Lena Meyer-Landrut Vom Lieben und Geliebtwerden

ZEITmagazin Nr. 15/2015

Vor fünf Jahren verzauberte die Sängerin Lena Meyer-Landrut Deutschland. Und heute? Von

"Ich hab’s echt überlebt", sagt die Sängerin Lena Meyer-Landrut gleich am Anfang des Gesprächs. Ihre Stimme klingt halb erleichtert und halb verwundert darüber, wie es mit ihr seit unserer letzten Begegnung weitergegangen ist. Vor fünf Jahren habe ich sie eine Zeit lang für ein Porträt begleitet und erlebt, wie Deutschland sie umschwärmt und umjubelt. Gerade mal 19 war sie damals. Hans-Dietrich Genscher wollte bei einer Preisverleihung in Hamburg ihre Hand gar nicht mehr loslassen, und in Baden-Baden bei einem Musikfestival konnte sie sich nur mithilfe von Bodyguards vor einer kreischenden Menschenmenge in einen Bus retten. "Wie wir da im Bus saßen und die Leute von außen auf die Scheiben und auf das Blech gehauen haben", erinnert sie sich, "das war heftig, das war ein Ausnahmezustand."

Fünf Jahre später, an einem Freitagvormittag, sitzt Lena Meyer-Landrut im Schneidersitz auf einer Couch in der Bar des Berliner Grand Hotel Esplanade. Sie hat ein Spezi bestellt, gestern Abend hat die Verleihung des Echos stattgefunden, des wichtigsten deutschen Musikpreises. Lena Meyer-Landrut hat eine Laudatio gehalten, "ich bin dann viel zu lange auf hohen Schuhen herumgelaufen". Deshalb hat sie auch gleich die bequemen Stiefel, die sie heute trägt, ausgezogen und ihr schwarz-weißes Batikkleid wie eine Decke über Beine und Füße gespannt.

Fünf Jahre. Sie fasst diese Zeit so zusammen: "Ein Jahr lang lief alles perfekt, dann war alles schlecht, was ich gemacht habe. Später hat es sich beruhigt, dann gab es ein Comeback. Wenn ich darüber nachdenke: Ich hätte eigentlich verrückt werden müssen."

Im Mai 2010 hat Lena Meyer-Landrut mit ihrem Lied Satellite als erster Teilnehmer aus Deutschland seit 1982 den Eurovision Song Contest, kurz ESC, gewonnen. Sie war bei der Castingshow Unser Star für Oslo entdeckt worden. Nachdem sie tatsächlich in Oslo zum Star wurde, landeten drei ihrer Songs gleichzeitig in den deutschen Top 5 – und sie selbst landete am Tag nach ihrem Sieg auf dem Flughafen ihrer Heimatstadt Hannover, vom Fernsehen live übertragen. Sie wurde vom damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff empfangen und von 40.000 Fans beklatscht. Ins Goldene Buch des Rathauses schrieb sie: "Wow! Verdammte Axt, ist das geil!"

Seit diesem Tag hat sie "Verdammte Axt" nie wieder gesagt, erzählt sie jetzt. "Ich habe das spontan reingeschrieben, das sind diese fatalen Dinge, die du nie wieder loswirst." Was geht ihr durch den Kopf, wenn sie an diese Zeit denkt? "Es kommt mir vor, als wäre das einer anderen Person passiert. Das ist so weit weg. War ja auch ganz schön absurd, was damals alles los war. Dieses ›Wir lieben Lena!‹, dieses ›Fräuleinwunder‹ und was da sonst noch alles geschrieben wurde. Alles war groß, es war die große Liebe, das große Glück. Und Deutschland durfte wieder patriotisch sein."

Das erste Jahr nach dem Sieg in Oslo hat Lena Meyer-Landrut wie einen Rausch erlebt, "ständig Trubel und Auftritte, da hatte ich überhaupt keine Zeit und keine Kraft, darüber nachzudenken, was eigentlich gerade mit mir passiert". Nach dem Sieg in Oslo zieht sie für drei Monate in ein Hotel in Köln, weil sie nicht möchte, dass "die Leute hinter mir herfahren und mein Zuhause finden. Wenn ich damals raus auf die Straße gegangen bin, war es irre."

Als der erste Wirbel vorbeigezogen ist, fängt sie an nachzudenken: "Da kommen einem natürlich auch Gedanken, die nicht nur gut sind." Sie redet jetzt über Selbstzweifel. Lange Zeit ist sie davon überzeugt, dass ihr Erfolg ausschließlich Glück war, dass sie zufällig zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort auf die richtigen Leute getroffen ist – und zufällig dem Zeitgeist entsprochen hat. "Ich habe eine Weile gebraucht, um zu denken: Es war viel Glück dabei, aber nicht nur Glück, vielleicht gab es auch noch andere Gründe, vielleicht hast du auch ..." Sie zögert. "... Talent." Damals fängt sie an, sich selbst Fragen zu stellen: "Was bedeutet dir dein Leben, was willst du damit machen? Was heißt das eigentlich, dass du in der Öffentlichkeit stehst und dass du so einem Druck ausgesetzt bist? Auch wenn die meisten Leute sagen, du hast doch gar keinen Druck. Die wissen ja nicht, welchen Druck man sich selber macht."

Mitten in dieser Phase des Nachdenkens, im Laufe des Jahres 2011, setzt das ein, was ihr von erfahrenen Kollegen vorausgesagt worden ist: der Gegenwind, der immer irgendwann kommt, wenn man sehr lange in der Öffentlichkeit steht. Er bläst heftig.

Es beginnt damit, dass sie noch einmal beim Eurovision Song Contest antritt. Ihr Förderer Stefan Raab hat sich das ausgedacht, er nennt es Titelverteidigung. "Das lief bei mir eher unter dem Motto: Ja gut, machen wir es halt. Damals war das auch stimmig für mich. Im Nachhinein würde ich vielleicht sagen, ich hätte das besser nicht noch mal gemacht." Die Zuschauer können nun ausnahmsweise nicht mehr entscheiden, wer Deutschland vertreten soll, sondern nur noch, mit welchem Lied Lena antritt. Lena gegen Lena gegen Lena. Der Spiegel spottet über den "totalitären Lenaismus".

"Plötzlich war alles falsch, ich ging allen auf die Nerven." Aus dem Mädchen der Nation wird die Zicke, der der schnelle Ruhm zu Kopf gestiegen ist.

Es folgen unglückliche Auftritte. Bei einem Live-Interview im Fernsehen weist sie den Moderator Frank Elstner mehrmals schnippisch auf kleine Fehler in seinen Fragen hin. Ein Konzert beim Reeperbahn Festival läuft so schief, dass das Hamburger Abendblatt es als "Tiefpunkt" von allen 300 Auftritten der Veranstaltung beschreibt.

Bis heute ist Lena Meyer-Landrut Frank Elstner dankbar, dass er später in Interviews nicht nachgetreten hat. "Mein Auftritt war bekloppt und unangenehm. Ich hatte Riesenglück, dass Frank Elstner so ein erfahrener und empathischer Mann ist, der das einschätzen konnte." Was konnte er einschätzen? "Ich hatte an dem Tag ungefähr 30 Interviews gegeben. Es war einfach zu viel. Ich konnte nicht mehr." In solchen Momenten, erzählt sie, "werde ich extrem sensibel und reagiere auf alles intensiver. Ich hatte das Gefühl, mein Hals schnürt sich zu, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr ..." Sie trinkt einen Schluck Spezi. "Ich war einfach unfair." Heute wisse sie, was sie in solchen Situationen braucht. "Wenn ich mich wieder so fühle, sage ich: Ich brauche jetzt fünf Minuten allein, alle bitte raus aus dem Raum. Ich lege mich auf die Couch, mache kurz die Augen zu und atme zehnmal tief durch. Dann geht’s wieder."

Beim Reeperbahn Festival in Hamburg ging es ihr auch nicht gut, etwas Privates, über das sie nicht reden möchte. "Ich hatte einen Kloß im Hals, und ich konnte ihn nicht wegdrücken." Und sie gibt zu: "Es war der erste Auftritt mit neuen Songs. Wir hätten einfach mehr proben müssen. Scheißabend."

Es ist in dieser Phase nicht nur Lena Meyer-Landrut, die sich verändert, es ist auch der Blick der Öffentlichkeit auf sie. Hat man ihr vorher ständig zugerufen, sie solle so bleiben, wie sie ist, wendet man sich nun gelangweilt ab. Als sie bei einer Echo-Verleihung ziemlich unbekümmert auftritt, auf dieselbe Art und Weise, mit der sie berühmt geworden ist, gibt es plötzlich Pfiffe und Buhrufe. "Aufhören!", ruft einer so laut, dass es auch im Fernsehen zu hören ist. "Ich hatte das auf der Bühne gar nicht mitbekommen", erinnert sie sich, "aber gleich danach hat man es mir erzählt. Ich war verwirrt. Und ich war froh, dass man mich gewarnt hatte vor diesem Moment. Ich dachte: Krass, jetzt tritt genau das ein."

Lena Meyer-Landrut hat nicht aufgegeben und weiter Musik gemacht, insgesamt drei Alben bislang. Die Bilanz lässt sich auf zwei Arten lesen: Einerseits hat sie ihren riesigen Erfolg von vor fünf Jahren nicht wiederholen können, ihre Verkaufszahlen sind stetig gesunken. Andererseits hat jedes Album Platz eins oder Platz zwei in den deutschen Charts erreicht, und stolz erzählt sie, dass auch ihr bislang letztes, Stardust, für über 200.000 verkaufte Exemplare gerade mit Platin ausgezeichnet wurde.

Mitte Mai erscheint ihr neues Album Crystal Sky. Es ist das letzte des auslaufenden Vertrags mit ihrer Plattenfirma, wie es danach weitergeht, sei noch nicht klar, sagt sie. Es ist das erste Album, bei dem sie künstlerisch völlig freie Hand hatte, ihr alter Castingshow-Vertrag ist erst vor Kurzem ausgelaufen. Crystal Sky ist elektronischer, tanzbarer Pop geworden, und Lena Meyer-Landrut beschreibt die Stimmung der Songs mit dem englischen Wort moody, was man mit "stimmungsvoll" und auch mit "launisch" oder "mürrisch" übersetzen kann. "Es klingt an manchen Stellen melancholisch, diese Seite kann ich jetzt endlich auch ausleben", sagt sie. Auf die Frage, ob das auch mit ihrem erst kürzlich ausgelaufenen Castingshow-Vertrag zu tun habe, lächelt sie nur vielsagend.

Von sich aus kommt sie nach einer Dreiviertelstunde auf ein ganz anderes Thema zu sprechen, Magersucht. "Ich hatte einmal ein kurzes, bauchfreies T-Shirt an, dann ging es los: ›Lena: magersüchtig!‹ " Sie schüttelt den Kopf. Als sie davon zum ersten Mal liest, sitzt sie zu Hause und kann es nicht glauben. "Plötzlich schreiben Journalisten: ›Ich mache mir Sorgen um Lena.‹ Was erlauben die sich, ohne mich zu kennen? Ich bin nicht magersüchtig, ich habe ein ganz normales Essverhalten. Ich wiege seit sieben Jahren das Gleiche, 52 Kilogramm, plus/minus zwei Kilo, bei einer Größe von 1,68 Meter. Ich weiß, dass ich dünn bin, aber ich war immer schon ein Spargeltarzan." Sie weiß, was es bedeutet, wenn Klatschmagazine anfangen, einem Star wie ihr Magersucht zu unterstellen: Sie ist unglücklich, sie versucht, einem Idealbild zu entsprechen, ihre Karriere läuft nicht mehr. "Dagegen hast du keine Chance."

Sie knetet jetzt ihre Hände, an ihrem rechten Ringfinger steckt ein goldener Ring mit grünem Stein. Ihre Mutter hat ihn ihr geschenkt, nachdem sie in Oslo gewonnen hatte. Seitdem trägt sie ihn. Auf dem Stein ist das Wappen ihrer Familie väterlicherseits zu sehen. Einmal, nach einem Urlaub, ist sie in der Nacht aufgewacht, der Ring war weg. Stundenlang hat sie die Wohnung auf den Kopf gestellt, ihn nicht gefunden. Später ist er aus irgendeiner Jacke gepurzelt. Man kann ihr die Erleichterung noch heute ansehen, wenn sie davon erzählt.

Ihre Familie war auch vor fünf Jahren ein Thema, ihr Großvater väterlicherseits ist der bekannte Diplomat Andreas Meyer-Landrut, ehemaliger deutscher Botschafter in Moskau. Sein Sohn, Lenas Vater, hat sich von ihrer Mutter sehr früh getrennt, Lena hat seitdem keinen Kontakt mehr zu ihm. Doch kaum war die Tochter berühmt, gab er Interviews. Später meldeten sich auch ihre Halbbrüder in der Öffentlichkeit, zu denen sie ebenfalls keinen Kontakt hat. "Was soll ich dazu sagen? Wenn ich eine Cousine hätte, die plötzlich berühmt wäre, würde es mir niemals einfallen, über sie in der Presse zu reden. Aber mein Gott, dann ist es halt so."

Zu ihrer Mutter hingegen hat sie eine sehr enge Bindung. Ihr Tattoo mit der Liedzeile Non, je ne regrette rien ist auch ein Liebesgruß an die Mutter, mit der sie immer zusammen Edith Piaf gehört hat. Vor fünf Jahren war es noch kompliziert, mit ihr über solche Themen zu reden, heute ist sie entspannter. Sie erzählt mittlerweile auch, dass sie einen Freund hat, ein Profibasketballspieler, mit dem sie in Köln zusammenlebt. "Ja, ich bin seit hundert Jahren vergeben und glücklich", sagt sie und lacht. Und fügt dann hinzu: "Er ist eine Konstante."

Die Mutter, der Freund. Es ist in den vergangenen Jahren in ihrem Leben ja sonst nicht gerade viel konstant gewesen, Erfolg und Misserfolg wechselten sich ab, auf öffentliche Liebe folgte die Häme, sie schrieb sich an der Uni für ein Studium ein, brach es wieder ab, außerdem begann sie, sich von ihrem Förderer Stefan Raab zu lösen, dazu der Managementwechsel. Und sie ist immer noch keine 24 Jahre alt.

Wie fühlt sie sich eigentlich? "Gleichzeitig jung und alt", antwortet sie. "Auf der einen Seite fühle ich mich wie eine 23-Jährige, ich sage nur: Tierbabys! Ich liebe Tierbabys! All die Klischees treffen bei mir zu: Instagram, Schminke, Shoppen mit den Freundinnen, und ja, ich liebe auch schön gemachte Nägel!" Für die Echo-Verleihung hat sie sich die Fingernägel lila mit goldenem Glitter an den Spitzen lackieren lassen. Und einmal während unseres Gesprächs besteht sie darauf, mir auf ihrem Handy ein Foto von ihrem Hund zu zeigen, einem weißen Mischling, den sie "Kiwi" nennt.

"Andererseits beschäftige ich mich mittlerweile nicht mehr nur mit den lustigen Momenten vor der Kamera, sondern auch mit den Entscheidungen dahinter. Mit Verträgen, geschäftlichen Fragen, auch mit Geld." Es gibt auch nicht viele 23-Jährige in Deutschland, denen auf Instagram über 300.000 Menschen folgen.

Am Abend der Echo-Verleihung hat sie sich mit einem Musiker unterhalten, der ihr erzählte, dass seine neue Single viel im Radio gespielt werde, sich jedoch kaum verkaufe. Das mache aber nichts, habe er ihr gesagt: Er lebe von seinen Konzerten. Für Lena Meyer-Landrut wäre das nichts. "200 Konzerte im Jahr sind keine Option für mich. Ich packe das nicht. Der emotionale Stress auf der Bühne ist mir zu groß." Aber gibt es nicht viele Musiker, die genau dafür leben, für den Live-Auftritt, für den Applaus vom Publikum? Die sich in diesen Momenten die Energie für den Rest der Zeit holen? "Ja", sagt sie. "Aber meine Droge ist das nicht. Meine Droge ist, zu Hause zu sein." So redet eine Entertainerin, die verdammt früh in ihrem Leben eine Überdosis Öffentlichkeit abbekommen hat, von der sie sich immer noch erholt.

Und dennoch zieht es sie auch immer wieder zurück ins Scheinwerferlicht. Ihre Echos, die sie in den vergangenen Jahren bekommen hat, stehen bei ihr zu Hause im Regal, und manchmal, wenn ihr Blick darauf fällt, denkt sie sich: "Das sind noch nicht alle. Die Sammlung ist noch nicht fertig."

Sie erzählt, dass sie früher, bevor sie berühmt wurde, keine große Erwartungshaltung gegenüber sich selbst gehabt habe. "Vielleicht war das eine Art Selbstschutz: Dann kann man ja auch nicht tief fallen. Aber wenn man sich ein paarmal selbst überrascht hat, dann kann man doch denken: Das schaffe ich wieder." Im nächsten Atemzug schiebt sie, um nicht missverstanden zu werden, noch zwei Sätze hinterher. "Also nicht, dass ich noch einmal beim ESC antreten werde. Das werde ich auf keinen Fall tun!" Sie verzieht ihr Gesicht, wirft die Arme in die Höhe und ruft laut "Aaah!" in die leere Hotelbar. "Ich habe meine Pflicht erfüllt! Ich habe das Ding gewonnen! Das muss reichen."

Seit unserer Begegnung vor fünf Jahren hat sie sich ein zweites Tattoo stechen lassen, auf den linken Oberarm. Einen Hirsch, "er soll mich beschützen". Und darunter ein Zitat der französischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin George Sand auf Englisch: to love and to be loved – lieben und geliebt werden. Vollständig heißt das Zitat auf Deutsch: "Es gibt nur ein Glück im Leben – lieben und geliebt werden." Ein Satz, der auch das fragile Verhältnis zwischen einem Star und seinem Publikum ziemlich treffend beschreibt.

Mehr Tattoos sind es bislang nicht geworden, "aber dabei wird es nicht bleiben". Lena Meyer-Landrut nimmt einen Schluck aus dem Spezi-Glas. Sie grinst. "Ich gehe es langsam an."

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