Pegida Busen, Bier und Islamismus

Ein paar alte Bekannte diskutieren auf Facebook über Themen aller Art: Wie aus einem Freundeskreis Pegida wurde. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2015

An jenem Montagabend im Januar dieses Jahres, an dem sich mehr als 25.000 Menschen bei Pegida versammeln, gerät Lutz Bachmann außer Kontrolle. Mit einem Mal rennt er los, von ganz hinten nach ganz vorne eilt er an seinem Demonstrationszug vorbei, wie ein Besessener stürzt er am gesamten, kilometerlangen Aufmarsch entlang, durch die halbe Dresdner Innenstadt, über Plätze und durch Gassen, über Wiesen und Straßen. Immer wieder ruft er: "Gucke ma! Wahnsinn!" – "Das glaub ich nicht!" – "Sind das alles unsre Leute?" – "Unglaublich!"

Lutz Bachmann, 42, der auf der Bühne so berechnend wirkt, so kühl, hat jetzt die Augen weit aufgerissen, er ist im Rausch. Der Mann, der angsteinflößende Reden hält, der gegen Zuwanderer und Muslime wütet, springt auf dem Höhepunkt seines Erfolgs durch die Stadt und freut sich wie ein kleiner Junge über die Größe seiner Demonstration.

Nur die Polizei kann ihn stoppen. Mehrere Beamte sind auf ihn aufmerksam geworden, sie halten Bachmann an. Wer sind Sie, fragen die Polizisten, sie stellen sich ihm in den Weg. Er antwortet, halb euphorisch, halb verzweifelt: "Ich bin hier der Chef! Das ist meine Veranstaltung." Dann erst lassen sie ihn passieren.

Einerseits könnte man da denken: Wie absurd, dass dieser Lutz Bachmann, den in Dresden inzwischen fast jedes Kind kennt, ausgerechnet auf seiner eigenen Demo nicht erkannt wird! Andererseits gehört zur Wahrheit, dass es ja fast niemanden gibt, der über ihn, den Anführer von Pegida, tatsächlich besonders viel wüsste. Man weiß inzwischen, wie Lutz Bachmann aussieht, man kennt seinen leicht ergrauten Bart und seinen Seitenscheitel; und man hat das Foto in Erinnerung, auf dem er sich im Hitler-Look präsentierte. Aber im Grunde ist Bachmann bis heute ein Phantom geblieben. So, wie auch die anderen Organisatoren, seine Mitstreiter, diese Leute aus der Türsteher- und Diskothekenszene, bis heute Phantome geblieben sind. Erst jetzt, da sich Stadt und Republik allmählich vom Pegida-Schock erholen, wird sichtbar, wer die Menschen waren, die hinter den "Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes" standen.

Einen Satz sagte Bachmann selbst über das "Orga-Team" von Pegida, in einem seiner seltenen Auftritte vor der Kamera: "90 Prozent sind wirklich engster Freundeskreis."

Pegida erregte so viel Aufsehen, dass die New York Times und Al-Dschasira Korrespondententeams nach Dresden schickten. Die Demonstrationen hielten Journalisten und Politiker in Atem und lösten eine neue Einwanderungsdebatte aus. Eine Bewegung aus Türstehern und Hausmeistern prägte über Wochen den Diskurs der Republik. Die Frage ist: Wie konnte der Freundeskreis um Lutz Bachmann eine Organisation schaffen, die sogar in der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin Thema wurde?

Vielleicht kann man erst jetzt, mit einigem Abstand, eine Antwort finden. Weil jene Minuten, in denen Lutz Bachmann euphorisiert durch Dresden lief, zugleich den Höhepunkt von Pegida markierten. Kein zweites Mal kamen 25.000 Menschen. Stattdessen zerbrach das Organisationsteam, nachdem bekannt geworden war, dass Bachmann auf Facebook Migranten als "Dreckspack", "Gelumpe" und "Viehzeug" bezeichnet hatte, und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm wegen Verdachts auf Volksverhetzung. Bachmann mag immer noch Großes vorhaben, so plante er eine Veranstaltung am Dresdner Stadtrand mit Geert Wilders, dem Rechtspopulisten und Islamgegner aus den Niederlanden, als Starredner. Wirklich erfolgreich aber war Pegida, die Bewegung eines Freundeskreises, nur, solange die Freunde Freunde blieben. Und was eine verschworene Gemeinschaft zusammenhielt, wird oft erst erkennbar, wenn sie zerfällt.

Verschlossen in der Öffentlichkeit, exhibitionistisch im Internet

Man würde gern mit Bachmann darüber sprechen, aber er legt gleich wieder auf, wenn man ihn anruft, er verweigert das Gespräch, trotz Dutzender Versuche. Auch die meisten seiner Freunde wollen nicht reden. Pegida, muss man wissen, bezog viel von seiner Kraft aus dem Schweigen. Die Wut auf das Establishment, der Zorn auf "Lügenpresse" und "Politikerkaste" äußerten sich ja gerade darin, dass man allen die kalte Schulter zeigte. So blieb Pegida unnahbar. Die Einzige, die überhaupt sprach, war Kathrin Oertel, deren Gesicht sich den Deutschen als Gesicht von Pegida einprägte, als sie in der Talkshow von Günther Jauch auftrat. Und die nun zu denjenigen gehört, die sich von Bachmann abgewandt haben. Ein Anruf bei ihr, vielleicht erklärt sie uns, was passiert ist? Sie müsse darüber nachdenken, sagt Oertel.

Es gibt zum Glück noch einen anderen Weg, Bachmann und seine Unterstützer kennenzulernen, einen Einblick in ihre Freundschaft zu bekommen. Denn so verschlossen sich die Pegidisten in der Öffentlichkeit geben, so exhibitionistisch waren sie früher, bevor ihre Bewegung zum Erfolg wurde, im Internet.

Ende des Jahres 2013 war Lutz Bachmann auf Facebook romantisch zumute. Auf die Pinnwand von Vicky, seiner Partnerin, schrieb er für jeden sichtbar: "Mein Mäusezähnchen, hab Dich lieb!" Und wenig später: "Ich bau dir nen kleinen privatdschungel schatz und schwinge mich im Lendenschurz von liane zu liane für dich." Es gibt auch Fotos, die zeigen, wie Bachmann die Wendeltreppe der gemeinsamen Wohnung mit "I love you"- Schildchen gepflastert hat: Der Lutz Bachmann auf der Bühne polterte wie ein Bär. Der Lutz Bachmann auf Facebook schmuste wie ein Teddy.

Die Facebook-Seiten von Bachmann und seinen Freunden taugen für ein Sittengemälde des deutschen Prolls. Man sieht Bachmann dort auf Partys, mit glasigem Blick, auf den Kopf hat er sich einen Pümpel gesetzt, eine Saugglocke, mit der man eigentlich verstopfte Klos wieder freibekommt. Man kann nachlesen, dass die Bachmanns sich bei der Facebook-Aktion "Deutschlands schönste Paare" bewarben und dass sie ihre Wohnung die "Königliche Residenz Derer Von Und Zu Bachmann" nannten. Auch ihre Hochzeit präsentierten Vicky und Lutz komplett im Internet: ein Fest mit Pomp und Pumps. Weißes Kleid, weiße Blumen, weißer Schirm, weiße Krawatte, weißes Hemd. Viele von denen, die später zu Pegida-Anführern wurden, waren nicht nur bei Hochzeit oder Polterabend anwesend, sondern kommentierten auch fleißig mit, wenn die Bachmanns aus ihrem Leben berichteten. Das taten sie, über Jahre, für alle einsehbar. Wer sich heute noch einmal durch ihre Profile klickt, der stellt fest: Pegida, ein Phänomen, das die Republik über Monate in seinem Bann hielt, hat seine Wurzeln im Allerbanalsten.

Siegfried Däbritz, ein Waffennarr aus Meißen, setzte sich mit Lutz Bachmann zusammen Pümpel auf den Kopf – Ewigkeiten vor Pegida.

Achim Exner, früher Sicherheitschef von Dynamo Dresden, lobte Vicky Bachmann, wenn sie Selfies mit Schmollmund und schwarz lackierten Nägeln postete.

Tom Balazs aus Dresden ließ sich mit Bachmann und Frauen auf Partys fotografieren – als nicht daran zu denken war, dass der mal einer der Erfinder von Pegida werden könnte.

René Jahn, Hausmeister, erklärte, Monate ehe er Pegida-Vizechef wurde, unter einem Foto von Lutz Bachmann und seiner Liebsten: "Ihr seht geilo aus."

Und Frank Ingo Friedemann, Pegida-Planer der ersten Stunde, diskutierte mit Vicky Bachmann, ob man einen Pümpel auch als "Büstenheber" verwenden könnte.

Von dem Dutzend Pegida-Organisatoren gehörten die meisten schon ewig zu den Bekannten oder Freunden von Bachmann. Sie diskutierten mit, wenn Bachmann auf Facebook erklärte, eine "gefährliche Männergrippe" fessle ihn ans Bett. Oder wenn er das Dekolleté seiner Ehefrau fotografierte und fragte, ob es symmetrisch sei. Die Bachmanns und ihre Freunde auf Facebook, das waren Zeigefreude und Geltungsdrang. Immer wieder schrieben sie über ihre Liebe zum Reality-TV, und für den Betrachter sieht es aus, als hätten sie die Sendungen einfach nachgespielt. Für ihre Freunde gaben Lutz und Vicky Bachmann so etwas wie die ostdeutschen Geissens, ein Glamour-Couple, Tarzan und Jane aus 01723 Kesselsdorf bei Dresden. Und die Freunde feuerten sie dabei an.

Aber es waren Zufälle, die dazu führten, dass diese Clique, die sich für Busen und Bier interessierte, politisch aktiv wurde. Und auch dabei spielte Facebook eine Rolle.

Die Ideengeber waren vier oder fünf Leute

In einem Video-Interview mit der pegidafreundlichen, stramm konservativen Wochenzeitung Junge Freiheit hat Lutz Bachmann über die Anfänge von Pegida gesprochen. Es seien die "schrecklichen Ereignisse von Celle und Hamburg" gewesen, die ihn endgültig politisiert hätten, sagte er da. Im Herbst 2014 hatten sich dort Kurden und Salafisten Straßenschlachten geliefert. Wenige Tage danach, so Bachmann, sei er in Dresden "auf eine Demonstration aufmerksam geworden", mitten in der Fußgängerzone hätten 2.000 Menschen für Waffenlieferungen an die kurdische Untergrundorganisation PKK demonstriert. Bachmann stellte ein Video der Kundgebung ins Internet, unter der Überschrift: "Kurden Demo Dresden". Plötzlich diskutierten die Freunde, bei denen es vorher um Alkohol und Frauen gegangen war, über Stellvertreterkriege und Islamisten, Überfremdung und kriminelle Asylbewerber. Es schien, als hätten sich die Ressentiments, die sich bei Bachmann bis dahin vor allem darin äußerten, dass er den Bundestrainer als "Schwuppenjogi" oder schwarze Frauen als "Nescherin" bezeichnete, nun in seinem Freundeskreis zu einer Wut entwickelt, die Bachmann nur noch nicht kanalisieren konnte. "Zeigt doch mal Präsenz!", habe dann jemand auf Facebook gefordert, so sagt es Bachmann der Jungen Freiheit. Das war wohl die Initialzündung.

Die Ideengeber waren offenbar vier oder fünf Leute. So wohl der bereits erwähnte Frank Ingo Friedemann, ein Unternehmer, der 2014 in Dresden ausgerechnet mit einem türkischen Dampfbad namens "Der kleine Muck" pleiteging. Er kennt Bachmann seit Jahren. Kathrin Oertel brüstet sich damit, von Anfang an involviert gewesen zu sein, ebenso Tom Balazs, der sich öffentlich eher zurückhaltend gibt. Siegfried Däbritz kam offenbar wenig später hinzu. Der eine, Balazs, ist Dynamo-Fan, zeigt auf Facebook offen seine Sympathie für Dynamo-Ultra-Gruppen und Partys aller Art. Der andere, Däbritz, Security-Unternehmer und Pensionsbetreiber aus Meißen, präsentiert sich bei Schießübungen und spielt in der Footballmannschaft "Suburbian Foxes". Däbritz war Gast bei der Hochzeit der Bachmanns, er ist auch auf unzähligen Fotos in den Facebook-Alben des Paares zu sehen. Ein stämmiger Mann mit Kinnbart und Glatze, der gern ein T-Shirt trägt, auf dem das Wort "Gutmensch" rot durchgestrichen ist. Anlässlich der Hochzeit der Bachmanns regte er eine "Heißwachs-Arschritzen-Enthaarung für Lutz" an und kümmerte sich offenbar um kreative Ideen für den Polterabend. Auch er lehnt alle Interviewanfragen ab.

In einem griechischen Lokal in Dresden-Cotta sollen die Freunde anfangs Pläne geschmiedet haben. "Wir wollen gemeinsam auf die Straße gehen um gegen die Glaubens- & Stellvertreterkriege zu demonstrieren, die Zug um Zug auf unseren friedlichen deutschen Boden gebracht werden", schrieb die Truppe im Oktober 2014 dann in einem Demo-Aufruf, der bis heute online steht. Der Marsch fand am 20. Oktober statt, einem Montag. Es gab gut 150 Facebook-Zusagen, am Ende seien mehr als doppelt so viele Leute gekommen, behauptet Bachmann. Überprüfen lässt sich das nicht mehr. Aber der Anfang war gemacht, die erste Demo über die Bühne gegangen. Fortan wuchs die Bewegung, die sich nicht nur in der Wahl des Demo-Tages der Symbolik von 1989 bediente, Woche für Woche. Und sie wurde auch zum viralen Phänomen: Hunderttausende folgten im Laufe der Zeit der Pegida-Facebook-Seite.

Einer seiner Lieblingsfilme sei Die Welle, hat Lutz Bachmann mal auf Facebook verraten: jener Film, in dem ein Lehrer seine Klasse zu einer totalitär geführten Gemeinschaft formt. An der Geschichte kann man sich abschauen, wie man aus einer Stimmung ohne höhere politische Idee eine Bewegung zimmert. Die meisten dieser Bewegungen scheitern jedoch daran, dass sie die kritische Masse nicht erreichen, sie die ersten 1.000, 2.000 Leute nicht auf die Straße bekommen, die nötig sind, damit ein Protest zum Selbstläufer wird. Pegida gelang es, diese Hürde zu nehmen – wohl auch, weil die Organisatoren wertvolle Kontakte hatten: Tom Balazs hatte Drähte in die Fanszene von Dynamo Dresden, Siegfried Däbritz zu Footballfans und ins Security-Milieu, Achim Exner kannte die Türsteher der halben Stadt, Lutz Bachmann ihre Partymacher. In solchen Gruppen rekrutierte Pegida anfangs besonders erfolgreich Demonstranten. Die "normalen Bürger" waren ja nicht von Beginn an dabei. Sie schlossen sich erst an, als Pegida schon eine stattliche Größe erreicht hatte.

Früher war Bachmann der "Panzerknacker von Dresden"

Vielleicht, sagte Vicky Bachmann einmal am Rande einer Demo über ihren Mann, vielleicht konnte nur jemand mit einer bewegten Lebensgeschichte wie ihr Lutz solch eine Bewegung ins Leben rufen.

In Kesselsdorf, einem Vorort von Dresden, wohnen die Bachmanns in einem der vielen Neunziger-Jahre-Mehrfamilienhäuser, hellblau gestrichen. Vor dem Haus steht Bachmanns Würstchenanhänger, bedruckt mit "Das Original – Sächsische Rostbratwurst", und dem Preis: 2,50 Euro, inklusive Brötchen. Bachmanns Vater ist Fleischermeister. Die Bratwurst, hergestellt nach Familienrezept, fertigen die Bachmanns bis heute. Lutz Bachmann soll vor Kurzem noch selbst mit dem Würstchenwagen die frisch Gegrillten unters Volk gebracht haben. Vielleicht tut er es auch heute noch, er verrät es nicht.

Nach dem Abi hatte Lutz Bachmann Koch gelernt, dann Anfang der neunziger Jahre eine Werbeagentur gegründet. Aber er geriet rasch auf die schiefe Bahn: Mit Anfang 20 begann er eine Serie von Einbrüchen, Körperverletzungen, Diebstählen. Schon damals schaffte er es in die Bild-Zeitung: als "Panzerknacker aus Dresden". 1998 wurde er zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Er setzte sich nach Südafrika ab. Erst als ihm dort die Abschiebung drohte, habe er sich gestellt, gibt Bachmann zu . 2001 kam er ins Gefängnis, nach 14 Monaten war er auf Bewährung frei. 2009 wurde er mit Drogen erwischt, Kokain, er erhielt eine Bewährungsstrafe. Und weil er den Unterhalt für seinen Sohn aus einer früheren Beziehung schuldig geblieben sein soll, muss er sich bis heute mit der Justiz auseinandersetzen. Der Sohn immerhin scheint keinen Groll zu hegen, bei mindestens einer Pegida-Demo war er als Ordner aktiv. Auch Bachmanns Vater sah man schon in der ersten Reihe, er hielt das große Pegida-Banner bei der Kundgebung. Vicky mischt ja ohnehin mit. Pegida ist auch ein Familienbetrieb.

Das Protestgeschäft konnte Bachmann schon vor Pegida im ganz Kleinen einüben. Damals, vor gut drei Jahren, geht es noch nicht um den Islam, sondern um die Wurst: 2011 macht die Dresdner Morgenpost mit Bachmann als Cover-Model auf: Skandal zur Striezelmarkt-Eröffnung – Rathaus verjagt Traditionswurst!, titelt das Blatt. Hundert Jahre lang sei die "Rostbräterei der Familie Bachmann gut genug für den Striezelmarkt" gewesen, jetzt verweigere die Stadtverwaltung ihr den Standplatz. Bachmann, damals noch ohne Bart, mit strubbeliger Gelfrisur statt Scheitel, jammert: Man sei doch der "beliebteste Bratwurststand auf dem Markt" gewesen. Im Zeitungsartikel kündigt er Aktionsformen an, die später auch Pegida erfolgreich machen: Er werde "mit einem Schild" auf dem Markt protestieren, außerdem eine Facebook-Gruppe gründen. Die Facebook-Gruppe "Sächsische Bratwürste auf den Striezelmarkt! – FLASHMOB FÜR DIE BRATWURST!!!!" gewinnt tatsächlich Hunderte Mitglieder. Auch einige spätere Pegida-Organisatoren waren dabei, so Siegfried Däbritz oder auch Jörg Hoyer, der später als Sprecher des Leipziger Pegida-Ablegers "Legida" Schlagzeilen machte. Hoyer sagt, eine bessere Bratwurst als die der Bachmanns habe er noch nicht gegessen.

Die Wurst durfte Bachmann dennoch nie wieder auf dem Striezelmarkt verkaufen. Er konzentrierte sich dann offenbar auf das PR-Geschäft. Bei den Werbefirmen von ihm und seiner Frau, Hotpepperpix und DD-Werbung, kann man Schilder, Banner, Logos bestellen. Einer Bordellkette hat Bachmann die Reklame für ihre "Abfuck-Prämie" entworfen: "1. Zu uns kommen – 2. Dich verwöhnen lassen – 3. Den Cashbonus kassieren". Er hat Logos und Schilder für Friseursalons, Imbisse und Puffs gestaltet. Bis heute gibt es Ex-Geschäftspartner im Rotlichtmilieu, die anrufende Journalisten bitten, dem Herrn Bachmann schöne Grüße auszurichten: Der könne sich gerne noch "eine Schelle abholen". Einer sagt: "Der ist ein notorischer Lügner." Wenn man nachfragt, was damit gemeint sei, sind die Gespräche schnell beendet.

Auch für Dresdens Rotlicht-König arbeitete Bachmann: Wolfgang "Wolle" Förster. Förster betreibt Dresdens bekanntestes Striplokal Klax, außerdem wie Bachmann eine PR-Firma. Eine Zeit lang müssen Bachmann und Förster Geschäftspartner gewesen sein, noch bis vor wenigen Wochen lief die Website von Bachmanns Agentur auf Försters Namen – was der sich, sagt er, nicht erklären könne: "Wir gehen seit fünf Jahren getrennte Wege."

Die Eiskönigin Oertel ist plötzlich freundlich

So wie inzwischen Bachmann und viele Pegida-Organisatoren der ersten Stunde getrennte Wege gehen. Ende Januar verließ Kathrin Oertel im Streit mit Bachmann um dessen rassistische Entgleisungen das Orga-Team, es schlossen sich ihr an: René Jahn und Achim Exner, zwei Bachmann-Freunde seit Jahrzehnten. Der Hamam-Betreiber und Bachmann-Kumpel Frank Ingo Friedemann. Der Unternehmensberater Bernd-Volker Lincke. Und Thomas Tallacker, ein Raumausstatter aus Meißen. Bis auf Tallacker sind alle alte Bachmann-Spezis gewesen, Anfang Februar gründeten sie eine Pegida-Konkurrenzorganisation, "DDfE – Direkte Demokratie für Europa".

Vielleicht spricht Frau Oertel jetzt, endlich, mit uns?

Wieder ein Anruf, und diesmal sagt sie zu: Man möge in ein Museumsrestaurant namens "1900" kommen, direkt an der Frauenkirche. Im Lokal winkt Oertel schon von Weitem. Sie hat Achim Exner mitgebracht.

Bei Günther Jauch erlebte man die 37-jährige Oertel als eine Art Eiskönigin, als unterkühlt sächselnde Populistin, die sehr davon überzeugt war, dass "das Volk" aus ihr spreche. Sie, die man als steife, aber demagogische Rednerin kennt, als Hetzerin gegen die "Politikerkaste" und die "vererbte Krankheit der Regierenden", die das Volk verachteten: Sie ist hier, im Lokal "1900", locker, herzlich, lacht überdreht, scherzt mit Exner. Man wundert sich über die Freundlichkeit, mit der die beiden hier auftreten, aber vielleicht ist auch das einfach kalkuliert: DDfE ist ja nicht viel weniger rechtspopulistisch als Pegida, nur höflicher.

Oertel warnt nach wie vor vor einer Islamisierung, hegt diffuse Vorurteile Migranten, Politik und Presse gegenüber. Sie sagt noch immer, das System sei kaputt, eine Revolution nötig. Aber sie sagt es nicht mehr so zornig. Vielleicht war sie es müde, wie eine Aussätzige behandelt zu werden. Vielleicht sehnt sie sich nach Anerkennung.

Oertel trägt ein enges Lederkleid mit Nieten und eine Maske aus Make-up. Sie als sächselnde Mischung aus Marine Le Pen und Daniela Katzenberger – das gehört jetzt wohl zur Protest-Ikonografie der Republik. Sie kenne Bachmann ewig, erzählt Oertel. Sie sind beide in Coswig zur Schule gegangen, 20 Kilometer elbabwärts. "Mit Anfang oder Mitte 20 waren wir eng befreundet. Das waren schöne Jahre", sagt sie. Man habe dann lange weniger Kontakt gehabt. "Wir riefen uns vielleicht mal zu den Geburtstagen an. Wir führten beide unsere Leben. Ich bekam Kinder. Über Pegida wurde unser Kontakt wieder intensiver."

Oertel lebt noch immer in einem Dorf nahe Coswig im Haus ihrer Eltern. Sie ist geschieden, hat drei Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren. Ein echtes Berufsleben hat sich für sie offenbar nie ergeben. Sie habe sich im vergangenen Jahr zur Immobiliensachverständigen ausbilden lassen, sagt sie. Dann sei Pegida dazwischengekommen. Für einen Job bleibe nun keine Zeit mehr.

Wovon lebt sie? Vom Ersparten, sagt Oertel. Ihr Vater hält technische Patente, soll Zeitungsberichten zufolge Vorstand einer Schweizer Aktiengesellschaft sein, die auf Wasserreinigung spezialisiert ist. Oertel bleibt bei der Beschreibung ihrer Laufbahn eher vage. "Ich habe viele Schulen besucht in meinem Leben", sagt sie. "Ich habe manches angefangen. Ich habe dadurch viel gesehen." Eine Zeit lang hat sie Wirtschaftsingenieurwesen studiert. In Dresden erzählt man sich auch, sie habe in einer Bierstube gekellnert. Aber da sei nichts dran, sagt Oertel. An wilde Gerüchte habe sie sich sowieso gewöhnt. "Bei uns in Coswig sind mal Journalisten herumgelaufen und haben gefragt, ob ich Stripperin gewesen sei, Wahnsinn", sagt Oertel. "Ich habe nie an irgendeiner Stange getanzt. Aber man sucht sich halt seine Story."

Zu Oertels Story gehört, dass ihr Exmann, wie sie bestätigt, ausgerechnet als Ermittler im Bereich Islamismus arbeitet. Zu Hause war der Islam wohl schon vor Jahren Thema. Politisierung am Küchentisch. Sie habe den Koran gelesen, sagt Oertel, den sie an sich nicht problematisch finde. Nur was in seinem Namen mitunter geschehe.

Nach den Terroranschlägen von Paris, als die Stimmung sich auch bei Pegida aufheizte, als die Polizei von diffusen Bedrohungen gegen die Organisatoren sprach und Oertel dann im Fernsehen aufgetreten war, da wurde Achim Exner Oertels persönlicher Leibwächter. Er ist 56, muskelbepackt, durchaus charismatisch. Man sah ihn bei ihren öffentlichen Auftritten im Hintergrund stehen, mit verschränkten Armen. Er sei ein Mann der zweiten Reihe, sagt er, ein Stratege. Als es um die Frage ging, ob Kathrin Oertel bei Günther Jauch auftreten sollte, war es Exner, der ihr dazu riet und die Verhandlungen führte.

Exner und Oertel sind sich erst durch Pegida begegnet, Bachmann hat sie zusammengeführt. Er kenne Bachmann seit 20 Jahren, "aus unseren wilderen Zeiten", man zog zusammen durch die Diskotheken der Stadt. Exner ist der einzige Pegidist mit politischer Vorerfahrung; er sitzt im Vorstand der Dresdner AfD. Der Kontakt zwischen einzelnen Köpfen der Partei und den Pegida-Organisatoren lief unter anderem über ihn. Er war angeblich derjenige, der die Sicherheitskonzepte der Demos maßgeblich ausarbeitete. Oertel und Exner gehörten zu den zentralen Leuten von Pegida.

Auch Exner hat eine pralle Vita: In den Neunzigern sei er für anderthalb Jahre Sicherheitschef des Berliner Hotels Adlon gewesen, behauptet er – wenngleich man sich im Adlon daran nicht erinnern kann oder will. Nachweislich hat Exner aber für Luxushotels in Dresden gearbeitet. Er habe auch, sagt er, Aufträge in Israel gehabt und Manager in Bayern geschützt. Dort sei er der CSU beigetreten, zehn Jahre Mitglied gewesen. Über die weniger ruhmreichen Kapitel spricht er nicht. Als Sicherheitschef von Dynamo Dresden wurde ihm 2006 gekündigt, weil er die Fan-Krawalle nicht in den Griff bekam. Im Kündigungsschreiben an Exner beklagt die damalige Dynamo-Geschäftsführung "massive Sicherheitsprobleme".

Leben, geprägt von Niederlage und Frustrationen

Die Sächsische Zeitung enthüllte, dass Exner im Internet mit der radikal rechten Bewegung der "Identitären" sympathisierte; von Bachmann ließ er sich unter einem Foto bei Facebook markieren, auf dem ein Anhänger des Ku-Klux-Klans zu sehen war. Man las auch, dass zwischenzeitlich ein Insolvenzverfahren über Exners Vermögen eröffnet worden sei, er sich unter anderem mit einem Großauftrag im Rahmen der Fußball-EM in Österreich 2008 verhoben habe.

Überhaupt lässt sich beim Studium der Lebensläufe all der Oberpegidisten feststellen, dass sich Niederlagen und Frustrationen durch ihr Leben ziehen: Einige hatten Geldprobleme, andere haben gebrochene Erwerbsbiografien, stammen aus schwierigen Verhältnissen, waren kriminell – und Lutz Bachmann vereint gleich alles davon in sich. Nicht zufällig traf sich in diesem Orga-Team großteils die Generation derjenigen, die zum Mauerfall gerade mit der Schule fertig wurden und nun allein vor den Herausforderungen der neuen Zeit standen. In deren Leben plötzlich nichts mehr so lief, wie sie sich das vorgestellt hatten. Sie wäre gerne zur FDJ gegangen, sagt Kathrin Oertel, das Ende der DDR verhinderte das. Sie kam über die Jungen Pioniere nicht hinaus.

Das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, zu lange ein Leben ohne gesellschaftliche Anerkennung geführt zu haben, teilen offensichtlich die meisten der Pegida-Erfinder, viele jammern im Gespräch darüber, zu kurz gekommen zu sein. Für Leute wie Bachmann bedeutet Pegida Bestätigung, Bewunderung, Wertschätzung, wie er sie vermutlich nie zuvor in seinem Leben erfahren hat.

Warum sind sie, Oertel und Exner, ausgestiegen bei Pegida?

Anfangs habe Pegida so gut funktioniert, weil das Team aus zwölf Leuten perfekt harmoniert habe, sagen die beiden. Jeder habe seine Aufgaben gehabt, sich aufgeopfert. Aber dass Lutz Bachmann allein im Vordergrund stand, dürfte Oertel schon damals gewurmt haben. "Allmählich", sagt Oertel, "merkten wir, dass Pegida mehr und mehr Leuten eine Plattform gab, denen wir keine Plattform geben wollten. Extremisten zum Beispiel." Wurde Pegida ihr zu radikal? Ja, sagt sie. Sie sehe nicht ein, "dass ich mich für Äußerungen von Mitgliedern des Orga-Teams rechtfertigen muss, hinter denen ich überhaupt nicht stehe". Das zielt auf Bachmanns Facebook-Hetze gegen Ausländer. "Zumal diese Äußerungen die Menschen auf der Straße in Misskredit gebracht haben." Sie drängte Bachmann zum Rückzug, als diese Entgleisungen ruchbar wurden. Bachmann willigte anfangs auch ein, dann war sein Ego dafür doch zu groß. Er wollte Pegidas Leitfigur bleiben.

Es sei deshalb eine Vernunftfrage gewesen, aufzuhören, etwas Neues aufzumachen, erklärt Exner. Und der Druck von außen sei heftig gewesen. "Man kommt nachts noch zwei, drei Stunden zur Ruhe", sagt Oertel. "Man arbeitet rund um die Uhr an dieser einen Sache." Exner sagt: Bis zu 25.000 Menschen, die im Dunkeln spazieren, das habe teilweise Riesenängste in ihm ausgelöst. "Das können Sie kaum noch überblicken. Sonntagnachts habe ich nicht geschlafen am Ende. Ich lag wach und grübelte, was noch alles passieren könnte. So etwas kannst du nur machen, wenn du zu hundert Prozent hinter dem Ziel stehst."

Das sei immer weniger der Fall gewesen. Am Ende seien durch die "Personalie Lutz" viele Türen verschlossen gewesen, so Exner. "Leute erklärten uns: Wir würden mit euch reden, aber nicht, wenn Bachmann dabei ist. Wir aber wollten reden. Mit der Politik und mit den Medien. Man kann nicht spazieren gehen bis zum Umfallen, man muss irgendwann etwas daraus entwickeln."

Was macht es mit einem Freundeskreis, wenn man erst die Republik erschüttert – und dann alles im inneren Streit endet? Er zerbricht.

Wie geht es Ihnen, Frau Oertel, Herr Exner, wenn Sie daran denken? Exner lässt die Schultern hängen. "Das Leben ist Veränderung", sagt er dann. Oertel schweigt. Man wirft, als Reporter, den Gedanken ein: Bachmann muss sich vorkommen wie ein gehörnter Angebeteter! Bringt zwei Menschen zusammen und muss dann mitansehen, wie sie ihn zusammen verlassen. Da bläst Exner Luft aus seinem Mund, und Oertel grinst.

"Ich dachte, wir alle könnten das Privatleben von der professionellen Ebene trennen", sagt sie. "Ich kann das. Ich kann in der Sache streiten und danach trotzdem zusammen etwas trinken gehen. Ich hätte mir gewünscht, dass Herr Bachmann das ebenfalls hinbekommt."

Sie sagt wirklich "Herr Bachmann".

Was tut man als Pegida-Organisator, wenn man ausgestiegen ist und die eigene Bewegung "Direkte Demokratie für Europa" kaum Menschen anzieht? Wenn nichts zurückbleibt als das eigene Image als Rechtspopulistin und Islamfeindin?

Sie habe immer gesagt, erklärt Oertel: Wenn es mit Pegida vorbei sei, man seinen Ruf verspielt und die ganze Sache sich erledigt habe, "dann kannste eigentlich nur noch nach Sibirien ziehen, wo dich keiner kennt".

Später ruft Oertel noch mal an: Sie wolle, erklärt sie, das, was sie im "1900" gesagt habe, nicht in der Zeitung lesen, man müsse sich ein zweites Mal unterhalten. Dazu lädt sie an den Leipziger Flughafen, was das Ganze irgendwie konspirativ wirken lässt. Dort sitzt Oertel an einem Bistrotisch im Wartebereich, sie trägt ein Kleid in Leopardenmuster und trinkt Glühwein. Neben ihr sitzt ein Mann, der sich nicht namentlich vorstellen will. Nach dreistündiger Debatte gibt Oertel ihre Zitate dann für den Abdruck frei. Ein absurder Termin. In den Tagen danach geraten auch Oertel und Exner in Streit, und Oertel verlässt DDfE.

Und Lutz Bachmann, wie sieht er all das? Noch ein Versuch, mit ihm zu sprechen, ein Anruf auf seinem Handy. Herr Bachmann, auch Kathrin Oertel hat mit uns geredet! Erzählen Sie Ihre Geschichte!

Da faucht er ins Telefon: "Die werden Sie irgendwann in meinem Buch lesen können." Er will eines schreiben? "Mit Sicherheit", sagt er, "darauf können Sie sich verlassen." Dann legt er auf.


Der Text erschien mit minimalen Änderungen im ZEITmagazin Nr. 15 

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ach, die Bachmanns und Freunde. Auch keine vernunftbegabten Bildungsbürger. Offenbar scheint sich die Geschichte zu wiederholen, aber wurden wir nicht in der Schule genau davor mehrmals gewarnt? 25.000 gingen einem Rattenfänger auf den Leim, "nur", kann man dankenswerterweise wohl sagen. Ob sich jetzt wohl eine(r) dieser 25.000 Menschen schämt, welcher kleinbürgerlichen, mit Ressentiments durchtränkten Piefigkeit er aufgesessen ist, wo er seine und sie ihre Vernunft in diesem Moment gelassen hat? Oder bleibt der den Kleidern entzauberte Nachkriegsgröfaz, gröfaz, weil es ja die "Lügenpresse" ist, die schreit: Er trägt ja keine Kleider?

Wow, was für ein Sittengemälde!

Es muss ja auch Türsteher geben, keine Frage, und auch Hausmeister ist an sich ein ehrenwerter Beruf. Insofern lesen sich diese verschiedenen Lebensläufe des Ehepaars Bachmann und der Pegidagründer doch eher so, dass da Menschen immer wieder Scheitern an den Herausforderungen eines bürgerlichen Lebens. Vorstrafen können da schon mal vorkommen. Das alles ist nicht schön, aber auch nicht so ungewöhnlich oder gar verwerflich. Unangehm wird es, wenn solche Menschen die Öffentlichkeit suchen. Mich wundert es, dass da so viele Leute hinthergelaufen sind. So viele Trottel kann es in Sachsen eigentlich gar nicht geben. Es geht hier wohl eher um ein Phänomen der Massenpsychologie oder, wie Freud es sagen würde, um den Wunsch der Menge nach einem Führer.