich wollte so schnell wie möglich ein weiteres Buch schreiben, und ich wollte, dass die Kritik es mag, dass es ein erwachseneres, komplizierteres Buch wird. Nach dem letzten Roman hatte ich große Angst davor, die Leser zu enttäuschen, und so fühlte es sich an. Du kannst die schönste Prosa schreiben, aber wenn es an Leidenschaft fehlt, wird es nicht funktionieren. Ich bin glücklich, dass ich meinen Lebensunterhalt mit Schreiben verdienen kann. Aber es ist eben auch mit Angst verbunden.

ZEITmagazin: Nachdem Sie die erste Version verworfen hatten, wie haben Sie dann so rasch wieder neu beginnen können?

Nicholls:  Ich glaube, durch Selbstdisziplin, den Wunsch, mich nicht gehen zu lassen oder mich selbst zu bemitleiden, sondern einfach weiterzumachen, meine Karriere fortzusetzen. Es war eine Art pragmatisches Selbstgespräch: Wie kann ich eine Liebesgeschichte schreiben, die nicht so ist wie die davor? Wie kann ich es schaffen, dass diese Geschichte neu ist und interessant für mich als Schreiber? Ich glaube, ganz wichtig war, dass ich die Ich-Form gewählt habe, also mit einer Stimme geschrieben habe anstatt in der dritten Person, die auf alles herabblickt. Douglas, die Hauptperson, macht viele Fehler, aber da man durch die Ich-Perspektive einen direkten Zugang zu seinen Gedanken und Gefühlen hat, machen ihn seine guten Absichten, seine unausgesprochenen Leidenschaften und Wünsche menschlich und sympathisch. Bisher mein Lieblingscharakter.

David Nicholls, 48, wuchs in Südengland auf. Bevor er zu schreiben begann, arbeitete er als Theaterschauspieler. Sein Bestseller "Zwei an einem Tag" wurde mit Anne Hathaway verfilmt. Sein aktueller Roman heißt "Drei auf Reisen" (Kein & Aber)

 Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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